Jubiläumstagung der GKJF

Von Anna Stemmann

Die Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung (GKJF) veranstaltete in diesem Jahr vom 25.-27.5.2017 ihre 30. Jahrestagung. Dieses runde Jubiläum wurde zum Anlass genommen, um nicht nur zurück auf die eigene Geschichte zu schauen, sondern insbesondere auch um gegenwärtige theoretische Entwicklungen im Feld der KJL-Forschung zu beleuchten, zu reflektieren sowie Um- und Ausblicke auf kommende Tendenzen zu werfen. Der Titel der Tagung ‚An Schnittstellen. Aktuelle Positionen und Perspektiven der Kinder- und Jugendmedienforschung‘ stellte diesen ambitionierten Ansatz deutlich heraus und das Programm versammelte entsprechend vielfältige Zugriffe auf unterschiedliche theoretische Positionen. Ergänzt wurde das theorie-reflexiv ausgerichtete Programm durch einen abendlichen Festvortrag von Andrea Weinmann, die die bewegte Geschichte der GKJF seit ihrer Gründung aufgearbeitet hat und so wissenschaftsgeschichtlich interessante Einblicke in die Entstehung der deutschen Forschungsgesellschaft geben konnte. Flankiert wurde ihr Beitrag durch Grußadressen von Sarolta Lipóczi, für die ungarische KJL-Forschung, sowie Susanne Blumesberger, als erste Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für KJL-Forschung.

Am zweiten Abend gab es außerdem eine Lesung der Autorin Que Du Luu mit Werkstattgespräch unter der Leitung von Caroline Roeder, sodass sich die theoretischen Reflexionen ebenfalls mit Einblicken aus der Praxis alternierten.

(Fremd)Bilder und Materialitäten

Dass in diesem Jahr großer Wert auf Vernetzungen und Kooperationen, nicht nur mit Nachbardisziplinen, sondern auch mit benachbarten Forschern aus anderen Ländern gelegt wurde, bereicherte das Programm sehr. Den entsprechenden Auftakt gestaltete Lies Wesseling (Maastricht), die sich mit imagologischen Konstruktionen und deren Relevanz für die KJL-Forschung auseinandersetzte. Sie verwies auf das besondere Potenzial von postkolonialen Diskursen, die das Konzept der Imagologie entscheidend erweitern könnten, um methodische Nationalismen zu reduzieren. Und umgekehrt ebenso, wie die Imagologie die Postcolonial Studies ergänzen kann.

Monika Schmitz-Emans (Bochum) widmete sich der Materialität von Büchern. Sie analysierte verschiedene Spielarten performativer Texte, die den Leser nicht nur zum Lesen ermuntern, sondern zur aktiven Auseinandersetzung mit dem Medium Buch herausfordern. Bewusst sollen dabei Grenzen überschritten und Spuren in das Buch eingeschrieben werden. Dabei schlug sie einen Bogen von kunsthistorischen Verfahren der Avantgarde des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart und arbeitete das Phänomen der Materialität, inklusive diverser Transformationen, heraus. Einer anderen Materialität, nämlich der der Sprache, wandte sich Susanne Riegler (Leipzig) zu. In ihrem Vortrag stand die Schnittstelle von Literatur und Linguistik im Vordergrund und sie plädierte für eine linguistisch-stilistische Analyse, in der sich beide theoretische Zugriffe miteinander verzahnen.

Alter, Generationen, Ordnungen

Der zweite Tag begann mit einem Block aus drei Vorträgen, die auf unterschiedliche Weise Konstruktionen von Alter und generationalen Ordnungen beleuchtet haben und sich dabei synergetisch ergänzten. Vanessa Joosen (Antwerpen) arbeitete mit Rückgriff auf die Age-Studies die Gemachtheit von Altersnormen heraus und verwies insbesondere auf die enge Verschränkung dieser Kategorie mit weiteren Zuschreibungen, etwa der körperlichen Gesundheit oder dem Geschlecht. In diesem Spannungsfeld von vermeintlich biologischen Prozessen zeigte Joosen auf, wie Alter vor allem auch eine soziale Konstruktion ist, die durch kulturelle Einschreibungen geformt ist. Wie sich diese Normen in literarischen Texten niederschlagen, offenbarte sie in pointierten Textanalysen. Julia Benners (Berlin) Vortrag schloss unmittelbar daran an. Auch sie betrachtete die literarische und soziale Konstruiertheit von Kindheit, wobei hier insbesondere das Verhältnis einer generationalen Ordnung im Vordergrund stand. Benner verwies darauf, die spezifische literarische Poetizität mitdenken und reflektieren zu müssen und schlug vor, Kindheit als Struktur zu verstehen, die literarisch geformt wird. Diese ist nicht an ein spezifisches Alter gebunden, sondern ein kulturelles Konstrukt: Kindheit sollte demnach relational zu Erwachsenenheit, Kinderliteratur relational zu Erwachsenenliteratur betrachtet werden, da sich die jeweiligen Konzepte bedingen. Daran anschließend fragte Anika Ullmann (Lüneburg) ‚Wen kümmert’s, wer spricht?‘ und untersuchte Alter als Differenzkategorie in poststrukturalistischer Perspektive in Konzepten von Autorschaft. Ullmann lieferte eine kritische Auseinandersetzung mit Konzeptionen von Perry Nodelman sowie Maria Nikolajeva und verwies nachdrücklich darauf, dass weniger der erwachsene Autor, als vielmehr die Beschaffenheit des Textes im Zentrum einer fundierten Kinder- und Jugendliteraturanalyse stehen müsse.

Psychoanalyse, Bild-Text-Strategien, Raum

Iris Schäfer (Frankfurt/M.) stellte in ihrem Beitrag die Möglichkeiten einer psychoanalytischen Textanalyse – die bisweilen durchaus im wissenschaftlichen Diskurs kritisch diskutiert wurde – vor. Sie verwies auf das enge Verhältnis von Erzählen und Psychoanalyse, das dieser bereits seit Freuds Fallstudien, die auf verschiedene literarische Techniken zurückgreifen, inhärent ist und machte an dem Roman Sieben Minuten nach Mitternacht deutlich, wie die Aspekte tiefenpsychologischer Theoriebildung für die Romananalyse fruchtbar gemacht werden können.

Sebastian Schmideler (Leipzig) trug eine historisch ausgerichtete Schnittstelle und Perspektive bei und zeigte die verschiedenen Visualisierungsstrategien in Wissensbüchern für Kinder im 19. Jahrhundert. Er schlug eine elegante Brücke in die Gegenwart, indem er Einblicke in ein geplantes Forschungsprojekt gab, das die Möglichkeiten der Digital Humanities ausloten wird. Der Tag wurde beschlossen von Hadassah Stichnothe (Tübingen), die einen topographischen Forschungsansatz diskutierte. Sie widmete sich vor allem der Figur des Grenzgängers, die sie unter Rückgriff auf die strukturalistische Theorie Lotmans, in verschiedene Typen ausdifferenzierte. Sie unterschied dafür in hybride Figuren sowie Grenzgänger, die sich auf unterschiedliche Weise im semantischen Feld der erzählten Welt bewegen und Träger spezifischer Normen und Werte sind.

Transmediales Erzählen

Der letzte Tag umfasste verschiedene Beiträge, die sich im weitesten Sinne mit transmedialen Erzählprozessen auseinandersetzten. Eingangs untersuchte Johannes Mayer (Leipzig) transmediale Spielformen im gegenwärtigen Kinder- und Jugendtheater, womit er nicht nur eine theoretisch fundierte Analyse lieferte, sondern mit dem Theater auch auf einen oft vernachlässigten Gegenstandsbereich hinwies. Ingrid Tomkowiak (Zürich) widmete sich im Anschluss der Ästhetik des Gemachten im Animationsfilm. Damit knüpfte sie mit dem untersuchten Gegenstand einerseits an die transmedialen Prozesse an und fragte nach dem Konnex von Materialität und Erzählen. Der Beitrag eröffnete andererseits eine interessante Parallele zum ersten Tag, wo es bereits um Materialitäten im Buch und in der Sprache ging, und sich somit eine Schnittstelle zwischen den verschiedenen Medien ergab.

In Thomas Scholz‘ (St. Louis, USA) Vortrag standen transmediale Austauschprozesse innerhalb eines Erzählkosmos im Zentrum. Am Beispiel des World of Warcraft Franchises diskutierte er die Entwicklungen von Transmedia World-Building und stellte den verbindenden Handlungsort als Fixpunkt heraus, der in allen medialen Spielarten, vom PC-Spiel über Roman bis Comic in der erzählten Welt konstant bleibt. Der letzte Vortrag der Konferenz wurde von mir selbst beigesteuert (Anna Stemmann, Frankfurt M.) und widmete sich der Konstruktion von Memes. Diese erweisen sich nicht nur als parodistisches Spiel mit semantischem Material, sondern eröffnen ebenfalls die Schnittstelle von Produktion und Rezeption, wenn User selbst zu Produzenten werden und Memes erstellen.

Die Jahrestagung der GKJF auf eine solche dezidiert theoretische Reflexion auszurichten und dabei keine Parallelpanels einzurichten, hat sich als gelungene Entscheidung und großer Gewinn erwiesen. So gaben die Vorträge interessante Impulse für kommende Forschungen und deuteten an, wohin es mit der GKJF auch in den nächsten 30 Jahren gehen kann. Die kommende Jahrestagung widmet sich dem Verhältnis von politischen Diskursen und KJL.

© Fotos im Titelbild: Peter Rinnerthaler (2017)