Shaun das Schaf – Der Film

von Dennis Fassing

In Deutschland ist die Knetfigurenserie Shaun das Schaf vor allem durch die Sendung mit der Maus populär geworden. Im gleichen Stil läuft nun nach erstaunlich langer Zeit mit Shaun das Schaf – Der Film eine Kinovariante an, die dem Stil der britischen Serie treu bleibt. Der Plot des Films ist simpel und klar erzählt: Shaun und die restlichen Schafe wünschen sich einen freien Tag, abseits von der üblichen Routine aus schlafen, essen und geschoren werden. Durch den guten alten Trick des Schäfchenzählens versetzen sie ihren Bauer direkt am Morgen wieder in Tiefschlaf und bringen ihn in einem alten Wohnwagen unter. Der Plan könnte gutgehen, doch der Hofhund Trumper kommt den klugen Schafen zu schnell auf die Schliche. Beim Versuch, den Hofbesitzer wieder zu wecken, lösen sich leider die Halterungen des alten Wohnwagens und dieser rast unaufhaltsam den Hügel hinab – direkt auf die große Stadt zu, die sich jenseits der Farm befindet. Irgendwann endet die Irrfahrt des Farmers, dieser stößt sich dabei allerdings so schwer den Kopf an, dass er prompt sein Gedächtnis verliert. Es liegt nun an Shaun, Trumper und den restlichen Schafen, ihren Besitzer wiederzufinden und ihm seine Erinnerung zurückzubringen.

Ein Feuerwerk der Mehrfachadressierungen

Shaun das Schaf ist ein typischer und eigentlich gut funktionierender Kinderfilm. So wie die Serie kommt der Film komplett ohne (echte) Sprache aus. Tiere und Menschen kommunizieren durch Gesten und eine reduzierte Fantasiesprache, die vor allem Wert auf Betonung und Lautstärke setzt. So finden sich auch kleinere Kinder in der Grundhandlung des Films bestens zurecht. Auch hinsichtlich des Humors bietet die Geschichte für jüngere Zuschauer einiges, das Komödientiming stimmt und liefert Szenen mit Slapstick, harmlosen Fäkalhumor und lustiger Bildsprache.

Offensichtlich wollen die Macher des Films aber nicht nur ihre kindlichen Zuschauer bedienen, sondern auch Erwachsene ansprechen. Shaun das Schaf ist daher bis zum Rand vollgestopft mit Intertextualitäten zu Themen der Populärkultur, sei es Film, Musik oder Kunst. Zitiert werden unter anderem die Beatles, Hannibal Lecter, Banksy und Wallace and Gromit (für das ebenfalls die Shaun das Schaf-Macher verantwortlich zeichnen). Der Titel ist damit ein Musterbeispiel für Mehrfachadressierungen, denn mehrere Zuschauergruppen werden angesprochen. Für jüngere Zuschauer bieten die kindgerechte Knetoptik, eine einfache Handlung und leichter Humor einen großen Unterhaltungswert. Für ältere Zuschauer bleiben die zahlreichen intertextuellen Bezüge, die Kindern in den allermeisten Fällen entgehen werden. Genaugenommen ist der Film so angereichert mit szenischen und bildlichen Verweisen aller Art, dass selbst erwachsene Zuschauer über einen ausgesprochen großen Fundus an populärkulturellem Wissen verfügen müssen, um jeden Schnipsel aufzugreifen. Allein der Trailer zum Film gibt schon ein recht gutes Bild davon, wie viele Verweise auf den Zuschauer abgefeuert werden (ich erkennen die Beatles, Das Schweigen der Lämmer und Die Verurteilten – und das ist sicher nicht alles).

 

Blockieren sich die Erzählebenen gegenseitig?

Normalerweise sind gut gelungene Mehrfachadressierungen kein Problem für die Rezipienten eines Mediums. Nach Hans-Heino Ewers kommt bei einer Mehrfachadressierung eine ausschließlich an erwachsene Rezipienten gerichtete Ebene zur Kommunikation hinzu, welche von den kindlichen Lesern überhaupt nicht wahrgenommen wird (vgl. Ewers 2012, S. 58). In Shaun das Schaf hat man es nun allerdings mit derart viel Kommunikation auf dieser exklusiven Ebene zu tun, dass man sich die Frage stellen muss, ob die eigentliche Ausrichtung auf Kinder nicht verdrängt wird. An einer Stelle des Films werden die Schafe von einem Tierfänger in ein Tierheim gebracht und dort in eine Zelle gesperrt. Bei dem Gang durch den Zellentrakt und der anschließenden kurzen Szene im Gefängnis kommt es zu einer rapiden Abfolge von intertextuellen Verweisen. Die Szene erinnert stark an Stephen Kings The Green Mile, hinter Plexiglas sitzt eine Katze und imitiert Hannibal Lecter, ein Pappaufsteller eines Hundes verdeckt das zur Flucht gebuddelte Loch und gibt damit einen direkten Verweis auf den Film Die Verurteilten, der Tierfänger ist mit Technik aus der Terminator-Reihe bewaffnet – es könnte noch länger so weiter gehen, auch ich habe sicherlich nicht alle Referenzen entdeckt.

Im Kino lachten während dieser vielleicht drei Minuten dauernden Szene vor allem die erwachsenen Zuschauer, von den Kindern war wenig zu hören. Im Laufe des Films konnte man beobachten, dass dieses Verhalten sich fortsetzte und jüngere Zuschauer den Film eher still durchsaßen, während sich erwachsenere Zuschauer vor Lachen nicht mehr einkriegten. Man hörte hier und da auch, wie die Kinder ihre Eltern fragten, was genau denn gerade so komisch sei. Es zeigt sich hierbei ein Problem, dass bei einer Mehrfachadressierung besonders dann auftreten kann, wenn die verschiedenen Rezipientengruppen das Medium gleichzeitig und miteinander konsumieren. Im schlimmsten Fall kann es dann zu Irritationen kommen, wenn wie in diesem Fall die jüngere Gruppe mitbekommt, dass sie offensichtlich von einem Inhalt des Mediums ausgeschlossen ist, den die ältere Gruppe aber scheinbar versteht. Mehrfachadressierung kann so auch exkludierend wirken, den Ausschluss von einer bestimmten Ebene des Werks zu offensichtlich machen. Dieses Problem zeigt sich logischerweise weniger offensichtlich, wenn die verschiedenen Adressatengruppen das Medium für sich konsumieren. Bei einer Kinovorführung eines Kinderfilms ist dies aber in der Regel nicht der Fall.

Shaun das Schaf ist deswegen kein schlechter oder misslungener Kinderfilm. Im Gegenteil, wie oben ausgeführt funktioniert die für Kinder konzipierte Ebene des Werks für sich genommen sehr gut. Ob die zweite Erzählebene tatsächlich eine Überfrachtung darstellt und jungen Rezipienten den Filmgenuss verderben kann, ist keineswegs klar, der Eindruck entstand letztlich nur aus einer einzigen Vorführung mit einem altersmäßig sehr durchmischten Publikum heraus. Im besten Fall ist Shaun das Schaf – Der Film der so oft zitierte Film für die ganze Familie. Wer immer auf Knet-Trickfilmaction, Wallace and Gromit oder eben Shaun als Serie steht, darf sich gerne selbst überzeugen.

Medien

Ewers, Hans-Heino: Literatur für Kinder und Jugendliche. Eine Einführung. 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag 2012. Buch.

Shaun the Sheep The Movie – Official Trailer. URL: https://www.youtube.com/watch?v=tQvwiOWpj7o. Letzter Zugriff: [18.04.2015]. Youtube-Video.

Shaun das Schaf. Burton, Mark/Starzak, Richard. StudioCanal/Aardman Animations: 2015. Film.