von Dennis Fassing

Die grüne Gefahr

In Broccoli Boy rettet die Welt von Frank Cottrell Boyce geht es nach Aussage des Protagonisten Rory um die „Comic-Version meiner Lebensgeschichte“ (S. 18). In dieser Geschichte (die im Roman nur wenige Tage umfasst) passieren so viele Dinge, dass man als Leser schnell den Überblick verlieren kann. Hier also zu Beginn die wichtigsten Eckdaten: Rory ist der Kleinste seiner Klasse und wird täglich von Tommy-Lee, dem größten der Klasse, gemobbt. Nachdem der Bully Rory beim Lunch einen Schokofrisbee-Keks klaut, erleidet er einen allergischen Anfall und kommt ins Krankenhaus. Dort leistet Rory ihm bald Gesellschaft, denn auf einem Schulausflug färbt sich seine komplette Haut broccoligrün. Auf der Isolierstation eines Londoner Krankenhauses stellt sich heraus, dass auch Tommy-Lee komplett grün gefärbt ist, die beiden werden unfreiwillige Bettnachbarn. Die Ärztin Dr. Brightside erklärt ihnen, dass sie wohl oder übel miteinander klarkommen müssen, da sie die einzigen bekannten Menschen weltweit mit diesen Symptomen sind. Doch so wirklich krank fühlen sich Rory und Tommy-Lee eigentlich gar nicht, eher fühlen sie sich ‚super‘. Rorys Vater liefert dafür auch eine Erklärung, die den Fortgang der Geschichte entscheidend beeinflussen wird: „Der unglaubliche Hulk, das Ding aus dem Sumpf, die Grüne Hornisse, der Grüne Kobold … Was haben sie alle gemein? […] Dass sie Superhelden sind. Sie sind alle grün und Superhelden. Ganz klar: Wenn man grün wird, kann es nur eine mögliche Diagnose geben: nämlich, dass man super ist.“ (S. 70)

Zu den Superheldenkräften von Rory und Tommy-Lee gehören fortan Teleportation, Lippenlesen, eine schnelle Auffassungsgabe, die Fähigkeit, Codeschlösser zu öffnen und in Tommy-Lees Fall sehr viel Kraft (über die er aber vorher schon verfügte). Durch ihre Fähigkeiten und einen sehr verantwortungslosen Wachdienst gelingt es den beiden Kindern Nacht für Nacht, sich über eine Fensterputzgondel auf die Straßen Londons zu schleichen und dort heldenhafte Taten auszuführen.

Superhelden oder nur super Helden?

Broccoli Boy rettet die Welt spielt während der gesamten Handlung mit der Frage, ob die beiden Hauptfiguren sich ihre Superkräfte mit Hilfe von kindlicher Logik und Vorstellungskraft nur einbilden oder ob sie wirklich über besondere Fähigkeiten verfügen. Viele auf den ersten Blick übermenschliche Ereignisse werden an späterer Stelle der Erzählung noch erklärt. So denkt Rory zum Beispiel, dass er die Gruppe nach China teleportiert hat (S. 124), nur um einige Nächte später zu erkennen, dass sie in einem chinesischen Viertel Londons waren. Den Fall vom Dach des Krankenhauses überleben die beiden, weil sie nach zwei Metern in die Fensterputzgondel fallen, die ihnen ihre nächtlichen Ausflüge erst ermöglicht. Auch wenn man als Leser relativ schnell zu der Überzeugung kommt, dass die beiden keine Superkräfte haben, verhalten sich Rory und Tommy-Lee, als hätten sie diese. Ihre ungewöhnliche grüne Hautfarbe hilft den beiden dabei, in vielen kritischen Szenen ihre Umgebung so zu verunsichern, dass sie mit allerlei Unfug durchkommen. Zum Beispiel schlagen sie etwa nur durch ihr Äußeres eine Gruppe von ‚bösen‘ Müllmännern in die Flucht und kapern den zurückgelassenen Müllwagen kurzerhand als ihr neues Superheldenmobil (S. 186).

Boyces Erzählung wirkt in doppelter Hinsicht eskapistisch: auf der inhaltlichen Ebene flüchten Rory und Tommy-Lee vor ihrer Isolation im Krankenhaus und auf der Metaebene spielt die Erzählung mit der Wahrnehmung von Realität. Mit jeder Nacht, in der die beiden Helden London einen Besuch abstatten, wirkt die Stadt unwirklicher: aus Angst vor der sogenannten Katzengrippe scheinen ganze Stadtviertel geräumt zu sein, Ordnungshüter sind überfordert und die beiden Jungen können mehr oder weniger tun und lassen, was sie wollen (unter anderem Tiere aus dem Zoo befreien, die Königin von England besuchen und Freundschaft mit einem Pinguin schließen). Die einzelnen Szenen sind dabei sehr unterhaltsam und kurzweilig geschrieben, lassen aber zum Teil auch einen Gesamtzusammenhang vermissen. Nicht jede merkwürdige Begebenheit wird bis zum Ende aufgelöst oder wenigstens mit anderen Ereignissen verknüpft. Dies kann jedoch durchaus ein erzählerisches Mittel sein, welches die Frage aufkommen lässt, ob in der Welt des Romans nicht vielleicht doch Dinge existieren, die über rationale Erklärungsversuche hinausgehen.

Zwischen Kleinen und Großen

Ein roter Faden, der die Erzählung thematisch zusammenhält, ist die Beziehung zwischen Rory und Tommy-Lee. Bevor die beiden im Krankenhaus aufeinandertreffen und durch ihre grüne Haut eine verbindende Gemeinsamkeit entdecken, wirken sie wie personifizierte Gegensätze. Rory ist intelligent und kommunikativ, aber eher zurückhaltend, während Tommy-Lee zu Beginn eine typische Bullyrolle innehat, groß, tumb, gemein und mit einem Fanclub weiterer gemeiner Jungs um ihn herum.

Alternativlos zusammengeschweißt durch ihre Quarantäne müssen die beiden Figuren beginnen, sich miteinander zu beschäftigen. Die treibende Kraft ist zu Beginn zweifelsfrei Rory, welcher einen Weg finden muss, Tommy-Lees Abneigung und Stimmungsschwankungen abzuschwächen. Im Fortgang der Handlung liefern die Ereignisse und die Unterhaltungen der Figuren immer mehr Erklärungsversuche für das Verhalten des Jungen. Seine Mutter ist professionelle Kickboxerin und hat ihren Sohn darauf trainiert, sich nichts gefallen zu lassen und sich im Zweifelsfall zu verteidigen. Außerdem mag er zwar etwas einfach gestrickt sein, wird aber in vielen Szenen auch zu Rorys Überraschung als aufmerksam und empfindsam beschrieben, so zum Beispiel, als er erfährt, dass er hinter seinem Rücken von allen Grim genannt wird: „„Dein Spitzname. In der Schule. Erinnerst du dich?“ Ich hatte es kaum gesagt, als mir klar wurde, dass wahrscheinlich niemand ihn je direkt mit Grim angesprochen hatte. Er sah aus, als könnte er jeden Moment in Tränen ausbrechen. „Das ist nicht sehr nett“, sagte er.“ (S. 114f). Während Rory als Figur im Roman relativ statisch bleibt, mach Tommy-Lee eine große Veränderung durch. Er lernt, seine Stimmungsschwankungen und Wutanfälle zu beherrschen und schließt zaghafte Freundschaften mit Rory und anderen Figuren (vor allem dem weiter oben kurz erwähnten Pinguin).

Broccoli Boy rettet die Welt ist daher nicht nur eine Komödie, sondern auch eine typische Geschichte über ungleiche Freundschaft. Die grüne Haut der beiden Jungs ist dabei vor allem Aufhänger und Motor der Handlung, der Vorwand, der gefunden werden musste, um diese beiden ungleichen Charaktere zusammenzubringen. Auch wenn sich in der Erzählung nicht jedes Element nahtlos ineinanderfügen lässt, bietet der Roman doch eine komische Geschichte mit sympathischen und leicht comichaften Figuren – doch letztlich ist auch dies nur passend, denn schließlich ist Rorys Lebensgeschichte ja auch ein Comic.

Literatur

Boyce, Frank Cottrell: Broccoli Boy rettet die Welt. Aus dem Englischen von Salah Naoura. Hammburg: Carlsen. 2016.