von Dennis Fassing

Eine komplizierte Franchise

Seit dem 27. Mai 2016 ist mit X-Men: Apocalypse der insgesamt neunte Film mit Beteiligung der Mutanten von Marvel in den deutschen Kinos zu sehen. Um den neuesten Ableger richtig verstehen zu können, muss man sich zuerst die inzwischen ausgesprochen komplizierte Zeitleiste der Filme ansehen (Deadpool (2016) wird hier außen vorgelassen): Die ersten drei Filme (X-Men (2000), X2: X-Men United (2003), X-Men: The Last Stand (2006)) bilden eine klassische Trilogie mit einem typisch epischen Ende, es geht um nichts Geringeres als globale Zwangsimpfungen gegen Mutationen und einen Krieg der Mutanten gegen die Menschen. Das 2011 beginnende Reboot der Serie macht es sich dann zur komplexen Aufgabe, die ältere Trilogie nicht einfach zu verwerfen, sondern in einen möglichst geschlossenen Filmkosmos einzubinden. X-Men: First Class (2013) erzählt von der noch isoliert betrachtbaren Vorgeschichte der Mutanten Charles Xavier und Erich Lensherr, ist in den 1960er Jahren verortet und bedient sich dem historischen Ereignis der Kuba-Krise als erzählerischem Referenzrahmen. Dem 2014 erschienenen X-Men: Days of the Future Past gelingt dann die Mammutaufgabe, das alte und das neue Universum durch eine vertrackte, aber auch sehr klug inszenierte Zeitreisegeschichte miteinander zu verbinden. Die beiden Wolverine-Standalones (X-Men Origins: Wolverine (2009), The Wolverine (2013) die zeitlich nach den Ereignissen von Days of the Future Past spielen, werden durch diese Verwebung auch in das filmische Universum eingebunden.

Mal wieder die Welt retten

Zum Zeitpunkt von Apocalypse haben sich die Erzählfäden des X-Men-Universums wieder ein wenig geglättet. Die Welt wurde inzwischen mehrfach gerettet und mindestens einmal komplett in ihrem Verlauf verändert (genaue Zahlen sind bei Zeitreisen ja immer eine schwer festzulegende Sache). Die Handlung spielt inzwischen in den 1980er Jahren, das Internat für talentierte Jugendliche von Professor Xavier läuft ruhig vor sich hin, der mächtige Magneto ist untergetaucht und hat eine Familie gegründet und die in dieser Zeitlinie immens wichtige Mystique ist zu einer Heldin unterdrückter Mutanten aufgestiegen und kämpft aus dem Untergrund für deren Befreiung. Die Hauptfiguren der Filme verfolgen zu Beginn des Films also alle ihre sehr unterschiedlichen eigenen Ziele und haben keine Berührungspunkte miteinander.

Dieser Status Quo wird allerdings schnell über den Haufen geworfen, als Apocalypse, der erste Mutant, der je gelebt hat, aus einem mehrere tausend Jahre andauernden Schlaf geweckt wird. Zuletzt aktiv war Apocalypse im alten Ägypten, wo er dank seiner immensen Kräfte den Status eines Gottes hatte. Von Göttern auf Erden eher befremdet hatte eine große Gruppe seiner menschlichen Untergebenen ein Attentat auf ihn verübt und ihn so zwar nicht endgültig getötet, aber immerhin viele dutzend Meter tief unter dem heutigen Kairo begraben. Wiedererwacht will Apocalypse dort weitermachen, wo er aufgehört hat: sich die Erde untertan zu machen und Mutanten als die rechtmäßigen Herrscher über die Menschen zu etablieren (und sich selbst als Gottkönig aller Mutanten). Für alle, die in der Gegenwart immer noch auf eine friedliche Koexistenz zwischen Mensch und Mutant hinarbeiten, gilt es dieses Szenario natürlich zu verhindern.

Das Böse in allen Facetten…

Spätestens ab hier muss eine große Spoilerwarnung ausgesprochen werden. Dieser Text ist keine Rezension, sondern denkt in den kommenden Abschnitten über die Darstellung des Bösen im Film nach. Dazu wird unter anderem auch das Ende des Films besprochen werden.

Apocalypses Fähigkeiten sind in der Tat sehr mächtig. Er hat sich sein langes Leben dadurch bewahrt, dass er sein Bewusstsein in den Körper anderer, jüngerer Mutanten übertragen hat. Mit jeder dieser Übertragungen gewann Apocalypse auch die Fähigkeiten dieser Personen hinzu und kann so ein beachtliches Repertoire an Kräften sein eigen nennen. Hier nun eine Aufzählung (ohne Anspruch auf Vollständigkeit): Apocalypse kann innerhalb von Sekunden Unmengen an Wissen erlernen, nur, indem er physischen Kontakt mit einem Kommunikationsmedium aufnimmt. In deutlicher Intertextualität zu einer Szene in Das fünfte Element (1997) berührt Apocalypse für einige Sekunden einen Fernseher und weiß dadurch alles, was es über die aktuelle Zeit zu wissen gibt, inklusive der aktuellen Sprache.
Als nächstes kann er sich scheinbar zu jedem beliebigen Punkt der Welt teleportieren. Diese Fähigkeit gilt nicht nur für ihn, sondern auch für andere Personen, welche er durch ein Teleport-Kraftfeld transportieren kann. Dieses Kraftfeld bietet ihm gleichzeitig immensen Schutz gegen Attacken physischer und psychischer Art (dazu später mehr).
Apocalypse kann weiterhin feste Materie kontrollieren und verändern. Dies benutzt er im Film mehrmals, um arme Statisten durch Böden fallen oder in Wände wachsen zu lassen, was diese Kraft zu einer der unangenehmeren Fähigkeiten des X-Men-Universums werden lässt. Zuletzt kann Apocalypse noch die Fähigkeiten jedes Mutanten kontrollieren und verstärken, sobald er mit diesem eine Verbindung aufnimmt. In einer entscheidenden Szene des Films geht dies so weit, dass er Kontakt zu Charles Xavier aufnimmt und dessen Psi-Fähigkeiten dazu benutzt, allen Menschen der Welt, die etwas mit Massenvernichtungswaffen zu tun haben, den Befehl einzuflüstern, diese kollektiv ins All zu schießen.

Soweit die Aufzählung von Apocalypses Kräften. Dies sind nicht notwendig alle seine Fähigkeiten, aber es sind jene, die im Film prominent in Szene gesetzt werden.

… wird doch nur zum Einheitsbrei

Ähnlich ermüdend, wie sich diese Auflistung liest, wird auch die gesamte Stimmung des Films eingeschläfert. Apocalypse ist übermächtig, tatsächlich ein Gott und als Einzelperson jedem überlegen. Erst eine Anstrengung der Masse würde es eventuell möglich machen, diese Urgewalt zu besiegen, so das klar durcherzählte Narrativ.

Es ist dieses Narrativ, dass der Bedrohung des Films jeden Schrecken nimmt. Als Zuschauer weiß man, dass der Antagonist vorhat, die Welt, wie wir sie kennen, zu vernichten. Man weiß gleichzeitig, dass alle Bemühungen, ihn davon abzuhalten, für einen Großteil der Handlung scheitern müssen, um dann im Finale in einer großen epischen Kraftanstrengung zu enden. X-Men: Apocalypse hat dieses Verfahren nicht erfunden, es ist ein häufig gebrauchtes Motiv. Doch die besondere Darstellungsweise des Bösen als übermächtiges Wesen nimmt jede Spannung aus diesem Ausbau. Der Antagonist kann scheinbar ‚alles‘, er ist unsterblich, unverwundbar, allgegenwärtig, allwissend und in seinen Kräften omnipotent. Dem Zuschauer werden dadurch Spannungselemente genommen, zum Beispiel die Frage, wie der Bösewicht bis zur finalen Konfrontation seine Macht aufbaut oder wie er den frühen Angriffen der Guten widerstehen kann. Im aktuellen X-Men-Film ist der Widersacher ist zu keiner Zeit in ernster Bedrängnis, nie kommt auch nur ansatzweise das Gefühl auf, dass die Guten eine Chance haben könnten.

X-Men oder Dragonball Z?

Während man sich, dieser spannungsgenerierenden Eckpunkte beraubt, zum Finale durchschaut, stellt sich die Frage, wie das alles enden soll. Apocalypse sammelt im Laufe des Films zu seinem Charakter passend vier Reiter der Apokalypse ein, Mutanten, deren Kräfte er durch seine Fähigkeiten noch einmal verstärkt. Diese vier Figuren haben in der großen Endschlacht einen reinen Bodyguard-Charakter und sollen ihrem Meister eigentlich nur Zeit erkaufen, während dieser seinen Geist in den Körper von Charles Xavier transferieren will. Dies verhindern will eine bunt zusammengewürfelte Truppe alter und junger X-Men, die gerade noch rechtzeitig am Ort des Geschehens, einem praktischerweise schon völlig menschentleerten Kairo, ankommen.

Die finale Schlacht, sobald Apocalypse in diese eingreifen muss, erinnert dann sehr stark an eine Folge Dragonball Z. Der übermächtige Feind steht größtenteils unbewegt in der Mitte, geschützt von seinem Kraftfeld, auf das von allen Seiten Attacken seiner schwächeren Gegner einprasseln. Xavier und Apocalypse fechten derweil auf geistiger Ebene um gegenseitige Kontrolle, was durch eine zweite Bildebene illustriert wird. In diesem Gefecht herrscht mehr Bewegung als im physischen Kampf der Realität, Charles und sein Gegner ringen und prügeln sich hier miteinander, als visualisierte Stellvertreter ihrer geistigen Kapazitäten. Auf der physischen Ebene bewegt sich so gut wie niemand, alle stehen sich nur gegenüber und feuern ihre Kräfte aufeinander ab, begleitet von Kommentaren zur Stärke des Kraftfelds oder der Aussichtslosigkeit des Unterfangens.

Der Triumph über Apocalpyse erfolgt letztlich durch eine Kooperation aller X-Men. Wie auch schon im alten Ägypten wenden sich auch die eigenen Anhänger gegen ihren Meister und zwei der apokalyptischen Reiter steuern ihre Kräfte dem Guten bei. Nach allerlei Effektgewitter verpufft der Antagonist letztendlich, die Welt ist wieder einmal gerettet. Es folgt ein ausführlicher Epilog, welcher die Fäden aus der Exposition des Films wiederaufnimmt und sich mit den Lebensentwürfen der Hauptfiguren beschäftigt. Für dieses Ende hätte es die Konfrontation mit Apocalypse allerdings nicht einmal wirklich gebraucht, der ganze Kampf gegen den Antagonisten wirkt bei vielen Charakteren wie eine (un)willkommene Ablenkung von ihrem eigentlichen Leben. Das merkwürdige Missverhältnis zwischen den Handlungsebenen entsteht durch die in diesem Text beschriebene Darstellung des Bösen, welcher sich selbst nicht um die Figuren um ihn herum schert. Er selbst ist so mächtig, dass alle anderen Handlungsstränge einfach verblassen.

Vielleicht kann die Lehre aus X-Men: Apocalypse für zukünftige Filme sein, dass es eigentlich keinen überdimensionalen Antagonisten braucht, wenn die Handlung bereits gute Protagonisten aufzuweisen hat. Nicht immer muss es um das Ende der Welt gehen, um einen guten Heldenfilm zu machen.

Medien

X-Men: Apocalypse. Bryan Singer. 20th Century Fox 2016. Film.

20th Century Fox: X-Men: Apocalypse | Final Trailer [HD] | 20th Century FOX. URL: https://www.youtube.com/watch?v=Jer8XjMrUB4 [Datum des Zugriffs: 12.06.2016]. Youtube-Video.