von Sabine Planka

Es gibt Bücher, bei denen man es bereut, sie nicht früher gelesen zu haben. „Die Kreuzfahrt mit der Asche meines verdammten Vaters“ von Thorsten Nesch ist solch ein Buch. Von der ersten Seite an zieht es die Leser in seinen Bann. Nesch erzählt die Geschichte von Jörn, 17, der erfahren muss, dass sein Vater, den er nie kennengelernt hat, verstorben ist und ihm nicht nur eine Kreuzfahrt vermacht, sondern ihm auch seinen letzten Willen übertragen hat, nämlich seine Asche in Italien zu begraben. Was dann folgt ist eine Roadnovel, eigentlich mehr eine „Kreuzfahrtnovel“, bei der der allein reisende Jörn nicht nur durch Briefe seinen Vater kennenlernt – Briefe, die sein Vater ihm geschrieben und hinterlassen hat –, sondern auch sich selbst neu finden muss. Seinen Schulabschluss in der Tasche, zerschlagen sich für ihn die Hoffnungen, beim Bund angenommen zu werden, gleichzeitig lernt er jedoch auch das Gefühl der ersten Liebe kennen – und macht am Ende eine überraschende Entdeckung…

Intertextualität, Entwicklungsroman, Roadnovel und Heterotopie

Nesch ist ein fesselnder Roman für jugendliche Leser gelungen, der durch eine Mischung aus Ernsthaftigkeit, Komik, Absurdität und Liebe besticht. Jedes Kapitel des Buches ist einer Reiseetappe zugeordnet und zudem mit einem Motto überschrieben, das literarischen, filmischen oder musikalischen Werken entnommen ist und den thematischen Schwerpunkt des nachfolgenden Kapitels auf den Punkt bringt. Zudem finden sich stellenweise Querverweise auf Neschs andere Bücher – wie es auch in den Büchern von Nils Mohl der Fall ist. So erhält Jörn eine Postkarte aus Kanada seines Kumpels Basti, auch Buster-Basti genannt, und eröffnet damit für den kenntnisreichen Leser eine Verbindung zu „Buster, König der Sunshine Coast“, wo der Protagonist ebenfalls sein alltägliches Leben verlässt und auf einem Trip durch Kanada zu sich selbst findet. Die Selbstfindung der Protagonisten, die die Romane zu Entwicklungsromanen machen, wird verknüpft mit dem Genre der Roadnovel und damit auf einer übergeordneten Ebene mit raumtheoretischen Diskursen. Das Kreuzfahrtschiff im Foucault‘schen Sinn als Heterotopie auffassend – also als eine Art lokalisierbarer Gegenraum, der abgeschlossen und mitunter nach eigenen Regeln funktionierend von dem ihm umgebenen Raum existiert, wie neben dem Schiff z.B. ein Gefängnis, ein Zirkus oder auch ein Friedhof –, scheint hier für Jörn alles möglich. Der Kontakt zu seiner Mutter ist auf hoher See abgeschnitten, er kann sich somit nur mit dem auseinandersetzen, das ihn direkt umgibt. So verwundert es nicht, dass einer sich ungezwungen und frei entwickelnden Liebe zwischen Jörn und Elisabeth auf hoher See nichts im Wege steht – selbst nicht Elisabeths Eltern, die sich nicht um ihre Tochter kümmern, sondern mit sich selbst beschäftigt sind und ihre Tochter sich selbst überlassen.

Figuren und Struktur des Romans

Die Konzeption der Figuren überzeugt ebenso wie die Struktur des Romans, der nicht konstruiert wirkt, sondern dessen Erzählung sich in einem Fluss – um die Wasserthematik zu bemühen – befindet, dem der Leser mühelos folgen kann. Die Geschichte hält sich nicht in unnötigen Belanglosigkeiten auf und verfällt nicht in Langatmigkeiten, sondern entwickelt sich kontinuierlich und schreitet voran. Die Verflechtung von (Situations-)Komik mit den Ernsthaftigkeiten des Lebens ermöglicht es, die Figuren lebensnah wirken zu lassen, so dass die Identifikation des Lesers mit ihnen, allen voran natürlich mit dem Protagonisten Jörn, möglich ist.
Am Ende dieses kurzweiligen Buches ist klar, dass das Leben oft ungeahnte Wendungen bereithält und Überraschungen aufweist – und dass jedes Ende einen neuen Anfang nach sich zieht, dem ein neuer Zauber innewohnt.

Literatur
Nesch,Thorsten: Die Kreuzfahrt mit der Asche meines verdammten Vaters. Reinbek: Rowohlt 2015.
Foucault, Michel: „Die Heterotopien“, in: ders.: Die Heterotopien – Les hétérotopies / Der utopische Körper – Le corps utopique. Zwei Radiovorträge. Zweisprachige Ausgabe. Übersetzt von Michael Bischoff. Mit einem Nachwort von Daniel Defert. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2005, S. 7-22.