von Sabine Planka

Der zwölfjährige Bobby Nusku lebt zusammen mit seinem Vater und dessen neuer prolliger Freundin Cindy im Haus, das er vorher zusammen mit seinen Eltern bewohnt hat. Der Vater ist ein grobschlächtiger, leicht reizbarer Mann, der sich schlecht beherrschen kann und Bobby mitunter schlägt. Bobby verkriecht sich immer mehr und widmet sich ganz seinem Archiv, in dem er Dinge seiner Mutter sammelt: Haare, Gegenstände, Fotografien, eben alles, was ihr gehörte, aber auch Dinge bzw. ‚Beweise‘, die er seiner Mutter zeigen kann, wenn sie wieder zurückgekehrt ist. Die Hoffnung, die Bobby in die Rückkehr seiner Mutter setzt, durchzieht das ganze Buch und wird erst gegen Ende auf tragische Weise aufgelöst: Bobbys Mutter wird nie wieder zurückkommen. Sie ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als sie geplant hat, mit Bobby vor ihrem gewalttätigen Mann zu fliehen und ihn im Urlaub zu verlassen.

Auch in der Schule hat Bobby zu leiden: Seine Mitschüler machen ihm das Leben schwer und verprügeln ihn ebenfalls. Einziger Lichtblick ist sein neuer Freund Sunny, der beschließt, Bobby zu beschützen. Damit ihm dies besser gelingt, hat er die fixe Idee, sich selbst zu einem Cyborg zu machen. Dazu präsentiert er Bobby seinen Plan: Er bricht sich erst ein Bein, dann einen Arm und schließlich will er auch eine Kopfverletzung, damit er Metallteile in seinen Körper implantiert bekommt, die ihn stark und unbesiegbar machen. Doch Sunnys Experiment geht schief: Er schlägt so hart mit dem Kopf auf, als er von einem Baugerüst springt, dass er ins Koma fällt. Er überlebt, ist aber plötzlich verschwunden und kommt nicht mehr in die Schule.

Inzwischen hat Bobby die Bekanntschaft der gleichaltrigen, behinderten Rosa gemacht. Ihre alleinerziehende Mutter Val kümmert sich liebevoll um die Tochter und hält als Putzfrau den örtlichen Bücherbus sauber. Als Bobby mitbekommt, dass Rosa von den Jungen verprügelt wird, die ihn in der Schule malträtieren, rächt er Rosa, indem er seinen Mitschülern Brennspiritus ins Gesicht spritzt und sie anzünden will. Die Konsequenzen sind verheerend: Die Schule will Bobbys Vater kontaktieren, der ihn schon wegen seiner Besuche bei Val und Rosa verprügelt hat. Bobby flieht zu Val, die die blauen Flecken auf Bobbys Körper sieht – und daraufhin beschließt, mit Bobby und ihrer Tochter Rosa zu fliehen, um Bobby vor seinem Umfeld zu schützen.

Wie die Umstände es wollen, hat Val die Nachricht bekommen, dass der Bücherbus, die fahrende Bibliothek, geschlossen werden soll. Und so treten sie ihre Flucht im Bücherbus an und fahren kreuz und quer durch England, lesen sich durch die Abenteuer von Herman Melvilles Moby Dick, Roald Dahls Mathilda, Antoine de Saint-Exupérys Der kleine Prinz, Clive Kings Ein Freund wie Stig, Lewis Carrolls Alice im Wunderland, John Steinbecks Von Mäusen und Menschen, C.S. Lewis‘ Narnia-Reihe, Robert Lewis Stevensons Die Schatzinsel und vielen anderen Büchern mehr (auf diese Verweise wird unten nochmals zurückzukommen sein). Unterwegs greifen sie den Outlaw Joe auf, den sie mitnehmen und in den sich Val verliebt. Gemeinsam mit Vals und Rosas Hund wirken die Vier wie eine glückliche Familie – wenn da nicht die Polizei wäre, die die Spur der Vier hartnäckig verfolgt.

Konzeption der Geschichte und der Figuren

Der Leser wird plötzlich, sehr unsanft und abrupt, in die Handlung von Whitehouse‘ Buch ‚geworfen‘ und mit sehr vielen Informationen konfrontiert. Namen fallen, die Handlungsstruktur ist noch völlig unklar, so dass dies zunächst abschreckend wirken kann. Manch ein Leser mag das Buch nach ein paar Seiten Lektüre zugeklappt haben. Bedauerlich, denn hat mach sich durch das erste Kapitel, das passenderweise den Titel „Ende“ trägt, ‚hindurchgequält‘, wohnt man Bobbys Leidens-/Abenteuergeschichte bei und erlebt Absurditäten, harte Realitätsdarstellungen und innerfamiliäre Konflikte und Grausamkeiten ebenso mit wie sich langsam entspinnende Freundschaften, deren Besonderheiten konsequent durch den Text hindurch bestehen.

Die Figuren, die Whitehouse zeichnet, lüften erst nach und nach ihre Geheimnisse. Jeder der Akteure hat sein eigenes Schicksal zu tragen und entpuppt sich als vielschichtig: Bobby ist ein Junge, der nicht wahrhaben will, dass seine Mutter nie wieder zurückkommen kann und ihre Tod verdrängt, um nicht vollends zu zerbrechen. Entweder missachtet oder geschlagen von seinem Vater, verkriecht er sich – und übernimmt unbewusst dessen Verhaltensweisen und fällt auch in der Schule dadurch auf. Entweder versteckt er sich vor seinen Peinigern und macht sich vor Angst in die Hose oder seine unterdrückte Wut bahnt sich unkontrolliert seinen Weg und führt ihn auf direktem Weg zum Rektorat, wo er auf die Polizei trifft.

Deutlich wird auch der ‚Altersumbruch‘, von dem Bobby gezeichnet ist: Nicht mehr ganz Kind und doch noch nicht Jugendlicher/Mann versucht er, sein Leben und alles ihn Umgebende mit der ihm eigenen Logik zu begreifen – und verfällt doch immer wieder in kindliche Denkmuster, die einfache Lösungen bevorzugen – und nicht selten Spiegelungen der gemachten Lektüreerfahrungen sind (s.u.).

Val schafft es geradeso, sich und ihre Tochter über die Runden zu bringen. Sie sorgt sich, nicht nur um die eigene Tochter Rosa, sondern auch zunehmend um Bobby, bis sie beschließt, ihm ein besseres Umfeld zu bieten und ihn seinem Umfeld zu entreißen. Die führt ihn an die Welt der Bücher heran, in die Bobby fortan abtauchen kann. Sunny ist für Bobby der echte und einzige wahre Freund, den er in der Schule hat und der sich vorbehaltlos für Bobby einsetzt:

„Sunny hatte Bobby während der ganzen vorherigen Woche beobachtet. Er hatte ihn dabei beobachtet, wie er sich in den Pausen mutterseelenallein am Rand des Sportplatzes herumdrückte. […] Sunny wusste nur zu genau, was es hieß, einsam zu sein. […] Auch er hatte sich schon oft so gefühlt, als wäre er bis in die Knochen mit Radioaktivität verseucht. Sunny war ziemlich groß für einen Zwölfjährigen. Bobby hingegen war klein und giftig und bleich wie eine Schüssel Milch. Er sah aus, als bräuchte er dringend einen Freund, egal in welcher Form oder Farbe. Dieses neue Bündnis war also von beiderseitigem Vorteil.“ (S. 24/25)

Sunnys Stärke, die sich sowohl körperlich als auch mental zeigt, kommt nicht von ungefähr, hat ihm doch Whitehouse augenscheinlich ein bekanntes Vorbild ‚verpasst‘: Sunny heißt mit Nachnamen Clay und verweist auf Cassius Marcellus Clay, der später als Muhammad Ali im Boxring Karriere machen sollte. Wie Cassius Clay so ist auch Sunny bereit, alles zu opfern, um seinem Freund zu helfen, damit er siegreich aus den Konfrontationen und Sticheleien hervorgeht.

Der Outlaw Joe, den Bobby, Val und Rosa auf ihrer Reise aufgreifen und schließlich mitnehmen, entpuppt sich als Sohn eines Adeligen. Sein Leben weist erstaunliche Parallelen zu dem Bobbys auf: Auch sein Vater hat sich nicht um ihn gekümmert, sondern die eigenen Bedürfnisse über die des Sohnes gestellt, so dass dieser fast auf die schiefe Bahn geraten wäre und schließlich der Armee beigetreten ist in der Hoffnung, dort Disziplin und Ordnung zu lernen und damit eine Struktur in seinem Leben zu erhalten. Unehrenhaft aus der Armee entlassen – er hat einen Vorgesetzten im Krieg erschossen, da er den Befehl gab, dass Joe ein Kind erschießen soll – ist er nun auf der Flucht und auf dem Weg zu seinem Vater.

Zur gelungenen Konzeption der Geschichte tragen sicherlich auch die zahlreichen nahezu als philosophisch zu bezeichnenden Feststellungen bei, die das Buch durchziehen und die mal vom Erzähler, der hier immer wieder als eigene Instanz erscheint, mitgeteilt werden, oder von anderen Figuren geäußert werden:

„Fehler sind jene Momente, während derer wir die Zukunft so fest umklammern, dass sie uns zwischen den Fingern zerbirst, und wir erkennen, dass wir aus den verbliebenen Bruchstücken eine vollkommen andere Zukunft bauen müssen, eine, die nie wieder so sein wird wie vorher.“ (S. 35)

„Aber ist so nicht das Leben? Der Strom reißt dich mit, hierhin, dorthin. Manchmal wirst du an Land gespült, manchmal gegen die Felsen geschleudert, egal, wie sehr du dagegen ankämpfst.“ (S. 294)

Erzählt wird das Buch in einer ruhigen Sprache, die mitunter sehr visuell gefärbt ist und den Erzähler in die Handlung hineinzieht. Die anfängliche Distanz, die sich durch den plötzlichen Einstieg in die Handlung ergibt, löst sich im Laufe der Handlung auf, so dass der Leser ganz bei den Figuren ist und sowohl deren Alltag als auch deren emotionale Reaktionen darauf miterlebt.

Intertextuelle Bezüge

Die zahlreichen intertextuellen Bezüge machen das Buch zudem auf eine andere Art unterhaltsam: Bobby wird von Val zum Lesen gebracht und verschlingt die Bücher. Aus seiner Unkenntnis heraus liest er, was er in die Hände bekommt und erinnert an die Queen in Alan Bennetts Die souveräne Leserin, die ebenfalls zufällig und ungeplant das Medium Buch für sich entdeckt und alles liest, was ihr interessant erscheint. Es sind Ahnungslosigkeit, die scheinbare Respektlosigkeit vor den Büchern und Hunger nach Neuem, die beide antreiben und sie alles Literarische aufsaugen lassen, was für sie greifbar ist. Beider Leben werden nachhaltig beeinflusst: Während die Queen beschließt abzudanken, um selbst schreiben zu können, zieht Bobby Vergleiche zwischen sich, seinem Leben und den Romanhelden und ihren Abenteuern, in denen er zahlreiche Parallelen entdeckt und sich im Grunde die Hilfe aus den Büchern holt, die er liest, anstatt sich die Hilfe bei Erwachsenen zu holen, die ihm tatsächlich einen realen Ausweg bieten könnten. Gleichzeitig helfen ihm seine Lektüreerfahrungen, sich stark zu fühlen und seinen Romanhelden nachzueifern, um genauso tapfer und mutig zu sein wie sie.

„Manchmal, wenn eine seiner geliebten Romanfiguren Angst bekam, konnte er hören, wie ihr Herz raste. […] Er erlebte ihre Geschichte nicht mit ihr zusammen, sondern für sie. Ihr Schicksal wurde zu seinem eigenen. Heute war er Jonathan Swifts Gulliver und als solcher gerade Gefangener der Liliputaner. Ihre winzigen Messer und Speere ritzten ihm den Bauch auf. Bobby griff sich an die Wunde und hob seine blutige Hand. Gemeinsam flehten er und Gulliver um ihre Freiheit.“ (S. 159)

Doch nicht nur mit Büchern macht Bobby Bekanntschaft, sondern auch mit Filmen: Hier ist es sein Freund Sunny, mit dem er sich einen Film nach dem anderen anschaut. Und auch hier ist er unbedarft und schaut, was sich ihm bietet. Dem Leseverständnis tut es im Übrigen keinen Abbruch, wenn man die Verweise auf literarische und filmische Werke nicht (er)kennt; Im Gegenteil bieten sie eine ergänzende Erzählebene, die den Leseprozess bereichert.

Motivkomplexe

Der Roman greift zahlreiche ‚klassische‘ Motive auf, die auch in der Kinder- und Jugendliteratur immer wieder thematisiert werden. Zu allererst fällt das Motiv des Cyborgs auf. Sunny beschließt, für Bobby unbesiegbar zu werden und will sich in einen Cyborg verwandeln, ein Geschöpft, dessen Historie sich zurückverfolgen lässt bis in die Antike und sich speist aus zahlreichen Versuchen, einen künstlichen, perfekten Menschen zu kreieren (siehe dazu Planka (ed.): Critical Perspectives on Artificial Humans (2016)). Als nahezu unbesiegbar und stark codiert fungiert der Cyborg für beide – für Sunny und für Bobby – als eine Art Schutz, um sich gegen Bedrohungen zur Wehr setzen zu können. Das Menschliche, Schwache wird hinter dem Mantel des oft aus Metall und Stahl konstruierten Cyborgs versteckt, so dass sich Sunny auch gegen eine bedrohliche Übermacht behaupten und Bobby beschützen kann.

Beim Motiv des Outlaws, also das des Gesetzlosen, werden Erinnerungen an v.a. Westernfilme wie „Billy the Kid“ oder „Gesetzlos – Die Geschichte des Ned Kelly“ wachgerufen und damit an Protagonisten, die allein gegen das Unrecht der Welt kämpfen. Auch hier, korrespondierend zum Motiv des Cyborgs, sind es Stärke und Mut, die charakteristisch sind für die Helden und zudem ein starkes Männlichkeitsbild hervorrufen, das sich behaupten und für sich uns die eigenen Bedürfnisse einstehet.

Die Patchworkfamilie nimmt motivisch ebenfalls einen großen Bereich ein, erfährt Bobby doch in der ‚künstlichen‘ Familie das, was er zuletzt bei seiner Mutter erfahren hat: Liebe, Zuneigung und Verständnis, etwas, das sein leiblicher Vater ihm nicht mehr zu geben imstande ist. Das Motiv des Künstlich-konstruierten findet sich hier auf einer anderen Eben wieder und korrespondiert so mit dem künstlichen Menschen, dem auch eine Zweckgebundenheit innewohnt.

David Whitehouse‘ Buch ist ein berührendes, tiefschichtiges Buch gelungen, das sich auseinandersetzt mit der Bedeutung von wahrer Freundschaft, Zuneigung und Vertrauen, aber auch mit Mut, Stärke und der Kraft, anderen in schweren Situationen beizustehen. Dass es dabei auch unkonventioneller Methoden bedarf, wird vor dem Hintergrund dessen, was die Protagonisten erleben, auf menschlicher und emotionaler Ebene nachvollziehbar. Daneben ist es – quasi als Subtext – eine Hommage ans Lesen und an die Liebe zu Büchern selbst, die „Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek“ auf einer zweiten Ebene zu einem spannenden und nachhaltigen Lesevergnügen machen.

Literatur

David Whitehouse: Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek. Aus dem Englischen von Dorothee Merkel. Stuttgart: Klett-Cotta 2015.

Planka, Sabine (ed.): Critical Perspectives on Artificial Humans in Children’s Literature. Würzburg: Königshausen & Neumann. Erscheinen geplant für Ende 2016.

Utley, Robert M.: Wanted. The outlaw lives of Billy the Kid & Ned Kelly. New Haven: Yale University Press 2015 (= Lamar series in western history).