von Dennis Fassing 

Durch die Zuschauerränge im großen Frankfurter Stadion geht ein Raunen, als Na’Vi.Dendi seinen Verfolgern auf dem Spielfeld zweimal hintereinander durch geschickte Hakenschläge knapp entkommt, dann aber doch eingeholt und niedergestreckt wird. Dendi, so ist zu spüren, war ein Fan-

Favorit.Und er ist es immer noch, denn kurze Zeit später respawnt sein Spielavatar in der heimischen Basis und wirft sich erneut in die Schlacht. In Frankfurt wird an diesem 29. Juni 2014 auf der ESL One Valves Dota 2 gespielt, ein kompetetives Computerspiel, in dem zwei Team á fünf Spieler gegeneinander antreten, deren Ziel es ist, die eigene Basis zu verteidigen und dabei die gegnerische Stellung einzunehmen. Tausende solcher Partien werden täglich auf den Online-Servern der Plattform Steam gespielt. Die Besonderheit dieses Tages und dieses Events liegt darin, dass es eben kein Online-Turnier ist, sondern in der Frankfurter Commerzbank-Arena ausgetragen wird, vor einem Livepublikum von ungefähr 25.000 Zuschauern. Es ist das erste Mal, dass in Deutschland ein E-Sport Ereignis in der Kulisse eines Fussballstadions ausgetragen wird.

Eine kurze Einführung in Dota 2

Dota 2 ist ein sogenanntes Free-to-Play ‚Moba‘, eine Multiplayer Online Battle Arena. Dota ist eine Kurzform für Defense of the Ancients, was auch schon eine der Hauptaufgaben des Spiels beschreibt. Die beiden gegeneinander antretenden Teams bestehen jeweils aus fünf Spielern und müssen das Hauptgebäude ihrer eigenen Basis verteidigen, während sie das Hauptgebäude der Gegner zerstören. Jeder Spieler steuert dabei einen Avatar, eine einzelne Spielfigur, die vorher aus einer reichhaltigen Heldengalerie ausgewählt wird. Jeder Held und jede Heldin werden im Laufe des Spiels durch ausgeteilten Schaden immer stärker, sie gewinnen an Erfahrung, was neue Fertigkeiten beschert und an Gold, was neue Ausrüstungsgegenstände zur Verfügung stellt.

Essentiell für das Moba-Genre ist ein funktionierendes Zusammenspiel des Teams. Auf sich allein gestellt wird man keinen Erfolg haben, es gilt stattdessen, die fünf verschiedenen Charaktere des Teams effektiv zu kombinieren und die Schwächen in der gegnerischen Zusammenstellung auszunutzen. Dies kann etwa dadurch geschehen, dass ein offensiver Charakter angreift und von einem unterstützenden Helden im Hintergrund geheilt wird. Ein defensiver Spieler kann sich mit seinem Avatar in diesem Szenario im Hintergrund halten und die Kontrahenten am Vorwärtskommen hindern.

Dies ist natürlich nur ein aufs Minimale reduzierter Überblick über das Spiel. Wer sich mehr Wissen über den Titel anlesen möchte, dem sei hier ein szenetypisch optimistischer Guide für Einsteiger empfohlen.

Warum E-Sport nun in Stadien gespielt wird

Die E-Sport-Szene bemüht sich schon lange, als ‚echter‘ Sport aufgefasst zu werden. Während etwa Schach als Sportart anerkannt ist (und somit auch gefördert wird), sieht die breite Masse der Öffentlichkeit Computerspiele und ihre professionellen Spieler immer noch nicht als ernstzunehmende Elemente an. E-Sport Organisationen wie die ESL und Publisher wie Valve setzen daher auf Größe und mediale Sichtbarkeit, um ihre Events einem breiteren Publikum nahe zu bringen. Dota 2 bietet sich dabei als Titel für die Inszenierung an. Es hat eine starke Community, besitzt viele Elemente eines fairen kompetetiven Wettkampfs und kann gleichzeitig durch sein Fantasy-Setting und seine eher bunte Comicgrafik von anderen medialen Berichterstattern nur schwer als ‚Killerspiel‘ abgestempelt werden. Das Kalkül scheint aufzugehen, denn am Wochenende des Turniers berichten unter anderem das Heute-Journal und die Süddeutsche Zeitung von der Frankfurter ESL One.

Die Menge jubelt – Der neue Ort des Events

Durch die imposante Kulisse der Frankfurter Commerzbank-Arena war der Charakter eines Sportevents fraglos gegeben. Schon auf dem Weg ins Stadion mischte man sich unter einen steten Strom von Zuschauern, viele von ihnen in den Trikots und Farben ihrer favorisierten Teams gekleidet. Schon am Morgen des Finaltages war die Arena gut besucht. Der gesamte Innenraum war dicht besetzt, auch die Ränge auf der Haupttribüne waren mit Inhabern der teuersten Tickets gefüllt. Neben dem großen Zuschauerraum gab es einen Entertainmentbereich, in dem man Probe spielen, Gaming-Equipment kaufen und auf Autogrammjagd gehen konnte.

Das eigentliche Turnier war ebenfalls gut umgesetzt. Die Kontrahenten spielten auf einer Showbühne, in eigenen Teamkabinen, mit offenem Blick auf die Masse der Fans. Professionelle Kommentatoren gaben dem Spiel eine zusätzliche Ebene, ihr ‚Calling‘ ist neben dem Livestream auch im Stadion zu hören. Dies verlieh den Matches eine wichtige zusätzliche Struktur, vor allem für diejenigen vor Ort, die mit Dota 2 selbst weniger vertraut waren. Die Inszenierung der Übertragung sorgte für weiteres Spielverständnis. Auf einer großen Leinwand sah das Publikum den ebenfalls ins Netz übertragenen Livestream des Matches. Das Geschehen des Spiels wurde dabei durch viele Interface-Elemente ergänzt, wie etwa Informationen zu Kills, Einkommen oder gesammelter Erfahrung der Teams und Spieler. Die Partien waren zusätzlich von kurzen An- und Abmoderationen sowie einzelnen Interviews mit den Akteuren verbunden.


Watch live video from esltv_dota on TwitchTV

All diese Elemente setzten die ESL One auf eine Stufe mit anderen Sportveranstaltungen. Es wurde bewiesen, dass mit E-Sport ein Fussballstadion zu füllen ist und das eine solche Großveranstaltung auch logistisch gestemmt werden kann (auch wenn es – wie bei E-Sport Turnieren schon oft gesehen – zu großen Verzögerungen im Spielplan kam). Während der Veranstaltung wurde bekannt, dass die ESL auch im kommenden Jahr ein Stadionevent veranstalten will. Sie scheint dafür auf alle Fälle gut gewappnet.

Was kann die Zukunft bringen?

Trotz der zunehmenden Professionalisierung sind E-Sport Events dieser Größenordnung immer noch in ihrer Findungsphase. Es bietet sich daher an, Wünsche und Verbesserungsvorschläge für die Zukunft zu formulieren. Diese Ideen sind natürlich stark subjektiv und an dieser Stelle aus der Sicht eines ‚Casuals‘ formuliert, eines Zuschauers, der wenig Einblick in die Regeln und Feinheiten der Sportart Dota 2 hat.

Ein grundlegendes Element, welches mir persönlich auf der Veranstaltung sehr geholfen hätte, wäre mehr Informatiosmaterial über den gespielten Titel gewesen. Als Fan von Gaming und auch E-Sport habe ich eine grundlegende Sympathie für das Konzept großer Live-Events. Da Dota 2 jedoch nicht ‚mein‘ Spiel ist, fühlte ich mich vom Geschehen in den Matches schnell abgehängt und orientierte mich daher vor allem an den Reaktionen der übrigen Zuschauer. Der Kommentar zu den Matches half zwar erheblich dabei, zu verstehen, wann etwas Wichtiges passierte, er war jedoch gleichzeitig unheimlich voraussetzungsreich, was die Begriffe und Konzepte des Spiels anging. Für einen Großteil der Fans im Stadion war diese Form des Casts sicherlich genau richtig, interessierte Neulinge dürfte es aber überfordert haben. Eine Zukunftslösung könnten Infomaterialien in Form kleiner Give-Aways sein, die die wichtigsten Grundbegriffe und -taktiken des gespielten Titels erklären. Auch denkbar wären Infopoints, an denen man geschulten Mitarbeiten Fragen zum Ablauf des Spiels stellen könnte. Dies mag aufwendig klingen, jedoch ist zu Bedenken, dass dieses Angebot nur von einem Teil der potentiellen Zuschauer genutzt werden wird. Dieser Teil scheint mir jedoch keineswegs zu vernachlässigen, will man tatsächlich dem Anspruch gerecht werden, E-Sport als eine Art Breitensport zu etablieren. Die plakatierte Werbung in Frankfurt, auf der man für ein „Gaming-Event“ warb, spricht auf alle Fälle dafür, dass mit der ESL One nicht nur der harte Kern der Dota 2 Spieler angesprochen werden sollte.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es derartige Entwicklungen in der nahen Zukunft geben wird. Das nächste große Dota-Event, The International  wird Livestreams für verschiedene Zuschauergruppen bieten, unter anderem auch einen Newcomers-Broadcast. Neben dem Live-Turnier in der Keyarena in Seattle und den verschiedenen Streams wird es überall auf der Welt sogenannte Pubstomps geben, also Public Viewings in Pubs, Kneipen und Sports-Bars. Allein diese breite Ausrichtung und Eventisierung gibt schon eine Auskunft darüber, dass der E-Sport generell und das Moba-Genre als eine seiner populärsten Disziplinen große Pläne hat. Wer davon an dieser Stelle noch nicht überzeugt ist, sollte einen Blick auf das Preisgeld des The International werfen. Dieses wird zu einem großen Teil von freiwilligen Käufen der Community gesponsort und liegt aktuell bei 10.397.994 US-Dollar. Bei diesen Summen sollte auch den größten Skeptikern klar werden, dass dies nicht mehr das Hobby einiger weniger Nerds ist, sondern dass hier eine große und starke Gemeinschaft dabei ist, revolutionäres Neuland zu betreten.

Medien

Dota 2. Valve: 2013. Computerspiel

esltv_dota: Invictus Gaming vs. Evil Geniuses – Grand Final Map 3 – ESL One Frankfurt 2014. http://www.twitch.tv/esltv_dota/c/4562974. Zugriff am 05.07.2014. Internetvideo.