von Imad Mustafa

Schaut man heute in die Auslagen der Buchhändler, dann wird man mit einer wahren Flut von Publikationen, Berichten und Titelstories zum Salafismus, Dschihadismus oder dem sogenannten Islamischen Staat (IS) konfrontiert. Verlage, Zeitungen, Think Tanks und Universitäten scheinen sich in der Anzahl der Veröffentlichungen geradezu übertrumpfen zu wollen, so als ginge es hier um einen Wettbewerb. Im Zentrum der Veröffentlichungen steht zunehmend die These vom Salafismus als „radikaler Jugendsubkultur“. Doch was ist wirklich an dieser These dran?

Salafismus als Jugendsubkultur?

Zottelbärte, lange Gewänder, Gesichtsschleier und Kopftuch – das sind die Hauptelemente des neuen Dschihad-Chic, der muslimische Jugendliche von heute angeblich so sehr anzieht. Garniert werde das Ganze von einer „eigenen“ Sprache, die von arabisch-religiösen Floskeln durchdrungen sei, um so dem eigenen Anspruch einer gottgefälligen und authentisch islamischen Lebensweise Ausdruck zu verleihen. Der Antrieb dieser Jugendlichen? Provokation und selbstbestimmte Abgrenzung, Empowerment! Oder in den Worten des Münsteraner Soziologen Aladin El-Mafaalani, der sich eingehend mit dieser Thematik beschäftigt und viele Gespräche mit Jugendlichen geführt hat: „Die alltagspraktische Funktion eines Kopftuchs (oder gar einer Burka) weist – bei allen Unterschieden – unglaublich viele Ähnlichkeiten mit dem punkigen Irokesen in den 1970ern auf“ (El-Mafaalani, Macht, ruhrbarone.de). Es erzeuge Ablehnung und Angst bei vielen Menschen in westlichen Gesellschaften und stehe angesichts von Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen für ein „Jetzt erst recht!“ islamischer Emanzipation und islamischen Selbstbewusstseins. Bedenkt man Feindbildkonstruktionen (ebd.) und den Rechtfertigungsdiskurs, in den deutsche Muslime wegen der Gewalttaten des sogenannten Islamischen Staates gezwungen werden (Vgl. Toprak, Muslime, Die Welt), weil sie pauschal mit dessen entgrenzter Gewalt in Verbindung gebracht werden, scheint dies eine plausible Reaktion zu sein. Die Haltung des Westens, in Irak und Syrien nur dann nach Interventionen zu rufen, wenn es um die Rettung von Nicht-Muslimen gehe, werde als unmoralisch gesehen und bestätige die Jugendlichen auf ihrem Weg, so El-Mafaalani (El-Mafaalani, Macht, ebd.). Auf der anderen Seite eigne sich der Salafismus wunderbar, um die wenig religiösen, aber konservativen Eltern zu verunsichern und sich von deren Doppelmoral zu lösen, nach der Jungs alles, Mädchen aber nichts tun dürften. Bei den Salafisten hingegen sei es anders, denn „die Jungen dürfen auch nichts!“ (Brühl/ElMafaalani, Burka, SZ; vgl. El-Mafaalani, Salafismus, S.355-362). Angesichts des rigiden Verhaltens- und Sittenkodexes der Salafisten bleibt dies eine gewiss merkwürdige Form der Gleichstellung.

Auf der Suche nach Sinn und Identität

Einen anderen Ansatz wählen Autoren wie Lamya Kaddor oder Claudia Dantschke. Zwar stimmen sie der These vom Salafismus als Jugendsubkultur zu. Doch im Gegensatz zu El-Mafaalani erscheinen die jugendlichen Salafisten bei ihnen als Opfer, die wahlweise „religiös-theologische Analphabeten“ (Dantschke, S. 480), „postalphabetisch“ (Paoli, Paradies, FAZ) oder „mit salafistischem Gedankengut infiltriert“ (Kaddor, S. 46) seien, nachdem das eigenständige „Denken der Jugendlichen ausgeschaltet“ (ebd. S. 52) worden sei. Hinzu komme die Suche nach Orientierung und Halt, nach einfachen Antworten auf drängende Fragen. In einer Zeit, der es an „zukunftsweisenden Jugend- oder Protestkulturen“ (El-Mafaalani, Macht, ebd.) mangele oder sich diese in „Trends aufgelöst hätten“ (Paoli, Paradies, ebd.) erfülle der Salafismus mit seiner nostalgischen Verklärung der Vergangenheit ein Bedürfnis der Menschen nach Sinn und Orientierung. Auch Dantschke und Kaddor stimmen diesem Befund zu, heben aber mehr auf die individuelle „Persönlichkeitsstruktur der Jugendlichen“ (Kaddor, S. 47) ab. Diese und nicht soziale Umstände allein, seiim Einzelfall ausschlaggebend dafür, dass Jugendliche den „ausgeklügelten Angeboten“ der Rekrutierer verfallen würden, die sich in ihre „Lebenswelt einschleichen“ (ebd. S. 48). Die Anwerbung, konkretisiert Dantschke, würde über die emotionale und nicht die Wissens-Ebene laufen: „Eine abstrakte, nicht an den eigenen Bedürfnissen orientierte Erklärung würde sie nicht an diese Szene binden.“ (Dantschke, S. 481)

Salafismus als postmoderne Antwort auf Konsumterror und Wirtschaftskrise?

Während die These vom Salafismus als Jugendkultur und Reaktion auf die Auflösung hergebrachter Vergesellschaftungsformen einiges für sich hat, müsste man globaler ansetzen und fragen, inwieweit die Aufkündigung des Gesellschaftsmodells der „sozialen Marktwirtschaft“ und der weltweite Siegeszug neoliberaler Ordnungsprinzipien und Mechanismen zu einem Abdriften sozial Entfremdeter und ökonomisch Marginalisierter in den Salafismus beiträgt. Das Empowerment der muslimischen Jugendlichen in Form des Salafismus ist, da hat El-Mafaalani Recht, zwar Teil postmoderner, ich-bezogener Formen der Sinnsuche, ähnlich der Hinwendung zu Naturreligionen, Yoga oder Esoterik. (Vgl. El-Mafaalani, Die Macht, ebd.) Doch sein Angebot ist mitnichten postmodern. Sein back to the roots islamischer Ursprünglichkeit, seine über nationale Grenzen hinweg praktizierte Solidarität, und der kollektiv-identitäre Gemeinschaftssinn, den er unter seinen Anhängern stiftet, wirken gerade auf diejenigen attraktiv, die sich gegen die neoliberalen Prinzipien der entgrenzten Konkurrenz, der damit einhergehenden rassistischen Ausgrenzung und der Kommodifizierung aller Lebensbereiche stellen wollen.

Dass diese Form der religiös-politischen Artikulation weder in das Raster der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, noch in dasjenige progressiver linker Gesellschaftsentwürfe passt, macht die Ablehnung und Abwertung der salafistischen Jugendlichen, selbst wenn sie sich in innerer Mission befinden und nichts mit militantem Dschihad am Hut haben, umso leichter. Doch genau am Umgang mit der religiösen Erweckungsbewegung einer Minderheit, die sich an einer zuweilen rassistischen Mehrheitsgesellschaft reibt, muss sich eine Gesellschaft messen lassen, die sich als liberal und offen versteht. Feindbildkonstruktionen, Stigmatisierung und das Schüren von Ängsten sind gewiss der falsche Weg. Nur ein bewusster politischer Diskurs, der Ursachen klar benennt und hier auch die Verantwortung „des Westens“ bei der Katastrophe in Syrien und Irak nicht ausklammert, kann zu einer Einhegung der militanten Formen des Salafismus beitragen.


Brühl, Jannis/El-Mafaalani, Aladin: Burka ist der neue Punk. Salafismus als Jugendkultur. Interview mit Aladin El-Mafaalani www.sueddeutsche.de/politik/salafismus-als-jugendkultur-burka-ist-der-neue-punk-1.2318706. Zuletzut abgerufen: 10.05.2015, Süddeutsche Zeitung.

Dantschke, Claudia: Was macht Salafismus attraktiv und wie kann man diesem entgegenwirken, in: Fouad, Hazim/Said, Behnam T.: Salafismus. auf der Suche nach dem wahren Islam, Herder: 2014, S. 474-502.

El-Mafaalani, Aladin: Die Macht der Provokation – Eine andere Perspektive auf den Salafismus. www.ruhrbarone.de/die-macht-der-provokation-eine-andere-perspektive-auf-den-salafismus/97300. Zuletzt abgerufen: 10.05.2015, Ruhrbarone.

El-Mafaalani, Aladin: Salafismus als jugendkulturelle Provokation, in: Schneiders, Thorsten Gerald (Hg.): Salafismus in Deutschland. Ursprünge und Gefahren einer islamisch-fundamentalistischen Bewegung, transcript 2014, S. 355-362.

Kaddor, Lamya: Dschihad aus Dinslaken: der Weg in den „Heiligen Krieg“, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 04/2015, S.45-57.

Paoli, Guillaume: Nächste Runde: Paradies. www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/terror-und-mediengesellschaft-naechste-runde-paradies-13376331.html. Zuletzt abgerufen: 10.05.2015, FAZ.

Toprak, Ali Ertan: Muslime, distanziert Euch endlich vom IS! www.welt.de/debatte/kommentare/article133809483/Muslime-distanziert-Euch-endlich-vom-IS.html. Zuletzt abgerufen: 10.05.2015, Die Welt.