Kinder- und Erwachsenenbilder im Auflösungsprozess

Teil 2: Generationenbeziehungen in The Cosby Show

Der erste Teil dieser Blogreihe widmete sich Parenthood und stellte die Behauptung auf, dass Erwachsensein und Kindheit / Jugend in der Serie noch klar getrennte Sphären sind. Anstatt Grenzen zu verwischen, wird hier auf ein Einhalten bekannter Rollenmuster bestanden. Damit, so meine Behauptung, ist Parenthood nicht im Trend. Vielmehr zeigen die meisten aktuellen Serien, wie sich Kinder / Jugendliche und Erwachsene immer weiter annähern. Als eines der bekanntesten Beispiele soll dazu ABCs Modern Family vorgestellt werden. Doch bevor ich mich den aktuellen Serien widme, möchte ich einen Blick zurück auf eine der bekanntesten Fernsehfamilien werfen – den Huxtables. i)

Erwachsene als Erzieher

Im Sommer diesen Jahres nannte Bill Cosby in einem Interview auf ABC einen wichtigen Faktor für die Konzeption von The Cosby Show: “I hated those series where the children were brighter than the parents, and those parents had to play dumb.“ Unterhaltung dürfe nicht auf Kosten der Erziehung durch die Eltern gehen, sagte Cosby, nicht “at the expense of keeping children out of harm’s way to get these laughs, to make these parents look stupid, to make kids look like they are ultra-bright but still lost (…).” Cosby rückt damit einen Aspekt in den Vordergrund, der bisher wenig Beachtung bei der Besprechung der Show gefunden hat: das Verhältnis von Kindern und Eltern.

Mehr als in irgendeiner mir bekannten Serie wird in The Cosby Show der Prozess der Kindeserziehung zum Fokus der Handlung. Gespräche zwischen Eltern und Kindern nehmen den Großteil der meisten Episoden ein. Über die Jahre werden fast alle Unterhaltungen und Situationen vorgeführt, die man sich zwischen Eltern und Kindern vorstellen kann. Wir sind dabei, wenn Rudy Fahrradfahren lernt (S02E21), Vanessa Alpträume hat (S01E03) und ebenso, wenn Rudy und Clair sich über Rudys erste Periode unterhalten (S07E09). Oft verzichten einzelne Episoden fast komplett auf einen Handlungsbogen und zeigen stattdessen die intensive Auseinandersetzung der Eltern mit ihren Kindern. In “Denise’s Friend” (S02E11) etwa besteht die Hälfte der Folge aus einer Familiensitzung in der Cliff und Clair ihren Kindern versichern, dass sie ihnen immer alles erzählen können und sie immer für sie da sein werden. Eltern, so macht die Serie deutlich, sind in erster Linie Erzieher und Beschützer.

Cliff der Ernährer

Die VoTheosHolidayrbereitung der Sprösslinge auf das Leben außerhalb der elterlichen Fürsorge ist ein wiederkehrendes Motiv der Show. So rechnet Cliff schon in der allerersten Folge seinem Sohn Theo mit der Hilfe von Monopolygeld vor, wie kostspielig Lebensunterhalt ist und dass er ohne einen gut bezahlten Job nicht weit kommen wird. Dieselbe Botschaft wird noch einmal in“ Theo’s Holiday” (S02E22), im Deutschen adäquat als „Was das Leben wirklich kostet“ betitelt, aufgegriffen. In dieser Folge verwandelt Cliff das Haus der Huxtables in ein Apartmenthaus in der ‘realen Welt’. Theos Jugendzimmer wird komplett leergeräumt und dem Sohn nun zur Miete angeboten. Theo bekommt Startkapital von seinem Vater. Von diesem soll er nun Miete, Möbel und Essen zahlen. Die Institutionen, die er dazu aufsuchen muss, werden alle von Familienmitgliedern dargestellt. Nach wenigen Stunden ist das Geld verbraucht. Das Zimmer, welches zuvor vor Möbelstücken und Kleidung nur so überquoll, ist spärlich eingerichtet. Für ein Bett hat es nicht gereicht. Strom gibt es auch keinen. Die Folge macht deutlich, dass der Lebensstandard, welchen die Kinder gewöhnt sind, der Großzügigkeit der Eltern entspringt.

Diese Großzügigkeit und damit verbunden die finanzielle Abhängigkeit der Kinder wird in der Serie in fast jeder Folge angesprochen. Geld wir zu einem der zentralen Machtinstrumente in familiären Auseinandersetzungen. In “Mrs. Westlake” (S02E12) beschwert sich Theo bei seinem Vater darüber, dass dieser einfach seine Lehrerin Mrs. Westlake zu ihnen nach Hause zum Abendessen eingeladen hat, ohne ihn zu fragen, ob ihm das Recht ist. “You didn’t even ask me if she could come over for dinner.” Daraufhin denkt Cliff einige Sekunden nach, steht auf und geht zum Sekretär. Von dort holt er einen Stapel Post und fängt an sich jeden einzelnen Umschlag anzusehen. Schließlich sagt er zu seinem Sohn: “Now these are the bills. That’s the water bill. This is the mortgage. This is the electricity… Your name is not on any of these.” (≈ 04:00) Wer zahlt entscheidet. Die Szene wird von anhaltendem Gelächter begleitet. Theos Verhalten wird als komisch dargestellt und Cliffs selbstverständlicher Machtanspruch so noch unterstrichen.

Am Anfang von der Episode “The March” (S03E06) kommt Cliff in die Küche. Er geht zum Kühlschrank und will sich Orangensaft einschenken. Doch dieser ist leer. Er geht zum Küchentisch und setzt sich neben Rudy, die noch Orangensaft in ihrem Glas hat. Beide einigen sich auf einen Tausch: der Orangensaft gegen zwei Stücke Melone. Doch bei der Übergabe nimmt sich Cliff einfach den Orangensaft und behält die Melonenstücke. “All is fair in love and breakfast” erklärt er Rudy. Er steht schließlich vom Tisch auf um Toast zu holen. Als er sich wieder an den Tisch setzt ist der Orangensaft weg. “All is fair in love and breakfast.” wiederholt Rudy die Regeln ihres Vaters. Der jedoch sieht sie an und fragt: “Do you know who I am? I am the man who loves you. Who works to buy the orange juice for you.” (≈ 02:00-4:30) Obwohl Cliff zunächst für sich angeführt hat, dass Tricksereien in Sachen Frühstück völlig in Ordnung sind, kann Rudy diese Regeln nicht für sich geltend machen. Statt Rudy diesen Sieg zu gönnen, wird Liebe in Form von finanzieller Zuwendung ins Feld geführt. Sie hat den Mann um seinen Orangensaft gebracht, der hart arbeitet, damit sie morgens Orangensaft trinken kann. Rudy wird zur moralischen Verliererin. Der Orangensaft, obwohl Rudy ihn sich zuerst eingeschenkt hat, war in dieser Logik schon immer Cliffs. Entsprechend der Ausrichtung der Serie, hat Rudy den Orangensaft natürlich nicht getrunken, sondern ihren Vater nur hinters Licht geführt. Zum Gelächter des Publikums gibt sie ihrem Vater den Saft.

Erwachsenwerden als Wiederholung von Gleichem

Kindheit und Erwachsensein in The Cosby Show sind klar voneinander getrennte Phasen. Das wird schon deutlich wenn in „Goodbye Mr. Fish“ (S01E02) Vanessa ihren Vater beim Nickerchen stört. „How important is it?“, fragt er seine Tochter. „An eight.“, gibt diese an woraufhin Cliff nachhakt: „Is it a child’s eight or an adult’s eight?” (≈ 1:45). Kinderprobleme, so die Aussage der Szene, können nicht auf derselben Skala abgebildet werden wie Erwachsenenprobleme, deren Sorgen viel schwerwiegender sind.
Clair und Cliff gehen in der Show zwar miteinander durchaus sehr verspielt um, es ist jedoch klar, dass Eltern und Kinder wenig miteinander gemeinsam haben. Weder bedienen sich die Eltern einer jugendlichen Sprache, noch mögen die Generationen die gleichen Filme, teilen denselben Kleidungsstil oder bewegen sich in der gleichen Musikszene. Wenn sich die Verhaltensweisen doch überschneiden wird dies meist vor den Kindern geheim gehalten. So etwa wenn Denise in “A Touch of Wonder” (S02E18) zu Stevie Wonder ins Studio eingeladen wird. Denise und Theo, als diese die Nachricht erhalten, schreien, singen und tanzen. Clairs Reaktion ist ruhig und gelassen: “That’s no reason for us to go crazy.” (≈ 10:30) Doch als Denise und Theo das Wohnzimmer verlassen haben, gräbt Clair vor Aufregung die Hände in Cliffs Pullover, ihre Stimme wird schrill und sie fängt an zu singen. Vor ihren Kindern ist Clair die erwachsene Mutter und erst vor ihrem Ehemann wird sie zum aufgeregten Fan.

In der SerThe three Huxtable Menie kennen Erwachsensein und Kindheit kaum Gleichzeitigkeiten. Viel eher präsentiert sich das Verhältnis der Generationen als eine stete Wiederholung von Gleichem. So gibt es zum Beispiel den “Huxtable Razor”, den alle Männer der Familie benutzen, wenn sie sich das erste Mal rasieren. Das eindringlichste Beispiel jedoch ist die Episode “Independence Day”. (S01E14) In dieser Folge lässt sich Theo einen Ohrring stechen, um ein Mädchen zu beeindrucken. Cliff hofft sein Vater Russell wird seinem Neffen eine Standpauke halten. Stattdessen erzählt Großvater Russell Theo davon wie Cliff sich als Teenager die Haare geglättet hat, um ein Mädchen zu beeindrucken. Die Konstellation wiederholt sich ein drittes Mal, wenn die Großmutter der Familie erzählt wie Großvater Russell sich als junger Mann den Namen des Mädchens, das er mochte auf die Brust hat tätowieren lassen. Am Ende der Folge sitzen Theo, Cliff und Russell auf einer Couch nebeneinander. Drei Generationen. Drei ähnliche Geschichten über drei leicht dumme Aktionen. Jugendlicher Blödsinn, so die Aussage, hat seinen festen Platz in der Jugend und in dieser Phase haben sich alle Huxtablemänner so verhalten. “Welcome to the club.”, (≈ 23:50) wird Theo von den älteren Männern begrüßt.

Wiederholung von Vorgängen zeigt sich auch in kleinen Dingen. In “The Auction” (S02E13) gehen die Huxtables zu einer Auktion, bei der Clair ein Familienerbstück zurück ersteigern möchte. Kurz nachdem sie dort angekommen sind gibt Cliff seinen Kindern die Anweisung nichts anzufassen. Anschließend versammeln sich alle vor dem Gemälde und Clair sagt zu Rudy, dass sie hofft, dass diese das Bild eines Tages ihren Kindern zeigen kann. Rudy entgegnet daraufhin: “I won’t let them touch it.” (≈ 15:20) Hier wird wieder das Machtverhältnis deutlich als welches die Generationen präsentiert werden. Für Rudy bedeutet Erwachsenwerden die Möglichkeit, Macht über ihre Kinder ausüben zu können und diesen gegenüber dieselben Verbote auszusprechen, die sie gerade noch von ihrem Vater gehört hat.

Kinder sind komisch – Eltern auch

Mit ihrer Darstellung vom Verhältnis Erwachsene und Kinder bleibt die Serie in diesem Aspekt hinter ihrer sehr modernen Darstellung der Geschlechterrollen zurück. Dennoch führt die konservative Generationenpolitik in der Serie gemeinhin nicht dazu, dass diese aufgrund dessen abgelehnt wird. Gründe dafür sehe ich in der Art der Darstellung. Erziehung ist Ausübung von Macht. Mit dieser Einstellung geht die Serie sehr offen um. Hinzu kommt, dass Kinder wie Erwachsene in der Serie als komisch und belustigend dargestellt werden. Teenager und Kinder, so der Blickwinkel der Show, sagen oft dumme Dinge, haben blöde Ideen, lieben es das elterliche Geld auszugeben und Lügen auch mal, um ein Ziel zu erreichen. Damit werden sie oft zum Lacher und, so die Botschaft der Show, das ist nicht schlimm. Kinder sind komisch, Eltern aber ebenso und oft werden Cliff und Clair zum Witz einer Szene und nicht selten aufgrund ähnlicher Verhaltensweisen, wie ihre Kinder. Es ist jedoch bemerkenswert, dass viel Humor auf Kosten der Eltern auf der Ebene der Eheleute generiert wird. Cliff und Clair sind weniger als Eltern komisch, als in ihrem Verhalten gegenüber ihrem Ehepartner.
Im ersten Teil dieser Blogreihe habe ich darauf hingewiesen, dass laut Soziologe Harry Blatterer der Erwachsene im allgemeinen Verständnis der Gesellschaft „connotes the end product of social and psychological development“ (20). Clair und Cliff Huxtable erfüllen in vielen Punkten Idealvorstellungen, was die gesellschaftliche und psychologische Entwicklung von Erwachsenen angeht. Beide sind verantwortungsbewusst, kümmern sich stets um ihre Kinder, versorgen diese mit allem was sie brauchen und nehmen ihre Rollen als Erzieher und Beschützer ihrer Kinder sehr ernst. Beide stellen eine Form von Autorität dar, die so verankert ist im gemeinhin akzeptierten Idealbild von Eltern, dass die Machtausübung kaum als negativ wahrgenommen wird.

Im dritten Teil der Blogreihe möchte ich mich Modern Family zuwenden. Hier wird, gerade im Vergleich mit The Cosby Show, deutlich, wie sich die Darstellung von Erwachsenen und Kindern verändert hat, hin zu einem Verhältnis in dem psychologische und gesellschaftliche Entwicklung  völlig neu verhandelt wird.

Anika Ullmann

i) Dieser Beitrag basiert auf den ersten 56 Episoden der Show. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass in den nächsten Monaten ein zweiter Blogartikel folgt, der das Verhältnis der ältergewordenen Kinder und deren eigenen Familien beleuchtet.

Literatur:

Blatterer, Harry. „Generations, Modernity and the Problem of Contemporary Adulthood”. Burnett, Judith (ed.) contemporary adulthodd. calendars, carttographies and constructions. (1. Auflage) Palgrave Macmillan: 2010.

Episoden:

„Pilot“. The Cosby Show. NBC. New York City. 20. September 1984.

„Goodbye Mr. Fish“. The Cosby Show. NBC. New York City. 27. September 1984.

„Bad Dreams“. The Cosby Show. NBC. New York City. 4. Oktober 1984.

“Independence Day”. The Cosby Show. NBC. New York City. 10. Januar 1985.

“Denise’s Friend”. The Cosby Show. NBC. New York City. 12. Dezember 1985.

“Mrs. Westlake”. The Cosby Show. NBC. New York City. 2. Januar 1986.

“The Auction”. The Cosby Show. NBC. New York City. 9. Januar 1986.

“A Touch of Wonder”. The Cosby Show. NBC. New York City. 20. Februar 1986.

“An Early Spring”. The Cosby Show. NBC. New York City. 20. März 1986.

“ Theo’s Holiday”. The Cosby Show. NBC. New York City. 3. April 1986.

“The March”. The Cosby Show. NBC. New York City. 30. Oktober 1986.

„The Infantry Has Landed (and They’ve Fallen Off the Roof)“. The Cosby Show. NBC. New York City. 8. November 1990.

Die Rechte für das Bildmaterial liegen bei der NBC, nicht bei mir.