Anika Ullmann

An den Wochenenden vom 10. – 12. und 17-19. Juni fand in vier deutschen Städten (Hamburg, Ulm, Köln und Dresden) Jugend hackt statt. Knapp 250 technikbegeisterte Jugendliche nahmen teil und machten sich, getreu dem Motto der Veranstaltung, daran mit Code die Welt zu verbessern. Sind Jugend musiziert und Jugend forscht staatlich geförderte Programme und seit Jahren fest etabliert, so ist Jugend hackt eine projektfinanzierte, noch eher junge Veranstaltung. Paula Glaser, Projektmanagerin des Programms, hat sich netterweise bereiterklärt, uns Jugend hackt näher vorzustellen.

Liebe Paula, was ist Jugend hackt?

Jugend hackt ist ein Förderprogramm für technikbegeisterte Jugendliche. Wir machen seit 2013 Hackathons für 12 bis 18 Jährige aus ganz Deutschland. Das ist der Standardsatz, den ich immer am Anfang jeder Beschreibung von Jugend hackt sage oder schreibe. Im Grunde ist Jugend hackt inzwischen aber ganz vieles: ein Veranstaltungsformat, ein Netzwerk, eine Community, Treffpunkt, Auslöser, Freiraum und ja, auch ein Förderprogramm. Was wir konkret machen, sind aber Hackathons. Wir organisieren also Wochenendevents, auf denen Jugendliche zusammenkommen. Wir bieten ihnen dort die Möglichkeit sich mit ihren technischen Fähigkeiten gesellschaftlich zu engagieren, indem sie eigene Projekte zu politisch relevanten Themen entwickeln und umsetzen. Unterstützt werden sie dabei von unserem großen Netzwerk an ehrenamtlichen Mentor/innen. Das Ende von Jugend hackt ist immer offen. Das heißt, wir wissen nie genau, welche konkreten Projekte sich die Jugendlichen überlegen. Ich denke, dieser Punkt ist entscheidend um Selbstwirksamkeitserlebnisse anzustoßen, nach dem Motto: ‘Meine Idee kann etwas bewirken. Ich werde hier Ernst genommen und kann sie umsetzen.’ Unsere stetig wachsenden Teilnehmer/innenzahlen und Events bestätigen uns, dass es Bedarf an Formaten, wie Jugend hackt gibt. Und sie zeigen uns, dass da draußen sehr viele Jugendliche sind, die nur darauf warten, die Gesellschaft mitzugestalten. Das kann man nämlich auch von einem Bildschirm aus 🙂

Der Begriff ‚hacken’ vereint inzwischen viele unterschiedliche Praktiken. Wie definiert Jugend hackt ‚hacken’?

Ich finde ja, man muss Dinge nicht paraphrasieren, wenn sie schon jemand perfekt auf den Punkt gebracht hat. Genau das hat Maria Reimer, die Projektleiterin von Jugend hackt dieses Jahr auf der re:publica für unser Verständnis des Begriffs ‘hacken’ getan. Deshalb verweise ich jetzt einfach ganz frech auf die Aufzeichnung ihres Talks 🙂

(Anm. der Redaktion: Der Vortrag von Maria Reimer ist der erste dieses Panels. 00:47-11:50)

Bei Jugend musiziert und Jugend forscht können sich die Teilnehmer meist schon zu Hause oder in der Schule ausführlich mit ihren Interessen befassen. Bei Hacken ist das etwas schwieriger. Coden wird, obwohl wir von digitalen Medien umgeben sind, nur selten an Schulen unterrichtet. Welche Fähigkeiten bringen die jugendlichen Teilnehmer mit? Wie bringen sich die Jugendlichen Hacken bei?

Man mag es kaum glauben, aber einige lernen doch zumindest die Grundlagen in der Schule. Man kann auch Glück haben und eine/n gute/n Informatiklehrer/in an der Schule haben. Die schicken dann ihr Schüler/innen sogar manchmal direkt zu Jugend hackt. Meistens beginnt der Informatikunterricht jedoch erst in der Oberstufe, wenn er überhaupt angeboten wird. Bis dahin sind die Jugendlichen mit ihrem Interesse aber erstmal alleine. Das Meiste bringen sie sich tatsächlich selber im Kinderzimmer bei oder bekommen es von Eltern, Freund/innen oder Geschwistern gezeigt. Gerade für diese Jugendlichen ist es ein total schönes Erlebnis, wenn sie bei Jugend hackt auf andere Gleichgesinnte treffen und merken, dass sie mit ihrem Interesse nicht alleine sind.

Geht man nach der Mehrzahl an Medienberichten, dann sind jugendliche Hacker Einzelgänger, die aus der Dunkelheit Ihres Kinderzimmers heraus, und hinter dem Rücken ihrer Eltern, Webseiten angreifen und Daten klauen. Wie positioniert sich Jugend hackt zu diesen Konzepten von jugendlichen Hackern?

Da kann ich nur wieder auf den Talk von Maria oben verweisen. Ich denke, wer einmal bei einem Jugend hackt Event war, wird sehr schnell merken, dass mediale Inszenierung und gelebte Wirklichkeit nicht sonderlich viel miteinander zu tun haben. Die Jugendlichen, die zu uns kommen sind zwar mit ihrem technischen Interesse häufig alleine, manche vielleicht auch Einzelgänger. Bei Jugend hackt eint sie aber schnell ihr gemeinsames Interesse. Wir verwenden den Begriff des hackens bewusst politisch und diskutieren auf unseren Events mit den Jugendlichen und Vertreter/innen aus der Hackerszene (meistens vom Chaos Computer Club (CCC)), welche Bedeutung die Hackerethik (https://www.ccc.de/de/hackerethik) hat und welche Auswirkungen sie auf das eigene Handeln haben kann.

Wie vereinbaren die Jugendlichen selbst dieses negative Bild von Hacken mit ihrem Hobby?

Ich glaube, viele würden sich zunächst nicht als Hacker bezeichnen. Sie haben einfach Spaß an Technik. Die, die sich eingehender mit der Hackerszene in Deutschland beschäftigen, verstehen aber auch recht schnell, dass es beim Hacken um mehr geht, als darum Systeme kaputt zu machen und Daten zu stehlen. Teilweise besuchen sie schon Hackspaces, beispielsweise des CCC, und fühlen sich dieser Gemeinschaft und seiner Ethik schon sehr angehörig.

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Schaut man sich die Webseite von Jugend hackt an, sieht es so aus, als habe hier die Gleichberechtigung längst Einzug gehalten. In Eurem Mentorenteam wie auch unter den Jugendlichen ist das weibliche Geschlecht durchaus stark vertreten. Wie habt ihr das erreicht? Oder trügt der Eindruck?

Der Eindruck trügt leider etwas. Obwohl unsere Quote mit durchschnittlich 20% Mädchen für Technikveranstaltungen nicht schlecht ist, sind wir weit von der 50% Marke entfernt. Uns ist Diversität, nicht nur auf Geschlechterebene, aber ein großes Anliegen. Wir versuchen über unsere Sprache, auch unsere Bildsprache, über das gezielte Ansprechen weiblicher Mentorinnen Rolemodels zu schaffen und möglichst viele junge Menschen anzusprechen. Wenn unsere Seite das schon vermittelt, umso besser 🙂

Der Slogan von Jugend hackt lautet ja „Mit Code die Welt verbessern.“ und zu den Themen, die bei den Veranstaltungen behandelt werden zählt auch Überwachung. Wie politisch oder vielleicht auch ‚hacktivistisch’ ist Jugend hackt?

Wir sind auf jeden Fall eine politische Veranstaltung. Natürlich tragen dazu zum einen Themenräume, wie Überwachung oder refugees welcome bei. Aber auch die Mentor/innen, die wir ansprechen, die Redner/innen, die wir einladen und natürlich die netzpolitische Community aus der heraus Jugend hackt entstanden ist prägen die Events. Vieles, was bei Jugend hackt passiert, ist zwar auch einfach Spaß an Technik, das ist auch ok. Wir und unsere Mentor/innen fordern aber auch wenn nötig explizit die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragestellungen ein. Meistens kommt das aber von ganz alleine. Und natürlich versuchen wir den Jugendlichen Anknüpfungspunkte zu bieten, um sich auch abseits unserer Events zu engagieren.

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Mit der App „Welcome to NRW“ wurde jetzt offiziell ein Projekt in großem Stil umgesetzt, dass bei Jugend hackt 2015 seinen Anfang nahm. Kannst Du die App und die Entstehung kurz mal vorstellen?

Die Idee und ein erster Protoyp sind letztes Jahr bei Jugend hackt West in Köln entstanden. Die Jugendlichen wollten mit der App Geflüchteten den Start in Deutschland erleichtern, indem sie ihnen die wichtigsten Informationen zB. zum Asylverfahren verständlich zur Verfügung stellten. Landesvertreter/innen aus NRW sind darauf aufmerksam geworden, fanden das gut und haben das Projekt gefördert. Bei Jugend hackt in Berlin haben die Jugendlichen dann ihr Team erweitert und neue Mitstreiter/innen gefunden. Betreut durch unsere Partner in NRW, die Fachstelle für Jugendmedienkultur, gab es im Anschluss mehrere Workshops. Den letzten professionellen Schliff hat dann eine Agentur angesetzt. Im Mai wurde das Ganze schließlich offiziell gelauncht. Mehr dazu findet sich hier im Blogpost:

https://jugendhackt.org/jugendhackttobecontinued/

Ich persönlich finde die Geschichte vor allem deshalb grandios, weil sie den Jugendlichen ganz konkret gezeigt hat, dass sie Dinge tatsächlich mitgestalten können.

Jugend hackt findet einmal im Jahr statt. Gibt es auch zwischen dem Hauptevent Veranstaltungen oder begleitende Betreuung? Bleiben die Arbeitsteams auch über das Jahr in Kontakt?

Leider können wir aktuell mit unseren Ressourcen keine durchgängige Betreuung anbieten, sondern nur unsere punktuellen Events. Oft bleiben die Jugendlichen aber ohne unser Zutun in Kontakt. Über eigene Kanäle oder unser gemeinsames Chat-Tool Slack. Aber auch auf GitHub (https://github.com/jugendhackt) wird häufig weiter gemeinsam an den bei Jugend hackt entstandenen Projekten gewerkelt. Außerdem versuchen wir verstärkt auf Anlaufstellen, wie OK Labs (http://codefor.de/) und Hackspaces hinzuweisen. Die sind vor allem für die älteren Jugendlichen spannend, weil sich dort regelmäßig erwachsene Programmierer/innen und Bastler/innen treffen.

Danke Paula, für dieses Interview!

Weiter gehackt wird dieses Jahr übrigens vom 14.-16. Oktober in Berlin, vom 4.-6. November in Linz (A) und vom 14.-16. November in Zürich (CH).

Fotos: Sandra Schink, Steffen Haas, Eva-Maria Kühling, Jan Faßbender