von Dennis Fassing

Radio Nukular ist der Name eines sehr erfolgreichen, deutschsprachigen Podcasts. Die drei Podcaster Max, Christian und Dominik (die sich im Folgenden gleich selbst vorstellen) reden in ausführlich ausschweifenden Episoden über Retro-Popkultur und persönliche Anekdoten von früher (was dem Projekt zu recht den Beinamen „Der Vergangenheitsbewältigungspodcast“ beschert). Aus ihren persönlichen Biographien ergeben sich zahlreiche Themen in den Bereichen des Films, Comics und Gamings. Wir freuen uns sehr, dass sich das gesamte Ensemble die Zeit genommen hat, uns ein paar Fragen für unsere Reihe ‚Footnoted‘ zu beantworten. Wer vor dem Interview in die Arbeit von Radio Nukular reinhören möchte, folgt einfach dem Link zur aktuellen Episode.

Als kurze Vorstellung des Teams von Radio Nukular: Wer steckt hinter dem Projekt und wie kam es zur Gründung?

Radio Nukular, das sind Max Nachtsheim, Christian Gürnth und Dominik Hammes. Max wurde zunächst als Rapper unter dem Namen Rockstah bekannt und hat bereits in seiner Musik mehrfach ’nerdige‘ Themen und auch Nostalgisches („Astronaut“) behandelt und ist mittlerweile hauptsächlich als Internetphänomen auf unzähligen Plattformen (Greenscreen für Xbox, Radio Nukular, Rumble Pack, Im Autokino) aktiv. Christian kommt aus dem Spielejournalismus (PC Action, Game One, jetzt Gameswelt) und Dominik war zunächst im klassischem (Web-)Journalismus umtriebig (newsecho.de), betreibt aber bereits seit 2009 mit Kevin Körber den Podcast Medien-KuH.

Chris und Dominik kannten sich flüchtig über Twitter, während Max und Chris bereits länger befreundet waren. Als Max 2014 sein Album „Pubertät“ veröffentlichte, hat Chris einen Kontakt zwischen den anderen beiden hergestellt, was zu einem Interview in der Medien-KuH führte. Dieses Spezial mit dem Titel „Alte Männer nerden rum“ ist in vielerlei Hinsicht der Prototyp für Radio Nukular und entfachte die Idee für den Retropodcast.

In euren Episoden geht es um Themen der 90er. Ihr redet über populäre Medien wie die Spielewelt des Super Nintendo, die Indiana Jones Serie oder den Kosmos der Turtles. Was denkt ihr interessiert eure Hörer daran, drei Männern beim ausführlichen Gespräch über Filme, Spielzeug und Co. dieser Zeit zuzuhören?

Ein nicht zu unterschätzender Aspekt ist natürlich, dass insbesondere Hörer in unserem Alter nostalgische Gefühle beim Anhören entwickeln. Man wird aber nicht nur an eine Zeit erinnert, die man – hoffentlich – in guter Erinnerung hat, viele realisieren auch: Ich bin nicht allein damit, dass ich auch heute noch gerne an Saberrider denke, ja sogar die Serie immer noch gucke und zur Intromusik im Auto mitsinge. Wir haben schon mehrere Mails von Hörern bekommen, die mitten im Leben stehen und sich bei uns dafür bekankt haben, dass wir ihnen vermittelt haben: Ja, es ist ok immer noch die Turtles zu feiern, alte Konsolenspiele zu spielen und im Allgemeinen die Interessen von Kindheit und Jugend nicht zu verteufeln, nur weil man jetzt im Großraum von 30 Jahren alt ist und wöchentliche Meetings auf der Arbeit hat. Wenn der einzige Grund, sich nicht mehr mit Dingen, die man mag, zu beschäftigen, eine überalterte, gesellschaftliche Konvention und ein daraus entstehendes Unsicherheitsgefühlt ist, dann sagen wir gerne und oft: Tragt euer Batman-Shirt, behaltet euer SNES, schämen muss sich deswegen wirklich niemand.

Aber neben aller Nostalgie und auch dem Wecken von verschütteten Erinnerungen hoffen wir, dass wir den Podcast auch sonst unterhaltsam, informativ und kurzweilig über die Bühne bringen – wir haben ja nicht nur Hörer in unserem Alter.

Wir testen mal eure Erinnerung. Aus dem Bauch heraus: Euer liebstes Kinder-/Jugendbuch aller Zeiten?

Dominik: Tatsächlich habe ich da einige meinem Neffen vererbt an deren Titel ich mich nicht mehr erinnere aber „Die Drei ??? und der seltsame Wecker“ gehört definitiv dazu, weil es mein erstes Buch mit den drei Detektiven war.

Chris: George Orwells „Farm der Tiere“. Sonst Comics. 

Max: „Wo die wilden Kerle wohnen“.

Neben popkulturellen Rundumschlägen geht es auch immer wieder um eure eigene Vergangenheit. In Podcasts zu Nebenjobs, Mobbing und Mädchengeschichten gewährt ihr erstaunlich tiefe und ungekünstelte Einblicke in euer Privatleben. Dazu zwei Fragen: Ist dies der „Bewältigungs“-Part eures Projekts? Und beeinflussen diese sehr persönlichen Episoden eure Selbstreflexion?

Zwar gehört das Wiederentdecken alter Popkulturvorlieben auch zum „Bewältigen“, die Anekdotenpodcasts sind aber eindeutig die, die dem Titel Vergangenheitsbewältigungspodcast am ehesten gerecht werden. Recherchieren wir bei den Popkultur-Episoden in den eigenen Sammlungen und online, setzt man sich für die Anekdoten-Episoden an alte Briefe,  Zeugnisse, persönliche Fotos und E-Mails. Die wichtigste Recherche hierfür findet aber im Kopf statt. Dabei stoßen wir immer wieder auf Erinnerungen, die wir verdrängt haben oder die verschüttet gegangen sind. Das ist natürlich nicht immer angenehm. Aber auch wenn es manchmal schmerzt,  tut es auch irgendwie gut, sich zehn bis zwanzig Jahre zurück zu versetzen, sich zu erinnern, wie es sich angefühlt hat, den ersten Korb zu bekommen und zu realisieren: ist ja alles gut ausgegangen. Dabei denkt man natürlich zwangsläufig über das heutige Ich nach: Ist mir Thema X heute noch so wichtig wie damals? Was habe ich aus Lebensphase Y mitgenommen? Hab ich Problem Z eigentlich überwunden?  Wie ein gutes Gespräch mit Freunden eben so ist, führt das zu lustigen und traurigen Gesprächsmomenten aber, wie Chris immer sagt, nach der Aufzeichnung bemerken wir oft eine emotionale Reinigung, die Podcastproduktion hat auf uns regelmäßig eine kathartische Wirkung, die hoffentlich auch bei den Hörern ankommt.

In Kinder- und Jugendmedien geht es oft um den Begriff der ‚Erinnerungskultur‘. Diese wird unter anderem so definiert, dass man aus der Gegenwart mit einem subjektiven Blick auf persönliche und kollektive Momente der Geschichte zurückschaut, diese neu verortet und kritisch betrachtet. Würdet ihr euch da aufgehoben fühlen? Leistet ihr eurer Meinung nach einen Beitrag zur Erinnerungskultur?

Wir bieten sicherlich sehr individuelle Perspektiven auf wiederum sehr individuelle Momente der Vergangenheit. Es mag zwar auch um kollektive Momente („Damals, als Episode 1 in die Kinos kam“) gehen, letztlich stehen aber eher zeitlich vage dafür emotional sehr präzise Momente („Damals, als ich das erste Mal ‚Ghostbusters‘ gesehen habe und Angst bekam.“) im Vordergrund. Ab und an gibt es da aber natürlich biographische Überschneidungen („Damals, bei der Musterung“). Die hier genutzte Definition von ‚Erinnerungskultur‘ beschreibt einen Hauptaspekt von Radio Nukular jedenfalls sehr treffend.

Ihr habt bereits im zweiten Jahr eures Bestehens eine Livetour bestritten und große und kleine Locations in fünf großen deutschen Städten ausverkauft. Hättet ihr zu Beginn eures Projektes mit dieser rasanten Entwicklung gerechnet? Was von der bisherigen Nukular-Zeit war geplant und was hat euch selbst überrascht?

Hätte uns jemand zum Zeitpunkt der Planung gesagt, dass wir bereits ein Jahr später mit einer Livetour unterwegs sein würden, hätten wir einerseits gesagt „Nie im Leben!“ und dann nachgeschoben „Also wenn… dann maximal vor 50 Leuten.“ Sieht man von utopischen Träumen ab, die man am Anfang eines Projektes schon mal haben kann, haben wir nichts davon vorhergesehen. Wir haben mit einem bescheidenen Erfolg auf Patreon gerechnet, aufgrund der kombinierten Reichweite von uns dreien auch mit guten aber nicht spektakulären Platzierungen in den iTunes-Charts. Dass die Akzeptanz von Patreon so hoch und der Erfolg so groß und beständig wäre, war für uns alle extrem überraschend. Geplant, sind immer nur unsere nächsten Schritte, die Akzeptanz und Treue der Hörer – das kann man nicht planen. Wir waren und sind von der Begeisterung und der Freundlichkeit einer sehr großen Mehrheit unserer Hörer überrascht und extrem dankbar.

Zum Abschluss: Auch im Jahr 2016 wird es eine Tour geben, gleichzeitig wächst eure erweiterte Podcastfamilie. Mal ohne über die Realisierbarkeit nachzudenken: Was wäre für euch das größte Highlight, was ihr euch im Rahmen von Radio Nukular vorstellen könntet?

Da fallen uns direkt mehrere Dinge ein. Das eine oder andere behalten wir, da sind wir ehrlich, für uns, da einige große, verrückte Ideen eben doch zu realisieren sind, wie wir angenehmerweise erfahren durften.

Das solide, erwachsene Ziel kann es nur sein, dass alle Podcasts des NuKuHversums, das mittlerweile mit den Neuankömmlingen „Im Autokino„, „Trailerschnack“ und „Anytime Late Night“ auf sechs Podcasts angewachsen ist, auf so sicherenen Beinen steht, dass die Beteiligten davon leben können. Soweit die scheinbar langweilige aber eigentlich sehr spannende Antwort.
Die größten, utopischen Highlights? Chris interviewt live vor Publikum Die Ärzte, während Max und Dominik ihm dabei die Hand halten. Max dreht gemeinsam mit Adam Sandler einen Film in dem er von zwei Attentätern, gespielt von Chris und Dominik verfolgt wird. Dominik schafft es ein Drehbuch zu verkaufen und Simon Pegg, der in der Verfilmung mitspielt, ist danach regelmäßiger Interviewgast in Radio Nukular. Außerdem entdecken wir das Rezept für schlankmachende Donuts.

Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt, die Fragen zu beantworten!