Gedankengänge aus Hall 3.0:  Kinder- und Jugendliteratur

Anika Ullmann

Das war bekannt

GruffaloWie jedes Jahr war einiges los im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur auf der Buchmesse Frankfurt. Der Grüffelo feierte seinen 15. Geburtstag und ließ einen, ob diesen Alters, kurz inne halten

und gedanklich ausrufen

“Kinners, wie doch die Zeit vergeht!”

Die Bühne des Kinder – und Jugendliteraturforums bot abwechslungsreiches Programm und auch Autoren gab es einige zu bestaunen: Kai Meyer stellte seinen neuen Roman Die Seiten der Welt vor, Ursula Poznanski signierte ihre Bücher, Andreas Steinhöfel, wie immer präsent, freundlich und ansprechbar, gab Interviews, las vor und signierte seinen neuen Roman Anders. Das Comiczeichner-Dreiergespann Joscha Sauer, Ralph Ruthe und Flix war auch vor Ort, signierte und zeichnete, und gab einem mehr noch als alles andere das Gefühl, dass, obwohl die Bestseller sich ändern mögen, es Dinge gibt, die verlässliche Ankerpunkte in diesem immer wiederkehrenden Ausnahmezustand genannt Frankfurter Buchmesse bilden.

Das war neu

Die Verlagslandschaft im Feld Kinder- und Jugendliteratur war dieses Jahr um zwei große Neuzugänge gewachsen: den Verlag Magellan und das Carlsen Imprint Königskinder. Beide Verlage präsentierten auf der Messe zum ersten Mal ihr frisches Verlagsprogramm und beide beeindruckten mit ähnlich ansprechenden Konzepten. Die teils noch druckfrischen Bücher zieren Logos mit hohem Wiedererkennungswert. Ein Wal, beim Magellan Verlag und eine Krone, bei den Königskindern. Beide Logos sind schlicht, doch nicht langweilig, verspielt und doch bodenständig. Gemein ist den Verlagen auch, dass sie sich scheinbar entschieden haben, die Ware Buch nicht nur als Inhaltsspeicher zu behandeln, sondern als ästhetisches Konsumgut in den Vordergrund zu rücken. Während Magellan auch mal experimentell mit dem Konzept des Hardcovers umgeht, indem es etwa den Roman echt zwischen zwei dicke Pappdeckel einbindet, setzt Königskinder auf Eleganz. Weiß, Schwarz und Gold sind die dominanten Farben, die alle Königskinderbucheinbände miteinander verbinden, von der Textillustration aufgegriffen werden und so den Eindruck erwecken, hier ein sorgsam gestaltetes Gesamtwerk vorzufinden. Beide Verlage strahlten Anspruch an ihre Produkte und ihren Inhalt aus. Es bleibt zu hoffen, dass sie diesem Eindruck gerecht werden. Geht man erstmal nach der Optik, könnte man sich durchaus an beide gewöhnen. Wir sagen: “Willkommen!”

Lust auf Mehr machte auch der Oetinger Verlag mit seiner kollaborativen Onlineplattform „Oetinger34„. Auf dieser sollen Autor*innen, Illustrator*innen, Lektor*innen und Leser*innen direkt an Projekten zusammenarbeiten können. Über Profile können Kreative ihre Ideen präsentieren und in den Projekten von anderen Mitgliedern stöbern. Findet man die jeweils anderen Ideen inspirierend, kann man zusammen an Projekten arbeiten – die Software dafür liefert Oetinger34 direkt auf seiner Online-Plattform. Die Plattform will auf Support und Betreuung seiner Teilnehmenden setzen und sieht sich nicht als reines BoD-System. Noch ist Oetinger34 in einer Betaphase, doch was es auf der Buchmesse zu sehen gab, sah bereits nach einer durchdachten und spannenden Idee aus.

Direkt „ Auf Wiedersehen“ sagen wollten wir hingegen Samsung Galaxy. Warum soll jedoch näher im zweiten Teil unseres Messeberichts besprochen werden.

Das war nicht unbedingt ideal

Bedauerlicherweise wehte am Freitag ein Hauch von Schulaufführung über die Messe. Die Verleihung des Kindersoftwarepreises Tommi begann mit einem Lied, das alle anwesenden Mitglieder der Kinderjury singen sollten. Unterhaltsam war das, weil es schief ging und kaum eines der Jurymitglieder mitsang. Auch die Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises spielte am Freitagabend die Nominierungen für den Jurypreis in kleinen Anspielen auf der Bühne vor. Das war ebenso unterhaltsam, in dem Fall, weil es wie schon letztes Jahr sehr gut gemacht war. Dennoch könnte einen die Frage beschäftigen, warum Kinder und Jugendliche über ihre Arbeit als Juroren hinaus noch als Sänger und Schauspieler tätig werden und für wen diese Darbietungen gedacht sind. Die Gefahr besteht, dass Veranstaltungen, die Kinder und Jugendliche fördern wollen und ernst nehmen, am Ende wie Unterhaltungsprogramm für die Erwachsenen wirken.

Preise

Das war vor allem bei der Tommi Kindersoftwarepreis Verleihung der Fall. Das hatte zum einen damit zu tun, dass an Fachbesuchertagen zwar viele Schulgruppen über die Messe streifen, es dennoch Erwachsene sind, die einen Großteil des Publikums ausmachen. Zum anderen lag dies an der Inszinierung des Preises. Zusätzlich zum Singen wurde jede Begründung der Juryentscheidung von einem der Jurymitglieder verlesen. Bald musste man dann feststellen, dass die wenigsten der kindlichen Juroren einigermaßen zügig, laut und fehlerfrei vorlesen konnten. Es hätte durchaus der Eindruck entstehen können, dass es ebenso die Aufgabe der Kinderjury war, neben ihrer Jurorentätigkeit ‘authentische’ kindliche Niedlichkeit zu verströmen. Und so hörte das nun eben meist erwachsene Publikum auch lächelnd zu, während sich gerade die jüngeren Juroren und Jurorinnen mühsam durch die teilweise doch recht langen Texte arbeiteten.
Unbedingt lassen sich solche Gelegenheiten als Chance für Kinder begreifen, sich zu engagieren und vorlesen vor Publikum einzuüben. Und sicher ist es freundlich gemeint, wenn der Moderator grinsend in die Hocke geht um dem Juror auf Augenhöhe zu begegnen. Doch ist es immer auch ein Gestus des Sich-Herablassens, des Darauf- Aufmerksam-Machens, dass das Gegenüber ja noch so klein ist. Warum, so die Frage, keine Präsentationsform, die dem jeweiligen Vorlesevermögen der Kinder entgegenkommt? Warum kein Podest für die Kleineren mit einem verstellbaren Standmikrofon? Warum nicht das System um die Juroren aufbauen? Sicher säßen, fände die Veranstaltung am Wochenende statt, auch mehr Kinder im Publikum. Da würde dann die Tommi – Laolawelle sicher auch mehr Sinn machen.

Das war schade

http://www.moritzverlag.de/index.php?rex_resize=600a__dubois__akim_rennt.jpgKurz nachdem Akim rennt von Claude K. Dubois, ein Buch über das Leben eines kleinen Jungen während und in den ersten Tag nach der Zerstörung seines Dorfes, den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Bilder gewonnen hatte, wandte sich Moderatorin Vivian Perkovic an Bundesministerin Manuela Schwesig. Ihre Frage ließ ein Raunen durch den Raum gehen: Sie fragte die Politikerin, welchem ihrer Kollegen beim Bundestag sie dieses Buch gerne auf den Platz legen würde. So berechtigt diese Frage in Tagen, in denen tausende Flüchtlinge in München um einen Schlafplatz bangen müssen war, so enttäuschend war die Antwort von Frau Schwesig. Diese gab an, dass sie das Buch zunächst einmal nicht den Kollegen, sondern ihrem Sohn zu lesen geben würde. Und dann natürlich, fuhr die Politikerin fort, müssten einfach alle es lesen. Heute, könnte hier die Botschaft lauten, wird keine Politik gemacht, wie politisch relevant die Preisträger auch sein mögen. Doch was man zu hören bekam, war eben genau das, Politik. Sätze, lächelnd doch distanziert vorgetragen, die sich mit rhetorisch geschickter, lange eingeübter Eleganz um das Thema herum wanden um schlussendlich jegliche Positionierung zu verweigern. Schade. Hier wäre mehr Offenheit und weniger Kalkül durchaus angebracht gewesen.

In ein paar Tagen folgt Teil 2 unseres Messeberichtes „Von der Sehnsucht nachhaken zu dürfen„.