Anika Ullmann

George geht in die vierte Klasse und hat einen großen Traum. Sie möchte die Spinne Charlotte im Schultheaterstück Wilbur und Charlotte spielen. Doch Charlotte ist eine Mädchenrolle und George, für alle die sie sehen, ist ein Junge. Nur George weiß, dass sie eigentlich Melissa heißen und als biologisches Mädchen leben möchte. Sehnsüchtig blättert sie daher heimlich die Mädchenzeitschriften, die sie, versteckt unter einem Berg von alten Spielsachen, in einer Jeanstasche aufbewahrt, durch und bewundert die dort abgebildeten Mädchenkörper. Den Mut mit ihren Eltern zu sprechen, kann George noch nicht aufbringen. Auch ihre beste Freundin Kelly hat zunächst keine Ahnung. Und die Rolle der Charlotte scheint ebenso unerreichbar.

Geschlechterperformanz

George von Alex Gino ist eine Coming-Out Geschichte über ein transsexuelles Kind für Kinder. Die Handlung begleitet George auf dem Weg, den Menschen in ihrer nächsten Umgebung zu erklären, dass sie weiß, dass sie ein Mädchen ist. Dabei sind die LeserInnen immer ganz nah an George dran und sehen die Welt aus ihren Augen. Von Beginn an spricht der personale Erzähler von George als ‚sie’.  Ihr wahres, weibliches, Geschlecht ist für die LeserInnen von Anfang an offensichtlich und normal. Oft muss sich daher eher daran erinnern werden, dass George biologisch ein Junge ist.

Ausgehend von dieser Perspektive eröffnet der Roman eine Bandbreite an Möglichkeiten über Geschlecht und Geschlechterperformanz nachzudenken. So ist die zentrale Thematik des Romans, dass George in einem Körper mit dem falschen biologischen Geschlecht steckt. Georges Problematik macht jedoch darüber hinaus deutlich, wie dezidiert binär die Umgebung strukturiert ist, in der George lebt. Biologisches Geschlecht und ‚richtige’ Genderperformanz sind hier eng miteinander verwoben. Als Junge darf George nicht mit Seilspringen, denn so was machen nur Mädchen. Auch Empathie ist dem männlichen George versagt. Als sie im Unterricht weint, während die Todesszene von Spinne Charlotte vorgelesen wird, lachen die anderen Jungen in ihrer Klasse sie aus. Wie machtvoll die Verknüpfung von Geschlecht und Handlungsmöglichkeit ist, zeigt sich auch in Kellys Erklärung, dass sie mal dachte, sie sei ein Junge: „Damals wollte ich Feuerwehrmann werden und glaubte, alle Feuerwehrleute seien Jungs“ (100).

Sieg der Gendernormen, oder doch nicht?

In dieser binären Welt ist Georges Geständnis, dass sie ein Mädchen ist, fast beruhigend. So reagiert Bruder Scott auf Georges Coming-Out mit den Worten: „Irre. Hat aber Sinn. Nimm’s mir nicht übel, aber als Junge bist du nicht besonders gut“ (151). Irritiert ein sensibler George, weil er die Normen der Geschlechterperformanz in Frage stellt, stellt ein sensibler George, der ein Mädchen sein möchte, keine Gefahr für die binäre Struktur dar. Vielmehr wird nachdrücklich bestätigt, dass emotionale Jungen ‚voll die Mädchen sind‘ und eben nicht maskulin. Zwar kann man dem Roman daher durchaus vorwerfen, dass die Figur George wenig hergibt, um Genderstereotype zu hinterfragen. Dies wird jedoch durch die eindeutig negative Zeichnung des Raumes Schule wieder aufgefangen. Ebenso erwähnenswert ist Kelly, die als beste Freundin zunächst mit George dem Jungen befreundet ist und dessen ‚Jungensein’, trotz dessen genderuntypischen Charakterzügen, zu keiner Zeit anzweifelt. Damit wird ein positiver Charakter eingeführt, der keine stereotypen Ideen von Männlichkeit propagiert.

Neue Medien

Obwohl neue Medien keine große Rolle im Laufe der Handlung spielen, ist ihre Wichtigkeit für deren Verlauf jedoch bemerkenswert. George hat, so wird in einem Gespräch mit Kelly deutlich, bereits Websites zum Thema Medikation „verschlungen“ (114). Das Internet bietet der Zehnjährigen damit die Chance sich, unabhängig von Vermittlerfiguren wie Eltern und Lehrern, über sich selbst und ihre Behandlungsmöglichkeiten zu informieren. Kelly, nachdem George ihr erzählt hat, dass sie eigentlich ein Mädchen ist, konsultiert ebenso erst einmal das Internet. Stolz eröffnet sie der Freundin beim nächsten Gespräch, dass sie diese voll unterstützen wird. Doch mehr noch, Kelly hat sich schon den Begriff „transgender“ (113) angeeignet und herausbekommen „es gibt total viele Leute, die so sind wie du“ (113/114). Labels machen es Kelly einfacher, die beste Freundin zu verstehen und die neue Identität der besten Freundin zu fassen. Zudem erscheint Georges Problematik über das Wissen um vergleichbare Geschichten weniger außergewöhnlich. Dem Transmädchen eröffnen sich online zudem Vorbilder, die ihr zeigen, wohin ihr Weg gehen kann. Neue Medien stellen damit ein essentielles Werkzeug dar, um das Selbstbewusstsein der beiden Freundinnen, mit ihren jeweiligen Bedürfnissen, in dieser Situation zu stärken.

George ist einer jener Texte, bei denen es schwerfällt, den Roman völlig losgelöst von der Biographie des Autors/der Autorin zu denken. Alex Gino bezeichnet sich selbst als ‚genderqueer’ und setzt sich schon seit zwanzig Jahren für Belange der LGBTQ Gemeinde ein. Mit George hat xier ein Buch geschrieben, dass sich programmatisch der Aufgabe widmet, Kindern verständlich zu erklären, was Transsexualität bedeutet und wie Außenstehende idealerweise damit umgehen sollten. Das Buch schafft dies, ohne zu didaktisch zu werden. Besonders erfreulich ist das absolute Vertrauen des Romans in junge LeserInnen und deren Kompetenz sich mit komplexen Fragen von Geschlechteridentität auseinandersetzen zu können.

Literatur

Gino, Alex: George. Fischer: Frankfurt. 2016.