Tagungsbericht

Von Anna Stemmann, Anika Ullmann

Donnerstag, 26.05.2016

Die Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung (GKJF) hat sich auf der diesjährigen Tagung vom 26.-28.5.2016 in Königswinter getroffen, in stimmungsvoller Lage unmittelbar am Rheinufer. Das malerische Setting lieferte den idealen Rahmen für anregende Beiträge und Diskussionen. Die Vorträge widmeten sich thematisch dem weiten Feld der Wechselwirkungen zwischen Populärkultur und Kinder- und Jugendliteratur und –medien (KJL&M). Zwar rückten die im Titel der Tagung angekündigten Parameter von ‚Pu und Pixar‘ in keinem Vortrag dezidiert in den Blick, die Beiträge zeichneten dennoch umso facettenreicher die reziproke Beziehung von populärkulturellen Figuren, Erzählweisen und Bezügen in der KJL und ihren Medien nach. Entsprechend entfaltete Ute Dettmar in ihrem Begrüßungsvortrag einleitend die Beziehungsgeschichte von KJL und Populärkultur mit Figurationen des Grusels, vor allem Monster und Vampiren. Sie erläuterte daran entlang Prozesse der Hyperkonektivität: semantische Zu- und Einschreibungen dieser Figuren, die in die KJL&M hinein diffundieren, weiter fortgeschrieben oder umcodiert werden, zu verstehen als ein „Resonanzraum des Populären“. Diese beobachteten Entwicklungen verdichtete Dettmar weiter mit Überlegungen zur Transmedialität, woran sichtbar wurde, dass sich nicht nur Stoffe und Figuren Textgrenzen überschreitend bewegen, sondern sich ebenso Mediengrenzen auflösen, erzählte Verdichtungen und mediale Reflexionen stattfinden.

Daran anschließend widmete sich Ingrid Tomkowiak der ‚Peinlichkeit des Populären‘ und beleuchtete die historische Entwicklung einer ‚Schmutz und Schund-Debatte‘, die die massenkulturelle Unterhaltung durch populäre Stoffe lange Zeit stigmatisierte und als kulturelle Einprägung implizit häufig immer noch vorhanden zu sein scheint. Michael Staiger setzte dem vermeintlich fragwürdigen Status des Populären den Begriff des „Quality Teen TV“ entgegen und stellte am Beispiel der Serie Veronica Mars Kriterien für eben dieses Genre vor, das sich vor allem durch komplexe Erzählstrategien, vielschichtige Figurendarstellung und ein durchdachtes intermediales Verweissystem auszeichnet.

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Mareile Oetken, Finn-Ole Heinrich

Der Abend des ersten Tages wurde mit einem Werkstattgespräch des Autors Finn-Ole Heinrich beschlossen. Im Gespräch mit Mareile Oetken gab er Einblick in seine Arbeitsprozesse: unter dem Motto „Es geht immer ums Geschichten erzählen“, wie Heinrich bereits zu Beginn festhielt, stellte er eindrucksvoll heraus, wie er ebendiese Geschichten findet. Wichtige Rolle spielen dabei nicht nur Erinnerungen an die Kindheit und spezifische Kindheitsorte, wie auch eine Mediensozialisation mit verschiedenen Erzählmedien, sondern insbesondere sein Film- und Kunststudium, das sich in der Art und Weise des Erzählens stets erkennen lässt.

Freitag, 27.05.2016

Bevor die Sektionen in Parallelpanels begonnen, eröffnete Gabriele von Glasenapp den zweiten Tag mit einem Plenarvortrag. Sie untersuchte den „Mensch aus Menschenhand“ und zeichnete die Entwicklungsgeschichte der Golemfigur nach. Im Zentrum standen die diversen Umschriften, Adaptionen und Umcodierungen, die sich im 20. Jahrhundert vollzogen haben. So steht und stand der Golem permanent im erzählten Spannungsfeld als eine schützende Helferfigur oder eines Chiffres für das Grauen und einer unkontrollierten Raserei. Von Glasenapp zeigte, wie sich der Golem als vermeintlich erster Superheld überhaupt, sukzessive aus dem jüdischen Ursprungskontext herausgelöst hat und welche Variationen sich seit dem um den Kern des Mythos gesponnen haben.

Die erste der drei Parallelsektionen stand unter dem Thema der ‚Wissenpopularisierungen‘ und beleuchtete die Wechselwirkungen von faktualem und fiktionalem Erzählen in unterschiedlichen Zeiträumen und Medien. Sebastian Schmideler machte sehr anschaulich deutlich, dass diese Prozesse nicht allein ein zeitgenössisches Phänomen sind, sondern bereits ab 1830 zu beobachten sind und fokussierte dazu insbesondere verschiedene Visualisierungsstrategien, die in Sachbüchern für Kinder und Jugendliche Anwendung gefunden haben.  Caroline Führer und Alexander Wagner schlossen daran an und schlugen mit ihrem Vortrag zur Wissensvermittlung im Bilderbuch der Gegenwart eine große Brücke. Sie unterzogen Torben Kuhlmanns Lindbergh einem detaillierten close reading und zeigten die vielschichtigen Erzählstrategien des Bilderbuchs zur Wissenspopularisierung, die sich im steten Spiel mit verschiedenen Bild-Text-Interdependenzen manifestieren. Beschlossen wurde das Panel von Thomas Bitterlich, der fiktive Sachbücher zu „Wesen der Nacht“ vorstellte. Darin verweben sich fiktionale Inhalte über Vampire, Zombies und Werwölfe, mit faktualen Erzählstrategien, in dem diese im Gewand eines Sachbuchs – mit Diagrammen, Abbildungen und Ratgebertexten – präsentiert werden und von Bitterlich als Satire ausgemacht wurden.

Im zweiten der Parallelsektionen, welche sich mit Fanfiction befasste, lieferte Stefanie Nosic einen umfang- und aufschlussreichen Überblick über die Beziehungsverhältnisse von Fan, Text und Autor im Bereich der Fanfiction. Während der anschließenden Diskussion wurde besonders der Begriff Fanfiction von allen Beteiligten hinterfragt. Ebenso wurde Fanfiction als subversiver Akt dekonstruiert. Anschließend zeigte Gesa Woltjen am Beispiel der Fernsehserien Agent Carter und The 100, wie problematisch sich das Verhältnis von lesbischen Zuschauern/Fans und queeren Lesarten zur Populärkultur gestaltet. So wies Woltjen etwa auf das Queerbaiting hin, bei dem Serien sich mittels queerer Subtexte das Interesse von queeren Zuschauern sichern, ohne jedoch vorzuhaben, diese Spannungen je erfüllend aufzulösen.

Das erste Nachmittagspanel stand unter dem Titel ‚Adaption und Transfer‘ und setzte klassische Stoffe mit zeitgenössischen populärkulturellen Adaptionen ins Relief. So verglich Mareile Oetken die Umsetzung von Felicitas Hoppes mit Hartmann von Aues Iwein und zeigte Parallelen und Differenzen auf. Sabine Fuchs stellte den Manga Snow White & Alice vor und diskutierte, wie sich dort Versatzstücke beider Ursprungsstoffe zu einem neuen hybriden Erzählen verbinden. Im Panel ‚Erzählformen, Erzählräume‘ verschränkte Ina Schenker die Perspektiven der Gender Studies mit jenen der Postcolonial Studies, um sich kritisch der Darstellung von Hexen, Macht und dem kolonialen Anderen in der Bibi Blocksberg Hörspielreihe zu nähern. Andreas Peterjan nahm im zweiten Vortrag des Panels Walter Moers‘ Zamonienromane in den Blick. Er stellte dar, wie hier die Chronologie von der Topographie als strukturgebendes Ordnungsmerkmal abgelöst und der Kontinent zum Bindeglied zwischen den Romanen wird.

Den Abendvortrag gestaltete Heidi Lexe als furioses Märchen-Popkultur-Event: sie folgte Hänsel und Gretels ausgelegten Brotkrumen durch den populärkulturellen (Bilder)Wald und untersuchte den Märchenstoff im Medientransfer. Frei nach dem Motto: ‚trash and fun‘ standen sich so kongenial verbunden Lorenzo Mattotti, Walter Moers und ‚The Blair Witch Project‘ gegenüber.

Samstag, 28.05.2016

Der letzte Tag wurde von Ludger Scherer eröffnet, der sich aktuellen Märchenfilmen widmete und aufzeigte, wie sich darin ein Patchwork aus Populär- und Volkskultur entfaltet: in Anlehnung an Bachtins Chronotopos verschmelzen darin Merkmale des Raumes und der Zeit miteinander und stellen Zeit mittels des Raumes dar. André Kagelmann und Felix Giesa arbeiteten sich daran anschließend am Mythos von Heidi ab und zeichneten nach, wie das das Narrativ transmedial-expansiv weiterentwickelt hat. Nach kurzer Einführung in die Mediengeschichte des Romanstoffs standen dazu insbesondere die aktuellen Animationsserie sowie der Realfilm von 2015 im Zentrum.

Tamara WernGKJFSherlockeder knüpfte an die diesjährig sehr präsenten Monsterfiguren an und beleuchtet den transmedialen Kosmos der Monster High. Sie zeigte, wie ausgehend von der Spielzeugfigur ein komplexes Verweissystem in Filmen und Serienfolgen, rund um die Monsterfiguren entstanden ist. Besonders wichtige Rolle nehmen darin nach Werner Diversität, Grusel und Intertextualität ein. Den Abschluss der Tagung gestaltete Christine Lötscher, die sich der populären Figur Sherlock Holmes annahm und dessen Ausgestaltung in der aktuellen BBC-Serie mit Doyles Ursprungstext kontrastiere. Sie wagte den Versuch einer transmedialen Poetik, um zu zeigen, welche Erzählstrategien für Holmes Emotionalität mit audio-visuellen Codes Anwendung finden.

Die Tagung zeichnete sich durch eine enorme Breite und Vielfalt an Themen aus, die glücklicherweise jedoch nicht auf die Kosten einer tiefgründigen Reflexion gingen. Die Beiträge machten deutlich, welche engen Wechselwirkungen zwischen KJL&M und der Populärkultur bestehen – ein Reziprozität, die nicht nur gegenwärtig relevant und zu analysieren ist, sondern die es ebenso in ihren historischen Dimensionen weiter zu erschließen gilt.