2. Graduiertentagung zur Forschung in der Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft

Tagungsbericht

Anna Stemmann

Vom 4.-5.12.2015 fand an der Universität Wien zum zweiten Mal eine Graduiertenkonferenz statt, die sich dem Gegenstand der Kinder- und Jugendliteratur und -medien gewidmet hat. Jungen Forschenden, meist Doktoranden, aus dem Fachbereich wurde in diesem Rahmen die Möglichkeit gegeben, aus ihren laufenden Projekten zu berichten und diese einem interessierten Publikum vorzustellen. Frei nach dem aktuellen Jubiläumsmotto der Uni Wien – ‚Raising Questions since 1365‘ – standen auch hier die Momente des Fragenstellens und der Diskussion im Zentrum.

Für die Organisation zeichneten Sonja Loidl und Robert Schelander verantwortlich und entwarfen ein sehr stimmiges Tagungskonzept, das genau diesen Fragen und dem damit verbundenen Austausch viel Raum ließ: Im Vorfeld zirkulierten unter den Teilnehmern bereits kurze Paper der jeweiligen Projekte, die dann nur noch von einem 15minütigen Kurzvortrag flankiert wurden, sodass der Schwerpunkt auf der anschließenden Diskussion liegen konnte. Ergänzt wurde dieses Format durch Experten der KJL-Forschung, die jeweils paarweise als Korrespondenten für ein spezifisches Projekt Pate standen und dieses einführend kommentierten. Mit Ernst Seibert, Arno Rußegger, Heidi Lexe, Gunda Mairbäurl, Kathrin Wexberg, Susanne Blumesberger und Rebecca Schönsee war in dieser Hinsicht ein illustres und versiertes Fachpublikum präsent. Ein Konzept, das sich in der Praxis als sehr produktiv und ergiebig erwiesen hat; denn so hat Robert Schelander bereits in seiner Begrüßung sehr anschaulich gemacht, dass es nicht um die Verteidigung der Projekte gehen soll, sondern um konstruktiven Austausch. Daraus resultierte eine sehr angenehme Vortrags- und Diskussionsatmosphäre, die es erlaubte in dem geschützten Rahmen auch offene Fragen und Probleme am eigenen Projekt zu formulieren.

Insgesamt zeigte sich bei den vielfältigen Vorträgen sowohl die aktuelle Breite und Präsenz der KJL-Forschung als auch ein reges Interesse am Austausch und einer lebendigen Diskussionskultur. Kaleidoskopartig sollen im Folgenden nur kurze Schlaglichter auf die einzelnen Themen geworfen werden, da diese zum Teil noch in Arbeit und nicht publiziert sind: Silke Rabus stellte ihr Promotionsvorhaben zu Aspekten von Metafiktionalität im Bilderbuch vor und veranschaulichte sehr eindringlich, dass es in dieser Forschungsperspektive und der Theoriebildung zur Analyse des Bilderbuchs ein enormes Forschungsdesiderat gibt. Daran anschließend gab Kathrin Heintz Einblick in ihr Habilitationsvorhaben zu ‚postmodernen Bilderbüchern‘ und stellte unter diesen Gesichtspunkten Benjamin Lacombes Schneewittchen und David Wiesners Die Drei Schweinchen vor. Weg vom Bilderbuch bewegte sich Anne-Christine Klose, die sich in ihrer Promotion unter systemtheoretischer Perspektive der Frage von impliziter Leserschaft in fantastischer KJL widmet und deren Formen und Funktionen in diachroner Entwicklungslinie nachzeichnen möchte.

Dem Exkurs zur Fantastik folgte ein Block, der sich verstärkt dem Genre des Adoleszenzromans – in sehr unterschiedlichen Zugriffen – öffnete. Vito Paoletić stellte so beispielsweise den Vorschlag in den Raum, die Begriffe von Dystopie und Utopie aus ihrer Funktion als Genre herauszulösen und in der wortwörtlichen Begriffsbedeutung zu lesen, um damit negativ und positiv konnotierte Aspekte im Adoleszenzroman in seiner Dissertation erfassen zu können. Alexander Pommer stellte die fundierten Ergebnisse seiner Magisterarbeit vor und entwickelte das neue Genre des dystopischen Adoleszenzromans, das in seiner anschließenden Promotion vertieft werden soll. Zentrale Beobachtung ist, dass gegenwärtige Dystopie-Erzählungen die Folie für das Erzählen von Adoleszenz bilden und sich daran auch Tendenzen der narrativen Verschiebung zeigen lassen.

Einem dystopischen Genre, bzw. der future fiction widmet sich Manuela Kalbermatten in ihrem Dissertationsprojekt und bezieht darin erstmals in umfassenden Maße die feministische Theoriebildung und die Gender-Studies für die Erforschung gegenwärtiger KJL ein. So kann sie zeigen, welche tradierten und konservativen Frauenbilder, trotz des futuristischen Settings, immer noch wirkmächtig sind. Das Thema der Adoleszenz stand auch in meinem eigenen und letzten Vortrag des ersten Tages im Zentrum: in meinem Promotionsvorhaben widme ich mich unter dem Titel ‚Topographien der Adoleszenz‘ dem Konnex von Raum und dem Erzählen von Adoleszenz in gegenwärtiger Jugendliteratur.

Der zweite kurze Tagungstag wurde von Olga Yenalyeva eröffnet, die sich in ihrer Disseration der Innenweltdarstellung im (deutschen) psychologischen Kinderroman der 1980er und 90er Jahre zuwendet. Beschlossen wurde die Tagung von Norbert Galler, der erste Ideen und ein Konglomerat an möglichen Zugriffen auf das Thema des Spiels in der KJL vorstellte.

Beim anschließenden gemeinsamen Mittagessen wurden bei traumhafter Aussicht vom Donauturm auf die Stadt Wien die anregenden Diskussionen weitergeführt und mündeten in einen stimmungsvollen Ausklang der gelungenen Tagung, die bis zum Schluss vom freundlichen Arbeitsklima geprägt war.