Grow Home

von Dennis Fassing

Das 2015 erschienene und von Ubisoft Reflections entwickelte Spiel Grow Home passt ganz hervorragend in unseren Themenmonat. Selten dürfte man sich in einem aktuellen Spiel in einer naturbelasseneren Spielwelt wiederfinden, selten dürfte die Natur an sich so sehr im Vordergrund der Spielmechanik stehen wie im Open World Adventure des kleinen Roboters B.U.D.. Man bekommt seinen Namen von seiner Berufsbezeichnung, dem Botanical Utility Droid und ist daher versiert im Umgang mit futuristischen Pflanzen aller Art. Eine sehr betreuungsintensive Pflanze begegnet Spielern dann auch in Form der Star Plant, einer riesigen Ranke, die im Laufe des Spiels immer weiter in den Himmel wächst (und damit einen sehr offensichtlichen Intertext zu Jack and the Beanstalk zieht). Die Aufgabe von B.U.D. (und damit auch der spielenden Person) ist es, die Pflanze insgesamt 2 Kilometer in die Höhe wachsen zu lassen, um dadurch zurück auf sein Mutterschiff klettern zu können. Gleichzeitig soll er auf dem Weg nach oben die Sternensamen der Pflanze einsammeln und alle mögliche Fauna und Flora für wissenschaftliche Zwecke einscannen. Dieses simple Spielziel legt den Grundstein für ein fantasievolles und überzeugendes Erkundungsspiel in einer veränderbaren offenen Spielwelt. Der offizielle Trailer gibt einen guten Eindruck von der Machart und dem Stil des Titels:

Die Freiheit der Bewegung

Grow Home setzt als Erkundungsspiel vor allem auf verschiedenste Bewegungsmechaniken, um seine Spielwelt vollständig zugänglich zu machen. Die eigene Spielfigur ist zu Beginn noch sehr eingeschränkt, die Batterien sind leer und müssen erst durch Kristalle aufgeladen werden, die praktisch überall zu finden sind. Die erste dieser Energiequellen ermöglicht es B.U.D., zu springen und zu greifen, was grundsätzliche Bewegungsmöglichkeiten eröffnet. Im weiteren Verlauf kommen Variationen wie Fall- und Gleitschirme aus Pflanzen, Jetpacks und Doppelsprünge hinzu. Spielende haben die Möglichkeit, an jeder Oberfläche der Welt entlang zu klettern, B.U.D. ist ein flexibler kleiner Roboter, der mit etwas Erfahrung und Geschick auch über Kopf an Höhlendecken entlang krabbeln kann. Eine in verschiedenen Perspektiven schwenkbare Kamera sorgt dafür, dass die Orientierung im dreidimensionalen Raum stets vorhanden bleibt.

Freier Fall

Im freien Fall zum Boden der Welt

Zu erkunden gibt es in Grow Home so manches: Über eine Höhe von 2000 Metern bietet die fantastische Welt schwebende Inseln, große Plateaus, ganze Höhlensysteme und riesige Wasserfälle, die sich in die Tiefe stürzen. Auf seinem Weg nach oben erahnt die Spielfigur die noch kommende Welt durch Vorausdeutungen, höher liegende Inseln sind schwach in der Ferne zu sehen, aber nicht gleich von Beginn an zu erreichen. Dreh- und Angelpunkt der Kletterpartie ist die bereits erwähnte Star Plant, die zu Beginn noch sehr gemäßigt am Boden der Welt wächst.

Star Plant

Im Hintergrund rankt sich die Star Plant herauf

An der Pflanze befinden sich mehrere Sprösslinge, die B.U.D. in seiner Eigenschaft als Gärtner-Droide aktivieren kann. Mit diesen schießt er dann in den Himmel, selbst in der Lage, den Weg des neuen Ablegers zu steuern. Erreicht der Spross dabei eine der schwebenden Inseln und stellt eine Verbindung her, bekommt auch der Hauptstamm der Star Plant neue Energie, woraufhin sie selbst höher hinaus wächst. So entstehen neue Sprösslinge am Stamm und zusätzlich trampolinartige Sprungblätter, mit denen B.U.D. schnell größere Distanzen überwinden kann. Auf diese Art klettert man immer höher, bis man schließlich das Raumschiff erreicht, womit gleichzeitig das Spiel beendet ist.

Das Spiel bringt den Spieler daher nicht nur dazu, seine Umgebung zu erkunden, sondern auch, seine eigene Bewegung spielerisch zu entdecken. Die Optionen und Freiheiten im eigenen Fortkommen wachsen dabei mit fortschreitender Spieldauer immer mehr an, neue Bewegungsformen können als Belohnungen angesehen werden. Der Weg wird in Grow Home damit wortwörtlich zum Ziel, denn die Route zur Spitze ist nicht linear vorgezeichnet, sondern von der spielenden Person durch das Wachstum der Pflanze zu gestalten.

Bewegung im Raum als Spielprinzip

Die zweite Säule des Spiels ist die Interaktion mit der Umwelt. Mit seinen Greifhänden kann B.U.D. viele Elemente seiner Umgebung nehmen, wegzerren, umherwerfen und neu positionieren. Einen wirklichen Zweck über das Spiel mit der Bewegung hinaus haben diese Aktionen nicht, es geht auch hierbei vor allem wieder um den grundlegenden Spaß am Ausprobieren. Aufgenommene Dinge kann man zu in der Welt verteilten Scannern schleppen, woraufhin im Bordcomputer des Schiffs Informationen zum jeweiligen Objekt auftauchen. Diese sind oft – um es vorsichtig zu formulieren – recht eigenwillig und unterstreichen in ihrer Komik sehr gut das Thema der spielerischen Erkundung einer fremden Welt.

Inventar

Die Beschreibungen im Inventar sind sehr speziell

Die Star Plant selbst steht für das Unangepasste im Spiel. Ihr Stamm wächst zwar möglicherweise einer festen unsichtbaren Strecke entlang, doch zumindest ihre Seitensprösslinge sind von den Spielenden frei durch den Raum steuer- und verankerbar. So entwickelt jeder Spieldurchlauf neue und nicht eins zu eins reproduzierbare eigene Wege auf dem Weg zum Gipfel der Welt. Der Titel geht dabei nicht erzieherisch vor, er zwingt einen nicht dazu, auf eine bestimmte Weise zu spielen, auch gibt es keine Boni oder Mali dafür, besonders weniger oder besonders viele neue Sprösslinge zu setzen. Die Entscheidung wird allein dem Akteur überlassen. Verschiedenste Spielansätze sind dabei denkbar, von einem schnörkellosen kerzengeraden Wachstum der Pflanze zum höchsten Punkt hin bis zu einem ins kleinste unterteilte Labyrinth an miteinander verschachtelten Ranken und Ästen.

Die Wasserfallinsel

In der späten Abendsonne sehen wir die Wasserfallinsel über unseren Köpfen

Die Um-Welt entdecken

Durch die Verschränkungen seiner beiden grundlegenden Spielmechaniken wird Grow Home zu einem innovativen Titel, der auf vieles verzichtet und gerade dadurch an Stärke gewinnt. Es gibt keine Gegner und keine Spielziele über das Erreichen des Raumschiffs hinaus. Auf der Karte begegnen einem nur wenige andere NPCs, doch gerade dies lässt jede Begegnung zu einem besonderen kleinen Moment werden. Da das Spiel komplett ohne Zeitlimit, Hinweispfeile oder andere informative Elemente seines Heads-Up-Displays verzichtet, wird der Blick in sehr bewusster Weise auf die Spielwelt gelenkt. Die Umgebung ist nicht nur ein Mittel zum Zweck, ein bunt animierter Korridor, um den Protagonisten ans Ziel zu bringen, sie ist das Highlight des Spiels selbst. Je mehr man sich auf die Einladung zur Erkundung seiner Umwelt einlässt, umso mehr belohnt einen der Titel mit schönen kleinen Momenten, wie etwa einem Dodo, der sich im Inneren einer Kristallhöhle versteckt. Wie nur wenige aktuelle Titel vertritt Grow Home damit tatsächlich einen „Umwelt“-Schwerpunkt – und das durch das simple Mittel, dass die Spielwelt nicht zerstört, sondern erschaffen werden muss. Abschließend soll dieses kleine Projekt daher all jenen Spielenden ans Herz gelegt werden, die Spiele als eine Art Entspannungsurlaub vom Alltag nutzen möchten – entspannter und kreativer als in Grow Home kann man seine Freizeit aktuell kaum verbringen.

Medien

Grow Home. Ubisoft Reflections. 2015. Computerspiel.