Tagungsbericht

von Anika Ullmann, Anna Stemmann

Die 28. Jahrestagung der Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung widmete sich vom 4.-6. Juni frei nach Judith Butler dem Thema: Immer Trouble mit Gender? Dabei warf nicht nur die örtliche Toilettenbeschilderung einige Fragen auf. Denn wie Petra JOSTING in ihren Einführungsworten feststellte, ist die dezidierte Auseinandersetzung mit gendertheoretischen Schwerpunkten in der KJL-Forschung immer noch unterrepräsentiert. Das vielseitige Tagungsprogramm zeigte das Forschungsdesiderat deutlich auf und bot einen breiten Einblick in verschiedene Ansätze. Diese beleuchteten historische und aktuelle Phänomene, literarische und mediale Inszenierungen sowie didaktische Anknüpfungspunkte.

Donnerstag

Sigrid NIEBERLE führte in dem Auftaktsvortrag Literatur und Gender in der Reprise in das Feld literaturwissenschaftlicher Gender-Forschung ein. Sie zeigte auf, dass trotz gegenwärtiger Debatten um eine mögliche ‚Postgender Ära‘ immer noch verfestigte Geschlechterbinaritäten zu beobachten sind und steckte auch die damit verbundenen rechtlichen Rahmungen ab. Daran anschließend erweitere Julia BENNER den Blick der KJL-Forschung auf die Theorien der Intersektionalität: sie machte deutlich, dass Differenzkategorien – wie etwa Gender – nicht nur einzeln zu denken sind, sondern im dynamischen Wechselverhältnis mit weiteren Dimensionen stehen und sich spezifische Hierarchisierungen durch Interdependenzen und Durchkreuzungen herausbilden. Am Beispiel des Disney Filmes Der Glöckner von Notre Dame zeichnete Benner nach, wie die Figur Esmeralda in einem Geflecht von Zuschreibungen eingebunden ist, die ihre kulturelle Identität formen.

Ute DETTMAR widmete sich in ihrem Vortrag der Trias von Barbie, Bildung und Beruf, die sie in mädchenliterarischen Texten im Kontext der 1960er Jahre verortete. Dabei zeigte sie auf, dass diese Literatur nicht eine bloße Fortschrift der sogenannten Backfischliteratur ist, sondern spezifische Modernisierungs- und Wandlungsprozesse aufweist, die – beeinflusst von sozio-kulturellen und gesellschaftlichen Verschiebungen – auch genderspezifische Umbrüche transportiert. Gundel MATTENKLOTT setzte in ihrem Abendvortrag den Blick auf Jugend, bzw. Kindheitskonstruktionen fort und spürte den Imaginationen des Kindheitskörpers im zeitgenössischen Bilderbuch nach. Von den 1980er Jahren bis zur Gegenwart verfolgte sie eine ikonographische Annäherung an die Darstellung des kindlichen Körpers und damit verschalteten oder verklausulierten sexualisierten Handlungen.

Freitag

Der zweite Tag begann mit dem Plenarvortrag von Helga KARRENBROCK, die die fast vergessene Autorin Ruth Landshoff-Yorck in das Zentrum stellte und ihr Spiel mit sozialen Geschlechterrollen, Maskierungen und Identitäten – auch in fotografischen Inszenierungen – aufdeckte. In den folgenden Vormittags- und Nachmittagspanels liefen jeweils drei Sektionen parallel, so dass hier nur jeweils eine Vortragsreihe näher diskutiert werden kann. Alexandra RITTER und Michael RITTER untersuchten die Bildtraditionen und -narrative in Fibeln der ehemaligen DDR, die spezifische Geschlechter- und soziale Rollen im Familiengefüge verhandeln und zeichneten nach, wie sich diese von 1948 bis zur Gegenwart verschoben haben. Bildnarrative und ikonographische Erzählstrategien standen auch im Vortrag von Manuela KALBERMATTEN im Fokus. Sie untersuchte, wie queere Identitäten in Adoptionsgeschichten im gegenwärtigen Tier-Bilderbuch inszeniert werden und entfaltete, wie diese innovativen Bildräume heteronormative Vorstellungen aufbrechen und subversive Gegenentwürfe bereitstellen. Optimale Synergien ergaben sich zu dem anschließenden Vortrag von Anika ULLMANN, die aufzeigte, wie Kinder gleichzeitig als unschuldig und noch-nicht-heterosexuell konstruiert bzw. gedacht werden. Am Beispiel des Bilderbuchs König und König, dessen Rezeption und Einbettung in kontroverse Diskussionen in den USA zeigte sie das (nicht-)Verhältnis von Queerness und Kindheit auf, in dem virulente und verfestige Vorstellungen über Kindheit und dessen, was man Kindern zutraut sichtbar wurden. Am Nachmittag gab Anna STEMMANN einen Überblick über Heldenkörper im Comic seit den 1940er Jahren. Am Beispiel von Batman zeigte sie auf, dass der maskuline, muskelbepackte Körper in der Darstellung weitgehend stabil blieb. So ringt Bruce Wayne zwar oft mit seiner Vergangenheit und seiner Psyche, jedoch nie mit seiner Männlichkeit. Ergänzend ging Stemmann auf Superheldinnen ein, die, wenn sie in der Geschichte des Comics eine Rolle spielen, meist übersexualisiert dargestellt werden. Geralde SCHMIDT-DUMONT widmete sich im zweiten Vortrag des Panels den Darstellungen von unangepassten Mädchen auf Buchcovern vom 19. bis Ende des 20. Jahrhunderts. Sie wies kritisch darauf hin, dass Deutschland viel später als Skandinavien Mädchenbilder zuließ, die Mädchen als schmutzig oder unordentlich gekleidet zeigten.

Nadine SEIDEL stellte am frühen Abend zwei Jugendromane vor, die sich mit dem Leben der ‚bacha posh‘ befassen. Diese jungen Mädchen wachsen in Afghanistan bis kurz vor ihrer ersten Menstruation als Jungen auf, um als diese Geld für die Familie verdienen zu können und es ihren weiblichen Familienmitgliedern zu ermöglichen, das Haus in ihrer Begleitung zu verlassen, da Frauen ohne Männer sich nicht alleine bewegen dürfen. Seidel machte anhand von Lotmans Raumtheorie deutlich, wie die Geschlechtermaskerade es hier ermöglicht sich zwischen klar genderkodierten Teilräumen zu bewegen und so Handlungsmacht zu erlangen.

Susan Kreller (l.) und Caroline Roeder (r.)

Susan Kreller (l.) und Caroline Roeder (r.)

Der Freitag endete mit einer Freiluftlesung von Autorin Susan KRELLER, die nicht nur Kapitel aus Elefanten sieht man nicht und Schneeriese präsentierte, sondern den aufmerksam auf Holzbänken sitzenden Wissenschaftlern auch einen Ausschnitt aus dem noch unvollendeten neuen Roman vorstellte. Im Gespräch mit Caroline ROEDER gab Kreller freundlich und bereitwillig Auskunft über erste unschöne Berührungspunkte mit der DDR Regierung als Kind in ihrer Heimat Plauen und lies die Zuhörer offen an Gedanken zu ihren Büchern und Arbeitsprozessen teilhaben. So kann es durchaus sein, dass, sollte in der Bibliothek der Universität Bielefeld trauriges Schluchzen erklingen, Susan Kreller wieder eine harte Entscheidung für ihre Figuren treffen musste. Der Abend endete mit Wein und angenehmen Gesprächen.

Samstag

Am Samstag kam die Tagung mit drei weiteren Vorträgen zu ihrem Abschluss. Annette KLIEWER formulierte eine Kritik an der Leseforschung, die sich ihrer Meinung nach allzu selten mit den Gender Studies auseinandersetzt und dafür viel zu oft feste, vereinfachte Geschlechterrollenzuschreibungen für LeserInnen annimmt: Mädchen lesen gerne, Jungen nicht. Daraus ergibt sich für Kliewer die problematische Situation, dass nicht mehr gefragt wird, was Jungs lesen. Vielmehr sei das alleinige Ziel, Jungen zum Lesen zu animieren, so dass Genderkonzepte in Literatur die eher Jungs ansprechen soll, kaum eine Rolle spielen. Birgit SCHLACHTER stellte ihren Vergleich unterschiedlicher Liebesromanreihen vor und veranschaulichte, wie diese von Twilight beeinflusst wurden. Am Beispiel von Bella zeigte sie zudem auf, wie die Figur eine feministische und eine post-feministische Lesart zulässt, die das in Twilight propagierte Weiblichkeitskonzept entweder als emanzipierend oder unterdrückend beschreiben. Diese Feststellung ergänzte sich hervorragend mit Marian RANAs Vortrag. Rana zeigte anhand der Romanreihen Twilight, Hunger Games und Vampire Diaries, wie Prozesse der Verschönerung, ‚beautification‘, und der Einsatz des eigenen Körpers als Ware, entfremdend, entmächtigend und ermächtigend wirken können.

Als einzigen Kritikpunkt an der Tagung ließe sich anmerken, dass es in einigen Vorträgen wünschenswert gewesen wäre, man hätte sich zentraler und genauer mit Geschlechterkonzepten befasst. Insgesamt überzeugte die Veranstaltung jedoch durch ihre Bandbreite, sowie eine positive und vor allem austauschfreudige Atmosphäre, die stets bis in die Nacht hinein anhielt.

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