Pemberley Digital

von Mareike Hoksch

Die vielseitige Welt der Umsetzung von Literatur in Video-Blogs, sogenannter literaturbasierter Vlogs, wurde im ersten Teil dieser Serie bereits allgemein vorgestellt. Das bisherige Fazit ist, dass diese neuartige Form der Adaption insbesondere älterer Literatur durch ihren medienbasierten und kreativen Ansatz gerade auch jugendliche Leser und Zuschauer erreicht und ihnen unter anderem auch einen neuen Zugang zur Literatur verschafft.

Speziell werden nun die Webserien der Webvideo-Produktionsfirma Pemberley Digital [im Folgenden PD] vorgestellt, die mit ihren Umsetzungen den medialen Platzhirsch auf dem noch neuen Markt professioneller Literaturadaptionen verkörpern. Ihnen eigen ist ein besonderer Fokus auf die wichtige wechselseitige Beziehung von Machern und Fans innerhalb der sozialen Medien sowie ein neuartiges transmediales Erzählen auf verschiedenen Ebenen.

Das Team um die Produzenten Bernie Su und Hank Green hat bisher folgende Webserien realisiert:

Lizzie Bennet Diaries                [Jane Austen: Pride and Prejudice (1813)]

Welcome to Sanditon                [Jane Austen: Sanditon (1817)]

Emma Approved                          [Jane Austen: Emma (1815)]

Frankenstein, MD                       [Mary Shelley: Frankenstein or The Modern Prometheus (1818)]

 The March Family Letters     [Louisa May Alcott: Little Women (1868/1869)]

Von Pemberley Digital präsentiert, aber nicht produziert (Prod.: Cherrydale Productions)

Als Ergänzung zu den Serien gibt es noch zahlreiche Spin-offs zu ausgewählten Charakteren.

Zu den Lizzie Bennet Diaries: The Lydia Bennet!!! / Maria of the Lu / Better Living with Collins and Collins / Domino: Gigi Darcy

Zu Emma Approved: Frank and Jan. Gerade die Lizzie Bennet Diaries haben große mediale Aufmerksamkeit erregt und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet (u.a. mit dem Primetime Emmy 2013, als erste Webserie überhaupt).Als erste der obigen Produktionen ermöglichte sie mit ihrem Erfolg überhaupt erst die weiteren Adaptionen.

Die Liste der Verantwortlichen von PD gibt Preis, warum die Umsetzungen so erfolgreich sind – alle Beteiligten haben umfangreiche Kenntnisse in Sachen Webserien, Kurzfilm und Social Media. Beispielhaft seien hier nur folgende Personen genannt:

Bernie Su als der Gründer von Pemberley Digital, Executive Producer und Hauptautor war und ist bereits mit anderen Webproduktionen als Autor und Produzent sehr erfolgreich (LOOKBOOK.com / Black Box TV / Compulsions / Vanity Series).

Hank Green ist neben seiner Tätigkeit als Executive Producer bei PD vor allem als die Hälfte der äußert erfolgreichen Internetserie vlogbrothers bekannt (die er zusammen mit seinem Bruder, dem Jugendbuchautor John Green, betreibt), ist Executive Producer zahlreicher Shows (z.B. SciShow / CrashCourse), Gründer und CEO der VidCon, hat über 579.000 Follower auf Twitter, ist Musiker und Besitzer eines Plattenlabels.

Jenni Powell ist bei PD Produzentin und hat Erfahrung bei verschiedenen Webserien gesammelt (The Guild / With the AngelsPoor Paul / The Crew / The Legend of Neil). Zudem ist sie bei der VidCon für Social Media und Inhalte zuständig und Mitproduzentin von Felicia Day’s Youtubeprojekt Geek & Sundry.

Die mediale Umsetzung der Vlogs von Pemberley Digital

Jede einzelne PD-Webserie verfügt neben solidem Storytelling über ein umfassendes Social Media-Universum. Besonders erwähnt seien hier die Twitter-Accounts der populärsten Figuren, die seitens der Autoren betrieben werden. Ihre Tweets ergänzen die Handlung und das Charaktergefüge der eigentlichen Webserie zusätzlich. Natürlich gibt es auch zahlreiche entsprechende von Fans erstellte Accounts. Vor allem aber ist Twitter eine Plattform, auf der die Fans mit den Figuren interagieren und untereinander kommunizieren können, wie in diesem Beispiel zu sehen ist. Auf diversen Metaebenen findet hier ein Austausch zwischen Fans, Schauspielern, Machern und eben auch den Figuren statt. Insgesamt werden bei den Serien von PD folgende Medien verwendet: Twitter, Facebook, Tumblr, Pinterest, LinkedIn, LOOKBOOK und Google+-Hangouts.

Zentral ist, dass das Vlogger-Konzept von PD immer auf Augenhöhe stattfindet. Die Macher hinter den Webserien bedienen sich nicht nur der gleichen Technikexpertise wie ihr Publikum, sie schöpfen aus dem gleichen gemeinsamen kulturellen Kosmos von Internetreferenzen und Popkultur. Aufgrund dieser Nähe zum Projekt erwächst aus den Followern eine Art Gemeinde, die weiterhin alle Projekte von PD verfolgen. Daraus resultiert ein treues Publikum, das geradezu als Fandom ‚herangezüchtet‘ wurde. Diese Interaktion während und nach den laufenden Webserien zeigt, dass es sich bei den Produktionen von PD in der Regel keineswegs nur um passives Aufnehmen oder schlichtes Zusehen handelt. Stattdessen verfassen die Zuschauer beispielsweise Kommentare bei YouTube (oft unter der Verwendung der serieninternen Hashtags, z.B. hier), die wiederum von den Machern in Q&As und auf Twitter aufgegriffen werden können. Auch trivialere Fan-Posts, die nichts zur Story beitragen, können durchaus zu einem Retweet seitens des offiziellen PD-Account führen und somit durch dessen 22.000 Follower eine sehr große Reichweite und positive Bestätigung erfahren (z.B. auch ein Nageldesign oder Babyoutfit im Seriendesign).

Ferner wird neben den zu den Serien gehörenden Bloopern, Bewerbungsvideos der Darsteller und alternativen Enden als Bonusmaterial seitens der Schauspieler und der PD-Accounts aber auch zu Abstimmungen bei Webserien-Awards aufgerufen sowie auf Conventions und Fantreffen mit Beteiligungen derselben hingewiesen. Das Fandom-Interesse an der Serie wird somit seitens der Produzenten auch für Werbung und ganz realle Webpreise genutzt, dabei aber durch die Balance von Emotionen und Produktionsinteressen nie einseitig ausgenutzt. Interessanterweise besteht diese Interaktion der Parteien auch nach dem eigentlichen Ende einer jeden Serie weiter – dies ist neben der Beliebtheit der Webserien auch auf die große Identifikation der Zuschauer mit den Charakteren zurückzuführen. Der große Umfang an Interaktion seitens der Macher der PD-Webserien resultiert eben in einer starken und langfristig entwickelten Serien-Motivation der Fans.

Oft gibt es während der Serien die oben erwähnten Spin-Offs einiger Nebencharaktere mit eigenen YouTube-Channels, die als Ergänzung zur eigentlichen Handlung gedacht sind. Man muss sie als Zuschauer nicht anschauen, um der Hauptstory folgen zu können. Man kann dies aber tun, um sich ein umfassenderes Bild von den Charakteren zu machen und um tiefer in die gezeigte Welt einzutauchen. Auch dieser Ansatz trägt zur weiteren Bindung der Fans bei, da diese das Gefühl haben, mit den Figuren persönlicher verbunden zu sein. Es bleibt den Zuschauern immer selbst überlassen, ob sie sich durch die verschiedenen Profile und Hinweise klicken, oder ob sie direkt auf der Homepage von Pemberley Digital eine Übersicht zur jeweiligen Serie mit allen zugehörigen Videos aufrufen, inklusive den besagten Twitterverweisen. Daneben sind auch klassische Questions&Answers-Videos ein weiteres probates Mittel der beiderseitigen Kommunikation. Indem die Autoren als die Figuren selbst die Fragen der Fans beantworten verschwimmt oft die Grenze zwischen Skript, Spontanität und Zuschauerinteraktion.

Transmediales Durchbrechen der Barriere zwischen passiver und aktiver Zuschauerteilnahme seitens PD

Die Adaption Welcome to Sanditon basiert etwa auf einem unfertigen Roman von Jane Austen. Der eigentliche Text ermöglicht und fordert hier also geradezu eine Weiterentwicklung der Geschichte.

Es gibt auch in diesem Fall eine ‚richtige‘ Serie mit Figurenkonstellation und Charakterentfaltung – der eigentliche Clou ist aber, dass sich an den eigentlichen Storyverlauf der Serie der digital-gemeinschaftliche Aufbau des virtuellen Städtchens Sanditon anschließt. Mithilfe von selbst gedrehten Videos und eigens angelegten Twitteraccounts schaffen viele Fans Figuren, die sie als individuelle Personen der Stadtbevölkerung anlegen und die aufgrund ihrer eigenen Kreativität autarke Rollen einnehmen. Die Fans greifen die Idee der in den Vlogs vorgestellten interaktiven ‚App‘ namens Domino auf – hierbei handelt es sich um eine Art modernes Kommunikationsmodul, dass inszeniert wird, aber nicht tatsächlich vorhanden ist. Mithilfe dieses vorgegebenen Mediums kreieren sie auf Youtube autonome Video-Figuren (inklusive Twitter-Rollenspiel), die sie häufig selbst verkörpern und somit die Stadt auf einer Metaebene bevölkern. Diese virtuelle Stadtbevölkerung Sanditons wurde anschließend in den transmedialen Vlog-Episoden der Hauptfigur Gigi Darcy vorgestellt und in die offiziellen Beiträge hineingeschnitten. Ein Fan dagegen hat als bewusste Alternative zu diesen manchmal doch recht laienhaften Fan-Videos eine Online-Zeitung für das Städtchen geschaffen, in der er am Ende auch seine abschließende Meinung zur Serie und zum Projekt mitteilt. Nach dem Ende des simulierten Betatests der Domino-App gab es auch noch ein Statement des offiziellen ‚Bürgermeisters‘ zum interaktiven Erfolg des Projekts.

Die Weiterentwicklung der virtuellen Gemeinschaft Sanditon mittels einer interaktive Real-Life-App-Demo war ausschließlich durchführbar mithilfe der entsprechenden Miteinbeziehung der Fans. Auf diese Weise sind bzw. waren sie noch näher an diesem Webserien-Projekt dran – als ein Teil desselben.

Die stoffliche Ausrichtung der Pemberley Digital-Vlogs und ihre Beziehung zu den Originalvorlagen

Es geht in den Webserien von PD immer auch um die Entwicklung der Charaktere. Hierbei halten sich die Umsetzungen in der Regel dicht an die Vorlagen, um die Figuren weiterhin möglichst lebensnah wirken zu lassen. Insbesondere wird in den Vlogs der Aspekt des Erwachsenwerdens und der charakterlichen Veränderung vermittelt. Sowohl die Schwestern der March Family Letters als auch die der Lizzie Bennet Diaries reifen im Laufe der Serie zu erwachseneren Frauen heran. Selbst die begabte, aber rücksichtslose Viktoria muss sich in Frankenstein MD in sozialer Hinsicht weiterentwickeln. Auch in Emma Approved wird der Protagonisten am Ende bewusst, dass sie nicht so perfekt ist, wie sie es anfangs stets zu sein glaubte.

Jane Austen-getreu liegt in den Umsetzungen von PD der Fokus immer  auf romantischen Verwicklungen. Auch diese wurden allerdings modernisiert und an die moderne Zeit angepasst, etwa im Hinblick auf die nicht mehr zwangsläufig erforderlichen Eheschließungen nach einem Liebesgeständnis. Es ist keine Überraschung, dass die Liebesbeziehungen mit den größten Raum im Zuschauerinteresse einnehmen, was sich besonders bei Äußerungen über eigene Feels und das Interesse an gewissen Shipments zeigt. Die Fans fühlen mit dem Liebesleben der Figuren mit, sie äußern neben den Gefühlen auch ihre Ansichten über richtige und falsche Handlungen und richten dementsprechende Warnungen an die Charaktere (wie etwa an Lydia Bennet bezüglich George Wickhams [z.B. Hayley Sarah: No Lydia! Stay away from the Wickham! / ArtemisScribe: DON’T CALL HIM FOR THE LOVE OF ALL THAT IS HOLY DO NOT CALL HIM PLEASE LYDIA DON’T DO IT!!!!! / Narnendil: I’m really worried about her 🙁 ] , worauf auch dem darauf folgenden Video eingegangen wird). Hier entwickelt sich bei den Zuschauern, die Kenntnis über Entwicklungen in der Originalliteratur haben, natürlich eine entsprechende Vorverurteilung manche Charaktere, die wiederum zu individuellen Hoffnungen und Vermutungen über die weitere Entwicklung der Beziehungen führt. Aufgrund der kreativen Herangehensweise bei den Adaptionen von PD kann man selbst mit Textkenntnis den Fortgang der Geschichte nie ganz vorhersagen. Auch das macht sicher den Reiz der Vlogs aus, da es sich bei den obigen Adaptionen nie ganz um dieselbe Geschichte handelt, die man schon zu kennen glaubt.

Die Änderungen in den modernisierten Umsetzungen werden meist behutsam vorgenommen, sodass sie im Vergleich mit dem Originaltext glaubhaft bleiben. Dass eine der originalen Bennet-Schwestern, die stille Kitty Bennet, passenderweise gleich ganz zur Katze umgeschrieben wird (auch sie inklusive Twitteraccount), ist schon eine der drastischeren Änderungen. Die große moralisch verwerfliche Handlung Lydia Bennets, die im Original das Durchbrennen mit dem Frauenheld George Wickham ist, wird in den Vlogs etwa durch einen Sextape-Skandal ersetzt – zudem muss hier am Ende auch nicht mehr geheiratet werden, um die Situation aufzulösen. Auch die Namen der Protagonisten wurden selbstverständlich entsprechend angepasst (bspw. wird Elizabeth zu Lizzie, der Name Fitzwilliam zu gleich zwei verschiedenen Charakteren verarbeitet, Fitz und William). In den modernisierten Adaptionen unterliegen diverse Rollen auch dem Genderswapping – so wird beispielsweise Viktor Frankenstein in Frankenstein, MD zur ehrgeizigen Medizinstudentin Victoria. Hierdurch drehen sich auch diverse Zuschreibungen im Buch um, etwa, wenn zur Abwechslung mal das männliche Love Interest vor dem Monster beschützt werden muss.

Bisher sind alle Hauptfiguren der Pemberley Digital-Vlogs starke Frauenfiguren. Dies wird von den Zuschauern gerade im Kontrast zu den oftmals männlich dominierten Internetforen, -kommentaren und YouTubekanälen als erfrischend anders empfunden. Hierdurch wird die schnellere Identifikation mit den Hauptfiguren gerade für die vielen weiblichen Fans ermöglicht. Männliche Zuschauer gibt es ebenfalls, die Mehrheit an Interaktionen etc. machen aber mit ziemlicher Sicherheit junge Frauen (geschätzt zwischen 13 – 30) aus. Es ist allerdings so gut wie unmöglich, die tatsächlich erreichten Menschen wissenschaftlich beweisbar zu messen.

Die Serien spielen bisher stets in Nordamerika (auch das englische Städtchen Sanditon wurde zu einem kalifornischen Pendant umgeschrieben). Die Zuschauerschaft hingegen schaltet sich aus der ganzen Welt hinzu, wie auch den Kommentaren zu entnehmen ist. Im Anschluss an die Lizzie Bennet-Folgen ist mittlerweile neben der DVD-Box auch noch eine Buchfassung dieser Adaption erschienen. Diese stellt natürlich letztlich eine Zurückführung der modernisierten Version auf die Form des Originals dar. Es ist aber durch die Adaption ein eigenständiges Werk, das sich im Regal sicherlich auch sehr gut neben dem Original Pride and Prejudice macht. Zurzeit ist noch nicht bekannt, was die nächste Umsetzung von Pemberley Digital werden wird – aufgrund der hohen Zuschauerzahlen und des bisherigen großen Medienechos wird es aber mit Sicherheit noch einige erfolgreiche Adaptionen der Weltliteratur geben.

Medien

https://twitter.com/PemberleyDig

http://www.pemberleydigital.com/

W., Hannah: Interview with Welcome to Sanditon Production Team Part 1. URL: http://manyatruenerd.com/2013/07/08/interview-with-welcome-to-sanditon-production-team-part-1/. [Letzter Aufruf: 31.05.2015]. Website.

Der Name PD bezieht sich übrigens auf den Landsitz Pemberley aus Pride and Prejudice, der Fitzwilliam Darcy gehört. Die Firma erscheint unter diesem Namen auch in der Welt der Webserien – sie ist dort William Darcys Medienagentur.