Die Maulwurfstadt im Netz der Bezüge

Anna Stemmann

Torben Kuhlmann wurde in diesem Jahr für seinen Erstling Lindbergh – Die Geschichte einer fliegenden Maus (2014) für den deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Bilderbuch nominiert. Im Frühjahr 2015 ist nun sein zweites Bilderbuch, Maulwurfstadt, erschienen (erneut im NordSüd Verlag) und knüpft nahtlos an den Charme von Lindbergh an.

Willkommen unter Tage – Das kulturelle Bildergedächtnis der Maulwürfe

MaulwurfstadtMaulwurfstadt erzählt in beeindruckend detailreichen Bildern und hintersinnigen Referenzen die Entwicklungsgeschichte einer Maulwurfsgesellschaft über viele Generationen hinweg. Bereits das Vorsatzblatt lädt zum ausführlichen Betrachten ein und etabliert ein anspielungsreiches bildliches Verweisgeflecht, das auf diverse Ikonen der Populärkultur, Kunst- und Zeitgeschichte Bezug nimmt. So steht etwa das berühmte Foto ‚Mittagspause auf einem Wolkenkratzer‘ Pate für eine Reihe von Maulwürfen, die auf einem Stahlträger über dem Abgrund schwebend ihren Lunch einnehmen. In Anlehnung an alte Schwarz-Weiß-Fotografien sind dieses und weitere Bilder nebeneinander gereiht und erzählen in verdichteter Form die „History Of Moletown“. In den Abbildungen sind die Analogien zur historischen Entwicklung der menschlichen Welt unverkennbar und es deutet sich bereits hier an, dass die Geschichte der Maulwürfe als Spiegel der menschlichen Welt lesbar ist.

Das Buch kommt dabei fast komplett ohne Text aus und nutzt geschickt das narrative Potential der Zeichnungen, die sich in ihrer Farbästhetik und der Einbettung von technischen Elementen an das Steampunk-Genre anlehnen. Einzig eine kurze textliche Exposition führt in den Mikrokosmos der Maulwürfe ein: „Die Geschichte von Maulwurfstadt begann vor vielen Jahren. Eines Tages zog ein Maulwurf unter eine Wiese. Dort blieb er nicht lange allein. Und im Laufe der Zeit veränderte sich das Leben unter Tage … “ (Kuhlmann 2015, o.P.). Eingebettet ist der Text in ein doppelseitiges Panorama einer saftigen grünen Wiese, auf der ein einzelner Maulwurfhügel aus dem Rasen ragt und im Hintergrund ein dichtes Wäldchen erkennen lässt. Die folgende Doppelseite führt in das Setting unter Tage hinein, zoomt näher an das Geschehen heran und zeigt, wie der bisher einzige Maulwurf von weiteren Artgenossen aufgesucht wird. Die folgenden Doppelseiten sind immer als ebensolche großformatigen Panoramabilder angelegt, die eine spezifische Szene in der Entwicklungsgeschichte der Maulwurfsgemeinschaft herausgreifen und dabei durchaus einen subtilen kritischen Appell transportieren.

Die gezeichneten Panoramen werden zum Tableau komplexer Abläufe, warten mit durchdachten Details auf und spielen permanent mit bildlichen Anleihen aus dem kulturellen Archiv. So sind die ankommenden neuen Maulwürfe deutlich in der Tradition einer Zuwandererikonographie Amerikanischer Immigranten um 1900 gestaltet; mit Kopftüchern und großen Koffern schauen sie erwartungsvoll auf ein neues Maulwurfland. Freundlich werden sie aufgenommen und die bisher isolierte Unterkunft des ersten Maulwurfs wird durch weitere Wohnhöhlen ergänzt.

Technisierung, Transformationen, Wachstum

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(c) T. Kuhlmann 2015

Die Gemeinschaft wächst rasant, die Wirtschaft floriert und eine eindrucksvolle Doppelseite zeigt aus der Vogelperspektive die schwindelerregende Tiefe in die sich die Maulwürfe hineingegraben haben: Eine Wendeltreppe schraubt sich scheinbar unendlich nach unten. Die Handarbeit der Maulwürfe wird entsprechend durch technische Mittel ergänzt, große Maschinen halten Einzug in den Bergbau, Dampfschwaden durchziehen die Höhlen und auch die Maulwürfe wandeln sich. Sie tragen jetzt z.B. Kleidung und spezielle Schutzhelme. Ein Schwenk in die Makroperspektive über Tage legt den damit verbundenen Wandel an der Oberfläche offen: die grüne Wiese ist nicht mehr ganz so grün, der dichte Wald im Hintergrund lichtet sich und Rauch strömt aus Schornsteinen mehrerer Maulwurfshügel über die Wiese.

Die Maulwurfsgesellschaft wächst immer weiter, Straßenbahnen werden entwickelt, noch größere Dampfmaschinen graben immer komplexere Tunnelsysteme und neue Berufsfelder entstehen. Dieses Wachstum hat auch Auswirkungen auf die Wohnsituation: in dicht gedrängten Waben leben die Maulwürfe in kleinen Kammern; Medien, wie der Fernseher und das Telefon halten Einzug und das Stadtbild ist plötzlich geprägt durch große Werbebanner, die verschiedene Konsumprodukte – von ‚brauner Brause‘ bis zur ‚Shovel‘ – anpreisen. In der topographischen Ikonographie lassen sich eindeutige Anleihen an den New Yorker Times Square nicht übersehen. Die abschließende Doppelseite zoomt erneut aus diesem gewandelten Mikrokosmos hinaus und zeigt die katastrophalen Folgen über der Erde: die Natur ist beinahe komplett zerstört und das zweite Textfragment fasst die Ereignisse zusammen: „Viele Maulwurfgenerationen später war das Grün der Wiese fast völlig verschwunden. Fast …“ Denn ganz im rechten Bildrand bleibt ein kleiner Rest Wiese, abgesperrt durch einen provisorischen Zaun.

Gezeichnete Umwelt – Ökologische Diskurse

Die Botschaft von Maulwurfstadt ist natürlich deutlich: symbolisch codiert erzählt die Geschichte der Maulwürfe von den außerliterarischen Entwicklungen auf der Erde und dem rücksichtslosen Umgang mit natürlichen Ressourcen. Das Bilderbuch verhandelt alle zentralen Umschlagspunkte im Natur-Kultur-Verhältnis, den technischen Wandel der Industrialisierung und auch die damit verbundenen gesellschaftlichen Umschichtungsprozesse. Diese komplexen Abläufe und Entwicklungen werden in anschauliche Bilder übersetzt, die erstaunlich gut ohne Text funktionieren und über ihre Detailfülle zum wiederholten Betrachten einladen, denn auch nach mehrmaligem Lesen bleiben neue Anspielungen zu entdecken. Diese Verweise tragen dabei zwar durchaus narrative Funktionen, dennoch bleibt die Geschichte lesbar und verständlich auch wenn nicht alle Bezüge decodiert werden.

Das Nachsatzblatt schließt in formaler Hinsicht an die fotografische Darstellung des Vorsatzes an und greift auch den vorsichtig formulierten positiven Ausblick auf. Die Zeichnungen entfalten mögliche Zukunftsszenarien, in denen die Naturzerstörung aufgehalten wird, bzw. dieser entgegengewirkt wird. Ein großer Zeitungsausschnitt der „Moletown Times“ verkündet etwa ein „Agreement on Green“ und auch die Wiese ist nun nicht mehr durch Schornsteine verbaut, sondern mit Windkrafträdern umgerüstet worden. Der damit verbundene implizite Appell ist deutlich, aber eben nicht mit dem erhobenen Zeigefinger formuliert. Die erzählte Geschichte übt zwar eine deutliche Kritik, aber angenehmerweise nicht in pädagogisch-didaktisierter oder belehrender Art, sondern transportiert stattdessen die kritischen Dimensionen ökologischer Transformationen subversiv und durchdacht.

Mehrfachadressierung

Maulwurfstadt ist eine überaus voraussetzungsvolle Erzählung, die doppelte Lesebenen beinhaltet und je nach Vorwissen auch ganz unterschiedliche Dimensionen von Kritik und Komik bedient. Die Anspielungen auf diverse Gegenstände des alltäglichen Lebens und Filme – wie etwa Charlie Chaplins Modern Times – erzeugen ein dichtes narratives Netz, das zum intensiven Betrachten und Nachdenken einlädt. Die Details reichen bis zum Wandel von Kleidung, spezifischen Einrichtungsgegenständen, Marken, Straßenschildern und Autos, die zum Mosaik der menschlichen Kulturgeschichte werden. Dabei schwingen immer die möglichen kritischen Dimensionen dieser Entwicklung mit, ohne moralisierend zu werten. Vielmehr zeigt das Bilderbuch, wie die Vorstellungen von Natur und Umwelt immer auch medial vermittelt sind, bzw. durch ikonographische Tradierungen geformt werden. Die Maulwurfstadt hält der Menschenwelt permanent den Spiegel vor, reflektiert die Veränderungen im natürliche Raum, diskutiert den Umschlagspunkt ökologischer Transformationen und deren gesellschaftlichen Folgen, um darüber konsequent eine Brücke in unsere Gegenwart zu schlagen.

Neben dieser Metaebene bleiben die eindrucksvollen Zeichnungen, die in ihrer Detailfülle und Farbästhetik, den Bildarrangements und dem Wechsel von Perspektiven immer überzeugen. Ohne einen begleitenden Erzähltext bieten gerade diese Bildnarrative eine hohe Offenheit und Polyvalenz, die dennoch komplexe Zusammenhänge und Entwicklungen herausstellen kann. Torben Kuhlmann ist nach Lindbergh auch mit Maulwurfstadt ein großer Wurf gelungen, der klassisches Beispiel für eine Mehrfachadressierung ist. Das hochaktuelle Thema wird klug und reflektiert aufgriffen, in einen überbordenden Fundus an (Bild-)Zitaten eingebettet und zeigt, wie komplex und tiefgründig ein Bilderbuch erzählen kann.

Torben Kuhlmann (2015): Maulwurfstadt. Zürich: NordSüd Verlag.

Buchtrailer: