von Dennis Fassing

Der FPC diskutiert über das Ende des linearen Fernsehens

Am Freitag, den 11.09.15, lud der Frankfurter PresseClub zu einem neuen Teil ihrer Netzwerkveranstaltung, die dieses Mal den Titel „Das Fernsehen ist tot – Es lebe Youtube?“ trug. Vor famoser Kulisse im 31. Stock des Silberturms der DB Systel wurde es voll, sowohl mit Publikum vor Ort als auch im Stream (zeitweise um die 1.500 Zuschauer). Dies lag sicherlich auch an den prominenten Gästen Etienne Gardé und Arno Heinisch, ihres Zeichens zwei der fünf Gründungsmitglieder der Rocket Beans Entertainment GmbH. Die Produktionsfirma ist bekannt für ihre erfolgreiche Gaming-Sendung „Game One“, welche bis Ende 2014 auf MTV und Viva lief. Als die Show letztendlich nach Jahren abgesetzt wurde, entschied man sich für den riskanten und innovativen Schritt, einen 24/7-Internetsender zu gründen. So startete am 15.01.2015 „Rocket Beans TV“ auf der Streamingplattform Twitch und unterhält seitdem ein breites Publikum mit unterschiedlichsten Formaten aus dem Nerdkosmos. Eine Playlist mit Highlightvideos ist hier zu finden.

Das Gespräch, welches sich am Abend zwischen den beiden ‚Bohnen‘, dem Moderator Steffen Ball und dem Publikum entspann, drehte sich rund um den Sender, seine innovative und spontane Struktur, seine breitgefächerte Finanzierung und das zugrundeliegende redaktionelle Verständnis der Verantwortlichen.

Neue Formate für eine neue Generation

Nach dem Unterschied zwischen dem ‚alten‘ Fernsehprogramm und ihren eigenen Inhalten auf Rocketbeans TV gefragt, sehen Gardé und Heinisch vor allem die Nähe zur Zielgruppe als entscheidend an. Im Fernsehen wirke es so, als habe man keinen wirklichen Mut für Neuerungen, als sei man sehr weit von gerade der jüngeren Zielgruppe entfernt, die nun mit halbgaren Formaten im Stile von Youtube-Videos angesprochen werden sollen. Dass dabei selten mehr als altbackene Clipshows herauskämen, sei ein Zeichen für diese Ideenlosigkeit.
Bei den Rocketbeans habe man dagegen die Notwendigkeit zur Innovation zu einer Tugend gemacht. Der Vorteil eines eigenen Senders sei es eben, dass niemand außer einem selbst in die Formate eingreife, man also die volle kreative Kontrolle besitzt. Die Stärke in den Formaten des Internetsenders liegt in dem Feuereifer, den jede einzelne beteiligte Person mitbringe, von der Moderation über die Redaktion bis zur Regie und den Menschen hinter der Kamera. So sei es etwa auch denkbar, eine Sendung über Kakteen zu realisieren, wenn sich nur genug Interessierte dafür fänden.
Betrachtet man die Bandbreite an Formaten, zeigt sich, dass Rocketbeans TV kein monothematischer Gamingsender ist. Zu den Flaggschiffen gehören etwa Bohnjour (eine moderierte Abendshow mit Gästen und Musikacts), Wir müssen reden (eine Latenight Call-In Sendung) oder erst kürzlich gestartet der Fussballtalk Bohndesliga. Unregelmäßige Events, wie ein im Sendergarten stattfindendes Sommerfest, eine Pen and Paper Runde mit eigenem Regelwerk oder DJ-Sessions runden das vielfältige Angebot ab.
Im Vergleich zum linearen Fernsehen kann im Sender schnell reagiert werden, Formate werden so teils binnen Wochenfrist überarbeitet. Als man während der Pilotfolge der Bohndesliga merkte, dass 60 Minuten für eine ausreichende Diskussion kaum ausreichten, verlängerte man die Sendung schon in der kommenden Woche auf 90 Minuten (und bildete damit noch die Spielzeit eines Fussballspiels ab).

Diskurs mit der Community

Ein wichtiger Grundpfeiler des Senderkonzepts sind natürlich dessen Zuschauer. Heinisch und Gardé machten deutlich, dass sie die Fans nicht nur als passive Rezipienten, sondern als aktive Partizipanten sehen. Das Bemühen um Kommunikation auf möglichst vielen Kanälen ist groß und neben einem Facebook-, Google- und Twitteraccount gibt es stark frequentierte Reddit- und Teamspeakchannel. Bei keinem herkömmlichen Sender dürfte es so einfach sein, seine Meinung am Produkt zu äußern und durch Feedback wie Kritik und Verbesserungsvorschläge direkt an der Gestaltung von Formaten teilzuhaben. Wie sehr sich die Verantwortlichen diese Feedback-Kultur auf die Fahnen geschrieben haben, ist unter anderem auch am mittlerweile alle zwei Wochen stattfindenden Format „Q&A“ zu erkennen, in welchem Fragen der Community beantwortet und Vorschläge und Impulse diskutiert werden.

Was im verlinkten Video gut zu beobachten ist und auch von den Zuschauern der FCP-Veranstaltung so gesehen wird, ist die ehrliche Art, die die Moderatorinnen und Moderatoren an den Tag legen. Rocket Beans TV wirkt authentisch, auf Kritik der Zuschauer kann auch einmal eine kritische Antwort folgen. Man bekommt das Gefühl, dass sich die Macher des Senders tatsächlich mit ihrem Publikum auseinandersetzen, statt es einfach nur wahrzunehmen. Dazu passt es auch, dass Heinisch und Gardé auf die Frage nach ihrem redaktionellen Auftrag antworten, dass sie sich zwar in erster Linie als Unterhaltungssender begreifen, sich aber auch stets eine Offenheit gegenüber anderen Formaten und Ideen behalten wollen, sofern das redaktionsinterne Interesse und die erreichbare Qualität stimmen.

Der Support der Zuschauer ist nicht nur für die inhaltliche Gestaltung des Senders wichtig, sondern auch für dessen Finanzierung. Heinisch nennt gleich acht Säulen der Finanzierung, die alle den Fortbestand des Projekts gewährleisten. Die Community trägt durch freiwillige Spenden, Einkäufe im hauseigenen Shop, Abos auf Twitch und Käufe über Amazon Affiliate-Links zum Erhalt bei, außerdem bringen höhere Viewerzahlen auch mehr Werbeeinnahmen in den Pausen auf Twitch und in den On-Demand-Videos auf Youtube. Zusätzlich intensivieren die Bohnen auch ihre eigene Vermarktung und ziehen immer mehr Sponsoren für Equipment und Formate an Land. Die neuen Wege, die Rocket Beans TV mit seiner inhaltlichen Aufstellung geht, werden so auch auf dem Feld der Finanzierung deutlich.

Was bringt die Zukunft?

Aber wird das lineare Fernsehen nun aussterben und sind die Macher von Rocket Beans TV ein weiterer Sargnagel? Nein, so die einstimmige Meinung der beiden Gäste. Lineare Programme werde es weiterhin geben und im Bereich des Fernsehens prophezeit Gardé, dass sich an dessen Struktur in den nächsten Jahren auch wenig ändern werde. Im Falle des eigenen Senders wolle man auf lineares Programm auch gar nicht verzichten und weiterhin Live-Content und Primetime-Formate anbieten. Gerade wegen des starken Fokus auf die Community gebe es nichts Besseres, als mit tausenden anderen Zuschauern zeitgleich seine Lieblingssendung sehen zu können – und sich gleichzeitig in den sozialen Netzwerken darüber auszutauschen. Dieses Prinzip erkenne man nicht nur bei ‚diesen Internetsendungen‘, sondern auch bei so etwas bodenständigem wie dem sonntagabendlichen Tatort, der es stets zu einem Trending Topic im deutschsprachigen Twitter schafft. Dieses Gemeinschaftsgefühl wollen auch die Rocket Beans für ihren Sender bewahren.

Mit vielen Fragen aus dem Publikum ging die Diskussion dann bald zu Ende, um zum informellen Teil des Abends überzuleiten. Bei Getränken, Bretzeln und der grandiosen Aussicht auf das nächtliche Frankfurt gab es dann noch reichlich Gelegenheiten zum Netzwerken und zu dem ein oder anderen Foto mit den beiden Vertretern der Rocket Beans.

Wer die komplette Veranstaltung noch einmal im Video nachverfolgen möchte, kann dies hier auf Youtube tun, zur Verfügung gestellt vom Aufzeichner Livestream.watch.

Medien

Copyright des Titelbilds, mit freundlicher Genehmigung: Marc Schmidt, hallofrankfurt.de

Livestream.watch: Frankfurter PresseClub Netzwerkveranstaltung mit Rocket Beans TV. URL: https://www.youtube.com/watch?v=aCxOWemnUVQ&feature=youtu.be&a. Datum des Zugriffs: 20.09.2015.

Rocket Beans TV: Rocket Beans TV in 94 Sekunden. URL: https://youtu.be/HvncJgJbqOc. Datum des Zugriffs: 20.09.2015.

Rocket Beans TV: [1/3] Q&A #10 mit Hauke 10.09.2015. URL: https://youtu.be/vzvlCsZiJj4. Datum des Zugriffs: 20.09.2015.