in der aktuellen Crime-Serien-Landschaft

Aufgrund ihrer Vielzahl könnte man in der aktuellen Crime-Serien-Landschaft leicht den Überblick verlieren. Doch bei genauerer Betrachtung zeigen sich einige auffällige Merkmale, die den Ermittlern und Profilern gemein sind. So zeichnen sich die aller meisten Ermittler und Profiler durch diverse pathologische Besonderheiten aus, die zudem nicht nur als charakterliches Merkmal der jeweiligen Figur zu verstehen sind, vielmehr wird die psychische Verfassung auf eine oder mehrere traumatische Erfahrungen in der Vergangenheit der Figuren bezogen. Auf diese Weise wird der Zuschauer selbst zum Analytiker, dem gleichzeitig ermöglicht wird, die pathologischen Eigenheiten der Figuren und deren Persönlichkeit nachvollziehen zu können. Um einen Eindruck dessen zu vermitteln, auf welche Weise sich diese pathologischen Eigenheiten äußern, folgt zunächst der Blick auf die Ermittler, danach jener auf die Profiler, um diese beiden Kategorien abschließend zu vergleichen.

Ermittler
Der kausale Zusammenhang von traumatischen Erlebnissen und der Entwicklung von diversen Neurosen, lässt sich am Beispiel verschiedener Ermittler-Figuren besonders eindrucksvoll nachvollziehen. Die Position, welche die einzelnen Mitglieder verschiedener Ermittler-Teams und die Zuschauer der Serien einnehmen, sind hiermit eng verwoben. Ein besonders komplexes Geflecht lässt sich in der Serie Elementary (CBS 2012-) beobachten. Denn der ehemals heroinsüchtige Sherlock Holmes versucht einerseits, sich mit der Ermittlungsarbeit von seiner Drogensucht abzulenken und gleichzeitig, in Erfahrung zu bringen, welcher traumatischen Gegebenheit es geschuldet ist, dass Dr. Watson, die von seinem Vater engagiert wurde, um ihn zu überwachen, ihren ursprünglichen Beruf als Chirurgin nicht mehr ausüben will. Dr. Watson ist ihrerseits bemüht, die Ursache für Holmes‘ Drogensucht in Erfahrung zu bringen, weshalb sich unterschiedliche Ermittlungen auf verschiedenen Ebenen überschneiden. Durch das gezielte Spiel mit zurückgehaltenen Informationen, kann sich der Zuschauer wie beim Lesen einer Freudschen Fallgeschichte fühlen. Dem Zuschauer wird somit nicht nur die Möglichkeit gegeben, sich in die Position des Ermittlers, sondern ebenso in jene eines Therapeuten zu versetzen.
Während in Elementary die einzelnen Personen im Vordergrund stehen, wird der Fokus in einigen anderen Serien auf die familiären Verhältnisse der Ermittler gerichtet. Problematisch anmutende familiäre Verhältnisse stehen in enger Verbindung zu der angegriffenen psychischen Verfassung der Ermittler. Der Verlust geliebter Familienmitglieder ist ein beliebtes Motiv, um dem Charakter der überlebenden (Ermittler-)Figur einen besonderen Tiefgang zu verleihen und dient gleichermaßen als Erklärung für verschiedene Neurosen. Ebenso wird dieses Motiv gerne als roter Faden verwendet, der die einzelnen Episoden dadurch miteinander verbindet, dass oftmals, neben der alltäglichen Ermittlungsarbeit, nach dem Mörder der Familie eines Ermittlers gesucht wird. Um hierfür einige Beispiele zu nennen, lässt sich festhalten, dass die Ermittler Patrick Jane (The Mentalist) Gibbs (Navy CIS) und Monk (Monk) durch den Verlust geliebter Familienmitglieder geprägt sind. Als Folge dieser traumatischen Erfahrung zieht sich der bereits vor dem Verlust seiner Frau an zwangsneurotischem Verhalten leidende Monk immer mehr zurück und Jane und Gibbs sind unfähig Beziehungen mit anderen Menschen einzugehen. Alle sehnen sich danach, den Mörder ihrer Familien zu töten. Während Jane und Monk zu keiner innigen Beziehung zu ihren Ermittler-Kollegen fähig sind, ersetzt Gibbs seine Familie durch sein Ermittler-Team. Doch auch innerhalb dieser Familie ist er nicht vor Schicksalsschlägen sicher, denn seine junge Kollegin Kate wird vor seinen Augen erschossen. Als Vater-Figur innerhalb seines Ermittler-Teams verliert er seine Tochter somit ein zweites Mal. Elemente der Verdopplung lassen sich in mehreren Serien beobachten. Sie scheinen dazu zu dienen, das traumatische Erlebnis erneut thematisieren zu können und die psychische Verfassung des Betroffenen zu verdeutlichen.
Auch in sämtlichen CSI-Formaten (CBS 2000-) lassen sich solche und ähnliche Elemente aufzeigen. So ist der introvertierte CSI-Las-Vegas-Team-Leiter Gil (Dr. Gilbert Grissom) von zahlreichen Neurosen geprägt. Mac Taylor, der CSI-New-York-Team-Leiter, ist von dem Verlust seiner Frau Claire geprägt, die jedoch nicht einem (Serien-)Mörder, sondern den Anschlägen des 11. Septembers zum Opfer gefallen ist. Auch die familiären Beziehungen Horatio Canes, des CSI-Miami-Team-Leiters, stehen in engem Zusammenhang mit seinem zynischen Wesen.

Ein Serienmörder als Identifikationsfigur
Ins Maximale gesteigert wird das Motiv des traumatisierten Ermittlers durch die Figur des Blutspuren-Ermittlers Dexter Morgan, (Dexter CBS 2006-2013) der als Kleinkind mitansehen musste, wie seine Mutter brutal ermordet wurde und daher selbst zum Serienmörder wird. Dexter ist schwer als Ermittler, oder Profiler einzuordnen, befindet er sich doch zwischen diesen beiden Bereichen. Offiziell ist er ein Blutspurenermittler und arbeitet somit vorwiegend im Labor, doch da er selbst ein Serienmörder ist, besitzt er die Gabe, sich mühelos in die gesuchten Verbrecher hinein zu versetzen. Mit dieser Fähigkeit könnte er die Ermittlungsarbeit seiner Einheit erheblich erleichtern, doch drängt ihn sein „düsterer Begleiter“, der nahezu in jeder Folge erwähnt wird, zur quasi verdeckten Ermittlung, um eigenmächtig für Gerechtigkeit zu sorgen. Auffällige Elemente dieser Serie sind die klar aufeinander bezogenen Elemente traumatischer (familiärer) Erfahrungen und die darauf folgende Modifizierung der Persönlichkeit der Figuren. Ebenso auffällig sind Verdopplungsmotive. So findet Dexter seinen Sohn im Blut seiner, von einem Serienmörder getöteten Frau sitzen, genau so wie er einst von seinem Adoptivvater aufgefunden wurde.
Aufgrund der drastischen traumatischen Erfahrung Dexters ist es möglich, einen Serienmörder als Identifikationsfigur anzubieten. Zudem tötet er nicht wahllos, sondern folgt streng dem „Kodex“, der ihn sein verstorbener Adoptivvater, der Polizist Harry Morgan, gelehrt hat. Erst wenn er sich sicher ist, dass ein potentielles Opfer selbst gemordet hat, wird er es töten. Da diese Serie aufgrund der Verknüpfung der Figur eines Ermittlers und eines Serienmörders etwas aus dem Rahmen fällt und aufgrund ihrer Komplexität einen eigenen Beitrag verdient, folgt zunächst der Blick auf die Profiler, um den Rahmen nicht zu sprengen.

Profiler
Eine der ersten Profilerinnen ist Samantha Waters aus Profiler (NBC 1996-2000). Die ehemalige Gerichtspsychologin arbeitet für die Spezialeinheit des FBIs, mit Namen VCTF (Violent Crimes Task Force). Ihre Aufgabe besteht darin, in die Gedanken der gesuchten Verbrecher einzudringen. Da ihr Ehemann von dem mysteriösen „Jack“ ermordet wurde, ermittelt sie immer auch in eigener Sache. In dieser frühen Serie findet sich somit bereits das Motiv, das in so vielen späteren Serien, allerdings mit umgekehrter Geschlechtsverteilung, vorkommt.
Am besten vergleichen lässt sich Profiler mit der Serie The Mentalist (CBS 2008-). Denn nachdem Patrick Janes Frau und Tochter dem Serienmörder Red John zum Opfer gefallen sind, erklärt er sich dazu bereit, die Ermittlungen des CBIs zu unterstützen, damit er Red John aufspüren und ihn ermorden kann. Ähnlich verhält es sich mit „Hotch“ (Agent Aaron Hotchner) aus der Serie Criminal Minds (CBS 2005-) dessen Ex-Frau einem Serienmörder zum Opfer gefallen ist. Ihm gelingt es jedoch, seinen Sohn zu retten.
In diesen Profiler-Serien scheint die Vereinbarkeit von beruflichen und familiären Verpflichtungen besonders im Vordergrund zu stehen. So treten die Mörder Jack und Red John immer wieder in Kontakt mit Samantha und Jane, was bei Jane den Druck, den Mörder seiner Frau und Tochter zu töten, weiter erhöht. Im Falle von Samantha Waters sorgt dies dafür, dass die Sorge um ihre Tochter, die von Jack verschont wurde, gesteigert wird. Sie sehnt sich nicht danach, den Mörder ihres Mannes eigenhändig zu töten, dieser Wunsch ist nur den männlichen Ermittlern bzw. Profilern eigen, sie sehnt sich vielmehr danach, ihn dingfest zu machen, um sich und ihre Tochter zu schützen.

Fazit
Der kurze Vergleich verschiedener Ermittler und Profiler zeitgenössischer Crime-Serien sollte dazu beitragen, einen Eindruck davon zu vermitteln, wie häufig die pathologischen Besonderheiten, wie verschiedene Neurosen, Schwierigkeiten im Umgang mit andern Menschen, Abgestumpftheit, Introvertiertheit etc. als Resultat von traumatischen Ereignissen, die sich vornehmlich im engsten familiären Umfeld zugetragen haben, inszeniert werden.
Die Ermittler und Profiler verkörpern überwiegend das Bild eines ausschließlich für die berufliche Verpflichtung lebenden Beamten, dessen Charakter sich durch Ernsthaftigkeit, bisweilen Verbissenheit und Zynismus auszeichnet. Sie scheinen es bewusst in Kauf zu nehmen, dass sie kein Privatleben haben können, wodurch sie ihre Ehe (sofern sie eine haben) gefährden bzw. zerstören.  So heiratet Gibbs aus Navy-CIS nach der Ermordung von Frau und Tochter, noch dreimal, doch alle Frauen lassen sich nach kurzer Zeit wieder von ihm scheiden. Wie bereits erwähnt, fungiert sein Ermittlungsteam als Familien-Ersatz und zwar als eine Familie, die ihm wesentlich mehr bedeutet, als seine Ehe(n). Bisweilen wirkt die Serie daher wie eine Familien-Serie, mit dem Unterschied, dass die Familienmitglieder gegen Mörder ermitteln.
Die Inszenierung der psychischen Verfassung als Resultat traumatischer Erlebnisse, erleichtert es dem Zuschauer, sich mit diesen „Serien-Helden“ zu identifizieren. Denn ihr Verhalten wird als logische Folge eines Ereignisses nachvollziehbarer und macht das Verhalten der Figur verständlich. Durch Elemente der Verdopplung, sowie durch die zwischenzeitliche Kontaktaufnahme des Mörders mit dem Betroffenen, wird das traumatische Erlebnis, d.h. das persönlichkeitsprägende Element, erneut ins Gedächtnis gerufen. Zudem wird hierdurch auch Zuschauern, die eine Serie nicht von Beginn an verfolgt haben ermöglicht, die charakterlichen Eigenheiten des Serien-Helden nachzuvollziehen. Gleichzeitig wird dem Zuschauer hierdurch ermöglicht, sich in die Rolle des Ermittlers bzw. Analytikers zu versetzen, was als besondere Eigenheit dieser Serien zu bezeichnen ist und sich in erheblichem Maße von den Crime-Serien der älteren Generation unterscheidet. Denn lag der Fokus ehemals auf action-reichen Verfolgungsjagden und routinierten Polizei-Beamten, hat sich mittlerweile der Fokus auf das Innenleben der Ermittler und Profiler verlagert. Die Tatsache, dass es Serien wie Dexter gibt, verdeutlicht, dass es den Zuschauern sogar zugemutet werden kann, sich in das Seelenleben eines Serienmörders zu versetzen. Es bleibt abzuwarten, in welche Richtung sich dieser Trend entwickeln wird bzw. mit welcher Art von Crime-Serien-Held wir es in naher Zukunft zu tun haben werden.

Iris Schäfer

Die Rechte für das verwendete Bildmaterial liegen bei der CBS, nicht bei der Verfasserin.