von Anna Stemmann

Martin Berdahl Aamundsen erzählt in seinem Bilderbuch, wie der Titel verspricht, von Nora und dem kleinen blauen Kaninchen. Die Grundzüge der Geschichte orientieren sich an einem bewährten Muster, das schnell erklärt ist: Das Mädchen Nora sehnt sich nach einem Gefährten zum Spielen, denn ihre Klassenkameraden scheinen sich nicht für sie zu interessieren. Auf dem Schulweg beschleicht sie das Gefühl, verfolgt zu werden und sukzessive wird ihr offenbar, dass es sich um ein kleines blaues Kaninchen handelt, das ihr anhängt. Schnell wird dieses Wesen zu ihrem dauerhaften Begleiter und sie spielen gemeinsam, bis Nora entdeckt, dass ihr Mitschüler Fredrik mit einem grünen Nilpferd auch einen tierischen Begleiter hat. Beide Kinder spielen fortan zusammen und ebenso schrittweise wie sie Freunde werden, verschwinden die beiden Tiere wieder.

Bewährter Text – Hybrides Bild   

Betrachtet man die Geschichte bloß auf der textuellen Ebene, bietet sie wenig Neues. Das Außenseiter-Dasein und die doch noch gefundene Freundschaft sind bewährte Handlungsstruktur und Motivkonstellation der Kinderliteratur. Was dieses Bilderbuch nun aber zu etwas Besonderem macht, ist die Darstellungsweise, die für diese Inhalte gefunden wurde. Erzählt wird nicht in gezeichneten Bildern, sondern mit Fotografien. Diese zeigen diverse Panoramen von Häuserfronten, Straßenzügen oder andere Stadtansichten. Die Fotos bilden so den narrativen Untergrund, auf den sich die Geschichte wortwörtlich in den Stadtraum einschreibt. Denn auf den Wänden sind gesprayte Figuren – ganz in der Street Art Tradition eines Banksys – platziert. Noras Bewegungen durch die Stadt werden so als gesprayte Stencils nachverfolgt. Konsequent spielt der Bildaufbau mit den Vorgaben der jeweiligen Häuserfront, lässt die Figur mal sitzend, mal stehend, mal laufend erscheinen. Das Kaninchen versteckt sich z.B. besonders gern hinter Vorsprüngen und Fensterrahmen.

Nora unterscheidet sich von ihren Klassenkameraden dann auch nicht nur durch die Spielvorlieben, sondern auch in der Figurenzeichnung: Sie ist mit Schattierungen als eine vielschichtige Figur – analog zu ihrer lebenslustigen Offenheit – angelegt, während ihre Mitschüler schemenhafte und flächige Figuren bleiben. Die äußere Oberfläche des Zeichenkörpers transportiert so subtil die Botschaft des Textes.

Die Textur des Raumes

Fotografie und Street Art verschmelzen in Nora und das kleine blaue Kaninchen in der Textur des Raumes miteinander.nora-2 Und in diese Komposition fügen sich auch die Textbausteine ohne weitere Rahmung nahtlos ein. Nachträglich wurden sie über das Foto gelegt und wechseln immer wieder den Standort auf der Seite. Jede Seite besticht so durch ihren individuellen Aufbau und lädt dazu ein, immer wieder auf Erkundungstour zu gehen. Dass dies vom Leser selbst tatsächlich in die Praxis im echten Raum umgesetzt werden kann, ermöglichen zwei Schablonen, die dem Buch beiliegen. Sowohl Hase als auch Nilpferd können damit leicht selbst nachgeahmt werden. Statt auf der Häuserwand kann man damit ja erst einmal auf einem Blatt Papier beginnen und darum ganz neue Räume entstehen lassen.

 

Literatur

Martin Berdahl Aamundsen: Nora und das kleine blaue Kaninchen. Hamburg: Gingko Press, 2016.