von Dennis Fassing

Ori and the Blind Forest

Als Ori, das Kind des Weltenbaumes im Wald von Nibel, als Neugeborenes während eines schweren Sturmes von seinem Vater getrennt wird, beginnt eine verheerende Kettenreaktion. Nur zu Beginn scheint sich alles zum Guten zu wenden und Ori, unerfahren und verletzlich, findet Unterschlupf bei Naru, einem rundlichen und gemütlichen Wesen, welches schnell die Rolle einer schützenden Ersatzmutter einnimmt. Doch der Wald und Ori haben eine ganz besondere Verbindung, ohne die der Weltenbaum nicht bestehen kann. Durch den Verlust seines Kindes schwindet dessen gesamte Kraft und letztendlich vergeht das gesamte Ökosystem, mit all seiner Fauna und Flora, auch Naru und Ori selbst. All diese Ereignisse, inklusive des Todes der Hauptfigur, geschehen im Prolog des 2015 erschienenen Videospiels Ori and the Blind Forest. Bis zum interaktiven Einstieg in den Titel dürfen Spieler nur wenige Schritte laufen, größtenteils wird die Handlung in Spielgrafik-Videosequenzen erzählt. Als nach Oris Tod schon alles verloren scheint, wendet der Wald seine letzten Energien auf, um sie wiederzubeleben und ihr Sein zur Seite zu stellen, den letzten der Waldgeister Nibels. Diese beiden Figuren sollen nun mit einer gemeinsamen Anstrengung Nibel wieder zum Leben erwecken.
In Ori and the Blind Forest wird die Verbundenheit aller lebenden Wesen zum Thema gemacht. Die meisten Figuren der Handlung, wie Ori selbst, die Waldgeister oder die alte Eule Kuro sind Teile des Waldes und an dessen Schicksal gebunden. Das Spiel erzählt somit von den Veränderungen in einem komplexen Ökosystem und im folgenden Text soll gezeigt werden, auf welchen verschiedenen Ebenen diese These greift.

Altes und Neues im Genre des Plattformers

Ori and the Blind Forest ist ein zweidimensionaler Jump-and-Run Plattformer, der sich viele altbekannte Mechanismen des Genres zu Nutze macht, aber auch einige Neuerungen einführt. So hat die Spielfigur Ori zu Beginn ein sehr begrenztes Repertoire an Bewegungen und nur geringe Lebens- und Energieleisten. All diese Elemente werden aber im Laufe der Handlung ausgebaut, indem Items und Upgrades gefunden werden. Je mehr neue Bewegungen Ori erlernt, umso weiter kann die Figur die Welt des Waldes erkunden. Mit einem Doppelsprung erreicht sie so höher gelegene Stellen und mit einem festen Sprung aus der Luft zerschmettert sie Bodenplatten, die den Eingang zu tieferen Höhlen versperren. Das Spielprinzip, durch die eigenen Fähigkeiten sukzessive neue Teile der Spielwelt freizuschalten, findet in Vertretern sogenannter ‚Metroidvania‘-Spiele (wie etwa Castlevania, Super Metroid oder Guacamelee)  seine Vorläufer. Neben den bekannten Elementen, die Ori and the Blind Forest sehr gut umsetzt, bietet das Spiel zusätzlich einige Innovationen. Die Spielfigur erlernt einige Fähigkeiten, die im Genre des Jump and Run noch nicht umgesetzt wurden. So kann sich Ori ab einem bestimmten Zeitpunkt die Energie ihrer Gegner zu Nutze machen und sich durch Projektile hindurchteleportieren. Die Spielfigur kann auf diese Weise ganz neue Bereiche erreichen und die Schüsse der Widersacher gleichzeitig in ihrem Verlauf umlenken, was ebenfalls vorher versperrte Bereiche freisprengen kann. In einem anderen Abschnitt des Spiels ändern sich die Gesetze der Physik vollständig und die Spieler müssen sich an eine veränderte Schwerkraft gewöhnen.
Bei allen Features des Spiels entsteht jederzeit der Eindruck, dass sie sich lückenlos in die Erzählwelt einfügen. Ori bekommt ihre Fähigkeiten von den Geistern des Waldes, die im Zuge des großen Sterbens zu verblühten Bäumen verkommen sind. Sobald Ori sie mit ihrer Kraft wieder revitalisiert und in Blüte springen lässt, gehen deren individuelle Fähigkeiten auf sie über.

Spirit Tree

Ori revitalisiert einen Spirit Tree

Ori wird von der Kraft des Waldes beseelt, denn all dessen Geister sind Teil der einen großen Seele des Waldes, eines Kollektivs an Spiritualität und Lebenskraft. Der letzte noch aktive Waldgeist Sein, Oris ständiger Begleiter von Beginn an, ist das Sprachrohr dieser Gemeinschaft und erzählt den Spielenden die Geschichte des Waldes, seiner Bewohner und seiner Geister. Durch die Verbundenheit aller Waldbewohner kann auch auf einer inhaltlichen Ebene erklärt werden, wie Ori Fähigkeiten wie ihren Teleportsprung nutzen kann: Da auch ihre Widersacher aus der gleichen (und jetzt korrumpierten) Energie von Nibel bestehen, kann sie sich deren Materialität bedienen.

Die Farben eines kranken Waldes  

In Ori and the Blind Forest wird eine dichte, verwunschene und stimmige Waldlandschaft gezeichnet. Ob man sich in bewachsenen Ebenen, gefluteten Höhlen oder zerklüfteten Bergwelten befindet, überall hat man als Spieler den Eindruck, sich mitten in einem phantastischen Urwald zu bewegen. Ein Grund für diesen Einklang der Bereiche ist die Wahl der Farben der Spielwelt. Alle Gebiete in Nibel haben grundlegend zwei Zustände. Beim ersten Betreten eines Gebiets zeigt sich den Spielenden stets der tote und korrumpierte Wald. Dornenranken ziehen sich durch das Gelände, alle Stämme und Äste sind kahl von Rinde und Laub und Wasserstellen sind eine sumpfige und giftige Brühe. Farblich gestalten sich diese Waldteile düster, es pulsiert lila und rot, viele Schatten liegen im Bild und manche Wege sind so gar nicht zu sehen. In solchen Gebieten wird der Wald gleichermaßen mit Krankheit und Gefahr assoziiert. Viele Gegner sehen tatsächlich aus wie Bakterien oder Tumore, große stachelige Klumpen, die langsam über den Boden kriechen. Ori selbst, als schneeweiße Figur, die stets mit einer weißen Korona umgeben ist, wirkt in dieser dunklen Welt wie ein Antikörper, ein weißes Blutkörperchen, dass der Welt neues Leben einhauchen kann. Im Verlauf des Spiels wird der Wald immer weiter revitalisiert. Dies gelingt den Spielenden über die Bereinigung der Herzen dreier Elemente, dem Wasser, dem Wind und dem Feuer. Bei der Aktivierung jeder dieser Quellen ändert sich das Aussehen Nibels entscheidend. So werden durch die Kraft des Wassers giftige Seen und Flüsse gereinigt. Die Farben des Waldes verändern sich in den geheilten Bereichen entscheidend. Statt dunkel wabernder Violetttöne erstrahlt Nibel nun in einem kräftigen und klaren Blau, einem hellen Sonnengelb und einem satten Grün. Die Farbpalette vermittelt Kraft, Vitalität und Frische, einen gesunden Organismus, in dessen Mittelpunkt die hell strahlende Ori als kräftigster Punkt leuchtet.

Der blühende Wald nach seiner Wiederherstellung

Der blühende Wald nach seiner Wiederherstellung

Ori ist nicht nur die Retterin des Waldes, sie ist ein essentieller Teil von ihm. Man kann daher die Parallelität im Voranschreiten der Handlung als weiteres Zeichen der Verbundenheit deuten. Je mehr Fähigkeiten Ori von den Geistern erhält und je mehr Bäume sie so erblühen lässt, desto mehr Teile Nibels füllen sich wieder mit Leben und Frische. Der Weg zum Ziel ist in Ori and the Blind Forest als heilender Prozess inszeniert, der bereits von Anfang an Erfolge erkennen lässt und die im Laufe des Spiels immer sichtbarer werden. Die Visualisierung des Spiels greift daher das Thema der Verbundenheit aller lebenden Wesen sehr passend auf.

Die Aussage des Spiels

Die untrennbare Verbindung alles Lebenden wird im Spiel zum narrativen Grundthema und im Verlauf der Handlung entspinnt sich eine Geschichte des Vergehens und des Werdens. Zu Beginn ist es der Weltenbaum des Waldes, der seine Lebenskraft verliert, als ihm sein Kind verloren geht. Diesem Ende wohnt direkt ein neuer Anfang inne, wenn Naru Ori findet und in eine Elternrolle schlüpft. Doch da auch Naru ein Geschöpf des Waldes ist, findet keine funktionierende Substitution statt und auch dieses Wesen muss vergehen. Ori selbst verliert und gewinnt in dieser Geschichte in dem Maß an Kraft, wie sie von anderen Geschöpfen getrennt oder begleitet wird. Sie steht zweimal an der Schwelle des Todes, beim ersten Mal nach der Trennung vom Wald selbst und ein zweites Mal nach dem Tod von Naru. Dort wird sie in quasi letzter Sekunde von Sein gerettet, welcher eine neue Verbindung mit ihr eingeht, die bis zum Ende der Geschichte nicht mehr gebrochen wird.
Im Laufe der Handlung wird deutlich, dass alle auftretenden Figuren Teil der Gesamtheit des Waldes sind, auch wenn sie alle individualisiert und teilweise egoistisch handeln. Kuro, die gigantische Eule, ist auf den ersten Blick die eindeutige Antagonistin des Spiels und wirkt dieser Gesamtheit entgegengestellt. In den Farben der Schatten und des Verfalls gezeichnet ist sie wie eine externe Gegenspielerin inszeniert.

Kuro

Kuro auf der Jagd nach Ori

Doch auch sie lebt im Ökosystem des Waldes und ist mit diesem verbunden. Denn das Sterben des Waldes beeinflusst ihre eigenen Nachkommen, von denen sie alle mit Ausnahme eines einzigen Ungeborenen verliert, ein kaum überlebensfähiges Ei. Kuro hasst das Licht des Waldes, doch ihr Kampf gegen dieses gefährdet ihre eigenen Kinder.
So wird die Aussage des Spiels mit fortschreitender Dauer der Handlung immer deutlicher: Kein einzelnes Individuum kann in einem Ökosystem frei von Konsequenzen agieren. Einzelne Handlungen führen immer zu Veränderungen auf einer globalen Ebene, sei es die Trennung von Ori und dem Weltenbaum oder der Kampf Kuros gegen das Licht. Die Heldenfigur einer solchen Erzählung ist logischerweise altruistisch. Ori, die sich nach ihrem Verschwinden zuerst egoistisch verhält und nicht aktiv versucht, ihren angestammten Platz in der Mitte des Waldes wiederzufinden, bezahlt für dieses Verhalten beinahe mit ihrem Tod. Nach ihrer quasi Wiedergeburt durch den Waldgeist Sein tritt eine Änderung in ihrem Wesen ein und sie agiert primär nach den Bedürfnissen des Waldes. Es kann interpretiert werden, dass sie nun erkannt hat, dass auch sie ohne ein funktionierendes Ökosystem nicht überleben kann und daher nun mit dem großen Ganzen auch noch ihr eigenes individuelles Wohl im Blick hat. Oris Taten werden im Kampf gegen die Gefahren des korrumpierten Waldes und des übermächtigen Gegners Kuro immer selbstloser, im großen Finale kommt es sogar erneut zu einer Selbstaufopferung, die nun aber mit einer vollständigen Wiedererweckung des Waldes (und damit auch Ori) belohnt wird.

Opfer

Ori muss ein letztes Opfer bringen

Ori and the Blind Forest erzählt die Geschichte von der unauslöschlichen Verbundenheit jedes einzelnen mit dem gemeinschaftlich geteilten Lebensraum. Durch das Stilmittel der Versetzung in eine phantastische Welt werden im Spiel Aussagen getroffen, die problemlos auf die gegenwärtige Realität übertragen werden können. Viele der handelnden Figuren agieren aus individuell nachvollziehbaren Gründen, ohne dabei auf die Auswirkungen für das Ökosystem zu achten, in dem sie leben. Der Titel vermittelt so letztlich eine klar erkennbare Moral (ohne dabei besonders moralisch inszeniert zu sein): Es gibt nur einen Lebensraum und es liegt in der gemeinschaftlichen Verantwortung von allen ihrer Lebewesen, diesen zu erhalten.

Medien

Ori and the Blind Forest. Microsoft Studios. 2015. Computerspiel.