von Dennis Fassing

Ich will der Allerbeste sein, wie keiner vor mir war

Als 1999 das erste Mal Pokémon in Europa für den Nintendo Game Boy erschien, fantasierte ich als dreizehnjähriger Junge darüber, der beste Pokémon-Trainer zu werden. Wie kaum ein anderer Titel war das schwarz-weiße Pixelspiel ein Resonanzraum für meine Fantasie, ein Katalysator meiner eigenen Bilder, Ideen und Zuschreibungen. Nun, 17 Jahre später, hat der technische Fortschritt diese Fantasie ein Stück weit eingeholt: Mit meinem Smartphone bewaffnet laufe ich umher, jederzeit bereit, einen Pokéball auf die überall auftauchende Beute zu werfen. Ein Taubsi im Park, ein Muschas auf dem Gehweg, ein Nebulak vor dem Supermarkt, alle meins!

Hier würden sie ein Muschas sehen.

Ein Muschas auf dem Trockenen

Pokémon Go ist eine Spiele-App, welche mit der Hilfe von Augmented Reality die reale Umwelt des Spielenden um digitale Elemente ergänzt. Das Konzept ist nicht neu, der Entwickler Niantec ist ebenfalls für das weniger bekannte (aber auch sehr erfolgreiche) Spiel Ingress verantwortlich. Beide Titel eint ein Grundgedanke: Spielende schnappen sich ihr Smartphone und gehen vor die Tür, sie erlaufen sich ihre Spielwelt. Auf einer Karte wird jede Bewegung von einem selbst per GPS erfasst und auf einen Spielavatar übertragen. In regelmäßigen Abständen erscheinen auf der Karte Pokémon, welche es dann zu fangen gilt. Begibt man sich in diesen Fangmodus, kann man seine Handykamera aktivieren. Das digitale Pokémon wird dann in die reale Umgebung eingefügt, sitzt wie im oben gezeigten Beispiel eventuell mitten auf dem Gehweg, bewegt sich und wartet darauf, eingefangen zu werden. Man schleudert dann einen Pokéball per Wischbewegung auf die Beute und mit etwas Glück und dem richtigen Geschick ist man im Besitz eines neuen Wegbegleiters für die eigene Sammlung. 150 verschiedene Pokémon in mindestens drei verschiedenen Seltenheitsgraden gilt es so zu fangen (oder selbst durch Training zu entwickeln). Wer also wirklich der Allerbeste sein will, wird ganz schön herumkommen.

Map

Die Übersichtskarte von Pokémon Go

Ganz allein fang ich sie mir, ich kenne die Gefahr

Jede einzelne Pokémonjagd ist ein kleiner Glücksmoment und hätte mein dreizehnjähriges Ich gewusst, was ihm  Jahre später möglich sein wird, hätte es vor Freude einen Luftsprung gemacht. Trotz dieser sehr motivierenden Schnitzeljagd  wird das innere Kind in mir aber (noch) nicht so richtig befriedigt. Außer in auf der Karte verteilten Arenen gibt es zum Beispiel keine Möglichkeit, mit seinem eigenen Team in den Kampf zu ziehen. Ich trainiere meine Pokémon ausschließlich durch einen Cocktail aus Bonbons und Sternenstaub, welcher ihre Werte steigen lässt. Beide Materialien bekomme ich durch das Einfangen von neuen Pokémon oder das Ausbrüten von Eiern. Pokémon Go, dass stelle ich nach wenigen Spielstunden fest, ist nicht einfach eine passgenaue Übertragung des äußerst komplexen Spiels meiner Kindheit auf ein neues Medium. Das Spiel ist eine Neuschöpfung, angepasst auf die Bedürfnisse einer mobilen und vernetzten Generation. Belohnt wird weniger die akribische Vorbereitung auf den Kampf, als vielmehr das Zurücklegen von Wegstrecke (womit sich die Chance auf mehr Pokémon und damit mehr Ressourcen für das Training erhöht).

Dieser Wechsel des Spielschwerpunkts ist in der Arena-Kämpfen gut zu sehen: Auf meinem Gameboy hätte ich im Kampf jede Menge Zeit gehabt, die Pokémon griffen sich abwechselnd und rundenbasierend an, ich musste mich als Trainer jede Runde für eine von maximal vier Attacken entscheiden und damit meine Strategie festlegenWill ich erst die Abwehr meines Gegners schwächen oder gleich mit einer Attacke Schaden verursachen? In Pokémon Go kommt es dagegen auf Geschwindigkeit an, ich tippe hektisch auf meinen Screen, um meine Kreatur so schnell wie möglich eine von zwei Attacken ausführen zu lassen, durch Wischbewegungen kann ich sie zur Seite ausweichen lassen. Das Duell fühlt sich eher wie ein Geschicklichkeitsspiel an und weniger wie die Taktikschlacht der alten Ableger der Serie. Dies kann man sicherlich als eine der notwendigen Anpassungen an ein modernes und mobiles Spiel sehen, welches vor allem unterwegs funktionieren muss. Dennoch stellt sich hier die Frage, wie sehr sich vor allem die ältere Generation ihren alten Kampfmodus zurückwünscht – und das diese vom der App angesprochen wird, wird schon dadurch deutlich, dass es zum Launch des Spiels genau jene 250 Pokémon zu fangen gibt, die vor 20 Jahren in das kollektive Gedächtnis der Popkultur eingepflanzt wurden.

Arenakampf

Tauboss gegen Golbat im Arenakampf

Die Assoziationen, die Pokémon damals in mir erzeugt hat, werden durch die Transformation der Spielumgebung durch neue Bilder ersetzt. Da ich mich nun wirklich im Raum bewege und weiß, dass um mich herum viele potentielle Mitspieler sind, sehe ich mich öfter um, jede Person, die ein Smartphone in der Hand hat, könnte gerade im gleichen digitalen Universum unterwegs sein. In einem Stadtpark blitzt und kracht es auf der Kartenmarkierung einer Arena. Hier wird gerade gekämpft und um an diesem Kampf teilzunehmen, muss man im eng begrenzten Einzugsradius des Schauplatzes sein. Als ich ankomme, ist schon alles vorbei, Team rot (eine von drei spielbaren Teamfarben) hat die Arena übernommen, starke Pokémon warten auf neue Herausforderer. Zwei Jugendliche kommen mir entgegen, beide mit Smartphones in der Hand. Wir sehen uns an, sie grinsen und sprechen mich tatsächlich an: „Die haben wir gerade erobert.“ Ich nicke anerkennend und gebe ihnen den Daumen nach oben, ihre Pokémon sind viel stärker als meine, ich hätte in diesem Moment keine Chance, ihnen diese Arena wieder abzujagen.

Betrachtet man diese kleine Szene, wird deutlich, wie sehr Augmented Reality die Spielerfahrung verändern kann: Durch die Bewegung im realen Raum wird auch der virtuelle Part des Spiels ‚realer‘. Man kann darüber nachdenken, ob es an dieser Stelle eigentlich noch einen Unterschied macht, ob zwei Kontrahenten ihre Smartphones zücken, um sich zu duellieren, oder ob sie tatsächlich real existierende Pokémon dabei hätten, mit denen sie den Stadtpark kurzzeitig in einen Kampfplatz verwandeln würden. Wären die Resultate nicht gleich? Der Sieger nimmt die Arena ein, was eine Konsequenz für die reale Spielwelt hat: die Bedeutung der Kartenmarkierung wird verändert. Spieler gegnerischer Teams haben einen Anreiz, die nicht mehr im Besitz befindliche Arena einzunehmen, Spieler des eigenen Teams wollen sie nun verstärken und verteidigen. So werden echte Bewegungen von echten Menschen ausgelöst, die Spieler interagieren mit den virtuellen Elementen in ihrer realen Umwelt. Welche Ausmaße dieses Konzept annehmen kann, verdeutlicht dieses Video von einer Pokémon-Jagd in New Yorker Central Park:

 

Ich streife durch das ganze Land, ich suche weit und breit

Videospiele werden von manchen Menschen immer noch als wohl faulstes Hobby der Welt angesehen, klischeehaft denkt man an abgedunkelte Räume, sich stapelnde Pizzakartons und minimale Bewegung (von den Händen abgesehen). Pokémon Go wirkt bei dieser Vorstellung dann direkt wie eine Revolution des Gaming, der Wendepunkt im Leben chronisch fauler und fetter Zocker, die die Welt da draußen bisher eher aus Erzählungen kennen. Gut zu sehen ist diese stereotype Charakterisierung von Gamern etwas in der Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung. Dort heißt es unter anderem: „Die Spieler müssen also weiter laufen als vom Kühlschrank zum Fernseher“.

Der Zynismus, mit dem dieser Text unterlegt zu sein scheint, verwundert etwas. Wäre das Konzept so revolutionär neu und wären die intendierten Spieler und Spielerinnen ein wenig Bewegung gegenüber derart unaufgeschlossen, dann hätte sich die App nicht so explosiv verbreitet, wie sie es aktuell tut (siehe das Video weiter oben). Vielleicht, so könnte man überlegen, spielt es auch eine Rolle, dass die Gaming-Community gerade auf eine gute Umsetzung gewartet hat, um Bewegung mit einem ihrer liebsten Hobbies zu verbinden? Dass dahinter eine derart starke und über zwei Jahrzehnte gewachsene Marke wie Pokémon steht, hilft sicher beim Erfolg der App.

Doch ist Pokémon Go tatsächlich nur eine Fitness-App im Gewand eines Spiels? Ist das primäre Ziel, unsportliche Spielende zu fitnessbegeisterten Joggern zu machen, wie der oben verlinkte Text durch seine Überschrift „Wie Pokémon Go aus dicken Kindern dünne machen soll“ suggeriert? Wäre es so, hätte man es mit einem Fall von Gamification zu tun, also der Implementierung spieltypischer Elemente in einen spielfremden Kontext. Und genau in dieser Hinsicht sehe ich das Gamification-Prinzip nicht greifen. Wie im vorigen Abschnitt beschrieben, kreiert Pokémon Go Spielsituationen in der realen Welt, welche man grundsätzlich als spielfremden Kontext sehen könnte. Die App macht sich die Umwelt aber zu eigen, sie überfrachtet die Welt mit der Dimension des Spiels. Pokémon Go ist grundlegend ein Spiel, dass man für dieses aktiv werden muss, ist ein positiv zu bewertender Nebeneffekt. Es ist nicht das erste Spiel, welches einen vor die Tür bringt (siehe Ingress und das in Deutschland sehr populäre Geocaching), und es wird nicht das Letzte dieser Art sein.

Das Pokémon, um zu verstehen, was ihm diese Macht verleiht

Das Spiel ist aktuell ein weltweiter Hype, der Menschen miteinander in Verbindung bringt, sie on- und offline ein Interesse teilen und eine Gemeinschaft bilden lässt. Spiele, genauso wie Literatur, Filme und alle anderen kreativen Medienformen haben dieses Potential und eine Begeisterung dieser Art entsteht gerade nicht zum ersten Mal. Es ist aber vielleicht das erste Mal, dass so gut sichtbar wird, dass sich Fans auch in der Öffentlichkeit miteinander treffen können, ja sogar müssen. Wie lange der Hype anhalten wird, ist sehr schwer abzuschätzen. Das Spiel soll weitere Funktionen bekommen, zum Beispiel in Form von Trainerkämpfen außerhalb von Arenen. Betrachtet man nur die Momentaufnahme, leistet Pokémon Go etwas sehr Positives: Es macht einer großen Menge von Menschen Freude und bringt diese durch eine Gemeinsamkeit zusammen. Mehr braucht es gar nicht. Außer vielleicht dieses Evoli, was gerade in meinem Vorgarten aufgetaucht ist.

Medien

Boie, Johannes: URL: Wie Pokémon Go aus dicken Kindern dünne machen soll. URL: http://www.sueddeutsche.de/digital/neues-handyspiel-wie-pokemon-go-aus-dicken-kindern-duenne-machen-soll-1.3073118 [Letzter Aufruf: 16.07.16]. Website.

Pokémon Go. The Pokémon Company/Nintendo. 2016. Computerspiel.

Entertainment Daily!: Pokemon GO – Rare Vaporeon Monster (Craze in Central Park). URL: https://www.youtube.com/watch?v=myDeVug1XVk [Letzter Aufruf: 18.07.2016]. Webvideo.