vonDennis Fassing

„Der Dschihadismus hat es geschafft, Codes und Gesten der Jugendkultur zu pervertieren“, eröffnet Guillaume Paoli seinen FAZ-Artikel Nächste Runde: Paradies und liefert anschließend einige Beispiele, wie terroristische Extremisten digitale Medien für ihre

Propaganda nutzen und Medienformen wie den Gangstarap und das Computerspiel besetzen. Den Grund, warum diese Propaganda ankommt, macht Paoli zum einen in der gelungenen Ansprache der Zielgruppe aus und zum anderen darin, dass die Radikalität der Botschaften eine Leerstelle erschafft, in die sich revoltierende Jugendliche flüchten können – eine extreme Gegenkultur, die noch nicht bereits von den älteren Generationen besetzt ist.

Der Text spricht sicherlich einige wichtige Diskussionspunkte an. Das Fehlen einer Rebellionsmöglichkeit gegen die Elterngenerationen ist ein oft verhandelter Punkt der westlichen Gesellschaft und wird in Film, Musik, Literatur und Spiel behandelt. Auch die Radikalisierung und Abstumpfung von Jugendlichen durch gewaltpropagierende Medien ist keine neue Debatte. Insofern bringt Paoli immerhin mehrere Elemente zusammen, die einen Teil der Erklärung bilden könnten, warum sich westliche Jugendliche radikalisieren lassen.

Umso merkwürdiger und künstlich verengter erscheint es, dass der Artikel sich zum Ende hin scheinbar doch wieder nur auf Computerspiele und genauer eingeschränkt Egoshooter festzulegen scheint. Erfolgreichen Spielern dieses Genres wird da „eine gute Prise von banalem Narzissmus“ unterstellt. Tatsächlich wird dann davon gesprochen, dass sich reale und mediale Erlebniswelten vermischen und die Tötungshemmung dadurch „überwunden“ wird. Das liest sich nach beschlossener Sache und nach einem nicht abzuwendenden Pfad hin zu radikaler terroristischer Gewalt. Auch wenn im Text darauf hingewiesen wird, dass natürlich nur ein Bruchteil von Menschen der radikalen Medienpropaganda unterliege, wird zum Ende des Textes unverständlicherweise zuerst auf ein bestimmtes Genre eingegrenzt und dann pauschalisiert. Dies empfinde ich als sehr schade, da es für die wirklich interessanten Fragen eine unnötige Einengung darstellt. Man darf (und muss) sich sicherlich über die immer präsentere Hochglanzinszenierung von Gewalt in Medien unterhalten. Doch erscheint diese Diskussion von Anfang an wenig erstrebenswert, wenn bereits ein kleiner Teil dieser Medien den schwarzen Peter zugeschoben bekommt. Der Artikel endet mit den geradezu hoffnungsvollen Worten: „Vielmehr kommt es darauf an, das in der Mediengesellschaft eingenistete terroristische Potential radikal in Frage zu stellen. Möge die nächste Rebellion die Todesbegeisterung vergessen, um empathische und lebensbejahende Spiele zu entwickeln.“ Die Vorstellung, die Mediengesellschaft dadurch ‚reparieren‘ zu können, indem einfach lebensbejahende Spiele entwickelt werden, wirkt wie ein durch Scheuklappen verengter Blick auf das eigene Umfeld.

Wie wäre es denn, den Blick stattdessen zuerst einmal zu öffnen, statt ihn direkt auf einen Bruchteil einzuschränken. Reden wir doch einfach einmal über das „eingenistete terroristische Potential“ der gesamten Mediengesellschaft, also auch den Fernsehnachrichten, Zeitungen, Filmen, Musik, Literatur, Kunst, etc – eben allen Medien. Ein kleiner Denkanstoß dazu soll zum Abschluss dieser Dorkly-Comic liefern.

Wie seht ihr diesen Artikel, was haltet ihr von unserer Erwiderung? Ist was falsch an der Mediengesellschaft? Und wenn ja, wie könnte man es ändern?

Medien

Lepetit, Julia/ Bridgman, Andrew: Culture of Violence. URL: http://www.dorkly.com/post/54084/culture-of-violence. [Letzter Zugriff: 21.01.2015]. Webcomic.

Paoli, Guillaume: Nächste Runde: Paradies. URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/terror-und-mediengesellschaft-naechste-runde-paradies-13376331.html. [Letzter Zugriff: 21.01.2015]. Zeitungsartikel.