von Anna Stemmann

Seit 1990 hat das Frankfurter Institut für Jugendbuchforschung an der Goethe-Universität regelmäßige Poetikvorträge zur Kinder- und Jugendliteratur als festes Format etabliert. Stets im Sommersemester ist eine Autorin oder ein Autor zu Gast und berichtet in einer Vorlesung aus ihrem/seinem Schaffensprozess. Diese Tradition wird nun auch unter der neuen Leitung von Prof. Dr. Ute Dettmar fortgesetzt, ermöglicht durch die Unterstützung des Freundeskreises des Instituts.

(c) Anna Stemmann

Mit Nils Mohl war am 5.5.2017 einer der profiliertesten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart eingeladen (unser Footnoted mit ihm ist hier nachzulesen). Über 100 interessierte Zuhörer kamen füllten den Hörsaal zur Gänze, um den durchkomponierten Vortrag zu erleben. Es war ein rundum gelungenes Erlebnis, auch wenn die Autorin dieses Beitrags als Mitorganisatorin möglicherweise subjetkiv vorbelastet sein mag.

Der Stadtrandschreiber

Geschickt vernetzte Mohl in seinem Vortrag, der unter dem auf den ersten Blick durchaus kryptischen Titel „►YAF feat. NM“ stand, autobiographische Anekdoten mit seiner eigenen Werkbiographie. Frei übersetzt galt das Motto: Young Adult Fiction trifft Nils Mohl. Wobei das Konzept der Jugendliteratur und das Dasein als vermeintlicher Jugendbuchautor auch kritisch hinterfragt wurde. Mohl kreierte ein collagiertes Spiel aus theoretischer Reflexion, Textauszügen und autobiographischen Fragmenten, in dem sich sukzessive alle Fäden miteinander verwoben und verdichteten. Dass Mohl selbst studierter Literaturwissenschaftler ist und die Fragen nach dem Erzählen auch theoretisch reflektiert, wurde dabei besonders offenbar. Dies zeigte sich nicht zuletzt darin, dass seiner Form des Vortrags auch eine Poetik seines eigenen literarischen Werks eingeschrieben war. Zeichnen sich seine Romane durch permanente Zeitsprünge, Brüche und ein nicht zufällig filmisch eingefärbtes Vor- und Zurückspulen auf der Zeitebene aus, übertrug Mohl dieses Verfahren in die Konstruktion seines Vortrags. Die Fragen nach der Erzählstimme und der Machart des Erzählens standen dabei im Vordergrund, verbanden sich aber immer wieder mit Rückblicken, Einblicken und Ausblicken auf seine persönlichen Erinnerungen und sein Erleben.

Mediales Erzählspiel

Entlang der Leitaspekte #dunklematerie #mediacontrols und #madeinjenfeld führte Mohl virtuos durch seine Geschichten vom Stadtrand, aber eben auch seine poetologischen Reflexion und die Konstruktion seines Selbst. Das bereits beschriebene Moment des Montierens, Fragmentierens und Zusammensetzens kontrastierte Mohl mit seiner parallel ablaufenden Folienpräsentation, auf der er Bestenlisten aus fünf Jahrzehnten präsentierte. Diese jeweiligen Top Five, von ihm gelistet als „Verehrtes, Erinnertes, Beglückendes“, offenbarten nicht nur die Favoriten aus dem literarischen Bereich, sondern auch skurille Begebenheiten wie etwa „Besuchte Gräber“ und verdeutlichten, aus welchem ausdifferenzierten Fundus sich Schreibprozesse speisen. Dass dabei vor allem auch mediale Versatzstücke, wie Filme und Musik eine zentrale Stellung einnahmen, und diese mediale Sozialisation besonders in das eigene Schreiben einfließt, wurde damit auch deutlich. Das Spiel mit der Liste, als autoreflexives Erzählverfahren der Selbstkonstruktion und -konstitution, korrespondierte als ordnungsstiftendes Element mit dem restlichen Vortrag und ergab in dieser Wechselwirkung eine gelungene Meta-Collage.

Als Bonus-Track für das Publikum hatte Mohl außerdem – und als Weltpremiere – den Trailer zum Film seines Romans Es war einmal Indianerland dabei. Wie gelungen der Vortrag war zeigte sich dann auch in der anschließenden Frage- und Diskussionsrunde, in der viele interessierte Fragen der Zuhörenden ausführlich von Mohl beantwortet wurden.