Anna Stemmann

Craig Thompson hat endlich wieder einen neuen Comic vorgelegt. Nach den mittlerweile zu Klassikern avancierten Blankets (2003) und Habibi (2011) bringt Thompson mit Weltraumkrümel nun ein nicht minder seitenstarkes Werk von 320 Seiten heraus; richtet sich damit aber erstmals an ein dezidiert mehrfachadressiertes Publikum, bzw. öffnet sich für Kinder – zumindest wird der Comic so einschlägig auf der Website des Verlags beworben. In seiner Konstruktion ist der Comic ‚klassisch‘ doppeltadressiert: für Kinder und Erwachsene ergeben sich differenzierte Leseebenen. Oder aber, wenn man von dieser starren Altersgrenze mal absehen möchte, besser: Leser ohne Vorwissen und Leser mit Vorwissen können den Comic sehr unterschiedlich deuten.

Generische Struktur

Im Kern dreht sich Weltraumkrümel zunächst um eine wenig überraschende Handlungsebene, die Anleihen aus der Science-Fiction, der Dystopie und der Abenteuererzählung nimmt. Die Ereignisse spielen in einer nicht näher bestimmten Zukunft, in der die Menschen nicht mehr auf der Erde, sondern in Raumstationen im Weltall leben. Selbstverständlich sind sie dort nicht die einzigen Bewohner, sondern man lebt relativ friedlich mit anderen außerirdischen Wesen zusammen. Protagonistin ist das kleine Mädchen Violet, das mit ihren Eltern in einem heruntergekommen Trailerpark haust – hier deutet sich bereits eine soziale Hierarchisierung an, die offenbar auch in den neuen Weltraumordnungen weiter Bestand hat. Ihr Vater verdingt sich bei mehr oder weniger legalen Sammelaktionen von Weltraummüll, während ihre Mutter für einen gefragten Designer schneidert. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, die hier nicht alle nacherzählt werden sollen, kommt es zur plötzlichen Trennung der Familie: der Vater ist totgeglaubt verschollen im Weltall, die Mutter sitzt auf einer entlegenen Weltraumstation fest und Violet ist – wie es kommen musste – nun auf sich allein gestellt. Ein Ausgangsnarrativ, das wenig überraschend ist und sich im weiteren Verlauf auch an bekannte Muster hält. Denn Violet bekommt Verstärkung von verschiedenen Helferfiguren – ein von der Norm abweichender Außerirdischer und ein sensibler Hühnerjunge Elliot – und begibt sich auf Rettungsmission, um ihre Eltern wiederzufinden. Dass dies am Ende gelingt und in ein recht überzeichnetes Happy End mündet, sei nur am Rande kritisch angemerkt.

Differenziertes Konfliktfeld

Von dieser generischen Struktur abgesehen bietet Weltraumkrümel dennoch großartige und klug durchdachte Unterhaltung. Wobei dieser Mehrwert eben nicht in der simplen Handlungsebene begründet liegt, sondern in den darin subtil transportierten Andeutungen und Verweisen auf das aktuelle Zeitgeschehen. Im Gewand der science-fiction-artigen Abenteuererzählung versteckt sich eigentlich eine Parabel auf die gegenwärtigen ökologischen Transformationen unserer außerliterarischen Welt. Die daraus möglicherweise resultierende Krise hat die Bewohner der erzählten Welt schon ereilt und sie leben dementsprechend nicht mehr auf der uns bekannten Erde, sondern im Weltraum. Der Comic setzt also nach einem Switch an und gestaltet die folgende Neuformierung der Gesellschaft nach. Zentrale Reibungspunkte sind dabei nicht nur, wie bereits angedeutet, die sozialen Trennungen, sondern ebenso Fragen der Ernährung, der alternativen Energieversorgung, dem Umgang mit Flüchtlingen (eine Thematik, die ja aktueller denn je ist) und dem Schulsystem. Der Comic entwirft ein vielschichtiges Diskurssystem, das all diese Facetten verhandelt und immer wieder Referenzen zur außerfiktionalen Gegenwart herstellt: es geht um die Manipulationen von Energiekonzernen, in großen Futterbetrieben werden die unsäglichen Bedingungen der Massentierhaltung gezeigt und die Weltraumbewohner werden schließlich von einer großen Müllflut überschwemmt. So kann man Weltraumkrümel zum einen als recht prototypische Abenteuererzählung lesen oder aber zum anderen eben auch als avanciertes Öko-Weltraum-Märchen, in dem die komplexen Wechselwirkungen und Positionen ökologischer Transformationen codiert sind. In der fiktionalen Verlagerung der Handlung in das Weltraum-Setting wird dieser Ort zum symbolischen Aushandlungsort realweltlicher Probleme und verweist konsequent auf drängende Fragestellungen des aktuellen Zeitgeschehens.

Möge die Macht der Farbe mit dir sein

Dass die gesamte Erzählung zu dem in ihrer überbordenden Bildgewaltigkeit überzeugt, soll abschließend natürlich nicht unterschlagen werden. Thompsons Zeichenstrich ist unverkennbar dynamisch, spielt mit den Panelgrößen, Rahmungen und Leserichtungen, woraus sich eine rasante Erzählzeit entfaltet. Jede Seite ist in ihrer Architektur individuell aufgebaut, alterniert kleinere Bildfolgen und ganzseitige Ausschnitte, die die Möglichkeiten des Mediums Comic gekonnt ausspielen. Innerhalb der einzelnen Panels bestechen die Zeichnungen wiederum in ihrer Detailfreude: überall gibt es verdeckte Anspielungen und Hinweise zu entdecken, so dass es sich lohnt, sich nicht immer von der Rasanz der Erzählung mitreißen zu lassen. Die Opulenz der Zeichnungen verstärkt sich durch die satte Kolorierung ein plastisches Weltraumszenario auffächert. Thompson verlässt damit sein bewährtes Feld der Schwarz-Weiß-Optik und zeigt, dass er auch in Farbe beeindruckend erzählen kann. Da sei ihm auch das klischee-beladenene Ende verziehen.

Literatur

Craig Thompson (2015): Weltraumkrümel. Berlin: Reprodukt.