Von Anna Stemmann

Mit Zeit für Astronauten beschließt Nils Mohl seine 2011 begonnene Stadtrand-Trilogie. Im Zentrum dieser Erzählungen steht das Stadtrandgebiet einer nicht benannten Großstadt. Um den Handlungsort spinnen sich die Ereignisse, die mit jeweils wechselnden Protagonisten aufwarten und in allen Facetten die Mühen des Erwachsenwerdens reflektieren. Nachdem in den beiden Vorgängerbänden mit Indianern und Rittern bereits zentrale Referenzfiguren eines Kindheitsspiels leitmotivisch eingesetzt wurden, schließen die Astronauten unmittelbar an und setzten das Spiel mit literarischen sowie medialen Tradierungen fort. Bis in das letzte Detail greift Mohl diese Bezüge auf und lässt nonchalant unzählige Anspielungen einfließen, ohne dass diese aufgesetzt wirken, sondern sich unaufdringlich in die erzählte Welt einfügen. So heißt ein Hund beispielsweise Laika (ganz nach dem ersten Hund im All) oder eine schwangere Figur bekommt nicht einfach nur ein Kind, sondern sie hat einen Astronauten an Bord. Die spielerischen Verweise funktionieren damit auf verschiedenen Ebenen: diese sind sowohl innerhalb der Handlung präsent als auch in der Art und Weise des Erzählens ausgestaltet. Mohls große Stärke ist diese Spitzfindigkeit für sprachliche Einfälle: jeder Satz sitzt perfekt und lässt poetische auf komische auf messerscharf beobachtend-sezierende Beschreibungen folgen. Aber nicht nur sprachlich ist der Roman eine große Freude, gerade im Zusammenspiel von Handlung und Darstellung offenbart sich der besondere Reiz des Bandes, der im Übrigen nahtlos die Brillanz der Trilogie fortführt.

Glaube – Liebe – Hoffnung

Der thematische Überbau der Trilogie, der der Trias von Glaube Liebe Hoffnung folgt, widmet sich abschließend dezidiert der Hoffnung. Mohl erzählt dabei auch in Zeit für Astronauten im Kern wieder von den vielfältigen Dimensionen des Erwachsenwerdens und faltet daran entlang die ambivalenten Facetten dieser Prozesse gekonnt und leichtfüßig auf. Seine Protagonisten sind zwar geschüttelt von der unbeständigen Suche nach dem eigenen Selbstbild, aber niemals hoffnungslos verzweifelt; sie sind keine plakativen und eindimensionalen Platzhalter ‚der‘ Jugend, sondern vielschichtige und liebenswerte Charaktere, die ihre Macken haben dürfen und sich mit allen Offenheiten des Lebens und den damit verbundenen Herausforderungen auseinandersetzen. So dreht sich diesmal alles um den 15-jährige Körts, der mit seinen Witzen und Avancen zwar immer leicht drüber ist, trotzdem im Kern ein liebenswerter Kerl bleibt.

Die aus den Vorgängerbänden bereits bekannte Nebenfigur Domino bekommt hier, neben Körts, nun endlich auch ihren ersten eigenen großen Auftritt. Ihre Geschichte verbindet sich mit der des einige Jahre jüngeren Körts und auch viele weitere Figuren des Stadtrandkosmos bekommen kurze Gastauftritte. Vor allem der kundige Leser des Mohl’schen Kosmos wird seine Freude haben, zu erfahren, wie es den alten Bekannten ergangen ist. Diese Konstruktion funktioniert hervorragend, weil sie nicht völlig überformt ist und abstruse Zusammenhänge aufspannt, sondern sich alle bisher ausgelegten Fäden schlüssig verweben und einen vielschichtigen Erzählkosmos entstehen lassen.

„Der Stadtrand ist eine Nummer zu groß für euch!“

Ihren besonderen Reiz nimmt die Trilogie dabei auch aus ihrem Handlungsort: der Mikrokosmos am Stadtrand ist verbindendes Element aller Bände und fast schon eigenständiger Protagonist, der nicht nur die Bühne für die Figuren bietet, sondern in all seinen Facetten ausgeleuchtet wird und unverzichtbarer erzählerischer Baustein ist. Aber eben diesen starken Faktor nimmt Mohl im abschließenden Teil nun zurück: Körts, der ein Schulpraktikum im Reisebüro macht und Dominio, die eine kryptische Postkarte von einem vermissten Bekannten – der kundige Leser kennt Bozorg schon aus Es war einmal Indianerland – bekommt, verlassen ihre Hochhaussiedlung am Stadtrand. Die Details der Anreise und die die dahinterstehenden Verstrickungen sollen hier nicht verraten werden, nur so viel: man trifft sich natürlich auf der Insel, geht gemeinsam auf die Suche nach Bozorg stürzt sich in ein Abenteuer. Ein Kofferraum voller weißer Kaninchen (Alice lässt grüßen), ein TV-Kommissar, der verdächtig an Nick Tschiller a.k.a. Till Schweiger erinnert und ein verrosteter Tretbootschwan runden das skurrile, aber liebenswerte Ensemble ab. Dass nun abschließend eine Loslösung aus dem bekannten und vertrauten Raum erfolgt und sich die Figuren aus ihrem Stadtgebiet hinaus bewegen müssen, fügt sich in das Meta-Narrativ der gesamten Reihe und zeigt darüber einen weiteren Schritt im Erwachsenwerden auf. So schadet dieser Ortswechsel wider Erwarten überhaupt nicht und Mohl erweist sich als geschickter Erzähler, der die Stärken des neuen Schauplatzes voll auszuspielen weiß.

Erzählerisches Mosaik

Waren die ersten beiden Bände noch durch eine stark filmische Erzählweise geprägt, steht diese hier weniger im Zentrum, aber die narrative Anlage spielt wieder einmal geschickt mit der Zeitachse. Der Verlauf folgt keinem linear-chronologischen Fluss, sondern springt vor und zurück. Das erzählte Zeit-Raum-Puzzle ist hier zwar nicht so stark fragmentiert wie noch in Indianerland, dieses Moment wird jedoch konsequent zum Spannungsaufbau eingesetzt und entfaltet sukzessive die Zusammenhänge der Ereignisse. Nils Mohl wäre außerdem nicht Nils Mohl, würde er sich nicht einen weiteren neuen erzählerischen Kniff ausdenken, der den Roman prägt: in Zeit für Astronauten – entsprechend des Bezugs im Titel – sind es nun Reflexionen über die Zeit, respektive der Zukunft der Figuren, die der eigentlichen Handlung zwischengeschaltet sind. Im Futur II werden stetig Ausblicke auf den weiteren Lebensverlauf einzelner Figuren geworfen und diese Entwicklungen verbinden sich mit den Ereignissen der Gegenwart zum vielschichtigen Mosaik von Lebensverläufen. Sprachliche Variationen, viel Situationskomik und gleichzeitiger Raum für Sorgen und Nöte zeichnen den Roman aus und verhandeln die Dimensionen des Heranwachsens in allen Facetten. Zeit für Astronauten bildet damit einen gelungen Abschluss einer fulminanten Trilogie, ist aber auch als alleinstehendes Werk absolut lesbar, nur bleiben einem dann die vielen schönen Querverbindungen verwehrt.

Literatur

Mohl, Nils. Zeit für Astronauten. Reinbek: Rowohlt 2016.