am Beispiel von: Vincent will meer (2010)

von Iris Schäfer

Widmet man sich dem aktuellen Filmangebot, eröffnet sich eine breite Palette verschiedener Filme, die sich um die Konfrontation und den Umgang mit einer geistigen oder körperlichen Krankheit drehen. Vor dem Hintergrund dieser Fülle an pathologischen Figuren, die nicht alle berücksichtigt oder erwähnt werden können, soll das Augenmerk daher im Folgenden auf jugendliche Filmhelden gerichtet werden, also solche Figuren, die sich innerhalb ihres Selbstfindungsprozesses befinden. In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, ob die eine oder andere Krankheit gezielt als Mittel eingesetzt wird, um die Dramatik dieser spezifischen Lebensphase zu verstärken. Dies scheint naheliegend, gerade wenn man die Phase der Adoleszenz als Krise betrachtet. Denn auch im Bezug auf Katastrophenfilme sind wir daran gewöhnt, dass nicht einfach die Geschichte eines Vulkanausbruchs, oder des Untergangs der Titanic, einem Dokumentarfilm gleichend, abgebildet wird. Diese Katastrophen, obwohl sie objektiv betrachtet für sich alleine gesehen spektakulär genug sein müssten, werden meist zur Rahmenhandlung für eine dramatische Liebesbeziehung degradiert. Hier könnte sich einem nun die Frage danach aufdrängen, wie man die dramatische persönliche Umbruchphase der Adoleszenz adäquat abbilden kann. Offensichtlich zeichnet sich ein Trend dahingehend ab diese persönliche Krise durch die Anreicherung mit einer psychischen oder physischen Krankheit zur Katastrophe zu erheben. Man könnte also behaupten, dass die Adoleszenz durch zwangsneurotische Eigenheiten der Filmhelden zusätzliche verschärft wird. Denn der Jugendliche, der nicht mehr Kind, aber auch noch nicht Erwachsener ist, muss sich damit auseinandersetzen, seine individuelle Persönlichkeit zu definieren, um seinen Platz innerhalb der erwachsenen Gesellschaft zu finden. Die Konfrontation mit einer Krankheit erschwert diese Aufgaben. Darüber hinaus wird die Entwicklungsphase selbst mit den Eigenheiten der jeweiligen Krankheit in Verbindung gebracht.

Vincent will meer als exemplarisches Beispiel

Um diese Annahmen mittels eines Beispiels abzugleichen, bietet sich der Film Vincent will meer (2010) an, da sich hier die Handlung ausschließlich um pathologische junge Erwachsene dreht. Der am Tourette-Syndrom leidende Vincent ist zwar schon 27 Jahre alt, doch die Tatsache, dass er von seinem Vater in eine Heilanstalt eingeliefert wird macht deutlich, dass es ihm nicht möglich ist selbstbestimmt zu handeln. Dies trifft auch auf die beiden Insassen zu, mit denen er sich hier anfreundet: Marie die Anorektikerin und Alex den Zwangsneurotiker. Der Film dreht sich primär um die Freundschaft der drei Insassen und ihren Umgang mit den individuellen Krankheiten bzw. deren Integration in ihr jeweiliges Leben.
Doch spiegeln sich die Krankheiten der jungen Insassen auch in den erwachsenen Figuren. Vincents Vater ist ein Kontrollfreak und die behandelnde Ärztin Dr. Rose trägt auto-aggressive Züge und war früher selbst magersüchtig. Dies würde jedoch gegen die Verknüpfung der Krankheiten mit der jeweiligen Entwicklungsphase sprechen. Man könnte daher vielmehr die Annahme äußern, dass in diesem Fall jede Lebensphase durch unterschiedliche Krankheiten geprägt ist bzw. Krankheiten sich durch verschiedene Lebensphasen erstrecken und ihre Spuren hinterlassen, selbst wenn sie als überwunden gelten. Darüber hinaus drängt sich durch diese Art der Darstellung die Frage auf wer tatsächlich therapiebedürftig ist, die Insassen der Klinik, oder die Ärzte und Verwandten?
Unter den Insassen selbst stellt sich zunächst die Frage nach der Ernsthaftigkeit der jeweiligen Erkrankung. So grenzt Vincent seine Erkrankung von Maries Magersucht folgendermaßen ab: „Bei mir ist das Hirn kaputt, aber Du musst doch einfach nur was essen.“ (≈ 47:45) Das gegenseitige Unverständnis wird erst durch die gemeinsame Flucht aus der Klinik gelöst. Vincent, Marie und Alex kommen sich abseits des Klinik-Alltags näher und können sich nicht als Patienten, sondern eigenständige Persönlichkeiten zueinander zu positionieren. Die Reise nach Italien wird für alle Beteiligten zu einer Reise der Erkenntnis. Die Insassen der Klinik suchen nach ihrer eigenen Persönlichkeit und nach einem Weg diese in die Gesellschaft zu integrieren. Vincents Vater, der mit Dr. Rose den Flüchtlingen hinterher reist, erfährt wie es ist, wenn man nicht jedes Problem durch ein Telefonat lösen kann, da er in Italien keine Beziehungen vorweisen kann und somit keinen Sonderstatus einnimmt. Hier wird er zu einem Patienten, der auf Hilfe von Außen angewiesen ist. Herausgelöst aus seinem streng durchorganisierten Alltag ist er darüber hinaus in der Lage den eigenen Willen seines Sohnes anzuerkennen, weshalb er ihm schließlich erlaubt alleine (bzw. gemeinsam mit Alex) weiter zu reisen. Vincents Krankheit und der damit einhergehende Patientenstatus hat somit den Ablösungsprozess vom Elternhaus erheblich verzögert.
Marie bleibt jedoch auf der Strecke, da sie zu sehr von ihrer Krankheit eingenommen ist. Für sie macht es keinen Unterschied, ob sie sich innerhalb oder außerhalb der Klinik befindet. Sie bleibt eine Patientin, die jegliche Hilfe ablehnt und daher nicht geheilt werden kann.
Bemerkenswert ist ebenfalls der Aspekt, dass der Ausbruch aus der Klinik nicht zwangsläufig als Ablösung von der Fremdbestimmung zu werten ist. Erst durch die Legitimierung durch Vincents Vater und die Ärztin, wird dies ermöglicht. Denn erst als sein Vater ihn umarmt und ihm signalisiert, dass er stolz auf ihn ist, kann sich Vincent seiner eigenen Zukunft d.h. seinem eigenen Weg widmen. Wie wichtig dies auch für „die Gesunden“ ist, wird dadurch unterstrichen, dass auch Dr. Rose auf lobende Worte und Anerkennung angewiesen ist. Was die besondere Bedeutung von zwischenmenschlichen Beziehungen betrifft, wird somit keine Unterscheidung getroffen. Der Fokus scheint darauf gerichtet Beziehungen einzugehen, sich gegenseitig zu bestärken, um ein unabhängiges und glückliches Leben zu gewährleisten. Dies deutet sich bereits am Anfang des Films an, als Vincents Vater im Bezug darauf, dass er für Vincent einen Platz in der Anstalt ergattern konnte bemerkt: „Beziehung ist alles“. (≈ 3:58) Erst später wird deutlich, wie wichtig die neuen Beziehungen für Vincents Unabhängigkeit tatsächlich sind.

Adoleszenz und Krankheit

Am genannten Beispiel lässt sich im Bezug auf die Verstärkung der Problematik der Adoleszenz beobachten, dass als pathologisch markierte Jugendliche mit dem Siegel der Andersartigkeit versehen werden. Sie entsprechen nicht der Norm und lassen sich demnach nur schwer einem vorgegebenen Muster anpassen. Doch gerade hierin besteht die Analogie des Patienten mit dem Adoleszenten, denn auch von „dem Jugendlichen“ gibt es kein einheitliches Bild, keine klare Vorstellung. Gerade die Abwesenheit eines gemeinsamen Bildes macht die Schwierigkeit deutlich Jugend medial abzubilden. Denn auch wenn man von „den Jugendlichen“ spricht, handelt es sich doch um ganz individuelle Situationen verschiedener Menschen, die zusammengenommen eine bunte Mischung ergeben, die als Ganzes nur schwer kategorisiert werden kann, selbst wenn es so einfach erscheint, sie mit einem Label zu versehen.
Festzuhalten bleibt, dass die Dramatik der „Zwischenphase“ Adoleszenz durch die Anreicherung mit einer körperlichen oder geistigen Krankheit verschärft wird. In diesem Zusammenhang kann es einen großen Unterschied machen, ob es sich um eine vorübergehende Krankheit handelt, sei es eine seelische Krankheit, die therapiert und geheilt werden kann, oder eine chronische Krankheit, die nicht überwunden werden kann, mit der man sich also arrangieren muss. Denn eine chronische Krankheit kann unter Umständen die Vorstellungen von der eigenen, erwachsenen Persönlichkeit beeinflussen. Dies wird beispielsweise in Vincent will meer dadurch illustriert, dass Vincent gerade in Situationen, die Ernsthaftigkeit (wie bei der Beerdigung seiner Mutter) oder Zurückhaltung (wie während der stillen Bewunderung Maries) erfordern, durch seine verbalen Ausbrüche daran gehindert wird, sich so zu verhalten, wie er es möchte. Er wird somit durch seine Krankheit daran gehindert das Bild von sich nach Außen zu tragen, das ihm selbst vorschwebt. Sein Auftreten ist in erster Linie von seiner Krankheit bestimmt, weshalb er vor der Herausforderung steht, die Symptome in seine Persönlichkeitskonstruktion zu integrieren. Anhand dieses Beispiels wird die Verstärkung der Problematik dieser Entwicklungsphase durch (chronische) Krankheiten besonders deutlich.

Abschließend lässt sich festhalten, dass man sowohl die Adoleszenz als auch Krankheiten als persönliche Krisensituationen bezeichnen kann, deren Problematik verschärft wird, sofern sie gemeinsam d.h. in Verknüpfung miteinander auftreten. Geht es um die mediale Abbildung von Jugend bzw. spezifischer Probleme von Jugendlichen, liegt es daher nahe, dass dieser Umstand gezielt genutzt wird, um die persönliche Krise zur persönlichen Katastrophe zu erheben.

Iris Schäfer

Medien:
Vincent will meer.
Ralf Hüttner (Florian David Fitz, Karoline Herfurth, Heino Ferch) Constantin Film Verleih GmbH München: 2010.