Aktuelle Ausprägungen der Adoleszenzforschung

Der von Carsten Gansel und Pawel Zimniak herausgegebene Sammelband: Zwischenzeit, Grenzüberschreibung, Aufstörung. Bilder von Adoleszenz in der deutschsprachigen Literatur der Ende 2011 bei Winter erschienen ist, erweckte zumindest auf den ersten Blick den Eindruck, dass die deutschsprachige Adoleszenz-Forschung noch nicht zum Erliegen gekommen ist. So enthält der Band 28 Beiträge deutscher (und polnischer) Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen, was einen Eindruck davon vermittelt, wie komplex die Thematik ist und wie viele unterschiedliche Disziplinen sich ihrer annehmen. Der Fokus wird hierbei jedoch fast ausschließlich auf die Entwicklungspsychologie gerichtet, sodass die Jugendsoziologie weitgehend ausgeblendet wird. Ebenfalls sucht man vergebens nach einer gattungsgemäßen Ausdifferenzierung zeitgenössischer Jugendromane.
Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass fast durchgehend ganz allgemein von „Jugend“ und nicht von „Adoleszenz“ gesprochen wird. Dies scheint der Vielfältigkeit der Disziplinen geschuldet zu sein, hat doch jede Disziplin ihr eigenes Verständnis von bzw. ihre eigene Sichtweise auf die Adoleszenz. So betrachten die Neurowissenschaftler die Adoleszenz als biologische Gegebenheit, die Geschichtswissenschaftler sehen den Adoleszenten nicht als eine „biologische“, sondern als eine „soziale Tatsache“, die Kunsthistoriker und Medienwissenschaftler wiederum sehen in der Adoleszenz ein ästhetisches Phänomen u.s.w.) Auch Gansel, der besonders in den 1990er Jahren diverse theoretische Veröffentlichungen zum Adoleszenzroman vorweisen kann, gebraucht die Begriffe „Jugend“ und „Adoleszenz“ synonym, was umso mehr verwundert, als er immer wieder auf seine anders lautenden früheren Aufsätze zum Thema verweist. Auffällig ist, dass nahezu alle Beiträge kritiklos auf eben diese früheren Arbeiten Gansels verweisen. (Mit Ausnahme einer Untersuchung zum Parzival, in welcher Lipinski bemängelt, dass die „neuere“ Forschung Gansels (gemeint ist der Beitrag Adoleszenz und Adoleszenzroman von 2004), die den modernen Adoleszenzroman ausschließlich als einen Reflex den kulturgeschichtlichen Wandel im Rahmen gesellschaftlicher Modernisierung ansieht und damit die Möglichkeit ausschließt, auch in mittelalterlichen Texten Adoleszentes auszumachen. In Wolframs Parzival ständen durchaus die Themen im Vordergrund, die auch im Adoleszenzroman verhandelt würden).
Das Zusammenspiel der verschiedenen Disziplinen vermittelt zwar einen Eindruck von der Komplexität des Gegenstands, doch die Literaturwissenschaft, deren Aufgabe es ja wäre, diese vielfältigen Ausprägungen zu verdeutlichen, gerät in den Hintergrund bzw. Rückstand. Auch werden einige unterschiedliche Romane erwähnt (von Kellers Der grüne Heinrich (1854), Reuters Aus guter Familie (1906) über Frischmuths Die Klosterschule (1968), Nöstlingers Pfui Spinne! (1980) bis hin zu Regeners Herr Lehmann (2001) oder Strunks Fleckenteufel (2009)), doch eine subtile Gattungsdifferenzierung bleibt aus. Abschließend lässt sich festhalten, dass der Sammelband lediglich motivgeschichtliche, jedoch keine gattungstheoretischen Innovationen vorweisen kann.
Als einen gelungenen Versuch, die aktuelle literarische Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Jugendroman und dessen zahlreichen Ausprägungen kritisch zu reflektieren und gegebenenfalls hierüber voranzutreiben, kann hingegen Ewers: Jugendroman und Jugendromanforschung. Eine erneute Bestandsaufnahme aus der Kinder- und Jugendliteraturforschung 2012/2013 bezeichnet werden. Ewers macht nicht nur deutlich, wie unscharf die althergebrachten Gattungsbegriffe sind, er kritisiert auch, dass der herangezogene literarische Textkorpus nahezu gleichgeblieben ist, sodass immer wieder auf die gleichen Werke Bezug genommen wird, wodurch die individuellen Ausprägungen zeitgenössischer Werke weitgehend unbeleuchtet bleiben. Darüber hinaus wird hierdurch ausgeblendet, welche Entwicklung das Genre innerhalb der letzten Jahrzehnte vollzogen hat.
Ewers macht auf die verschiedenen Ebenen der Korpusbildung, mit der es die Kinder- und Jugendliteraturforschung zu tun hat, aufmerksam, verdeutlicht deren Ausprägung und gibt Anregungen zu einer strukturierten und sinnvollen Auseinandersetzung mit der Thematik, die hoffentlich dazu beitragen wird, dass es in naher Zukunft zu neuen (theoretischen) Ansätzen innerhalb der literaturwissenschaftlichen Adoleszenzforschung kommen wird. Denn dass sich die althergebrachten theoretischen Konzepte nicht sinnvoll auf aktuelle Adoleszenz-Romane anwenden lassen, hat Fassing im Rahmen seiner Magisterarbeit verdeutlichen können, weshalb wir auf die Entwicklung neuer und zeitgemäßerer Theorien gespannt sein dürfen.

Literatur

Hans-Heino Ewers: „Jugendroman und Jugendromanforschung. Eine erneute Bestandsaufnahme“, in: „Kinder- und Jugendliteraturforschung 2012/2013“ hrsg. vom Institut für Jugendbuchforschung der Johann Wolfgang Goethe-Universität (Frankfurt am Main) und der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz (Berlin), Frankfurt: Lang, 2013. (S. 71-90)
Carsten Gansel und Pawel Zimniak (Hrsl.): „Zwischenzeit, Grenzüberschreibung, Aufstörung. Bilder von Adoleszenz in der deutschsprachigen Literatur“, Heidelberg: Winter, 2011.

(Dieser Beitrag enthält einzelne Passagen aus einer Rezension, die ich für den Band Kinder- und Jugendliteraturforschung 2011/2012 verfasst habe.)

Über Iris Schäfer

Iris Schäfer ist Lehrbeauftragte und Doktorandin am Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Sie studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften und Germanistik in Frankfurt und London. Aktuelle Forschungsschwerpunkte sind literarische Adoleszenz- und Krankheitsdarstellungen.

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