Anders

Eine Frage der Erziehung

Als Felix Winter an seinem elften Geburtstag nach Hause kommt geschieht ein Unglück: eine mit Glühbirnen bestückte Eins, welche sein Vater zur Feier auf dem Dach hatte anbringen wollen, entgleitet dessen Händen und verletzt Felix am Kopf. Verletzt läuft er um das Haus herum, wo seine Mutter ihn nun zusätzlich, versehentlich, mit dem Familienauto anfährt. 263 Tage lang liegt Felix im Koma. Als er wieder erwacht, hat er keine Erinnerungen mehr an sein früheres Leben. Doch mehr noch, Felix scheint sich vollkommen verändert zu haben. Er sieht farbliche Auren von Menschen, kann ihre Krankheiten und Sorgen spüren, vollführt waghalsige Kletteraktionen und kümmert sich nur noch wenig um das, was seine Mutter von ihm möchte. Dieser Wandlung will Felix schließlich Rechnung tragen und ändert eigenständig seinen Namen. Ab jetzt heißt er Anders.

Während seine Eltern, vor allen seine Mutter, sich das Ende dieses Zustandes herbeiwünschen, sind Anders Schulkameraden Ben und Nisse froh über die Amnesie. Bald wird deutlich, Felix wusste etwas, das Anders nun vergessen hat. Auf Anders Computer befinden sich verschlüsselte Informationen in einem passwortgeschützten Ordner, doch er kann sich nicht mehr an das Passwort erinnern. Ein Umstand, der ihm, ohne es zu wissen, temporär den friedvollen Umgang mit Ben und Nisse sichert.

Schöne Literatur

Noch ehe man anfängt Anders zu lesen fällt einem die Buchgestaltung ins Auge: Das Buch ist schön. Das Licht spiegelt sich in der auf dem sonst eher schnörkellos gehaltenen weißen Einband abgebildeten Krone, dem Logo des Königskinderverlages. Auch der Titel des Romanes, ANDERS, ist in Gold auf das Cover gedruckt. Am Buchrücken ist ein Lesebändchen befestigt, welches aus goldenen Fäden gewoben wurde, Vorsatz, Seitenzahlen und Kapitelüberschriften sind passend in Gold gestaltet und jedes Kapitel beginnt mit einem Bild (von Peter Schössow), gemalt in Gold- und Schwarztönen. Anders wird damit jedoch nicht nur optisch ansprechend, sondern weist darüber hinaus eine interessante Vermischung von Text und Corporate Identity auf. Anders wird ganz klar als Königskind markiert, ist schon fast nicht mehr separat vom Verlag zu denken.

Die Tatsache, dass Andreas Steinhöfel die ersten, noch druckfrischen Exemplare des Romans auf der Frankfurter Buchmesse sogar mit einem goldenen Glitzerstift signierte, treibt diese vielleicht etwas zu deutlich kalkulierte, jedoch nicht minder charmante und ansprechende Marketingstrategie dann noch zusätzlich auf die Spitze.

Kleine Leinwände

In Anders geht es um viele Dinge, vor allem aber Kindheit und Elternschaft. Dabei wird das Verhältnis Erwachsene und Kinder vor allem davon geprägt, dass Kinder, vor allen Anders, hier ganz gezielt als Projektionsfläche für erwachsene Vorstellungen von Kindern präsentiert werden. Anders kommt nicht wirklich selbst zu Wort, es wird lange keine Innenansicht des Protagonisten geliefert. Es wird stets nur über ihn geredet. Im medizinischen Kontext sind es Ärzte und Psychologen, die Auskunft darüber geben, ob Felix/ Anders Verhalten als normal oder als pathologisch einzustufen ist und Schule und Eltern den Jungen erklären. Im schulischen Kontext wird wiederholt Anders Lehrerin Sabine beschrieben, die ihre Schüler auf dem Schulhof beobachtet und dabei unsichtbar gesteuerte Choreographien und Bewegungsabläufe festzustellen glaubt. Von Ferne schreibt sie hier den Kindern Intensionen und Gefühle zu, interpretiert ihre Bewegungen und errät ihre Gedanken. Es wird dabei fruchtbar in der Schwebe gelassen, ob Sabine hier eine abgeschlossene Gruppe beobachtet, die eine eigene, Erwachsenen unzugängliche Welt darstellt und deren Motivationen nur erraten werden kann oder aber ob der interpretierende, überschauende Blick der Lehrerin diese vermeidlichen Choreographien erst hervorbringt und die Kinder als homogene Einheit imaginiert.

Eigener Erlebnisraum

Beide Lesarten werden vom Roman unterstützt und überschneiden einander. Kindheit ist eigene Welt und Konstrukt von Erwachsenen. So wird die Möglichkeit Kinder wirklich zu kennen als Unmöglichkeit ausgestellt, während ganz klar ein eigener Raum gefordert wird, in dem Kinder der Beobachtung der Erwachsenen entgehen können. Im Gespräch mit seinem ehemaligen Mathematik Nachhilfelehrer Herrn Stack danach befragt, was er denkt, dass ihn von Felix unterscheidet gibt Anders an, dass Felix sich “eingesperrt” (82) gefühlt hat. Einer der wichtigsten Aspekte, die das Verhältnis von Kindern und Eltern im Roman definiert, ist die Kontrolle, die Eltern über sie Ausüben. So umrandet Anders Mutter seine Schuhe mit Kreide, um feststellen zu können, ob dieser seine Schuhe bewegt, also angezogen hat, um das Haus ungefragt zu verlassen. “Mein ganzes Leben ist ein Scheiß-Überwachungsstaat” (116) denkt Ben wütend, als er mit Anders und Nisse die Schule schwänzt und durch die Streuobstwiesen und Auen des nahen Flusses läuft. Den Kindern ist es von den Eltern verboten, dieses Gelände zu betreten. Im Fluss kann man ertrinken und in den hohen Gräsern der Wiese lauern Zecken. Es ist dieser Ort voller Gefahren, der vom Roman der übertriebenen Sorge der Eltern entgegengesetzt wird. Kinder, so die Botschaft, brauchen ihren eigenen Raum, in dem sie Fehler machen und sich ausprobieren können.

Anders als Felix?

Die Macht von Erwachsenen Kindheitsbilder zu entwerfen beeinflusst auch Anders Beziehung zu seinen Eltern. Wobei hier in Bezug auf Kindheitsentwürfe auch immer Entwürfe von besserer und schlechterer Elternschaft mitgedacht werden müssen. Melanie und André Winter werden als Eltern vorgestellt, deren Beziehung zu ihrem Sohn von dem geprägt ist, was sie denken, die Gesellschaft von ihnen als Eltern verlangt. So erfahren die LeserInnen auf der ersten Seite, dass beide den Namen Felix für ihren Sohn gewählt hatten, weil man sich damit “auf der Höhe der Zeit” (1) befunden hatte und André gesteht, dass er die Zahlen zur Feier von Felix Geburtstag nur auf dem Dach anbringen wollte um die Nachbarn zu beeindrucken. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus betreten Melanie und Felix Winter (er nennt sich erst später Anders) einen Bäckerladen. André Winter beobachtet beide durch die Scheibe und fragt sich was Felix wählen wird: “Nussecke”? “Kirschplunder?” “Bienenstich”? (46) In diesem Moment erkennt André, dass er die Wahl seines pre-Unfall Sohnes nicht hätte vorhersagen können und so die Wahl des post-Unfall Felix nicht deuten kann. Mit der Situation konfrontiert den Charakter des Sohnes als authentisch oder eben ‘anders als…’ einstufen zu wollen, wird ihm klar, dass er seinen Sohn nicht kennt. Für den Vater beginnt mit Felix Heimkehr das Vorhaben, seinen Sohn nun als den kennenzulernen, “der er wirklich ist” (50). Ein Versuch, der daran scheitern muss, dass Kinder nie ganz begriffen werden können. Später wird André Winter für sich feststellen, dass seine Kindheit eine “von den Rändern her verblassende Erinnerung” (95) ist, also ein Zustand auf den er keinen verlässlichen Zugriff mehr hat und so auch nicht von sich auf seinen Sohn schließen kann. Melanie Winter hingegen wartet auf die Genesung ihres Sohnes. Ein Unfall hat Felix Erinnerungen ausgelöscht und Anders zurückgelassen. Die Amnesie trennt den einen vom anderen. Aus ihrer Sicht ist Anders der noch nicht geheilte Felix. Es ist Andrés Bereitschaft sich den Interessen seines Sohnes zu öffnen, die ihn positiv von Melanie abhebt, die Felix und Anders nur in Bezug zu ihren Plänen für ihr Kind begreifen kann.

Nervige Frauen

Im Zentrum des Romans steht eine Kritik moderner Erziehung, welche Kinder unnötig einengt. Statt zu spielen und sich ausprobieren, heißt es „Leistungsbereitschaft und Anpassung“ einzuüben, um ein „gesellschaftlicher Gewinner“ zu werden. (33) Auffällig und ein wenig enttäuschend ist, dass diese als negativ markierte moderne Erziehung überwiegend weiblich und die positiven Alternativvorschläge bedauerlicherweise fast ausschließlich männlich konotiert sind. So sind die harmonischsten Momenten des Buches jene, in denen Herr Stack, André Winter und Anders einen Hühnerstall bauen und gemeinsam in den Baumarkt gehen. Auch sind es Anders und zwei seiner Kumpels, die die Auen des Flusses für sich erobern. Natur wird als Ort für Jungenabenteuer abseits von weiblicher Kontrolle inszeniert. Anders zieht es in die Natur, weil ihn ein Gespräch mit seiner Lehrerin geärgert hat. Ben schaltet demonstrativ das Handy aus, damit seine Mutter ihn nicht anrufen kann. Hier am Fluß erzählt Ben Anders und Nisse von der Legende um das Erler Loch, die sein Großvater ihm einst erzählte: An einer tiefen, von starken Strömungen durchzogenen Stelle im Fluss, wohnt eine Nixe. Fischer haben einst ihr Kind getötet und seitdem zieht sie immer wieder Kinder zu sich hinab in den Tod. Auf der Flucht vor nervigen Frauenfiguren bietet die Natur, vermittelt durch männliches Wissen, weitergereicht von einer Generation zur nächsten, den Jungen so die Gelegenheit sich mit der Bedrohung durch eine übernatürliche, gefährliche und wütende Mutter auseinanderzusetzen. In diesem Wertehaushalt werden stereotyp, männliche Eigenschaften wie Ruhe und Freude am Bauarbeiten und Einsichten wie “das Aufstehen nur erlernen kann, wer zuvor gefallen ist” (153), weiblicher Übervorsicht und dem Wunsch auf Bestätigung als Mutter entgegengesetzt.

Anders beschäftigt sich auf interessante und spannende Weise mit dem Thema Kindheit. Verschiedenste Blickwinkel eröffnen eine Bandbreite an Möglichkeiten über die Beziehung Kinder-Erwachsene und damit auch Kinder-Eltern nachzudenken. Die einseitige und genderstereotype Darstellung von guter und schlechter Erziehung tut dabei der Freude am Lesen keinen Abbruch, hinterlässt jedoch durchaus einen Wehmutstropfen.

Literatur

Steinhöfel, Andreas: Anders. Königskinder Verlag. Hamburg: 2014. Roman.

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