Arborex und der Geheimbund KIM – Teil 2

Richteiche und Chronik

Mag der Ton, den Karsten, Ingo und Monika anschlagen, wenn sie miteinander und anderen über Umweltschutz sprechen aggressiv und undiplomatisch sein, so wird ihr Verhalten von der Hörspielreihe als ungebrochen positiv und erstrebenswert gezeichnet. (Für eine ausführliche Darstellung siehe Teil 1) Dies funktioniert vor allem über ihre besondere Bindung zu Arborex der alten Eiche. Direkt in der ersten Folge beklagt Arborex, dass die Kommunikation zu den Menschen abgebrochen sei, „Unter den Menschen ein paar echte Freunde finden, das habe ich mir schon so lange gewünscht.“ (19:15 – 19:21), erzählt er nachdenklich der Taube Tuco. Die Begegnung mit KIM lässt diesen Wunsch nun wahr werden denn KIM hebt sich von anderen Menschen ab. Außer Klosterbruder Martin und später Bruder Stephanus können nur sie Arborex hören und mit ihm sprechen. Die drei Jugendlichen werden so als Auserwählte dargestellt, die den alten männlichen Figuren, dem Mönch und dem Baum, ähneln und im gewissen Sinne deren Lehrlinge werden.

Thingplatz

Der Baum wird fortan als angesehener Ratgeber präsentiert und der Platz an der Eiche wird zum Treffpunkt des Geheimbundes, an dem dieser sich zusammenfinden kann, um über die anstehenden Fälle zu sprechen. Damit inszeniert das Hörspiel die Beziehung zwischen Arborex und KIM als Fortführung einer alten Tradition. Wie die ZuhörerInnen nämlich in Folge Zwei erfahren, haben sich schon die alten Germanen an diesem Ort getroffen um Things, Volks- und Gerichtsversammlungen, abzuhalten. Gerichtslinden werden jene großen Bäume genannt, unter denen Things oft stattfanden. Zwar war Arborex zur Zeit der Germanen noch ein junger Baum , doch wird er nun durchaus zur Gerichtseiche für den Geheimbund, der hier über Umweltsünder urteilt. Es ist daher kaum verwunderlich, dass die Stadt, just nachdem KIM sich gegründet und Arborex kennengelernt hat, ein Schild aufstellen lässt, das den Ort an der Eiche als “Thingplatz” ausweist und diesem so seinen ursprünglichen Namen zurückgibt.

Seine Liebe zu den Menschen macht Arborex zu einem idealen Ansprechpartner. Denn Arborex ist nicht nur Gerichtseiche, sondern markiert auch einen tatsächlichen Schutzraum und Anlaufstelle.

Arborex Schutz („Mein Freund der Baum“, 42:14 – 42:57)

Dies wird in fast jeder Folge erneut unterstrichen. Immer wieder kommt es vor, dass Arborex von Menschen erzählt, die er vor Vertretern der ungerechten Obrigkeit in seinem Baumstamm versteckt hat. Auch stellt die große Eiche mit ihrem ausladenden Blätterdach einen sicheren Fluchtort dar. Karsten, Ingo und Monika etwa lernen Arborex kennen, als sie vor einem Unwetter unter die Eiche flüchten. Natur wird zur behütenden Umgebung, die Menschen umsorgt, ihnen hilft und, in ihrer Rolle als “einzige große Apotheke” („Die Sache mit dem Tümpel“, 25:00) ebenso heilt. So wird direkt zu Beginn der Hörspielreihe Funktion und Name des Thingplatzes wiederhergestellt und mit dem Thema Umweltschutz verwoben.

Aus der Geschichte lernen

Weiter untermauert wird Arborex Qualifikation, die drei Jugendlichen in ihrem Kampf für die Rettung der Umwelt anzuleiten, durch Arborex Alter.

Arborex Alter („Die Sache mit dem Tümpel“, 12:06 – 13:04)

Welche Macht Arborex durch sein Dasein als “älteste(s) Stück Vergangenheit” zugesprochen wird, wird deutlich, wenn dieser jede Folge ein Erlebnis aus seiner Vergangenheit berichtet, das zur Lösung des Falles beiträgt. Diese Geschichten, welche als Hörspiel im Hörspiel umgesetzt werden, finden meist im Spätmittelalter statt. In ihrem Zentrum steht das arme Volk, welches sich gegen übermächtige Raubritter oder unmoralische Landesfürsten behaupten muss. Die Beziehung vergangener Generationen zur Umwelt spielt hier keine Rolle, vielmehr lernen die Jugendlichen, wie mit als negativ wahrgenommenen Menschen umzugehen ist. Obwohl Anwendbarkeit für den Umweltschutz somit nicht gegeben ist, wird dennoch der Eindruck erzeugt, dass man aus Geschichte Lehren für die Gegenwart ziehen kann. Zusätzlich wird den ZuhörerInnen vermittelt, dass es möglich ist, sich mit Schläue (und der Hilfe von alten Eichen) gegen mächtigere Instanzen zu behaupten und etwas zu bewirken.

Arborex, als ‘ältestes Stück Vergangenheit’ hat einen besonders reichen Schatz an Wissen, den er zur Verfügung stellen kann und somit eine Fülle an Lehren für das Jetzt. Der Baum wird hier zur lebenden, mündlichen Chronik, der im nahen Kloster eine schriftliche Klosterchronik gegenübergestellt wird. Diese reicht zwar nicht so weit in die Zeit zurück wie Arborex Gedächtnis, kann jedoch ab und an die Informationen des Baumes ergänzen. Die Paarung Kloster und Natur, die sich bereits im Mentorenduo Arborex und Bruder Martin zeigt, wird direkt in Folge Eins aufs deutlichste etabliert, wenn Überlebende der großen Pest 1350 sich zu Arborex flüchteten.

Arborex Pest („Mein Freund der Baum“, 47:43 – 48:59)

Der Abdruck des in der Abendsonne leuchtenden, mit der Rinde verschmolzenen Kreuzes gibt einen Hinweis darauf, dass Natur hier ebenso spirituell gesehen werden muss. Die Parameter von Religösität und Naturverbundenheit verschränken sich zu einer dezidierten Umweltethik. Religion rückt dabei nicht als praktizierter Glaube in den Fokus, sondern vor allem als klösterliche, bescheidene Lebensweise, die sich dem Studium von Texten und Kräutern widmet. Ingo, der als Waise im Kloster aufwächst, stellt seine Erziehung nicht unter Beweis, indem er die Bibel zitiert, sondern wiederholt den lateinischen Ursprung von Worten angibt. Auf diese Weise vollzieht sich erneut ein Blick in die Vergangenheit, diesmal etymologisch. So dass sich unterschwellig die Botschaft ablesen lässt, was alt ist, Tradition hat, Wurzeln hat, ist gut.

Ein Kind der 80er

Arborex und der Geheimbund KIM stellt eine interessante und doch anstrengende Hörspielreihe dar. Zu platt wird die Botschaft präsentiert, zu bieder und langweilig sind die Protagonisten, zu nervig die kleine Taube Tuco, die ständig mit Quäkestimme was Dummes sagen muss. Auch fällt ärgerlich auf, dass Monika immer ein Stück ängstlicher oder schwächer ist als die zwei Jungen. Doch so verschieden sind die Eindrücke einer älteren Rezensentin und einer erinnerten jungen Zuhörerin. Wie schon Eingangs erwähnt, meinen Lieblingskletterbaum nannte ich Arborex, den Text zu den Liedern der Reihe kannte ich beim erneuten Hören fast noch auswendig und in den Folgejahren nach der Serie sammelte ich Unterschriften gegen Treibnetze und wurde Mitglied der WWF. Arborex und der Geheimbund KIM ist ein Produkt der 1980er Jahre.  In den Kinderbüchern verklebten die Flügel der Vögel mit Öl und im Radio sangen die Ärzte von blutspuckenden Robbenbabies und der stinkenden Nordsee. Die Reihe fügt sich perfekt in dessen Tonfall ein und zeigt, wie Wertevermittlung damals gedacht wurde.

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