Auf den Spuren von Spider-Man

Sarah Brunis Roman Die Nacht, als Gwen Stacy starb erzählt die Geschichten von Gwen Stacy und Peter Parker, zwei Jugendlichen, die eigentlich gar nicht so heißen wie die beiden berühmten Comicfiguren, aber dennoch schicksalshaft mit ihnen verbunden scheinen. Gwen heißt eigentlich Sheila und plant zu Beginn des Romans ihre Flucht nach Paris, weg von der namenlosen Kleinstadt in Iowa, wo sie noch bei ihren Eltern wohnt, in der Schule wenige Freunde hat und in einer Landstraßen-Tankstelle jobbt. Dort lernt sie Peter kennen, der eigentlich Seth heißt und sein Geld als Taxifahrer verdient und offensichtlich einen Ausweis mit falschem Namen hat. Er lebt mit seiner Mutter zusammen, sein Vater ist weg und sein älterer Bruder hat sich vor vielen Jahren umgebracht. Das dies nicht spurlos an Seth vorübergegangen ist, zeigen seine immer wiederkehrenden Alpträume von tödlich verunglückenden oder Suizid begehenden Menschen. Die Vision eines Mannes, welcher eine tödliche Dosis Tabletten schluckt, lässt ihn schließlich glauben, dass seine Träume zukünftige Ereignisse vorausdeuten, woraufhin er beschließt, seine Heimatstadt zu verlassen, um wenigstens diese eine Person zu retten.
Er nimmt sein Taxi, entwendet seiner Mutter eine Pistole und fährt zur Tankstelle, um Sheila aufzufordern, ihn zu begleiten. Diese willigt aus einem Impuls heraus ein. Mit Hilfe der Pistole lassen sie ihre gemeinsame Flucht wie eine Entführung aussehen, plündern die Kasse der Tankstelle und begeben sich auf eine ungewisse gemeinsame Reise.

Das Spiel mit der Ungewissheit

Mit dieser Exposition entfaltet sich eine komplexe Geschichte, die im Klappentext als „skurrile[r] und romantische[r] Roadtrip“ angespriesen wird. Tatsächlich wirkt die Erzählung in den meisten Stellen weder sonderlich skurril, noch romantisch, noch ist sie ein Roadtrip. Dies liegt jedoch vor allem an der Art, wie Bruni ihre Figuren denken, reden und handeln lässt. Deren Handlungsmotivationen bleiben dem Leser oftmals verborgen, es ist selten in Worte zu fassen, wieso jemand tut, was er gerade tut. Beziehungen untereinander werden als verstrickt und undurchsichtig gezeichnet, nicht als klar einschätzbare Positionen. So wird beispielsweise Sheilas ehemals gutes Verhältnis zu ihren Eltern zu Beginn der Erzählung als angespannt dargestellt: „Es hatte mal eine Zeit gegeben, da hatte sie diesen Leuten – ihren Eltern – Dinge erzählt, Dinge erklärt, sie Dinge gefragt und ihnen Dinge gezeigt. […] Sie hatte es innerhalb von von siebzehn Jahren geschafft, dass mit den Menschen, die sie in die Welt gesetzt hatten, keine Kommunikation mehr möglich war.“(S. 24) Sprachlich und inhaltlich gekonnt wird an dieser Stelle deutlich, dass keine der involvierten Figuren genau sagen kann, wieso ihre Beziehung zueinander gestört ist. Sie ist es einfach. Mit diesem Verfahren gelingt es der Erzählung wiederholt, den Leser und die Akteure im Ungewissen zu belassen und gleichzeitig glaubhaft zu wirken. Gerade die Jugendlichen werden von Gefühlen, Gedanken und Motivationen beeinflusst, die sie selbst nicht einschätzen und in Worte fassen können. Die Nacht, als Gwen Stacy starb stellt realistisch wirkende Innenleben von Figuren da, die sich aus verschiedensten Gründen in schwierigen Situationen und Lebensabschnitten befinden. Wichtiger noch als diese generelle Ungewissheit ist der Umgang der Personen mit ebendieser:

»Was tun wir in Chicago?«, fragte Sheila. Anscheinden war sie während der Fahrt fürs Reden zuständig.
Peter atmete langsam aus. »Das sehen wir dann. Kannst du damit leben?«
Sheila dachte einen Augenblick nach.
»Ja«, sagte sie. (S. 98)

Beide Akteure wissen tatsächlich nicht, wieso genau sie auf dem Weg nach Chicago sind und wie es mit ihnen weitergehen wird. Seth lässt sich von seinen Träumen steuern, welche ihm allerdings sehr wenige und nur bruchstückhafte Informationen liefern. Sheila ist auf der Flucht vor ihrem gewöhnlichen Leben und sieht jeden Platz außerhalb ihrer Heimatstadt als einen richtigen Schritt in Richtung Paris. Dass kein großer Plan hinter den impulsiven Aktionen steckt, akzeptieren beide und gehen damit so gut es geht um. Die großen und kleinen Zweifel, die beide Figuren im Laufe der Handlung immer wieder befallen, unterstützten ihre glaubhafte Charaktergestaltung zusätzlich.

Das Spiel mit der Intertextualität

Liest man eine Erzählung mit Peter Parker und Gwen Stacy, liegt der Gedanke an Spider-Man nicht fern. Tatsächlich ist eine Episode des Comics ein zentraler Intertext, der einen starken Einfluss auf den Fortgang der Handlung hat: Der grüne Kobold entführt Gwen, Spider-Man verfolgt sie und es kommt zu einer Konfrontation auf einer großen Brücke. Von dieser lässt der Kobold Gwen fallen und Spider-Man schießt mit seinen Spinnenfäden auf sie, um ihren Fall zu stoppen. Statt im Wasser aufzuschlagen bricht nun jedoch durch den Rückstoß Gwens Genick. Peter Parker kann den Tod seiner ersten Liebe nicht verhindern und muss sich fortan immer wieder die Frage stellen, ob sie, hätte er anders gehandelt, noch am Leben sein könnte.
Seth kennt die Geschichte durch die Comicsammlung seines älteren Bruders. Seine Wegbegleiterin mit diesem Vorwissen Gwen Stacy zu nennen, erscheint in dieser Hinsicht sowohl romantisch als auch bedenklich. Sheila selbst weiß nichts über die Vorlage, sie muss sie sich im Laufe des Roman erst einmal anlesen. Je mehr sie von der Geschichte erfährt, desto mehr erfahren auch jene Leser, die den Intertext ebenfalls nicht parat haben.
Sheila und Seth spielen bewusst mit Verweisen auf die Comicvorlage, seien es eben die falschen Ausweise, oder das Umstyling in Gwen Stacy:

„Er zog das Gummiband aus Gwens Haar und befreite es aus dem Pferdeschwanz. Dann drehte er sie so, dass sie sich im Spiegel sehen konnte – damit sie sehen konnte, dass sie in dem Kleid aussah wie die Wiedergeburt der Naturwissenschaftsstudentin von der Empire State University, die Spider-Mans erste Liebe werden sollte.“ (S. 150)

Dieses Ausleben ihrer zweiten Identitäten wird im Roman zwar deutlich gezeigt, jedoch niemals psychologisch gewertet. Es ist dem Leser überlassen, dieses Verhalten zu interpretieren, sei es als als Flucht vor der eigenen Identität, jugendliches Spiel oder dem Versuch, einen Zugriff auf die ungewöhnliche Situation zu finden.

Das Spiel mit der Erwartungshaltung

Je mehr Wissen der Roman über die Hintergrundgeschichte von Spider-Man und Gwen Stacy liefert, umso mehr wird nahegelegt, dass der Fluchtversuch der beiden Figuren kein Happy End finden wird. Die Parallelen zwischen Seth, Sheila und ihren gezeichneten Gegenparts werden im Verlauf der Handlung immer deutlicher hervorgehoben. Seth ist von permanenten Alpträumen und Verlustängsten gequält, gleichzeitig wird er von dem Wunsch angetrieben, anderen Menschen zu helfen und ihnen ihr Leben zu retten. Dies deckt sich mit der Beschreibung von Spider-Man, wie sie Sheila von ein paar Comicverkäufern erzählt bekommt:

»Dauernd muss er sich um irgendwelche gigantischen Probleme kümmern.« […]
»Aber noch schlimmer ist das, was ihn nachts wach hält. Das ist übler als alle seine Feinde zusammen. Der Kerl kann einem leidtun. Ich meine, richtig leidtun.« (S. 265)

Seth weiß, dass Gwen Stacy in den Comics stirbt und Spider-Man dies nicht verhindern kann. Sheila lernt dies im Laufe der Geschichte ebenfalls, sorgt sich um ihre Rolle als Peter Parkers erste große Liebe, unternimmt jedoch dennoch keine Schritte, ihre neue Identität abzulegen. Im Gegenteil, sie steuert zusammen mit Seth immer weiter an den Ereignissen der Comics entlang. Der Leser, welcher ebenfalls weiß, dass Gwen Stacy sterben wird, ist so im Verlauf der Handlung immer stärker zwischen zwei Emotionen hin- und hergerissen. Einerseits will man nicht der doch zu eindeutig wirkenden Lenkung aufsitzen und für Sheila bereits ein unglückliches Ende erahnen. Andererseits ertappt man sich bei jeder neuen Wendung dabei, doch immer mehr Angst um das Leben der Ausreißerin zu empfinden.
Der hier beschriebene Aufbau von Erwartungshaltungen steht in einem Gegensatz zu der Unbestimmtheit, die den Roman ebenfalls auszeichnet. Die Kombination dieser beiden Elemente und ihre immer stärkere Vermischung zum Ende hin verhindern eine eindeutige Lesart.Die Nacht, als Gwen Stacy starb unterläuft gleichermaßen die Deutungsversuche der Figuren, als auch der Leser. Ein zentrales Thema der Erzählung kann somit in der Debatte um Schicksale gesehen werden. Jeder Versuch, Erfahrungen und Momente als schicksalshaft zu deuten, ist eben nur eine von Menschen gemachte Zuschreibung. Sie kann als gültig akzeptiert werden, oder eben nicht. Bruni legt sich in ihrem Text nicht fest, sie trifft keine Aussage darüber, wie er gedeutet werden muss.
Das zentrale Thema könnte für andere Rezensenten ein ganz anderes sein. Sie hätten damit wahrscheinlich genauso viel oder wenig recht wie dieser Artikel. Und gerade weil diese interpretative Freiheit gelassen wird, wirkt dieser Jugendroman so besonders.

Literatur

Bruni, Sarah: Die Nacht, als Gwen Stacy starb. Aus dem Amerikanischen von Usch Pilz. Bindlach: 2014. Roman.

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