Dämonisierte Jugendliche in deutscher Problemliteratur I

Teil 1 – Hassfiguren

„Till ist wieder da. Und Marcia spürt wieder die alte Angst.“ (Blobel 2003) Und Marcia hat verdammt noch mal auch allen Grund, Angst zu empfinden, denkt man sich als Leser von Brigitte Blobels Problemroman Liebe wie die Hölle. Denn Till, ein älterer Klassenkamerad, hat Marcia zu diesem Zeitpunkt der Erzählung bereits sexuell belästigt, im Internet Lügen über sie verbreitet, sie mehrfach gestalkt und sie schließlich unter Vorwänden in das Haus seiner Eltern gelockt und dort beinahe vergewaltigt. Im weiteren Verlauf der Handlung werden zwei weitere Vergewaltigungsversuche dazukommen. Erst nach dem dritten Übergriff Tills, der während einer Grillfeier beider Elternpaare stattfindet, wird Marcia überhaupt Worte finden können, ihre Angst zu erklären.

Till ist eindeutig als Antagonist  des Texts gedacht. Er ist das Problem des Problemromans und erfüllt somit in erster Linie eine Funktion. Dass literarische Figuren derartige Rollen einnehmen, ist zuerst einmal nichts Außergewöhnliches. Doch stellt sich auch bei einer funktionalen Figur stets die Frage nach ihrer Glaubhaftigkeit. Was für einen Effekt sollen die Antagonisten in vielen deutschsprachigen Problemromanen haben? Was für Emotionen sollen sie im Leser auslösen? Der folgende Beitrag wird anhand des exemplarischen Beispiels von Blobels Roman einen Blick auf die Gattung der Problemerzählung und ihrer Figurenzeichnungen werfen.

Geschriebene Hassfiguren – Die Dämonisierung von Jugendlichen

 In Blobels Text werden für die negative Charakterisierung des Antagonisten Till alle Register gezogen. Dies beginnt bereits beim Äußerlichen.

Wie ein Seeungeheuer pflügt er durch das Wasser, mit einer Taucherbrille, extra für ihn angefertigt. Ein Riesending, aus schwarzem Gummi, die geschliffenen Gläser dick wie Panzerglas. Seine Augen sind ums zehnfache vergrößert. Er hat sich die Haare abrasiert. …] Er prustet beim Schwimmen, spuckt immerzu, weil das Wasser ihm in den offenen Mund läuft. (Blobel 2003, S. 5)

Nun könnte die Zurschaustellung von äußerlichem Makel auch der Aufhänger für die Charakterisierung liebevoller Außenseiter sein, den Underdogs, die in der Geschichte letztlich aufblühen. Stattdessen verfährt der Text nach dem Verfahren ‚What you see is what you get’. Schnell wird deutlich gemacht, welchen Geistes Kind die Figur ist. Till Kröger ist ein fauler Sohn reicher Eltern und damit das genaue Gegenteil zur Protagonistin Marcia, einer fleißigen und klugen Tochter von Eltern aus der unteren Mittelschicht. Wo der nur ein Jahr ältere Till als frühreif und geradezu sexbesessen dargestellt wird, ist Marcia unschuldig und zurückgenommen. Geradezu bildlich wird dieses Thema bei Marcias erster Regelblutung. Diese kommt ausgerechnet während sie von der Krögerschen Familie nach Hamburg eingeladen ist. Durch einen Blick in ihr Badezimmer bemerkt Till Marcias Periode. Deutlich erregt fragt er sie nach ihrem Zustand aus und fragt schließlich: „Zeigst du mir das mal?“ (Blobel 2003, S. 60) Zu diesem Zeitpunkt ist er gerade 14 Jahre alt geworden. Einige Wochen später lockt er Marcia in das Haus seiner Eltern. Dort mit ihr allein verschließt er alle Türen, startet einen vorbereiteten Hardcoreporno und will sein Gegenüber zu Sex überreden. Dass diese nicht freiwillig auf sein Angebot eingehen wird, ist dem Antagonisten dabei scheinbar klar, hat er doch penibel darauf geachtet alle Fluchtwege zu versperren. In dieser Situation bedroht der inzwischen nackte Till Marcia erst physisch, um sie anschließend mit Hilfe einer in Notwehr zerschmissenen Vase zu erpressen. Als Marcia sich wehrt, erregt dies den Antagonisten zusätzlich: „‚Willst du dich mit mir prügeln?‘ Till kam näher. ‚Au ja, komm her, schlag mich. Wohin willst du mich hauen?'“ (Blobel 2003, S. 87)

Der in dieser Szene geschilderte Vergewaltigungsversuch von Till ist sicherlich eines der Extreme des Textes.  Zusätzlich startet er im späteren Verlauf zwei weitere Versuche, bei einem davon schlägt er Marcia in einem Badesee mit einem Ruder auf dem Kopf und zieht das benommene Mädchen in ein mit Kissen präpariertes Boot. Doch diese Taten scheinen noch nicht auszureichen, um die Zuneigung der Leserschaft eindeutig zu steuern. Till ist gegenüber Ausländern rassistisch und abwertend eingestellt, behandelt Frauen als Objekte, ist von Sex und Pornographie besessen und übt sich in Stalking und Mobbing gleichermaßen. All diese Elemente werden vom Text deutlich als negative Verhaltensweisen markiert. Wenn Tills Vater gegen Ende des Textes einwirft, dass Jungen in diesem Alter nun einmal an Sex interessiert seien (Blobel 2003, S. 220), weiß man als Leser, dass die Art von Tills Interesse eindeutig abnormal ist. Ein Auszug aus einem der vielen Briefe, die er Marcia im Laufe der Erzählung schreibt, macht dies sehr plakativ deutlich:

Hallo Marcia, du kleine Schlampe, hast du wieder mal keine Klebe für eine Briefmarke gefunden? Oder warum krieg ich keine Post? Da haben es Mädchen leichter, die eine feuchte Muschi haben. Die brauche die Briefmarke nur dranzuhalten. Ich wünsch mir von dir so einen Brief. Da könnte ich an der Briefmarke schnüffeln und mir vorstellen, dass du nackt neben mir liegst, dass ich dich rieche, weißt du, alles von dir. Ich bin total wild auf deinen Geruch. (Blobel 2003, S. 217)

Diese Beispiele sollen genügen, um die Figur aus Blobels Text in Grundrissen zu charakterisieren. Sympathische Eigenschaften sucht man bei Till Kröger vergebens.  Eine Erklärung für sein Verhalten findet höchstens auf oberflächlicher Ebene statt und liefert dem Leser letztendlich auch keine Gründe, den Charakter in einem positiveren Licht zu sehen.  Als Leser kann man Till Kröger so aus guten Gründen hassen.

Die Welt in einfachem Schwarz-Weiß

Natürlich gibt es unsympathische Jugendliche. Natürlich gibt es auch unsympathische Figuren in fiktionalen Texten. Dies steht an dieser Stelle nicht zur Debatte. Was zur Debatte steht, ist der Effekt, auf den diese Präsentation der Figur abzielt.

Antagonisten haben in der Literatur die Funktion, dem Protagonisten gegenüberzustehen. Erst durch einen wirkungsvollen Antagonisten bekommt der Protagonist gegebenenfalls seinen Zweck in der Handlung. Im Idealfall wird die Identifikation mit dem Protagonisten durch das entsprechende Auftreten des Antagonisten erleichtert. An diesem grundlegenden Modell des Handlungsaufbaus ist erst einmal wenig auszusetzen. Es stellt sich allerdings die Frage, ob der realistische Jugendroman, in dem nun eben einmal Jugendliche die handelnden Akteure sind, eine rein antagonistische Figur wirklich benötigt.

Till Kröger ist derart dämonisiert, dass eine eindeutige Leserlenkung zu Gunsten der weiblichen Heldin stattfindet. Dem sie bedrohenden Jugendlichen kann schwerlich etwas anders als Antipathie und Hass entgegengebracht werden. Geht man wirklich davon aus, dass es sich bei diesem Text um einen realistischen Roman handeln soll, muss man gleichzeitig annehmen, dass auch seine Figuren realistisch gestaltet sind. Till ist jedoch vollkommen eindimensional dämonisiert, er besitzt ausschließlich negative Eigenschaften, die oftmals auch noch übertrieben dargestellt sind. Geschildert wird ein Außenseiter, der isoliert dastehen. Diese Isolierung wird von den Texten gar nicht oder nur ungenügend problematisiert. Über Till herrscht der Konsens, dass er ein Außenseiter ohne Freunde ist und dass dieser Zustand vollkommen verdient ist.

Welch einen geringen Stellenwert die Figur in der Erzählung hat, zeigt ihr Ende. Till wird von seinen Eltern kurzerhand in die USA abgeschoben und dort therapiert, Marcias Mutter, welche für Tills Vater gearbeitet hat, kündigt und sucht sich einen neuen Job. Die beiden Figuren werden einfach und effektiv getrennt, Marcia trägt von dem jahrelangen Psychoterror und den Vergewaltigungen keinen bleibenden Schaden davon, muss in keine psychologische Behandlung. Till verschwindet nun endgültig aus ihrer Lebenswelt und scheint auch keinen weiteren Gedanken wert zu sein.

Was soll das Ganze?

Der Antagonist wird zum Ende hin endgültig auf seine Funktion reduziert. Ist das Problem beseitigt, kann er aus den Köpfen der restlichen Figuren und damit aus der Geschichte verschwinden. Ein realistischer Umgang mit der Psychologie der Charaktere ist hier beim besten Willen nicht mehr erkennbar. Ein Problemroman in der Art dieses Beispiels fördert so vor allem einfache Problemlösungen. Dies geschieht auf Kosten des Realismus, den sich dieses Genre eigentlich auf die Fahnen geschrieben hat. Und – noch viel wichtiger – dies geschieht auf Kosten der Glaubhaftigkeit der in der Erzählung auftretenden Figuren. Till Kröger ist ein klassischer Schurke, ein funktioneller Bösewicht, welcher der Heldin des Romans gegenübersteht.

In der Erzählung erleichtert dies letztlich die oben bereits beschriebene Auflösung aller Probleme. Diese ist derart einfach gestrickt, dass auch dort nicht mehr von einer realistischen Darstellung gesprochen werden kann. Um die Trennung von Antagonist und Protagonistin kümmern sich die Eltern, eine psychologische Nachbetrachtung des jahrelangen Psychoterrors ist auch nicht nötig. Die Protagonistin geht aus den Ereignissen derart unbeschadet hervor, dass sie sich nach kurzer Zeit auf den Mädchenschwarm Dennis einlassen kann, welcher ein Auge auf sie geworfen hat. Hier entwirft der Text ein gesellschaftliches Bild, welches in vielen Problemromanen dieser Art propagiert wird. Letztlich sind es Erwachsene, die das Problem schnell und effektiv gelöst bekommen. Es wird deutlich vermittelt, dass die jugendliche Heldin dazu selbst nicht in der Lage ist. Hätte sie sich früher an ihre Eltern oder andere Institutionen gewandt, wäre die Lösung noch früher eingetreten. Als Belohnung für das Vertrauen in die Welt der Erwachsenen darf die Heldin am Ende ihr Happy End in Form von totaler Glückseeligkeit und einem durchweg positiv beschriebenen Schwarm erleben.

Es kann festgehalten werden, dass die hier präsentierte Form des realistischen Problemromans offenbar dazu dienen soll, jugendlichen Lesern auf plakative Weise zu zeigen, dass Erwachsene es doch am Besten wissen. Deutlich wird, dass es sich hierbei um Jugendliteratur handelt, die von ‚Erwachsenen‘ geschrieben wurde (die Anführungszeichen verweisen dabei auf eine erwachsene Denkhaltung, nicht auf ein physisches Alter).

Wie sich der Fokus auf ein Denken in Gut-Böse-Mustern und das Ziel der einfachen Problemlösung auch auf die Protagonisten dieser Textsorte auswirkt, zeigt Teil 2 dieser Reihe.

Bibliographie

Blobel, Brigitte: Liebe wie die Hölle. Arena Life: Würzburg. 2003. Buch.

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