Dämonisierte Jugendliche in deutscher Problemliteratur II

Teil 2 – Heldenfiguren

Im ersten Beitrag dieser Reihe wurde anhand des Beispiels von Brigitte Blobels Liebe wie die Hölle (Blobel 2003) die Figur des Till Kröger analysiert. Dieser ist als klarer Antagonist des Textes gestaltet und stark dämonisiert. Seine negative Ausprägung ermöglicht der Erzählung einfache Lösungen für die aufgeworfenen Probleme. Der Problemroman entfernt sich dadurch von einer realistischen Erzählweise.

Böse Jungs und brave Mädchen

Im gewählten Text lässt sich weiterhin sehr gut zeigen, wie die einseitige Charakterisierung auch auf andere Figuren ausgeweitet wird. In erster Linie gilt das für Marcia, die Hauptfigur des Romans und Ziel von Tills Begehren. Marcia ist ein Jahr jünger als Till, im ersten Zeitabschnitt der Geschichte ist sie 13, im zweiten 15 Jahre alt. Würde man sie mit einem Wort beschreiben, so wäre dieses ’nett‘. „Marcia konnte einfach nicht anders als nett sein zu Leuten, denen das Lernen nicht so leicht fiel wie ihr“ (Blobel 2003, S. 30). Beschreibungen wie diese machen zum einen klar, dass Marcia fraglos die Heldin der Erzählung ist, die Identifikationsfigur. Zum anderen wird ihre selbstlose Nettigkeit funktionell genutzt, um sie mit dem von Anfang an unsympathischen Antagonisten Till in Kontakt zu bringen. In dem Moment, in dem Till neu in ihre Klasse kommt und durch Zufall ihr Sitznachbar wird, hilft sie ihm, genauso, wie sie es immer macht. Die Annäherung wird durch einen Automatismus begründet, nicht durch eine wie auch immer geartete Sympathie auf Seiten von Marcia. Dies wäre schließlich auch hinderlich für die spätere Schwarz-Weiß Zeichnung der Charaktere und die damit verbundenen einfachen Problemlösungen.

Strukturell baut die Erzählung eine Beziehung zwischen den beiden Figuren auf, die von Marcias Seite ausschließlich aus mangelndem Durchsetzungsvermögen und Schuldgefühlen getragen wird. Als sie Till an einer frühen Stelle der Erzählung abweist, reagiert dieser gekränkt und zieht sich ein wenig von Marcia zurück. Statt dies zu Nutzen, schaltet sich bei der Protagonistin sofort ein schlechtes Gewissen ein: „Da fühlte sie sich irgendwie noch mieser. Und um ihn zu versöhnen und sich quasi zu entschuldigen, hatte sie sich dann am darauf folgenden Sonntag mit ihm ins Kino verabredet. Obwohl sie das eigentlich nie gewollt hatte, so viel Zeit mit Till zu verbringen“ (Blobel 2003, S. 32).

Dieser Aufbau der Hauptfigur ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite wird die Figur mit Qualitäten belegt, gegen die sicherlich nichts einzuwenden ist. Marcia ist höflich, zuvorkommend und quasi nicht dazu in der Lage, ‚böse‘ Taten zu vollbringen. Auf der anderen Seite führen diese Charaktereigenschaften zu einer verstärkten Passivität der Figur. Sie ist kaum in der Lage, sich gegen den sie bedrängenden Antagonisten zur Wehr zu setzen, weder zu Beginn der Erzählung, wenn sein Verhalten eher nervig ist, noch im weiteren Verlauf, wenn es umschlägt in sexuelle Belästigung, Stalking und Mobbing.

Heldin in Not

Marcias Passivität steigert sich im Laufe der Erzählung im gleichen Verhältnis zu Tills Aggressivität. Das moralische Gefälle zwischen den beiden Figuren wird dadurch immer weiter verstärkt, bis sie sich letztlich an zwei Extremen gegenüberstehen: Till mit dem mehrfachen Versuch der Vergewaltigung, Marcia als das verzweifelte Opfer, welches sich nicht zu wehren weiß. Der erste und eindrücklichste Vergewaltigungsversuch von Till ist dafür ein ausgezeichnetes Beispiel. Marcia, zutiefst schockiert, erzählt niemanden von dem Angriff, bittet niemanden um Hilfe. Begründet wird ihr Schweigen mit vielen Innensichten auf ihre Gedanken und Zweifel:

Wieso, verdammt, ließ er sie nicht in Ruhe? Sie würde sowieso nichts sagen. Nie, nie, nie würde sie erzählen, was da gewesen ist. Sie konnte das gar nicht erzählen. Sie hatte gar keine Worte für das, was da passiert war. Sie schämte sich so, so wahnsinnig. Ihr wurde schlecht vor lauter Scham. (Blobel 2003, S. 130)

Die Protagonistin deutet Tills Taten um in einen Makel an ihrer eigenen Person. Immer wieder verweist der Text darauf, dass Marcia Scham verspürt und sich durch die Übergriffe ihr Selbstbild immer weiter verschlechtert. In ihren Eltern sieht sie keinen Ansprechpartner, glaubt, dass diese ihr die Schuld an Tills Verhalten geben könnten: „Und Marcia wäre schuld, dass ein Makel, ein dunkler Fleck auf der Familienehre lastet – sie wäre schuld. Auch ihr würde man nicht glauben. Das wusste sie einfach“ (Blobel 2003, S. 143).

Die geschilderten Verhaltensmuster sind grundsätzlich keineswegs unglaubwürdig. Es ist gut vorstellbar, dass sich eine Person unter derartigem psychischen Stress vor der Außenwelt verschließt und sich isoliert vorkommt. Tatsächlich erkennen Marcias Eltern und Freunde viele Signale ihres Unwohlseins zu keinem Zeitpunkt. Ihre Mutter nimmt stattdessen sogar eine Arbeit als Sekretärin von Tills Vater auf, freundet sich oberflächlich mit ihm an und verschärft so das Dilemma ihrer Tochter.  Statt die Probleme zwischen ihrer Tochter und dem Sohn der Krögers zu erkennen, geht sie davon aus, dass die beiden potentielle Freunde sind.

All diese Elemente könnten die Grundlage eines detaillierten psychologischen Jugendromans bilden. Doch das Potential wird vom Text zu keinem Zeitpunkt genutzt. Und genau dort liegt das Problem. Marcias Verhalten als gequälte und verschüchterte Protagonistin wirkt nicht psychologisch glaubhaft. Es wirkt vielmehr künstlich, ihr auf den Leib geschrieben, um die Handlung am Laufen zu halten. Wie im ersten Teil dieses Beitrags beschrieben, offenbart sich Marcia direkt nach dem dritten Vergewaltigungsversuch ihren und Tills Eltern, wodurch sich ihre Probleme schlagartig auflösen. An keiner Stelle legt der Text nahe, dass die Erlösung erst zu diesem Zeitpunkt hätte erfolgen können, der vorherige Leidensweg also unausweichlich war. Im Gegenteil: so unmittelbar, wie Till als Gefahrenquelle aus der Erzählung genommen wird, hätte dies auch zu jedem früheren Zeitpunkt geschehen können. Ein  besonders auffälliges Beispiel für den rein funktionellen Charakter von Marcias Wesen sind Tills Briefe, die sie am Abend des letzten Übergriffs mit zur Grillfeier nimmt und die den endgültigen Beweis für Tills Verhalten liefern. Diese Briefe versteckt sie die gesamte vorhergehende Erzählung aus Angst, ihre Familie könnte diese finden. Warum Marcia sie an diesem Abend mitnimmt, wird aus der Handlung heraus nicht begründet. Es drängt sich dadurch der Eindruck auf, dass die Briefe vorher einfach nicht zum Einsatz kommen durften, da so die Geschichte früher beendet gewesen wäre.

Keine Sympathieträger wohin man auch blickt

Sowohl Prota- und Antagonist der Erzählung wirken also nicht realistisch. Auch die im Problemroman behandelten Probleme erscheinen dadurch nicht glaubhaft, sondern künstlich und erzwungen.

Ein sehr bedenklicher Effekt ist aber vor allem die Sympathiesteuerung des Lesers. Wie im ersten Teil dieser Reihe gezeigt wurde, dient die Dämonisierung von Till dazu, die Sympathien des Lesers bewusst auf die Hauptfigur zu lenken. Diese jedoch eignet sich durch die ihr aufgezwungene Passivität nur schwerlich als Identifikationsfigur, ist sie doch einen Großteil des Textes die Leidende, nur um auch zum Finale für einen kurzen Moment eine eher zufällige Aktivität zu erlangen, die ihr aber sofort wieder von den Erwachsenen abgenommen wird. Da Marcias Zurückgenommenheit nicht psychologisch begründet wird, fragt man sich als Leser schnell, wieso sie nicht die Kraft aufbringt, um jemandem ihre Situation mitzuteilen. Durch das fehlende realistische Fundament entwickelt sich statt Mitgefühl für die Figur im schlimmsten Fall eine Genervtheit. Der Roman leistet in diesem Fall Bedenkliches: Er konstruiert die beiden zentralen jugendlichen Figuren derart eindimensional, dass keinerlei Identifikation mit ihnen oder Verständnis für sie aufgebracht wird. Marcia ist natürlich keineswegs so hassenswert wie Till, jedoch hat der Leser auch bei ihr nur wenig Gründe, Anteil an ihrem Schicksal zu nehmen. Es ist dafür einfach nicht glaubhaft genug.

Bedenkliche Tendenz des Problemromans

 Das in diesen Beiträgen behandelte Beispiel ist zwar sicherlich ein Extremfall im Genre des Problemromans, jedoch sicherlich kein Einzelfall. Symptomatisch scheinen zwei Dinge:

  1.  Jugendliche Figuren werden einer realistischen Psychologie beraubt und für die Handlung funktionalisiert. Dadurch verlieren sie ihre Glaubhaftigkeit und ihr Identifikationspotential.
  2. Die Lösung der Probleme im vorgetragenen Beispiel und in anderen Texten sind Erwachsene oder von Erwachsenen geleitete Institutionen wie die Polizei. Die Jugendlichen werden dadurch zusätzlich ihrer Bedeutung und Handlungsfähigkeit beraubt.

Durch diese beiden Beobachtungen scheint der Problemroman für Jugendliche einen großen Teil seiner Jugendlichkeit zu verlieren. Er postiert unglaubhafte Pubertierende in einer Welt, in der Erwachsene das Sagen haben. In der Art, in der die Probleme am Ende aufgelöst werden, wird eine Hierarchie der Generationen etabliert, in der Erwachsene klar über Jüngeren stehen. Das Genre wird dadurch letztlich zu Erziehungsliteratur. Ob dies für die lesende Zielgruppe noch interessant ist, muss diese wohl selbst entscheiden.

Literatur

Blobel, Brigitte: Liebe wie die Hölle. Arena Life: Würzburg: 2003.

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