Zukunftvision trifft Gegenwartskitsch

Der Sommer, in dem die Zeit stehen blieb

Wenn es Bücher gibt, die schon auf den ersten Blick mehr oder weniger diffuse Abwehrreaktionen hervorrufen, bringt Tanya Stewners Der Sommer, in dem die Zeit stehen blieb dafür beste Voraussetzungen mit: in rosafarbenem Grundton ist auf dem Cover ein sich küssendes Paar vor Sonnenuntergang und Bäumen abgebildet, wobei diese fotografierte Szenerie durch ein verspielt gezeichnetes Rankwerk aus lila Blättern, Blüten, Insekten und sonstigem Allerlei verziert wird. Der im Klappentext angekündigte zentrale Handlungsstrang einer potentiell weltverändernden, aber unmöglichen Liebe fügt sich harmonisch ins Gesamtbild, während die rot hervorgehobene Kitschfloskel „Mitten ins Herz“ unangenehm mitten ins Auge springt. Die angefügte Warnung „Achtung, er [der Roman] könnte auch Dich verändern!“ entfaltet in Anbetracht dieses schnulzigen Sammelsuriums also tatsächlich eine bedrohliche Wirkung.

Heldinnen in ihrer eigenen Welt

Umso positiver überrascht es, dass die beiden Heldinnen, deren Unterhaltung den Roman medias in res eröffnet, so gar nicht in den evozierten Mädchentraum zu passen scheinen, sondern vielmehr den Inbegriff schräger Freaks darstellen, wie sie nicht einmal im Buche allzu häufig stehen. Protagonistin Juli mit einem „Gesicht wie aus Tausendundein Mensch am Bahnsteig“ (10) und ihre beste Freundin Whoopi mit einem Namen „so sexy wie ein Purzelbaum“ (8) fallen sowohl in den Augen der beliebten Cliquenanführerinnen als auch in ihren eigenen kritischen Selbstreflexionen aus jedem Rahmen und zelebrieren mangels Alternativen ihr Dasein in ihrer „Nerd-Schublade“ (10). Als Außenseiterinnen vereint, unterscheiden sich die beiden Freundinnen im Umgang mit ihrer jeweiligen Lebenssituation grundlegend: Während Whoopi ihren Emotionen freien Lauf lässt und selbst ihre „stumme Anklage des allein gelassenen Teenagers“ (12) laut durch die leere Wohnung schreit, hat Juli mit einem imaginären Golfschläger für unerwünschte Gedanken und einem imaginären Teppich für unerwünschte Gefühle ausgeklügelte Verdrängungsmechanismen entwickelt, die ihr bei der Bewältigung des Alltags helfen, aber zu psychosomatischen Migräneanfällen führen. Auch wenn die Sehnsucht nach Begegnungen mit dem anderen Geschlecht in den Gesprächen anklingt und die folgende Liebesgeschichte vorbereitet, liegt der Fokus zunächst auf den Spleens der beiden Freundinnen und ihrer innigen Beziehung zueinander. Spätestens als Juli ihre dauerstreitenden Eltern am Esstisch anbellt und damit Whoppis Ratschlag der „ultimative(n) Teenager-Rebellion“ (29) umsetzt, ist man geneigt, die Geschmacksverirrung von Titel und Cover für einen bewussten Kunstgriff zu halten, um mit den von omnipräsenter „Liebesberieselung“ (Ebberfeld) verdorbenen Lesererwartungen zu spielen und sie durch unkonventionelle Figureninszenierungen letztlich zu brechen.

Weltenbummler wider Willen

Doch kaum ist man mit dem Buch versöhnt, taucht an der Lichtung, die Juli als geheimer Rückzugsort dient, ein Mann auf, dessen Anblick ausreicht, um die an sich überdurchschnittlich intelligente Hauptfigur in einen „schlotternden Lappen“ (37) zu verwandeln. Wenn Juli beobachtet, wie eine „leichte Brise sanft durch die glänzende Pracht“ (35) seiner langen Haare weht oder allein „die Art, wie er dastand […] zutiefst beeindruckend“ (36) findet, deutet sich die durch Verliebtheit ausgelöste Hirnerweichung bereits an, die im weiteren Verlauf detailliert ausgestaltet wird und zahlreiche Fremdschämmomente erzeugt. Obwohl die vielen Rätsel um die Herkunft des Fremden und die damit verbundenen Komplikationen zu überraschenden Wendungen im Handlungsverlauf führen und dadurch die Spannung erhalten, werden sie letztlich immer wieder von klischeehaften Darstellungen der ersten Teenagerliebe überlagert, in der das Herz mal rast, mal schmilzt, mal jauchzend pocht, „Ohs“ und „Jas“ gehaucht und gepiepst werden und bereits ein „hinreißende[r] Handgelenkskuss“ (165) jegliches Reflexionsvermögen zum Erliegen bringt. Seitenlange Geständnisse der Schönheit des jeweils anderen und die darauf folgenden verwunderten Reaktionen können sicher als erste Hinweise auf unterschiedliche kulturelle Prägungen gelesen werden, gleichzeitig aber bei dem in seiner Rolle als Voyeur gefangenen Rezipienten latente Fluchtinstinkte auslösen. Neben geringem Selbstwertgefühl und großer Schmachtbereitschaft verfügt Juli zudem wie selbstverständlich über die „lange gehegte Phantasie“ eines „Rendezvous mit Wein und Kerzenlicht“ (122) und erweist sich damit fiktionsintern als unkritisches Opfer fehlgesteuerter Romantikvorstellungen, die ihre Figur fiktionsextern weiter verbreitet. Medial erzeugte Erwartungshaltungen an die große Liebe, die z.B. die Soziologen Hillenkamp und Illouz kritisch analysieren, werden somit im Roman sowohl gespiegelt als auch fortgeschrieben. Dass sich Julis erstes Date mit dem Objekt ihrer Begierde „zu einem totalen Hammer“ (137) entwickelt, resultiert aus der für die Dramaturgie notwendigen Portion Seelenverwandtschaft, die die äußere Vollkommenheit viel zu vorhersehbar ergänzt.

Stereotypisierungen schlagen sich darüber hinaus auch in den Geschlechterkonstruktionen nieder. Der Kontrast zwischen Julis Unbedarftheit und Anjanos Lebenserfahrung kommt nicht nur auf sexueller Ebene zum Beispiel in der ebenso peinlichen wie rollenspezifischen Frage „Darf ich dein Liebhaber sein?“ (255) zum Ausdruck, sondern auch in dem konstanten Wissensvorsprung Anjanos, der ihn – ähnlich wie Falk in Katja Brandis Schatten des Dschungels – in mehrerlei Hinsicht zum Lehrmeister der weiblichen Protagonistin werden lässt. So befreit er sie von ihren durch imaginären Golfschläger und Teppich verdrängten Sorgen, löst ihre emotionalen Knoten, führt sie in die Kunst der Empathie ein und opfert sein Leben schließlich heroisch für ein paar gemeinsame Tage auf der Lichtung. Dass seine erweiterten Kenntnisse aus einer Zukunft stammen, aus der er durch einen unfreiwilligen Zeitsprung in der erzählten Zeit des Romans gelandet ist, wird erst in der zweiten Hälfte des Buches offengelegt und führt zu teilweise langatmigen Gesprächssituationen, in denen Anjano Juli zwischen den ausschließlich beglückenden Liebesakten mit sanfter Stimme die Welt erklärt, wie sie eigentlich sein sollte.

Endstation Zukunftswelt

Anders als in Anja Stürzers Somniavero steht in Der Sommer, in dem die Zeit stehen blieb kein vermeidenswertes, sondern ein wünschenswertes Backcastingszenario im Fokus, das den Idealzustand in einer weit entfernten Zukunft ausdifferenziert und den Weg dorthin aufzeigt. Dabei wird an aktuelle Missstände wie kollabierende Finanz- und Umweltsysteme angeknüpft, um daraus eine von Geld und Gift befreite empathisch verbundene Harmoniegesellschaft zu entwickeln, in der jeder jederzeit alles sein und werden kann und dafür eine Lebensdauer von mehreren hundert Jahren vor sich hat.

Gesellschafts- und kulturkritische Ansätze, die sich zum Beispiel in Julis und Whoopis Isolation, in Julis schulischem Engagement gegen Regenwaldabholzung und soziale Ungleichheit sowie in Anjanos Irritation und Allergie gegen Julis Welt äußern, werden somit letztlich überschrieben durch illusorische Gegenmodelle. Denn mit dem in der Zukunftswelt vorherrschenden Prinzip des Beisteuern-Wollens, der freiwilligen Arbeit nach Bedarf und Fähigkeit und der Wertschätzung von Natur und Gemeinschaft bringt das Szenario Wertansprüche zur Geltung, die in der erzählten Zeit nur zu Ausgrenzung und Spott führen und damit Alternativen zum Status quo eröffnen. Obwohl eine dem Dystopietrend entgegenwirkende Entwicklung positiver Visionen an sich zu würdigen ist, in Manfred Mais Überblick über „die großen Menschheitsutopien“ (vgl. Mai)  sogar als ebenso wichtig wie die Umsetzung praktischer Schritte eingestuft wird  und der Roman auch einige interessante Ideen und Erklärungsmodelle zur Diskussion stellt, wirken Anjanos intradiegetische Schilderungen letztlich oftmals zu esoterisch, idealistisch und konstruiert und bleiben insgesamt so weit entfernt wie die Zukunft, aus der er selbst stammt. Die Aufgabe, diese Distanz zu überwinden, wird letztlich Juli zugeschrieben, die sich durch die melodramatische Liebesbegegnung vom komplexbehafteten Mädchen zur selbstbewussten jungen Frau entwickeln muss, um die Wendung des Weltschicksals voller Tatendrang auf sich zu nehmen. Das mag gut für die erzählte Welt und gegebenenfalls motivierend für die Leser der realen Welt sein, bringt aber letztlich die perfekten Nerds zur Strecke, durch die sich der Roman zu Beginn mehr noch als durch die perfekte Utopie am Ende auszeichnet.

Literatur

Ebberfeld, Ingelore (2009): Von der Unmöglichkeit der Liebe. München: mvgVerlag.

Hillenkamp, Sven (2010): Das Ende der Liebe. Stuttgart: Klett-Cotta.

Illouz, Eva (2007): Der Konsum der Romantik. Frankfurt: Suhrkamp.

Mai, Manfred (2010): Der Traum von einer besseren Welt: Die großen Menschheitsutopien. München: Hanser.

Stewner, Tanja: Der Sommer, in dem die Zeit stehen blieb. Fischer KJB: Frankfurt 2015.

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