Die Scanner

Eine Dystopie über den Untergang des Buchhandels

Rob ist fünfundzwanzig und Buchagent. Im Jahre 2035 bedeutet dies jedoch etwas anderes als heutzutage: Rob spürt Leser auf und kauft ihnen für viel Geld ihre Bücher ab. Diese scannt er dann ein und gibt sie in der Zentrale der Scan AG, einer Tochterfirma des Ultranetzkonzerns, bei seinem Vorgesetzten ab. Eines Tages geschieht etwas Unvorhergesehenes; Rob begegnet dem Rentner Arne Bergmann, einem Leser, der zu Rob Kontakt aufnehmen möchte. Als Rob sich zu einem geheimen Treffen mit Arne begibt, trifft er dort, in der Dunkelheit eines Kellerlochs, die Büchergilde, eine Widerstandsorganisation bestehend aus Lesern und alten Menschen die einmal Mitglieder der Buchbranche gewesen waren. Diese weisen ihn auf die Missstände der Gesellschaft hin, in der sie leben: Überwachungsstaat, Untergang des Buchhandels, kontrollierte Entpolitisierung der Bürger. Nach und nach bemerkt Rob, dass er der Scan AG und Ultranetz nicht trauen kann. Versteckt in einer Toilettenkabine hört er schließlich ein Gespräch mit; Ultranetz plant etwas, etwas in das sogar die Regierung verwickelt ist.

Hochaktuelle Themen

Den Einband des Buches ziert der Verweis auf eine Rezension aus der Süddeutschen Zeitung, welche die “hochaktuelle Thematik” des Titels lobte. Auch im FISCHER Verlagsprogramm wird zweifach auf die Aktualität der Erzählung hingewiesen. In der Tat, die dystopische Welt von Scanner greift eine Fülle an Themen, die im digitalen Zeitalter relevant werden, auf, entwickelt diese weiter und zeichnet eine Gesellschaft, in der sich viele gegebenenfalls problematische Aspekte unserer Gesellschaft zu ihrem Extrem ausgebildet haben. So tragen fast alle Menschen Mobrils, Brillen, die wohl als Zukunftsvision der Google Glass konzipiert wurden. Mit diesen können Bürger ihr Leben den ganzen Tag lang live-streamen und so online mit ihren Freunden teilen. Freunde sind in dieser Zukunft wichtiges, soziales Kapital; Lebensereignisse erhalten ihren Wert über die Menge an Menschen, die diesem per Mobril beiwohnen. So schauen bei Jojos (Robs bester Freund) Beziehungskrise “43 438” Menschen zu. Eine Zahl die Rob beneidet; “So viele hatten sich noch nie irgendeine Sekunde aus meinem Leben angeschaut.”(101) Menschen sind so durchgehend ‚Reality TV‘ füreinander, und sollte das Leben der Anderen mal langweilig sein, gibt es Animatoren, die Filme abspielen, Interactive-Movie-Halls, in denen man zum Helden verschiedener Spielfilme werden kann, oder Spiele für die Mobril. Diese Unterhaltungskultur, so wird schnell deutlich, soll davon ablenken, über das System, in dem man lebt, nachzudenken. Scanner verharrt in der Darstellung jedoch bedauerlicherweise beim puren “Erwähnt-Haben”, regt selbst kaum zum Nachdenken an. Problematiken werden eher nur grob angerissen, nicht aber diskutiert oder differenziert ausgearbeitet werden.

Vom Buchhandel und dem kritischen Denken

Besonders deutlich wird die Oberflächlichkeit der Auseinandersetzung bei einem Blick auf das Thema Buchhandel. Als Buchagent ist es Robs Aufgabe Bücher einzuscannen. “Alles Wissen für alle! Jederzeit! Kostenlos!”, so lautet das Motto der Scan AG. Die steht somit deutlich in der Tradition heutiger Aktivisten wie Wikileaks, Glenn Greenwald oder Cory Doctorow, welche auf dem Versprechen vom Internet als einer Demokratisierung von Wissen aufbaut, die es unter anderem ermöglicht Regierungen zur Verantwortung zu ziehen. Der Scan AG gegenüber positioniert sich die Büchergilde, jener Zusammenschluss aus Lesern und einstigen Beschäftigten der Buchbranche. Diese tritt ebenso mit einem eigenen Slogan ins Rennen: ”Wer Bücher scannt, löscht deine Vergangenheit und deine Zukunft.” Leider schafft es der Roman an keiner Stelle eine interessante Spannung zwischen den beiden Positionen aufzubauen. Vielmehr wird die Scan AG zum platten Bösewicht, der Bücher löscht und zensiert und so Ultranetz bei der Errichtung eines Informationsmonopols hilft, während die Büchergilde Rob mit vereinfachten Erzählungen vom Buchmarkt ‘früher’ (also der außerliterarischen Gegenwart) zu einem kritischeren Mitbürger machen möchte.

Der Akt des Scannens, die Erschaffung digitalen Wissens, wird in einem schon eklatant, ignoranten Akt fast völliger Aussparung heutiger Debatten über digitale Literatur und Netzaktivismus auf Konformität mit dem System und einer unkritischen Unterhaltungskultur heruntergekocht. Gleichzeitig wird das Medium Buch und der Buchmarkt romantisch überhöht. So erzählt eine ältere Dame Rob von Früher: “…war das Buch gedruckt, waren wir alle glücklich. Der Autor, der Verlag und ich. Die Buchagentin.”(56) Ein Schriftsteller gibt zudem an, dass von Maschinen erstellte Übersetzungen von Büchern keinen literarischen Wert haben. Er führt aus, dass wenn man Bücher kostenlos anbietet auch keine Autoren oder Übersetzer bezahlt werden könnten. Nostalgisch wird so das Bild einer Zeit kreiert, in der alle Teile des Buchmarktes harmonisch miteinander zusammengearbeitet haben. Verschwiegen wird dabei, dass die Beteiligten am Buchmarkt nicht nur von der Liebe zur Literatur und dem Bemühen um Meinungsfreiheit und philosophische Tiefe angetrieben werden, sondern durchaus monetäre Beweggründe haben, die Inhalt der Werke und Zusammenarbeit bestimmen. Dass Bücher nicht in alle Sprachen übersetzt werden, sondern Autoren vieler Sprachgruppen es schwer haben weltweit gelesen zu werden, weil es sich finanziell nicht lohnt diese zu übersetzen, bleibt ebenfalls unerwähnt. Techniken, die Übersetzungen bezahlbarer machen könnten, werden schlichtweg als negativer Effekt einer Gesellschaft, die alles umsonst haben möchte, abgetan.

Warum ein Jugendbuch?

Der Protagonist von Die Scanner ist 25 Jahre alt. Seine Probleme sind grundsätzlich eher ‘erwachsenerer’ Natur. Er muss gewährleisten, dass er seine Quote erfüllt, um seinen Job zu behalten und seine Raten bezahlen zu können. Kurz deutet sich eine Liebesgeschichte mit einer Frau an, die schon ein junges Kind hat. Die Adressierung der literarischen Botschaft an Jugendliche ließe sich also erstmal nur bedingt erklären, wäre das Thema nicht die Zukunft der digitalisierten Gesellschaft. Protagonist Rob und seine Generation bilden, so scheint die Lehre des Buches, den Telos auf den sich die ‘heutige Jugendgeneration” zubewegt. Über die Angewohnheit sich für Likes oder Freunde in sozialen Netzwerken bloßzustellen, zur Darstellung einer Gesellschaft, deren Aufmerksamkeitsspanne nur auf kurzweiliges Entertainment ausgerichtet ist, Rob und seine Mitmenschen verkörpern alle stereotypen Vorurteile, die heute gegen Jugendliche und deren Nutzung von digitalen Geräten vorgebracht werden. In einem kurzen Film, der bei der Scan AG gezeigt wird, sieht Rob Menschen in einem Café sitzen. Ähnlich der Idee, dass heute keiner mehr miteinander redet und alle ’nur noch auf ihre Smartphones starren‘, sind hier alle mit ihrer Mobril beschäftigt. “Zocker”, “Glotzer” und “Quatscher” (117), wie Rob feststellt, und das obwohl theoretisch die gesamte Weltliteratur kostenlos zur Verfügung stünde. Einzig zwei Buchleser sitzen schweigend nebeneinander und halten sich bei den den Händen, haben körperlichen Kontakt und verbringen wirklich gemeinsam Zeit.

Im Einband des Buches wird eröffnet, dass der Autor von Die Scanner, Robert M. Sonntag, im Jahre 2010 geboren sein soll und das Buch den “S. Fischer Verlag auf bisher ungeklärten Wegen” erreicht habe. Spielt man das Spiel mit so ist Scanner eine Botschaft von Rob aus der Zukunft an die Jugendlichen heute, wieder mehr Printmedien zu konsumieren. Trotz aktueller Thematik und der interessanten Beobachtung vieler Trends, kann das Buch so nicht mehr sein als eine einseitige Warngeschichte. Figuren wie jugendliche Hacker oder NetzwerkaktivistInnen, die ebenso gut das Wissensmonopol eines Konzerns wie Ultranetz angreifen und kritisch hinterfragen könnten, werden hier ausgespart. Nur der analoge Held kann die Gesellschaft retten.

Medien

Die Medien der ‚jungen Generation‘, so der Roman, sind ausschließlich jene von Zockern, Glotzern und Quatschern. Es braucht den alten Arne Bergmann mit seinen langen, weißen Haaren und die angesehenen (ausnahmslos männlichen) toten Autoren der Hochliteratur, um die Menschheit aus ihrer Verdummung zu befreien. Am Ende des Romans werden daher schließlich alte Druckerpressen wieder angeworfen, um gedruckte Bücher dem Wissensmonopol des Ultranetzkonzerns entgegenzustellen. Anstatt Werte wie Demokratie, Meinungsfreiheit und kritisches Auseinandersetzungsvermögen in Menschen und der Art des Umgangs mit Informationen zu verankern, wird in Scanner so einzelnen Medien eine inhärente Ausrichtung zugesprochen. Erschreckend unreflektiert wird der Eindruck erzeugt, das gedruckte Buch wäre ein grundsätzlich kritisches, politisches Medium und digitale Medien machten dumm und systemkonform. Um diesen Eindruck zu unterstreichen sind die gedruckten Bücher, die im Roman direkt zitiert werden und teils fast schon zu offensichtlich den Intertext bilden, alles Werke der sogenannten Hochliteratur. Hemingway, Bradbury, Orwell, Huxley; diese Autoren sollen dafür sorgen, dass die Menschen wieder, wie Arne Rob rät, “mehr Gehirn und weniger Mobril benutzen” (105). Dass etwa Mein Kampf auch ein gedrucktes Buch war/ist, hat hier wohl eher keinen Platz.

Warum dies so ist, warum es nicht hauptsächlich um Inhalt und kritisches Denkvermögen, sondern die Art des Mediums geht, wird nicht erklärt. Die Ausführungen der Büchergilde wirken daher bis zuletzt unlogisch und bemüht. Die Behauptung ”Wer Bücher scannt, löscht deine Vergangenheit und deine Zukunft.” mag für die Scan AG gelten, kann darüber hinaus jedoch keinen sinnvollen Ansatz aufzeigen, warum digitales Wissen schlechter ist als gedrucktes. Der Slogan der Scan AG hingegen “Alles Wissen für alle! Jederzeit! Kostenlos!”, wenn hier auch nur als Vorwand angebracht, scheint das sinnvoller Versprechen zu sein, dem der Roman nichts entgegenzusetzen hat außer Nostalgie und Übersimplifikation. In seinem Buch Information doesn’t want to be free erklärt Netzwerkaktivist und Jugendbuchautor Cory Doctorow, dass es eben nicht um Information geht. Er erklärt, Daten wollen nicht frei sein, “People do.” Es ist dieser Fokus, den Die Scanner ignoriert, nämlich dass im Kern nicht das Medium steht, sondern der Text und die Werte, Strukturen und Ideen, welcher dieser für ein zwischenmenschliches Miteinander zur Verfügung stellt.

Ein kurioser, doch zu reaktionärer Roman. Erfreulich bleibt, dass Fischer Jugendbuch den Roman auch als E-Book veröffentlicht und somit durchaus Humor bewiesen hat.

Literatur

Doctorow, Cory: Information doesn’t want to be free. San Francisco: McSweeney’s 2014.

Sonntag, M. Robert: Die Scanner. Frankfurt am Main: FJB 2014.

 

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