Recall als Schulform

Die Starschule – Ein neuer Stern am Himmel

Workshopräume in reetgedeckten Häuserkomplexen direkt am Meer. Innen- und Außenpool. Die ganze Woche Gesangsunterricht, Tanzunterricht, Schauspielunterricht und Stilberatung und das bei Unterbringung in komfortablen Zweibettzimmern. Diese herrliche Version von Schule erhoffen sich sicher viele Jugendliche, die mit dem Versprechen vom schnell erreichbaren Ruhm aufgewachsen sind, das Germany’s Next Topmodel, DSDS und Popstars so erfolgreich vermarkten. Für die Zwölfjährige Vicky, Protagonistin der neuen Buchreihe Die Starschule von Fischer Kinder- und Jugendbuch, geschrieben von Die Drei !!! Autorin Henriette Wich, wird genau dieser Traum wahr. Nachdem sie in der Aula ihrer Schule ein selbstgeschriebenes Lied vorträgt, wird sie von einem Talentscout angesprochen und erhält sofort ein Stipendium für die Starschule. Wenige Wochen später fährt sie bereits im schicken Bus gen Norden. Hier am Strand einer Insel, die anmutet wie Sylt, irritierenderweise jedoch nicht benannt wird, muss Vicky sich nun mit den neuen Mitschülerinnen arrangieren und die Aufgaben des Unterrichts meistern.

Bekannte Formeln

Die Starschule, so wird schnell deutlich, ist auffällig unterkomplex. Glatte Glitzerzuckerunterhaltung, ein von Erwachsenen imaginierter moderner Mädchentraum. Dieser besteht hier aus einer Symbiose von Hogwarts und den ‘Recall’ Folgen von Deutschland sucht den Superstar auf den Malediven. Ein junges Mädchen wird mit 12 Jahren auserwählt und erhält nach einmaligem Vorsingen ein Stipendium an einer Luxuseinrichtung, das realistisch gesehen sicher über hunderttausend Euro wert sein dürfte. Statt Häuserpunkten wie an der Zauberschule werden hier allerdings personenbezogene Punkte verliehen, so dass das Schuljahr begleitet wird von einem Ranking System, das die Schülerinnen von der Besten bis zur Schlechtesten für alle einsehbar auflistet. Eine sichtbarer Bewertungsinstanz, mit Hilfe derer die Schülerinnen sich sets innerhalb der Gruppe verorten können. Die Handlung bildet ein oberflächliches Destillat aus Internatsgeschichte und Castingshow. Die Schülerinnen bekommen etwa Lieder genannt, die sie bis zur nächsten Stunde erarbeiten müssen. Was die Schülerinnen an der Schule lernen ist dabei größtenteils das, was man schon hundertfach in verschiedensten Showformaten mit ansehen konnte. Allem voran natürlich die Lektion, dass man als Künstler andere Künstler nicht nachahmen darf, sondern sein eigene Stimme finden muss. Auch die übliche Zicke, hier Coco, mit ihrer Clique aus ‘coolen’ Mädchen darf natürlich nicht fehlen, genauso wie die besten Freundinnen mit denen die Erlebnisse nun bewältigt werden müssen. Das ist größtenteils unoriginell, doch kann man dies dem Roman grundsätzlich kaum vorwerfen. Literatur muss nicht immer kritisch hinterfragen, darf und soll auch mal kurzweiliges Lesefutter sein.

Wenn Seichtheit zum Problem wird

Je nach Thema kann all zu viel Glätte jedoch zum Problem werden, da gewisse fragwürdige Aspekte so in ein positives Licht gerückt und verzerrte Bilder erzeugt werden. Die Leichtigkeit mit der Vicky ihrem Traum näher rückt ist mehr als naiv dargestellt. Auch macht sich das Buch nicht die Mühe, wenigstens ansatzweise die Idee, dass hier Zwölfjährige von ihren Eltern alleine auf eine unbesehene Einrichtung geschickt werden, die den reißerischen Namen ‘Starschule’ trägt, zu besprechen. Der Entscheidungsprozess von Vickys Eltern, ob sie auf die Starschule darf, wird ausgespart. Ebenso wirft die Darstellung des Unterrichts, der etwa beinhaltet, dass die Mädchen im Rollenspiel Vorstellungsgespräche mit Agenten auf einer imaginierten Terrasse eines Luxushotels einüben, ein fragwürdiges Licht auf die inhaltliche Ausrichtung der Reihe. Statt einfach leichte Unterhaltung zu sein, wird so durch das Buch LeserInnen die Idee vermittelt, es wäre erstrebenswert, möglichst jung besonders medial verwertbar zu sein. Die Internatsatmosphäre mitsamt der sympathischen Direktorin Frau Böhme erzeugt dabei zusätzlich die Illusion, dass Anspruch und Lernziele der Schule sinnvoll sind, da sie einem behüteten und verantwortungsbewussten Raum entspringen. Ja mehr noch, die Ausbildung wird als eine Reise “zum Kern dessen”, was die Mädchen ausmacht angekündigt, was in Bezug auf das Ziel der Schullaufbahn fast schon lächerlich anmutet. Trotz Passagen, in denen Liebe zur Musik ins Zentrum gerückt wird, macht die Starschule vor allem eines aus: Luxus und Träume von Ruhm. So denkt Vicky beim nächtlichen musizieren am Strand vor allem daran, dass sie alle irgendwann auf Postern in den Zimmern zukünftiger SchülerInnen der Schule hängen werden. Die wenig substanielle Frage  „[w]er der größere Star sein möge“, bildet die Basis für Vickys Zwist mit Coco und zeigt, dass in dieser Reihe die zwischenmenschlichen Debatten wohl meist oberflächlicherer Natur sind.

Kein Soundtrack, keine Competition

Geschichten über Musikcamps oder musikalische Teenager waren in den letzten Jahren im Kino und Fernsehen recht beliebt. Erfolge wie Highschool Musical, Pitch Perfect, Camp Rock oder Glee feierten jedoch meist Diversität und überzeugten vor allem durch starke Stimmen und gute Tanz- und Musiknummern. Beides fällt bei Die Starschule weg. Schon auf dem Cover lässt sich erkennen, dass es hier um Träume von weißen, dürren Mädchen geht. Zwar ist eine der Mitschülerinnen aus Südafrika, doch spielt diese weder für die Handlung eine Rolle, noch ist sie auf dem Cover zu sehen. Wirkliche, kulturelle Vielfalt findet sich alleine bei den Angestellten der Schule. Da wären etwa Celina Pinto, die Vetrauenslehrerin, Murat Demir, Lehrer für Körperarbeit und Arturo der junge Gärtner, der mal an einer Starschule für Jungen war, nun aber als Gärtner arbeiten muss. So kann man nicht sagen, der Roman verweigert Diversität, nur wurde aus unbestimmten Gründen bedauerlicherweise vergessen, den LeserInnen Identifikationsfiguren unter den zukünftigen ‚Stars‘ zu erschaffen, die nicht schlank und weiß sind.

Musik bietet der Roman aufgrund des Mediums ebenso nicht. Was bleibt sind uninspirierte Tanzbeschreibungen und simple Songtexte, die die Idee einer Schule für besonders Begabte ad absurdum führen. So kann Vickys Sommerlied ohne Musik nur schwer ein Stipendium rechtfertigen:

„Barfuß im Gras,
lauf ich plötzlich los.
Hab so viel Spaß.
Was ist nur mit mir los?
[…]
Einfach weil Sommer ist,
Sommer in der Stadt.“

Die Starschule – Ein neuer Stern am Himmel wirkt wie etwas, dass geschrieben wurde, weil man annimmt, dass junge Mädchen solch ein Produkt kaufen werden. Das muss nicht per se schlecht sein. Viel Arbeit wurde in das Projekt jedoch leider scheinbar nicht gesteckt. Das Traumszenario fühlt sich stereotyp, exklusiv und ideenlos an, die Botschaft lässt zu wünschen übrig. Als Fernsehserie wäre die Reihe wohl interessanter geworden, dann gäbe es wenigstens einen Soundtrack.

Literatur

Wich, Henriette: Die Starschule. Ein neuer Stern am Himmel. Fischer Kinder- und Jugendbuch, Frankfurt 2015.

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