Diversity im Bilder-, Kinder- und Jugendbuch

In den letzten Monaten sind einige Bücher erschienen, die ganz selbstverständlich von Diversität – also vielfältigen Lebens-, Rollen- und Familienmodellen – erzählen, ohne diese Konstellationen explizit zu markieren oder zu problematisieren. Damit wird eine Vielfalt gezeigt, die einfach zum Leben dazugehört und nicht als Konflikt ins Zentrum gerückt wird. Es lassen sich dabei ganz verschiedene Aspekte finden, die neben der eigentlichen Geschichte miterzählt werden. Diese Texte sorgen dafür, dass Diversität nicht nur als Normabweichung erscheint, sondern ganz unaufgeregt da ist. Eine Auswahl solcher Texte stellt der Beitrag vor.

Familiäres Miteinander

Familie Flickenteppich – der Titel von Stefanie Taschinskis Kinderroman ist programmatisch zu verstehen: Es geht um das bunte Miteinander in einem kleinen Mietshaus mit sechs Parteien, die sich nach und nach annähern. Die Familie der Ich-Erzählerin, bestehend aus zwei weiteren Geschwistern und dem Vater, ist nach der Trennung der Eltern neu in das Haus gezogen. Während die Mutter nun durch Australien tourt, kümmert sich der Vater allein um seine Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter. Der Roman zeigt dabei keinen heillos überforderten Mann – wie in dem Edeka Werbespot von 2018 -, aber auch keinen unfehlbaren Superman, sondern einen Vater, der sich liebevoll kümmert und sich dem Chaos mit drei Kindern nicht entziehen kann.

So wirft der Roman einen differenzierten Blick auf das familiäre Miteinander. Subtil schwingen darin die Gefühle im Zuge der Trennung, die Sehnsucht nach der Mutter und das Nichtverstehen über ihren Weggang mit. Nichts wird hier mit dem Holzhammer ausformuliert, denn die Facetten der Gefühle zeigen sich in kleinen Beschreibungen der Figuren. Etwa wenn der älteste Bruder vor dem Skype Telefonat mit der Mutter angespannt-angestrengt liest und seine Nervosität zu überdecken versucht.

Mikrokosmos Mietshaus

Neben den Ereignissen in der Familie steht aber eigentlich der Mikrokosmos des Wohnhauses und eine damit verbundene Rätseljagd im Zentrum. Schnell Freunden sich Emma und Ben mit Aylin und Tarek von gegenüber an. Gemeinsam erkunden sie das Haus und versuchen dem geheimnisvollen Mieter Graf von Freudenhain auf die Spur zu kommen. Diese Geschichte, die sich in der Struktur an den Kinderkrimi anlehnt, bildet das Grundgerüst. Angereichert wird der Kosmos wie nebenbei mit vielfältigen Lebensmodellen, was sich in der Topographie des Hauses widerspiegelt. Es leben dort ein lesbisches Paar, eine Witwe, konservativ spießbürgerliche Großeltern und eine allein erziehende türkische Frau. Präsent sind somit verschiedene Familienkonstellationen und Betreuungsmodelle, die ganz wertfrei alle ihre Berechtigung haben. Aber nichts davon wird als auffallend markiert, sondern gehört einfach zum vielfältigen Gesellschaftsbild, das der Roman im Kleinen entwirft.

OCDs und Ängste

In Benjamin Tientis Kinderroman Unterwegs mit Kaninchen steht eine ungewöhnliche, bzw. frei von bekannten Klischees gezeichnete Jungenfigur im Zentrum. Andrea ist ein sensibler und aufmerksamer Junge, der bei seinem alleinerziehenden Vater lebt. Der Junge isst nur vegetarisch, kocht gern und kümmert sich liebevoll um sein Kaninchen Maikel. Dass Andrea verschiedene OCDs (Zwangshandlungen) und Angststörungen aufweist, zeichnet der Text sukzessive nach, ohne diese zu stigmatisieren. So ist Andrea schnell reizüberflutet, fremde Menschen überfordern ihn und er braucht seine festen Abläufe, um sich sicher zu fühlen. Sein Rückzugsort ist dabei ein Pappkarton in seinem Zimmer, darin kann er nach Angstattacken wieder zur Ruhe kommen. Aber auch dies wird nur nebenbei miterzählt, eigentlich geht es um Andrea und Maikel, die unzertrennlich sind, bis das Tier eine Verletzung erleidet und eingeschläfert werden soll. Daraufhin begibt Andrea sich auf einen Road Trio quer durch Deutschland, um bei seiner Mutter Hilfe zu suchen. Diese lebt in einem Öko-Dorf im Süden des Landes. Begleitet wird Andrea auf seiner Reise von Fidaa. Das Mädchen wohnt mit seiner Mutter seit kurzem bei Vater und Sohn und bringt sanfte Unordnung in Andreas Tagesroutinen. Dass Mutter und Tochter Geflüchtete sind, schwingt nur im Subtext mit. Geschickt geht der Roman aber auf die Differenzen sowie Annäherungen ein, ohne dies explizit als Fluchtgeschichte zu markieren.

Queerness I

Angststörungen sind unter anderem auch in dem Jugendroman An Nachteule von Sternenhai von Holly Goldberg Sloan und Meg Wolitzer im Nebengeschehen präsent. Der Roman wird durchgehend in Form von Emails erzählt. Darin nähern sich die Mädchen Avery und Bett an, deren Väter ein Paar geworden sind. Dass Avery viele Ängste und Phobien hat, fließt in die Mailkommunikation mit ein, wird von beiden Figuren aber genauso unaufgeregt aufgenommen, wie die Tatsache, schwule Väter zu haben. Queerness ist hier selbstverständlicher Teil des Alltags. Ebenso normal ist die ethnische Vielfalt der Figuren, Bett ist beispielsweise Schwarz, aber auch dies wird nur erwähnt und mündet in keine Probleme.

Der Roman greift vielfältige Lebensmodelle auf, die in der Anlage als Email-Roman auch ihre narrative Entsprechung finden, da nicht nur die Mails der Mädchen untereinander, sondern auch der Erwachsenen eingebettet sind. Interessant ist diese Konstruktion auch im Hinblick auf Alter als Kategorie. So wird die Großmutter von Bett unverhofft als Theaterschauspielerin entdeckt, feiert ihre Unabhängigkeit und entspricht nicht dem Bild einer ruhigen Oma. Dass sie völlig selbstverständlich auch Emails an die Mädchen schreibt und in der Anlage des Textes ihre eigene Stimme hat, stützt dieses Bild weiter. Auch die Homosexualität ihres Sohnes wird nie als Problem dargestellt, was dazu beiträgt, Queerness eben nicht immer nur als Konflikt auszuerzählen.

Queerness II

Von einer lesbischen Liebesgeschichte erzählt der Jugendroman Ein halber Sommer von Maike Stein. Dieser fällt aus den Beispielen heraus, da er zeitlich nicht in der Gegenwart verortet ist, sondern im Jahr 1961. Aber auch hier ist zumindest aus der Mitsicht der Protagonistinnen Marie und Lennie – von denen abwechselnd erzählt wird – ihre Homosexualität unhinterfragt. Sie hadern zwar mit dem gesellschaftlichen Klima am Beginn der 1960er Jahre, wobei auch hier gezeigt wird, wie die Familien sukzessive Verständnis zeigen. Ihr Lesbisch sein ist weniger das Problem, vielmehr wird ihre Beziehung durch den Mauerbau in Berlin verhindert, denn Marie lebt im Osten, Lennie im Westen der Stadt. Die unvermittelte Teilung der Stadt ist titelgebend für den halben Sommer, der symbolisch für die Beziehung vom Lennie und Marie steht. Der Roman greift damit ein bewährtes Narrativ der Teilung auf, erzählt dies aber mit queren Protagonistinnen aus.

Gender, Farben, Rollen

Das Bilderbuch Disco! von Frauke Angel und Julia Dürr erzählt von einem Jungen, seiner besten Freundin Pina und ihrem Kindergartenalltag. Angeschnitten werden dabei Rollenerwartungen und Verhaltensweisen, die geschlechtlich codiert sind: So wird der Protagonist etwa immer wieder argwöhnisch beäugt, wenn er in einem Kleid in den Kindergarten will oder er Rosa als eine seiner Lieblingsfarben aufzählt. Dass ein Anderer dann seinen Eltern vorwirft, den Sohn dadurch schwul zu machen, bildet den Höhepunkt ignoranten Verhaltens, das hier bewusst zugespitzt wird. Wie nah dran dies aber leider an der Realität ist, weiß man, wenn man auf Twitter Hashtags wie #rosahellblaufalle oder #pinkstinks folgt. Bereits im Kindergartenalter werden feste Rollennormen und Erwartungen reproduziert und Kindern auferlegt. Dieser Entwicklung hält Disco! aber nicht nur kritisch den Spiegel vor, sondern bricht bewusst die Bilder auf. Bereits auf der ersten Seite hält Pina fest: „Es gibt keine Jungs- oder Mädchenfarben. Es gibt nur Lieblingsfarben.“

Entsprechend darf der namenlose Protagonist sich im Verlauf des Bilderbuchs ausprobieren. Auch die heteronormative Ordnung bringt der Text subversiv in Unordnung. Gleichgeschlechtliche Paare werden thematisiert und ein solches Lebensmodell für die Kinder ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Die Protagonist_innen bekommen einen Möglichkeitshorizont, ganz ohne verstellte Erwartungen aufgezeigt und können sich in diesen ausleben und sich ausprobieren:

Eddie hat sich über den neuen Fußball gefreut! So sehr, dass er mich wie verrückt geknutscht hat. Aber das bleibt unser Geheimnis. Wir wissen nämlich noch nicht sicher, ob wir schwul werden wollen. Jetzt wollen wir es erstmal bunt treiben! (o.P.)

Man kann nur hoffen, dass in der KJL weiterhin so ein buntes Treiben herrscht. Solche Texte, die Vielfalt ganz selbstverständlich und nicht als Problem darstellen, sind ein wichtiger Schritt, um die Diversität einer Gesellschaft auch in ihrer medialen Vermittlung ganz ’normal‘ erscheinen zu lassen. In unserem Alltag leben wir bereits ständig mit Menschen zusammen, die nicht einer heteronormativen, weißen Ordnung entsprechen, es wird Zeit, dass auch die Literatur diese Formen abbildet. Denn wenn die vermeintlichen Normabweichungen immer noch als solche explizit markiert werden, bleiben sie eben Normabweichung und werden nicht als ganz alltäglicher Zustand wahrgenommen.

Literatur

Angel, Frauke/Julia Dürr: Disco! Wien: Jungbrunnen 2019.

Goldberg Sloan, Holly/Meg Wolitzer: An Nachteule von Sternhai. München: Hanser 2019.

Stein, Maike: Ein halber Sommer. Hamburg: Oetinger 2019.

Taschinski, Stefanie: Familie Flickenteppich. Wir ziehen ein. Hamburg: Oetinger 2019.

Tienti, Benjamin: Unterwegs mit Kaninchen. Hamburg: Dressler 2019.

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