Ein Roadtrip durchs kulturelle und politische Vakuum

Djihad ParadiseCover Djihad ParadiseEs ist kurz vor Weihnachten. Im einem Einkaufszentrum in Berlin stehen sich zwei Jugendliche gegenüber: Julian und Romea. Beide haben sich einmal geliebt, sind irgendwie sogar verheiratet. Beide sind aufgewachsen in eher unreligiösen, doch grundsätzlich christlichen Familien. Romea trägt ein Kopftuch und Julian eine Sprengstoffweste. Wie kam es dazu? Wie wurden sie zu den Personen, die sie nun sind? Diese Geschichte wird uns retrospektiv, abwechselnd aus der Sicht von Romea und Julian erzählt. Wir erfahren von Julian, dem jungen Hip-Hopper, der schon früh von der Mutter verlassen wurde und mit Dealen Geld verdienen muss, weil sein alkoholsüchtiger Vater Tom nichts auf die Reihe bekommt. Wir lernen Romea kennen, die reiche Tochter von karrieresüchtigen Eltern, die nie Zeit für sie haben. Die beiden verlieben sich und träumen vom Ausstieg, von einem Leben außerhalb der leistungsorientierten westlichen Welt. Nach einigen Umwegen finden beide zum muslimischen Glauben und werden von einer Salafistengemeinde aufgenommen. Sie sprechen das Glaubensbekenntnis, die Schahada, legen damit ihre westlichen Namen ab und werden zu Abdel und Shania. Doch während Shania als Frau ihr Leben immer mehr beschnitten sieht, wird Abdel immer radikaler. Bietet ihm doch der extremistische Glaube eine Möglichkeit, doch noch ein erfolgreiches Leben zu führen. Hier kann er, im Gegensatz zu den Strukturen der westlichen Gesellschaft, noch alles richtig machen. Bei einem Arabischkurs in Ägypten beschließt er Gotteskrieger zu werden und fährt bald darauf in ein Ausbildungscamp nach Waziristan.

Es gibt nicht viele Jugendbücher, die sich mit Glaubenskonvertierung oder Terrorismus auseinandersetzen. Die Ausgangsposition von Djihad Paradise ist daher äußerst spannend. Warum finden zwei westliche Teenager zum muslimischen Glauben? Wieso wird jemand zum Selbstmordattentäter? Besonders interessant ist, dass in diesem Buch der Terrorist nicht der fremde Andere ist, sondern eine der Hauptfiguren. Wir erleben Julians Reise aus der ersten Person. Eine simple Dämonisierung der Figur des Terroristen wird dadurch vermieden.

Kulturelles Vakuum

Viel mehr Positives gibt es über den Roman jedoch bedauerlicherweise nicht zu sagen. Leider erschöpft sich die Besprechung des gewählten Themengebiets in der Selektion desselben und einer unfruchtbaren Abarbeitung der Situationen, die daraus erwachsen können. Der Blick den Djihad Paradise auf Terrorismus, Politik, Glaube und Kultur wirft ist vielmehr erschreckend unterkomplex.

So ignoriert der Roman zum Beispiel jegliche Feinheiten, die ein Aufeinandertreffen von verschiedenen Kulturen mit sich bringt. Erstaunlich herzlich nimmt die Glaubensgemeinschaft der Salafisten, von der wir vorher im Text erfahren, dass sie nicht-Muslime für keine Menschen halten, Julian und Romea zu sich auf. Sofort ordnen sich beide ohne Schwierigkeiten den Regeln der Gemeinschaft unter. Reibungen gibt es keine. Ereignisse, wie etwa Romeas Entscheidung ein Kopftuch zu tragen, werden mit ein paar stereotypen Aussagen erklärt und damit in wenigen Sätzen abgehakt. Auch Julians Erlebnisse werden wenig ausdifferenziert präsentiert. Julian begibt sich im Buch nach Istanbul, Alexandria, Teheran und Waziristan. In Alexandria wohnen Julian und sein bester Freund Murat zusammen mit Samir, einem jungen Palästinenser, dessen gesamte Familie von Israelis getötet wurde und Justin-Joe, einem Cowboy aus Texas mit Lungenkrebs (warum hier derart platt auf das Klischee vom Amerikaner als Marlboro-Cowboy rekurriert wird bleibt unverständlich). In Waziristan im Terroristencamp teilen sich Murat und Julian eine Höhle mit Hamid, einem Afghanen und Ahmed einem Briten mit Vorfahren in Tunesien. Kultur und interkulturelle Begegnung werden bei allen diesen Aufeinandertreffen auf ein Minimum zusammengeschrumpft, wirken schablonenhaft und extrem vereinfacht. Die Charaktere werden simpel auf ihren Glauben und den Hass auf den Westen reduziert. Herkunft und Sozialisation werden schlichtweg ausgeklammert.

Kulissenkonstruktionen

Der Roman schildert das Zusammen der Kulturen unter Islamisten als äußerst harmonisch. In Bezug auf seine Sprachschule in Alexandria bemerkt Julian: “Die ganze Welt, die ganze Gemeinschaft der Muslime, die Umma, gespiegelt auf fünfundzwanzig Quadratmetern in Galabiyas und Häkelmützen oder in T-Shirts und Jeans. Alle Rassen friedlich vereint am Anfang des langen und beschwerlichen Weges ins Paradies.” (268) Ein Grund, warum dieser Eindruck von kulturübergreifender Einheit entstehen kann besteht darin, dass Djihad Paradise nicht nur fast kulturlose Charaktere schafft, sondern sich auch nur sehr rudimentär mit Politik beschäftigt. So wird Teheran, die Hauptstadt Irans, von Julian lediglich als überraschend westliche Stadt wahrgenommen. Weitere Aspekte in Bezug auf den Iran werden nicht angesprochen. Samir erklärt in Alexandria auf anderthalb Seiten den Nahostkonflikt und Justin-Joe spricht in zwei Sätzen Amerikas Israelpolitik an, bevor sich alle gemeinsam brutale Videos anschauen. Ab und an wird dann auch Julian zum Informanten für die LeserInnen. So erklärt er unvermittelt während der Busfahrt zur pakistanischen Grenze, dass hier das “Herz des afghanischen Heroinschmuggels” (338) schlägt oder bemerkt beim ersten Treffen mit den Mujahideen, dass diese nach der “Art der Paschtunen” gekleidet sind (344) und beginnt dann diese Tracht zu beschreiben. Im sonst kulturellen und politischen Vakuum des Romans wirken diese Berichte der Figuren lediglich wie grobe Pinselstriche, die eine rudimentäre Kulisse für die Handlung erschaffen sollen. Informationshappen, die wirkliche Tiefe vermissen lassen.

Scheuklappentext

Julians Hassparolen bestehen, wie die seiner Glaubensbrüder, generell aus stereotypen Gemeinplätzen, aus Eindrücken, die aus propagandistischen You-Tube Videos stammen und keine wirkliche fundierte Argumentation beinhalten. Das wird schon auf den ersten Seiten deutlich. Auf dem Weg zum Einkaufszentrum, mit der Sprengstoffweste am Körper, erzählt Julian von seiner Ablehnung dem Westen gegenüber. Auf sechs Seiten entsteht so ein eher beliebiges Sammelsurium an Kritikpunkten: Touristen, Konsum, Fettleibigkeit, Plastik, das Grau der Großstadt Berlins, Einkaufshäuser und Amerika. Man kann es sicher als Stärke des Romans und als durchaus akzeptablen Kommentar auf Terrorismus empfinden, dass Julians Hass auf den Westen so gehaltlos ist. Extremismus, so könnte die Botschaft zu verstehen sein, wird geboren aus Mangel an der Fähigkeit Verhältnisse komplex zu betrachten. So sagt Julian selbst: “Und wenn der Mensch nachdenkt, kommt er auf dumme Ideen und ist nicht bei Allah.” (282) Ideologie präsentiert sich damit als eingeschränkte Weltsicht, als ein Nicht-Nachdenken. Das wird auch in Bezug auf Romeas und Julians Zeit in der “Salafiyya-Gemeinde” deutlich, die geprägt ist von Routine, strengen Abläufen und klaren Vorgaben, was richtig und was falsch ist. Kritisch muss man jedoch bemerken, dass dieser Aspekt nicht deutlich herausgearbeitet und dezidiert als Julians Blickwinkel besprochen und hinterfragt wird. Die Vereinfachung ist ärgerlich, nicht aufgrund ihrer Darstellung im Roman, sondern weil sie weder problematisiert noch wirklich in Berührung mit anderen Positionen gebracht wird, um sie so für eine ausdifferenzierte Diskussion nutzbar zu machen. Es gibt einfach keine vielschichtigen Dialoge und somit regt das Buch selbst wenig zum nachdenken an.

Nicht, dass es nicht auch andere Positionen gäbe. Romea und Julian streiten oft, doch der Inhalt ihrer Gespräche ist mehr ein Austausch grober Positionen als eine fundierte Auseinandersetzung mit ihren Differenzen. Auf Julians und Murats Versuch, Geld für ihre Reise ins Terroristentrainingslager via eines online Spendenaufrufes zu sammeln (eine Tatsache, die der Polizei hier völlig entgeht) reagieren fast alle muslimischen Internetuser mit negativen Kommentaren. Für Julian sind diese Kommentare jedoch lediglich Zeichen dafür, dass viele Muslime den wahren Glauben verloren haben. Irgendwie schafft es der Roman anderen Sichtweisen und Konflikten stets aus dem Weg zu gehen oder Streitpunkte innerhalb von zwei, drei Seiten oberflächlich abzuhaken.
Dennoch, erstaunlicherweise, zweifelt Julian oft an seinem Weg. Nur manifestiert sich dieser Zweifel nie in irgendeiner bemerkenswerten Handlung. Mal ist Julian eher Abdel der Gotteskrieger, mal eher Julian, der westliche Junge. Was wohl als steter innerer Kampf seiner zwei Identitäten, Abdel und Julian, gedacht ist, wirkt eher wie schwache Charakterzeichnung. Es fällt schwer Julians Gefühlen und Ansichten Bedeutung beizumessen, da er diese alle paar Seiten wieder ändert. Eine psychologisch plausibel dargestellte Entwicklung gibt es nicht. Selbst in seiner ‚extremsten‘ Phase braucht es nur eine nette Party um Julians Sehnsucht nach der so verhassten westlichen Lebensweise wieder aufkeimen zu lassen.

Djihad Paradise oder eher „Ey, Alter, wo ist mein Paradies?“

Der Roman wählt für Julian eine Art Ghetto-Jugendsprache. Mag dies so konzipiert worden sein, um ihn als Rapper aus armen Verhältnissen glaubhafter zu machen, so wirkt der Redestil in Verbindung mit dem Thema makaber. “Ein echter Shahid war cool.(…) Winner in Sachen Paradies. ” (291) erklärt Julian und die brutalen You-Tube Videos, die sich die Jungs nachts in Alexandria ansehen, zeigen einen “Loop des Grauens” (294). Kurz nachdem Julian beschlossen hat Märtyrer zu werden, kehrt er zurück in seine Wohngemeinschaft in Alexandria. Dort streiten sich seine Mitbewohner gerade darüber, ob Gummibärchen halal sind. Gut, dass gerade “Frag den Imam” im Fernsehen läuft, den kann man anrufen und fragen. Über seine Entscheidung redet Julian kurz mit Murat, doch dieser ist beleidigt, weil er ihm vorher nichts von seinem Entschluss gesagt hat. Julian denkt sich über Murat: “Manchmal war er die totale Drama-Queen.” (300) Während Julian schließlich in Waziristan neben der Leiche seines Glaubensbruders Khaled “hockt”, denkt er “extrafinster(e)” (360) Gedanken. Immerhin befindet er sich nun in einer Situation in der man leicht zu “Hellfire-Hackfleisch verwurstet werden” (362) kann. Sicher verleiht das Unpassende des Redestils Julians Erlebnissen bis zu einem gewissen Grad eine surreale Qualität. Gepaart mit der Oberflächlichkeit in der Darstellung von Kultur und Politik, mit dem konfliktleeren Raum den der Roman schafft, führt die Sprachwahl jedoch lediglich dazu, dass man die Vorgänge einfach nicht ernst nehmen kann. “Türkisch für Anfänger” trifft “Four Lions” trifft “Dude, Where’s My Car?”.

Terrorismus wird hier so immer mehr zu dieser dummen Sache in die Julian irgendwie reingeraten ist. Wirklich negative Reaktionen auf Julians Verhalten bleiben dabei völlig aus. Als etwa Julians Vater erfährt, dass sich sein Sohn in Pakistan zum Selbstmordattentäter ausbilden lassen will, ist er erst ungläubig. Doch nachdem Julian ihm das telefonisch bestätigt, schickt der Vater seinem Sohn ohne weitere Vorbehalte Geld ins Terroristencamp. Nicht einmal wird Romea im Roman aufgefordert, die Salafiyya-Gemeinde bei der Polizei anzuzeigen oder ihren Geliebten als Terrorist zu melden. Auch denkt sie selbst nie darüber nach. Mag es denkbar sein, dass einige Figuren im Angesicht der schwere der Vorgänge apathisch reagieren, so wirkt es durchaus absurd, wenn alle Figuren eines Buches auf Extremismus mit Nichtstun antworten. Man hat fast das Gefühl, wäre Julian illegale Autorennen gefahren, die emotionale Bandbreite der zwischenmenschlichen Beziehungen und Auseinandersetzungen wäre nicht bedeutend anders gewesen.

Unmögliche Positionen

Ein Nebeneffekt all dieser Problematiken ist, dass viele Aspekte dabei untergehen. So wird jegliche Kritik am ‘Westen’, da sie gebunden an extremistische Ideologie präsentiert wird, als unbegründet und verkehrt dargestellt. Es ließe sich viel zur amerikanischen Beziehung zu Israel sagen, doch wenn Justin-Joe aus Texas das Ganze als Teil des “Loop des Grauens” präsentiert, wird jedwede Gültigkeit der Bedenken schon über die Szenerie in Frage gestellt.

Auch der Islam selbst wird im Buch fast zur unmöglichen Position. Alle Muslime, die man näher kennenlernt, sind Extremisten, kennen Extremisten oder sind dem Prinzip des Märtyrertods nicht ultimativ ablehnend gegenüber eingestellt. In der Mitte des Romans tauchen Romeas Eltern mit Journalisten vor der “Salafiyya-Bruderschaft” auf und verlangen, dass ihre Tochter mit Ihnen nach Hause geht. Sie geben an, dass sie sich von den “Terroristen” (240) nicht die Tochter wegnehmen lassen. Moscheen können zu Prüfsteinen für Stadtteile werden. Unterschwellige Vorurteile kommen an die Oberfläche und Unsicherheiten im Umgang mit anderen Kulturen und Glaubensrichtungen werden deutlich. Doch auch hier lässt einem Djihad Paradise wenig Spielraum. Die Salafisten haben Terroristen unter sich und unterstützen diese, wenn auch nicht offen. In der Gemeinde gilt das Gesetz der Sharia nach der, laut Aussage einer Figur, auch Zwölfjährige heiraten können. Romea ist nicht volljährig. Ihre Hochzeit und ihr Verbleib in der Gemeinde gegen den Willen ihrer Eltern sind illegal. Die muslimische Gemeinde ist somit auf mehreren Ebenen ein krimineller Ort, der ungebrochen alle negativen Vorurteile, die man haben kann, bestätigt.

Sicher kann ein Roman nicht alles sein; eine intensive Charakterstudie, eine ausgewogene Politikdebatte, eine Besprechung der Schwierigkeiten von interkulturellem Austausch. Doch wenn sich ein Roman Terrorismus zum Thema wählt, muss er mehr liefern als eine grob ausgearbeitete Kulisse, einen Roadtrip durchs kulturelle und politische Vakuum. Djihad Paradise kann somit alleine zu Gute gehalten werden, dass es einige interessante Fragestellungen anklingen lässt. Leider macht es sich nicht die Mühe, diese mit der nötigen Sorgfalt anzugehen.

Um Spoiler zu vermeiden, ist die Besprechung des Romanendes in einem Extrabeitrag ,“Djihad Paradise – Das Ende. Von halben und ganzen Menschen.“, zu finden.

Literatur

Kuschnarowa, Anna: Djihad Paradise. Beltz & Gelberg: 2013.

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