Emely – total vernetzt

Sich bei Oma und Opa mit Pfannkuchen vollstopfen, zum Optiker eine Brille aussuchen gehen und den besten Kumpel, Jonathan, auf dem Skateplatz treffen. Das war eigentlich der Plan gewesen. Doch leider verläuft der Tag für Emely ganz anders. Unvorhergesehen eröffnet ihr Vater ihr und ihrem Bruder, dass er wegziehen wird. Jonathan erzählt ihr, dass er nicht wie verabredet mit ihr am Wildcamp teilnimmt, sondern lieber am BMX-Workshop und Wettbewerb in Hamburg. Mit Anna, der besten Freundin, gibt es auch noch Streit, denn die wusste nichts davon, dass Emely die gesamten Herbstferien mit Jonathan verplant hatte. Zur Krönung des Tages wird dann auch noch ein kleines Kätzchen angefahren, und die Besitzerin will sich nicht darum kümmern. So ist es an Anna, dem Tier zu helfen und nebenbei ihr Verhältnis zur ihren Eltern und Freunden zu begreifen und wieder ins Lot zu bringen. Und dann ist da noch das kleine verwahrloste Mädchen mit dem fleckigen Kleid und ihrem struppigen Hund.

Bücher für die Töchter aus gutem Hause?

Es bleibt fragwürdig, ob es Verlagskonzepte wie Planet Girl aus dem Hause Thienemann-Esslinger, in dem Emely – total vernetz in der Buchreihe Lesegören erschienen ist, wirklich braucht. Verlage, die explizit verkünden, ganz auf die Bedürfnisse von Mädchen ausgerichtet zu sein. Ähnlich dem Ü-Ei für Mädchen wird so nämlich die Idee vertreten, es gäbe etwas, dass essentiell weiblich ist. Protagonistinnen der Buchreihe Lesegören, so lassen Cover und Buchtitel vermuten, sind frech, smart und lieb. Die können zwar auch mal was anstellen, tun aber keinem weh und haben durchweg ein gutes Herz. Außerdem sind sie alle dünn und mit der neusten Technik ausgestattet. Damit perpetuiert Planet Girl stereotype Darstellungen vom ‚braven, ansprechenden Mädchen‘ und setzt ganz klare Signale, wie Mädchen von heute zu sein haben.

Der Eindruck, den das Profil der Reihe erweckt, setzt sich in Emely – total vernetzt ungebrochen fort. Emely ist vernarrt in Tiere und möchte einmal Tierärztin werden. Sie und ihre beste Freundin Anna sind liebenswerte Jugendliche. Anna mag schicke Mode und Pferde, Emely schwarze, schlichte Kleidung und Skateboardfahren. Die beiden verbindet ihre Freude am Do-it-Yourself. Sie gehen gerne auf Flohmärkte, kaufen dort Perlen und Knöpfe, um ihre selbst gemachten Mützen oder Tücher damit zu dekorieren. Dabei sind die Freundinnen genauso glatt, dass man sich an nichts was sie tuen wirklich stören kann, aber auch kantenreich genug, um nicht langweilig oder charakterlos zu wirken. Ihre Lebenswelt ist jene von Berliner Mittelstandsfamilien. Annas Eltern haben eine Tierarztpraxis. Emelys Vater ist Fotograf. Ihre Mutter hat ein Geschäft in dem man Secondhandkleidung kaufen und nebenher veganes Essen zu sich nehmen kann. Die Thematik “soziales Engagement”, welche mit im Zentrum des Romans steht, wirkt in diesem Kontext bedauerlicherweise teilweise wie eine attraktive Zutat dieses hier erschaffenen Idealtyps vorbildliche Tochter aus gutem Hause.

Von sozialer Kompetenz und sozialer Verantwortung

Hat man sich mit diesen Rahmenbedingungen von Emely – total vernetzt ‚abgefunden‘, beziehungsweise findet man diese garnicht erst störend, ist der Roman lesenswert und unterhaltsam. Besonders positiv fällt die Darstellung von Freundschaft auf. Diese verzichtet auf die strenge Dramaturgie der großen Zerwürfnisse und großen Versöhnungen und widmet sich lieber den kleinen Krisen und zwischenmenschlichen Verhandlungen. Die gewählte Ich-Perspektive hilft dabei glaubhaft darzustellen, wie Emely mit den Streitereien umgeht, lernt, von sich zu abstrahieren, und für die LeserInnen sichtbar zu machen, wenn Emely selber das tut, was sie ihren Freunden vorwirft. Wie etwa, wenn sie nicht verstehen kann, warum Anna eifersüchtig auf Emelys Freundschaft zu Jonathan ist, jedoch ständig darüber reflektiert, dass ihr dieses Mädchen, dass Anna online kennengelernt hat, und mit dem sie sich nun gut versteht, grundlos unsympathisch ist. Gelungen ist auch die Konzeption der Beziehung von Emely und Jonathan, welche konsequent als kumpelhafte, vertraute Partnerschaft inszeniert wird und durchaus als ebenbürtig mit der Freundschaft zu Anna anzusehen ist. Das diese Beziehung nicht den Weg der Liebesgeschichte geht, ist erfrischend. Hier ist es nur schade, dass verpasst wurde diese Konzeption von ‘BFFs’ mit auf dem Cover darzustellen, wo lediglich Emely und Anna abgebildet sind. Dass dies gezielt so gehandhabt wurde, um dem Image der Reihe zu entsprechen, kann nur erraten werden, bietet sich als Interpretation dennoch an.

Für weitere positive Momente sorgt die Darstellung von sozialer Verantwortung, welche hier mit speziellem Fokus auf der Schwelle von Nicht-Handeln und Handeln beleuchtet wird. So kommt es immer wieder zu Situationen, die sich zwischen Eingreifen und Zusehen bewegen. Wie etwa, wenn Emely zum ersten Mal die kleine achtjährige Marcie am Hauptbahnhof trifft. Ihre Haare sind zerzaust, das Kleid schmutzig und sie ist barfuß. Emely unterhält sich nett mit ihr, hat aber keine Lust sich näher mit dem Kind zu beschäftigen “Klar, irgendjemand müsste sich um sie kümmern, aber ganz bestimmt nicht ich.” (48/49) denkt Emely und eist sich vom dem Mädchen los. Erst später wird sich Emely für Marcie einsetzen und das vor den Augen einer erschreckend unbeteiligten Zuschauerschaft an Erwachsenen.

Total Vernetzt

Emely steht ständig mit ihren Freunden in Kontakt. Sie schreiben sich WhatsApp Nachrichten, telefonieren und skypen. Positiv muss man dem Roman anrechnen, wie neue Medien hier nicht problematisiert werden, sondern einen ganz selbstverständlichen Teil der Alltagswelt der Jugendlichen bilden. Weder wird Emely als abhängig von neuen Medien, noch als unsozial charakterisiert. Einzig der vom Buchrücken angekündigte Fokus auf das Schulprojekt im Rahmen dessen eine Webseite erstellt werden soll, kommt viel zu kurz. Anna und Emely beschließen im Rahmen des Projekts einen DIY-Bastelblog zu gestalten. Dieses Thema wird jedoch erst im letzten Drittel des Romans aufgegriffen und hier nur sehr verkürzt besprochen. Auch die Schnelligkeit mit der sich Fans und Erfolg einstellen, ohne dass die beiden Freundinnen Werbung für sich machen, wirkt ein wenig naiv, bedenkt man die Vielzahl an Konkurrenzangeboten, die auf ähnliche Weise im Internet um Aufmerksamkeit buhlen. Dennoch erfreut, wie aktuell relevant die Geschichte, Mode und Tierschutz mit neuen Medien verknüpft um am Ende, in Form einer Spendenaktion, alle drei zu verbinden und so deutlich zu machen, welche neue Handlungsmacht das Internet Jugendlichen verleiht.

Emely – total vernetzt ist ein angenehmes Buch, dass durch seine gelungene Abbildung der zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen, sowie seiner Verstrickung von Handlungssträngen unterhaltsam und ein stückweit auch lehrreich ist. Es bleibt alleine fraglich, ob es wirklich das Label ‘extra für Mädchen’ braucht, damit das Buch seine Leserschaft findet.

Literatur

Schröder, Patricia: Emely- total vernetzt. Stuttgart: Planet Girl, 2015.

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