Eintauchen in warme, herrlich unkomplizierte Glückseligkeit

In seinem neusten Bilderbuch Endlich wieder Zelten entführt Philip Waechter seine Leser/Innen in den Süden, nach Frankreich ans Meer. Hierhin geht Protagonist Tim jedes Jahr mit seiner Familie Zelten. Das macht Tim zum Experten in Sachen Campingplatz und familiärem Urlaubschaos. Sein Reisebericht wird daher zum idealen Begleitkommentar von Waechters liebevollen Bildern. Die Zeichnungen passen sich dabei stets Tims Erzählgeschwindigkeit an. Mal werden die Bilder kleiner, in einer Bildabfolge oder panelartig auf der Seite angeordnet, dann nämlich, wenn mehrere Ereignisse im Zeitraffer überblicksartig wiedergegeben werden. An anderer Stelle nehmen die Bilder ganze Seiten ein und der Leser/die Leserin wird eingeladen sich einen Urlaubstag oder einen Moment genauer zu betrachten. Eine Handlung hat das Bilderbuch dementsprechend nur bedingt. Vielmehr setzt sich aus dem Konglomerat an Eindrücken und Ereignissen ein Gefühl zusammmen: warme, herrlich unkomplizierte Glückseligkeit.

Harmonien

Was Waechters Campingplatz so verführerisch macht ist das harmonische Miteinander der einzelnen Akteure. Da wäre zunächst Tims Familie. Dem Bilderbuch gelingt eindrucksvoll die Darstellung eines Familiengefüges, das es schafft, die Balance zu halten zwischen Gruppengefühl und individueller Weiterentwicklung. So werden Eltern und Kinder meist sehr eng beieinander gezeichnet oder gezeigt, wie sie dieselbe Bewegung oder den gleichen Gesichtsausdruck machen, etwa wenn sie sich Sternschnuppen ansehen oder gemeinsam Fahrrad fahren. Dennoch ist es für Tim möglich, unabhängig von den Eltern zu agieren. Er lernt surfen, spielt mit anderen Kindern oder geht Baguette kaufen. Ein Teil der besonderen Qualität des Gefühls der Glückseligkeit, das das Buch auszeichnet, basiert auf dieser Sicherheit, der Sicherheit mit der Tim erste eigenständige Unternehmungen wagen darf, sich dabei dennoch stets des elterlichen Schutzes und der elterlichen Fürsorge sicher sein kann.

Als ebenso ausgewogen wird von Tim auch das Miteinander der Camper untereinander beschrieben. “Beim Zelten wohnen alle ziemlich eng beieinander” bemerkt er auf der sechsten Doppelseite und macht deutlich, was für ein gesellschaftliches Experiment zelten doch sein kann. Denn alle sind irgendwie verschieden und haben ihre herausragenden Marotten und Angewohnheiten. Dennoch scheint auf dem Campingplatz friedvolle Koexistenz möglich. Vielmehr noch, es ist das Leben in der Gemeinschaft, das zusätzlichen Gewinn und Spaß bringt. Gerade bei der Darstellung des Kinderspiels wird dies deutlich. Waechter verzichtet hier völlig auf Intrigenspiel und Streitereien. Auf dem Campingplatz agieren die Kinder verschiedenster Herkünfte als große Gruppe, die Erfüllung im gemeinsamen Spiel finden.

Zeitlosigkeit

Auffällig an Waechters – man möchte fast sagen – ‚Campingplatzutopie‘ ist, dass es fast nicht möglich ist, die Handlung zeitlich zu verorten. Alles ist so gezeichnet, dass es jetzt oder vor 20 – 40 Jahren hätte stattfinden können. Einzig der Tatbestand, dass einer der Camper Helene Fischer hört, bindet die Handlung grob ans Jetzt. Darüber hinaus verweigert der Campingplatz jegliche Beschäftigung mit einem historischen Außerhalb.

Dies ist zum einen begründet in der Tatsache, dass der Fokus des Bilderbuches vor allem auf Familienzeit liegt. Der Zelturlaub findet an einem Punkt in Tims Lebens statt, zu dem Urlaub mit Eltern und kleinem Bruder noch unangefochten die Beschäftigung des Sommers ist. Tim möchte nicht lieber etwas anderes machen oder lässt wiederwillig seine Freunde zu Hause zurück. Die jährliche Routine ist unangefochten Sehnsuchtsort und geliebtes Freizeitvergnügen. Der Campingplatz ist damit auch ein Ort, an dem eine besondere Beziehung zu den Eltern abgerufen wird, die je nach Alter der LeserInnen nostalgisches Rückblicken oder Erkennen von aktuell Erlebtem verlangt. Was den Campingplatz ebenfalls der Welt entrückt, ist das Fehlen von Technik. Obwohl grob in der heutigen Zeit spielend, hat keine der Figuren ein Handy, schreibt etwas auf einem Laptop oder liest Bücher auf dem E-Reader. Damit wird der Campingplatz auch zu einem Bereich, in dem Unterhaltung erzeugt werden muss. Für Beschäftigung sorgen die anderen Kinder, menschliche Gegenüber, mit denen Tim Sandburgen bauen und Gruselgeschichten erzählen kann und mit denen er für die große Zirkusnummer probt. Auf dem Campingplatz sein, bedeutet hier, mit Menschen zusammen sein, aktiv Dinge tun und dabei auch die Natur und den eigenen Körper erleben.

Endlich wieder Zelten kann durchaus als romantisierend bezeichnet werden. Die Leichtigkeit und Freude mit der hier positive Assoziationen von Sommer, Familie und Gemeinschaft geweckt werden, lassen einen jedoch wünschen, dass es jedem Leser/jeder Leserin vergönnt ist, Teile dieses Gefühls warmer, herrlich unkomplizierter Glückseligkeit in sich wiederfinden zu dürfen.

Literatur

Waechter, Philip: Endlich wieder Zelten. Beltz & Gelberg. Weinheim Basel: 2015. Bilderbuch.

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