Findling

Von Pfannkuchen, Wäldern und einem Vergnügungspark

Der Titel des Romans ist Programm: Ein Mädchen, sieben Pfannkuchen und ein roter Koffer stehen im Zentrum der Geschichte, als in dem beschaulichen Ort Wammerswald ein Mädchen angespült wird. Im wortwörtliche Sinne, denn ganz plötzlich und unverhofft liegt sie mit ihrem roten Koffer am Flussufer. An ihren Namen kann sie sich nicht mehr erinnern und die Dorfbewohner taufen sie kurzerhand Findling. Eine einzige Sache weiß das Mädchen aber ganz sicher: zu ihrer fiesen Tante, bei der sie bisher gewohnt hat, will sie nicht zurück. Als provisorische Bleibe wird daher ein kleines Lager am Flussufer für sie eingerichtet. Der Denkrat, ein Abstimmungsgremium innerhalb des Dorfes, bestehend aus Bürgermeister und anderen gewählten Dorfmitgliedern, beschließt jedoch, dass Findling in einer der Familien des Dorfes unterkommen soll. In einem offenen Bewerbungsverfahren dürfen sich sodann Freiwillige melden. In der ersten Runde sind das drei Familien, bei denen Findling jeweils einen Probetag verbringt. In der Zwischenzeit rettet sie außerdem einen Bären, der von der Försterin an einen Zoo verkauft werden soll und gewinnt die Herzen der restlichen Dorfbewohner im Sturm – auch wenn sie am Schluss die schwierige Wahl treffen soll, bei wem sie wohnen möchte. Außerdem steht die gesamte Zukunft des Dorfes auf dem Spiel, denn ein Großinvestor möchte dort einen Freizeitpark aufbauen. Die schließlich entscheidende und letzte Stimme fällt dabei Findling zu, die kaum mehr in ihrem Gefühlschaos durchblickt.

Mikrokosmos Dorf

Das abgelegene Dorf Wammerswald, versteckt hinter einer großen Flussbiegung und Hügeln, wird bereits einführend als ‚besonderes Dorf‘ beschrieben. Besonders ist es nicht nur über die isolierte Insellage, sondern vor allem auch durch die skurrilen Bewohner: ein Polizist der alle Konsonanten durch ö ersetzt, in diesem Fall also ein Pölözöst, der Bürgermeister mit einem großen Geheimnis, das zu einem konfliktreichen Showdown führt, eine Försterin, die sich auf Bärenjagd macht, eine Bäckerfamilie mit elf Söhnen und der große Jos, der eine Autowerkstatt betreibt. Dieser Mikrokosmos ist geprägt durch einen herzlichen Umgang, liebenswerte Verschrobenheit und Zusammenhalt untereinander. Dabei fungiert das Dorf auch als deutliche Kontrastfolie zu Findlings bisheriger Lebenswelt, denn nur ungern erinnert sie sich an die Zeit bei ihrer Tante, die sie permanent drangsalierte. In den drei Familien, die sie aufnehmen wollen, lernt Findling ganz unterschiedliche Lebenskonzepte kennen: ein Ehepaar, das ihr Kind verloren hat, eine Großfamilie und der alleinstehende Jos. In diesen Szenen zeigt der Roman seine Stärke, wenn die Ängste, Hoffnungen und Empfindungen der einzelnen Figuren behutsam entfaltet werden. Findling wägt sorgsam ab, weiß die Zuneigung der anderen zu schätzen und trifft am Schluss trotzdem eine überraschende Entscheidung.

Symbolische Räume

Neben den positiven zwischenmenschlichen Beziehungen im Dorf weist der Roman auch eine interessante räumliche Struktur auf: das Dorf schließt an einen dichten Wald an, der weiterer wichtiger Handlungsort ist und ausschließlich von Findling betreten wird. Nur sie wagt sich in die sogenannte ‚Finsternis‘, den dunklen Kern des Waldes. Die symbolische Aufladung, als ein bedrohlicher Bewährungsraum, spiegelt dabei spezifische Ängste der Protagonistin, denen sie sich stellen muss: „Hier auf dem Pfad ist es Tag, dachte sie. Und dort zwischen den Bäumen ist es Nacht“ (S. 53). Die enge Verbundenheit von Kindheit und Naturraum – insbesondere des Waldes – ist ein tradiertes Element der Kinderliteratur, das auch hier in seinen ambivalenten Facetten aufgegriffen wird. Der Wald wird als Seelenlandschaft lesbar und die zunächst undurchdringliche Tiefe und Bedrohung des Raumes gibt Einblick in Findlings verdrängte Erinnerungen des bisherigen Lebensverlaufs. In diesem Raum stellt sich Findling ihren Erfahrungen und wird schließlich für ihren Mut belohnt. Denn in der Finsternis trifft sie auf einen Bären, mit dem sie zaghaft Freundschaft schließt und sich schließlich für seine Rettung einsetzt. Begleitet wird der Erzähltext dabei von ganzseitigen Illustrationen, die einzelne Szenen der Geschichte aufgreifen und auch typographisch arbeitet der Roman mit verschiedenen Spielereien, die ein interessantes Zusammenspiel von Bild- und Textebene erzeugen.

Ein Kessel Buntes

Trotzdem überzeugt der Roman nicht ganz. Zwar werden facettenreiche Themen, wie die Frage nach der eigenen Identität, der Familienzugehörigkeit, dem Einsatz für Andere tangiert, gleichzeitig sind diese aber oft nur angerissen und tragen keine handlungslogische Funktion. So bleiben einige lose Enden, die nicht auserzählt werden, darüber aber natürlich zum eigenen Weiterspinnen anregen. Es stellt sich dennoch die Frage, was der Roman eigentlich erzählen möchte. Dieser schwankt zwischen Märchenanleihen, Kindheitsutopie und Dorfgeschichte und wirft verschiedene Handlungsstränge aus. Es fehlt jedoch eine zielführende Erzählrichtung, bzw. mäandert und plätschert – entsprechend des Leitmotives des Flusses – der Text lange Zeit dahin. Interessant ist hingegen die topographische Anlage, die verschiedene Raumordnungen semantisiert und insbesondere mit den literarischen Tradierungen des Waldes arbeitet. Störend holzschnittartig sind aber die Erwachsenenfiguren, die von außerhalb des dörflichen Mikrokosmos kommen. Diese greifen wenig subtil in die Ruhe in Wammerswald ein: es treten ein raffgieriger Geschäftsmann, der den Wald abholzen und einen Vergnügungspark aufbauen will, eine einfältige Schaulustige, die die Bäckersfrau ärgert und Findlings Tante, die aber so verblendet ist und ihre eigene Nichte schlicht übersieht, auf und entfalten neben diesen negativen Eigenschaften wenig Tiefgang. Demgegenüber stehen die vielschichtigen Figuren aus dem Dorf und auch Findling steht als autonome und selbstbewusste Figur in einer deutlichen kinderliterarischen Tradition, die sich als Reminiszenz an Pippi Langstrumpf lesen lässt. Denn besonders überzeugend ist Ein Mädchen, sieben Pfannkuchen und ein roter Koffer vor allem in der psychologischen Zeichnung der Protagonistin und der Dorfbewohner, die liebe- und rücksichtsvoll miteinander umgehen.

Literatur

Stefan Boonen (2015): Ein Mädchen, sieben Pfannkuchen und ein roter Koffer. Frankfurt: S. Fischer.

 

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