Im Sog des Meeres – im Sog der Liebelei?

Katja Brandis widmet sich in ihrem neuen Roman Floaters – Im Sog des Meeres erneut einer drängenden Umweltthematik. Nach den Ereignissen um Ressourcen in der Tiefsee (Ruf der Tiefe, 2011) und der versuchten Rettung des Regenwaldes (Schatten des Dschungels, 2012), beide gemeinsam mit Hans-Peter Ziemek, stehen nun die Weltmeere und deren Verschmutzung durch Plastikmüll im Zentrum der Geschichte. Diese entspinnt sich um die beiden Protagonisten Malinka und Arif, deren Erzählstränge zunächst parallel zueinander verlaufen: Malinka ist eine 18jährige Deutsche, die gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder Danìlo den Ozean vom Plastikmüll, bzw. einem gigantischen „Müllstrudel“ befreien will und durch viel Glück einen Platz in einem innovativen Reinigungsprojekt ergattert. Gemeinsam reisen Sie in die USA, um von dort aus an Bord eines umgerüsteten Frachters zu gehen, der mit einer speziellen Vorrichtung den Müll von der Meeresoberfläche abfischt. Der 16jährige Arif kreuzt hingegen mit einem Fischerboot durch den Pazifik, bis dieses Opfer eines Piratenüberfalls wird. Als einziger Überlebender wird er an Bord festgehalten und schließlich in die Crew aufgenommen. Mit fortschreitender Entwicklung der Geschichte laufen nicht nur die Erzählstränge immer enger zusammen, sondern auch die beiden Figuren nähern sich räumlich, bis Arif schließlich von seinem Piratenausguck Malinka das erste Mal erblickt und sich schlagartig in sie verliebt. Der Fokus der Geschichte verschiebt sich daraufhin merklich auf den Sog der Liebelei und lässt den Sog des Meeres zunehmend in den Hintergrund treten.

Piraten, Plastik und Pazifik

Die titelgebenden ‚Floaters‘ sind Plastikfischer und Meeresnomaden, die im Pazifik auf Mülljagd gehen, um daraus wiederverwertbare und verkäufliche Reste herauszusuchen. Ihre Basis ist eine verlassene Bohrinsel auf der sie einen geheimen Umschlagsplatz für ihren Tauschhandel installiert haben und unter dem Motto ‚Free the Ocean‘ okkupieren. Im Verlauf der Geschichte entspinnt sich ein Kampf auf dem Pazifik zwischen den Piraten, den Fischern und dem Reinigungstrupp, wobei schließlich Malinka, ihr Bruder und zwei weitere Crewmitglieder von den Piraten als Geiseln genommen werden, um Lösegeld zu erpressen. Der reiche Initiator und Millionär Benjamin Lesser will zwar zahlen, es kommt aber zu Verzögerungen und so fassen Malinka und ihre Mitgefangenen selber einen Plan zur Flucht, bei der sie unerwartete Hilfe von Arif bekommen. Es kommt zum finalen Showdown, bei dem nicht nur die Bohrinsel brennt, sondern in einem Schusswechsel mehrere Personen sterben, die Piraten aber schließlich überwältigt werden können. Floaters ist so nicht nur ein umweltkritischer Roman, sondern bettet vor allem viele Action- und Thriller-Elemente ein. Dabei kommt er leider nicht um die obligatorische Liebesgeschichte herum. Bisweilen überlagern diese handlungslogisch nicht immer sinnvoll motivierten Entwicklungen die eigentliche Geschichte und werden zum klischeebeladenen Liebesroman, der schließlich auch mit einem ultimativen Happy End aufwartet: Arif und Malinka können gemeinsam in Singapur studieren und mithilfe eines genialen Einfalls Malinkas scheint das Müllproblem in den Griff zu bekommen zu sein. Ob sich diese massiven Probleme tatsächlich so einfach lösen lassen, sei da hingestellt, die damit implizierte Botschaft ist jedoch wenig subtil: ändere dein Verhalten, dann können wir es schaffen! Unterstützt wird dieser Aufruf durch ein Nachwort, das eine Checkliste mit Vorschlägen zu alternativem Verhalten beinhaltet.

Zukunftsszenarien und Umweltentwicklungen

Die Idee, die Transformationen des Naturraumes und die drängenden Prozesse dieser negativen Entwicklungen herauszustellen und einem jugendlichen Lesepublikum näher zu bringen, ist grundsätzlich zu begrüßen. Können doch erst die affektiv-codierten Leseprozesse fiktionaler Lektüre und das Durchspielen bestimmter Erfahrungen in fiktiven Räumen dem von Lawrence Buell konstatierten ‚Environmental Double Think‘ entgegenwirken (vgl. Buell 1995, 4). Buell hat herausgestellt, dass mittlerweile das Bewusstsein und Wissen über spezifische Umweltprobleme durchaus gegeben ist, dieses aber noch nicht in veränderte Handlungsweisen übersetzt wird und sich diese Divergenzen durch fiktionale Erzählungen überbrücken lassen. Die umweltkritische Thematik wird in Floaters zwar in verschiedenen Dimensionen aufgeworfen und zeigt interessante Aspekte zukünftiger Entwicklungen auf, etwa wenn auf künstlichen Fleischersatz hingewiesen wird, greift aber auch fragwürdige Bilder von Fremdheit auf.

In der Erzählung wird nämlich nicht nur die Meeresverschmutzung angeschnitten, sondern der Text entfaltet in seiner zeitlichen Verortung in der nahen Zukunft verschiedene Aspekte von möglichen Szenarien, die hier im Jahre 2030 spielen. Weite Teile der Ozeane sind mit Plastikmüll eingedeckt, die mittlerweile verordneten strengen Müllgesetze innerhalb Europas laufen jedoch ins Leere, denn wie Malinka sich fragt: „Und was genau nützten die neuen europäischen Verpackungsgesetze, wenn der Rest der Welt noch immer vor sich hin schweinte?“ (S. 47) Problematisch ist zudem die stark eurozentrische Perspektive: das deutsche Forschungsschiff, mit seiner europäischen Crew macht sich auf den Weg, um die Welt zu retten. Dem gegenüber stehen andere Nationen, insbesondere des Pazifikraumes, die als die brutalen Bösen und rücksichtslosen Umweltsünder agieren. Arif ist in diesem Gefüge der zwielichtigen Gestalten der strahlende exotische Prinz, der zwar erst zwischen die Fronten gerät und fast dem Reiz des Piratenlebens erliegt, sich dann jedoch auf die richtige Seite stellt. Malinka und Arif verlieben sich entsprechend sofort auf den ersten Blick und leben glücklich bis an ihr Lebensende. Das erzählt der Roman zwar nicht aus, impliziert in seinem Prolog aber ein märchenhaften Ausgang. Gönnerhaft vergibt der Millionär Lasser an Arif ein Stipendium: „Aber du brauchst eine Ausbildung. Du könntest sogar studieren, den Grips dafür hast du“ (S. 456). Im Subtext schwingt dabei permanent die Perspektive des gebildeten Weißen mit, der dem armen Jungen aus dem Drittweltland eine neue Chance gibt. Dass der Roman dann auch mit der Aussicht auf die Heilung des Ozeans verbleibt, dreht die Kitschschraube nochmals weiter: „Und auf einmal war sie ganz sicher: Es würde ihnen gelingen, das zu heilen, was der Mensch den Ozeanen angetan hatte“ (S. 462).

Der Roman regt durchaus zur Reflexion über das eigene Verhalten im Umgang mit Plastikgebrauch und Müllerzeugung an, auch wenn diese Botschaften nicht immer ohne didaktischen Impetus daher kommen, stereotype Figurenzeichnungen aufgreifen und die wenig innovativen Elemente aus Liebesgeschichte und Action miteinander verbindet.

Literatur

Brandis, Katja (2015): Floaters. Im Sog des Meeres. München: Beltz & Gelberg.

Buell, Lawrence ( 1995): The Environmental Imagination. Cambridge: Belknap Press.

Kommentare sind geschlossen.