Geistertexte

Anmerkungen zum zweiten Teil der Poetikvorlesung von Daniel Kehlmann an der Goethe Universität Frankfurt – 10.06.2014

“Ich finde den ja großartig”, sagt eine Stimme hinter mir und fügt anerkennend hinzu: “Ach, schau mal, er trägt Turnschuhe (Pause) und ein T-Shirt.” Die Rede ist hier natürlich vom Poetikdozenten darselbst, Daniel Kehlmann. Und in der Tat, Kehlmann sieht in Jeans und T-Shirt und mit schwarzen Sneakers beschuht betont gelassen aus. Das Bild vom renommierten und dennoch nahbaren Autor spiegelt sich dann auch in der Auswahl seiner Texte wieder, die er nun im Rahmen des zweiten Teils seiner Poetikvorlesung “Kommt, Geister” bespricht. Um schwarze Spinnen, Elben, Schicksalsschwestern und Zombies geht es und so begeistert ich von diesem Einbruch der Populär- / Jugendkultur in diesen Rahmen germanistischen Sinnens war, umso schmerzhafter musste ich feststellen, dass alleine die Abwesenheit von Jugendlichen und Kennern von Populärkultur es möglich machte, diesen Vortrag so zu halten.

Reduzierte Betrachtungsweisen

In seiner ersten Vorlesung “Illyrien” vom 03.06. gab Kehlmann an, dass ein Autor natürlich sich selbst meine, wenn er “Ich” sagt. Nur meint er eben nicht das ‘Ich’, das einkaufen geht oder andere alltägliche Dinge tut. Ein ‘Ich’ also, das nicht ‘authentisch’ sein mag, aber dennoch eine Art Wahrheit zu Tage fördert. Ähnliche Doppelungsvorgänge beschrieb Kehlmann auch in Bezug auf literarische Topografien und wies darauf hin, dass diese nicht unbedingt geografisch akkurat seien, jedoch eine tiefere Botschaft vermitteln können, als eine detailgetreue Darstellung es könnte. Wie etwa, wenn Ingeborg Bachmann in ihrem Gedicht Böhmen liegt am Meer, Böhmen “ans Meer begnadigt” oder Tolkien das fiktive Mittelerde erschafft.

Auch die zweite Vorlesung stand im Sinne einer Doppelung, doch dies wohl eher unbeabsichtigt. Die Reise begann mit Jeremias Gotthelfs Novelle Die schwarze Spinne und führte von da, verbunden über die Figur der Spinne, zu Tolkiens Der Herr der Ringe. Dieser wurde mittels der Abwesenheit einer Rechtfertigung bösen Handelns und einem Inventar an fiktiven Wesen mit Shakespears Macbeth verknüpft. Über Ideen von Empathie wurde abschließend Lady Macbeth mit The Shining und Zombies in Verbindung gebracht. Immer wieder einmal begegnete uns dabei auf unserem Weg die Autorenfigur. Da ist Gotthelf, der Pfarrer, der sich dieses Grauen, die Spinne, ausgedacht hat und Tolkien, der es nicht fertig bringt, seine Protagonisten sterben zu lassen, ganz im Gegensatz zu Stephen King, der seine Figuren scheinbar gerne Qualen erleiden lässt. Ein spannender Gedankengang. Bedauerlicherweise verpasste es Kehlmann jedoch, den Mehrwert dieser Tour de Force durch die Textformen und Gattungen deutlich zu machen. War die Besprechung von Gotthelfs Die schwarze Spinne noch relativ ausführlich, fand die Darstellung der Zombies nur noch auf Allgemeinschauplätzen statt. Mittendrin wurden ein paar Titel erwähnt, Shaun of the Dead und Worldwar Z, doch war beim zweiten Titel auch schon garnicht mehr klar, ob hier das Buch oder die Verfilmung gemeint war. Aus dem Plus, das Kunstschaffen hervorzubringen vermag, wurde so eher ein Minus. An Stelle eines tieferen Sinns erkannte man leider schnell, dass hier das Material, statt etwas darin aufscheinen zu lassen, zu einem handlichen Gerüst zusammengeschrumpft wurde, um leichte Vergleichbarkeit herzustellen.

Tolkien

Ein erheblicher Teil der Vorlesung drehte sich um Der Herr der Ringe und gerade dieser stellte sich mir als besonders problematisch dar.

Besucht man die Frankfurter Poetikvorlesung fällt auf, dass es weniger Studenten sind die der Veranstaltung beiwohnen als betagte, äußerst bildungsinteressierte, BürgerInnen. Das ist grundsätzlich völlig in Ordnung. Doch ist es wenig hilfreich, wenn die Inhalte der Vorlesung zu sehr auf den Erlebnishorizont dieses Publikums angepasst werden. Die Differenz zwischen dem, was gesagt werden könnte und dem, was gesagt wird, ist so gerade bei Werken wie Der Herr der Ringe grenzwertig groß und lädt zu extremer Vereinfachung ein. Die großen Pinselstriche, soviel sei gesagt, die saßen und Kehlmann zeichnete einige zentrale Motive der Trilogie gekonnt nach. Im Detail hingegen wurden die Ausführungen von Übersimplifizierungen und stellenweiser Ungenauigkeit dominiert. Die Inhalte des Silmarillions (die Darlegung der Schöpfung Mittelerdes bis hin zu den Ereignissen im Herr der Ringe) wurden fast völlig ignoriert. Dennoch wurden Aussagen zu Konzepten gemacht, die nur dort ausgeführt sind. Da hilft es auch nicht, wenn Kehlmann darauf hinweist, dass Das Silmarillion nur gelesen wird, wenn man den Herr der Ringe näher verstehen will. Die Lesemotivation ändert nichts an den Inhalten des Buches, sowie der Weltenkonstruktion der dargestellten Sekundärwelt. Unabhängig davon, warum man das Silmarillion liest, die Welt von Mittelerde wird nunmal nicht erst rund, wenn die Elben diese verlassen haben, sondern schon viel früher und die Elben haben sehr wohl ein Jenseits, es nennt sich Mandos Hallen. Auch die Charakterisierung der Elben glich größtenteils traurigerweise einer eher verfälschenden  Sparvariante, als etwas, dass aus einer intensiven Lektüre von Tolkiens Texten und den endlosen Anhängen entstanden ist. Jetzt mögen einige sagen, dass solch Hintergrundwissen eher Fanwissen ist und es nicht von einem Autor verlangt werden kann, sich dies alles anzulesen und abrufen zu können. Das mag bis zu einem gewissen Grade stimmen. Allerdings muss man sich wohl die Frage stellen, warum über Tolkien (oder auch Zombies) sprechen, wenn es nicht das Ziel ist, dies mit einem entsprechenden Maß an Leidenschaft fürs Detail zu tun? Wieso auf jene Literatur verweisen, wenn der eigentliche Text so irrelevant ist?

Die Sache mit der Allegorie

Tolkien hat sich immer der Behauptung erwehrt, dass Der Herr der Ringe als Allegorie auf den zweiten Weltkrieg zu lesen ist. Das hat bisher allerdings nur die Wenigsten davon abhalten können, dies zu tun. Kehlmann nannte ebenso einige Parallelen und auch hier wurde leider eher grobschlächtig gearbeitet. Besonders der Vergleich zwischen der Darstellung von Saurons Dienern nach dessen Tod und Naziverbrechern bei den Nürnberger Prozessen, hätte mehr Untermauerung gebraucht. In einem Rückblick auf die erste Vorlesung wies Kehlmann noch einmal auf eine Beschreibung von Angeklagten hin, welche besonders die Diskrepanz hervorhob zwischen der äußeren Alltäglichkeit der Kriegsverbrecher und deren wenig Aufsehen erregenden Berufen und ihren Taten während der NS-Zeit. Einer der grundsätzlichen Unterschiede zwischen Tolkiens Welt und unserer Primärwelt ist es jedoch, dass es in Mittelerde das essentiell Böse gibt. Darüber hinaus fallen äußere und innere Hässlichkeit bei Tolkien meist zusammen. Einem Ork ist seine moralische Verwerflichkeit körperlich eingeschrieben. Er bleibt böse, auch wenn Sauron sein Handeln nicht mehr lenkt. Möglichkeiten der Vergleichbarkeit in Bezug auf Kriegsbeteiligung und Kriegsverbrechen werden daher zumindest diskussionswürdig. Selbes gilt für den Hinweis auf die Nachkriegszeit in Mittelerde und Deutschland. Mittelerde hat mit Aragorn seinen rechtmäßigen König auf den Thron gesetzt. Das dominierende Prinzip hier, im Gegensatz zu Deutschland  1945, ist Ordnung und der schicksalhafte Gang der Dinge. So wie der Vortrag diese Querverweise präsentierte, wurde hingegen der Eindruck erzeugt, all dies sei doch ganz einfach und ginge problemlos ineinander auf.

Schade

Nun wird dies den meisten Leuten im Publikum nicht aufgefallen sein. Und gerade das steigert meine Unzufriedenheit mit dem Abend. Die Stifte schrieben fröhlich mit und es herrschte andächtiges Schweigen. Man hatte das Gefühl, etwas erfahren zu haben, über Elben und Zombies und natürlich Macbeth. Denn das muss man Kehlmann in Bezug auf diese Vorlesung zu Gute halten, es ist nicht nur die Populärkultur, die entsprechend behandelt wurde. Doch gerade für die Populärkultur ist es ein wenig schade, dass sie, wenn sie einmal zu solch einem Ereignis heraufbeschworen wird, nicht entsprechend mit Sorgfalt behandelt wird. Schon 2001, erschienen im Falter unter dem Titel „Erfundene Schlösser aus echtem Stein“, schrieb Kehlmann eine kurze biografische Einführung zu Tolkiens Leben, die auch einige wichtige Aspekte des Herr der Ringe beleuchtete. Das Interesse am Stoff wurde also nicht erst für die Vorlesung geboren. Dennoch darf es für eine Poetikvorlesung ruhig ein wenig mehr sein – mehr Komplexität, mehr Tiefe.  Enttäuschend war dies letzten Endes auch für diejenigen, die sich eventuell darüber freuen, dass der Poetikdozent mit T-Shirt und Turnschuhen daher kommt, um über Elben und Zombies zu reden. Hier wird nämlich die Hoffnung geweckt, der Redner hätte auch denen etwas zu sagen, die den Herr der Ringe nicht nur vom Hörensagen kennen oder vielleicht mal Ausschnitte im Fernsehen gesehen haben, aber leider nach zwei Stunden, während der Werbepause, eingeschlafen sind.

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