Hackerfiguren in aktuellen Jugendromanen I

In den vergangenen Jahren ist das Internet und die damit verbundenen technischen Neuerungen

zu einem immer wichtigeren Thema in der Kinder- und Jugendliteratur (von hier an KJL) geworden. Problemromane setzen sich mit den Gefahren auseinander, die das Internet für Kinder und Jugendliche darstellt, wie etwa Cybermobbing, sexuelle Belästigung und der Umgang mit privaten Daten. Andere Romane zeichnen futuristische Gesellschaften, in denen ‚Connectedness‘ und das Virtuelle des Cyberspace eine zentrale Rolle spielen. Ein weiterer Ansatz mit dem Thema umzugehen und der Fokuspunkt dieser dreiteiligen Blogreihe sind Hackerromane, also Erzählungen in deren Zentrum ein jugendlicher Hacker steht.

Offline – Machtlosigkeit

Obwohl der Hacker an sich eine rechtlich gesehen sehr ambivalente Figur ist, wird der jugendliche Hacker (ich schreibe hier vom männlichen Hacker, da bis auf in Malorie Blackmanns Roman Hacker alle Protagonisten männlich sind) in der KJL als äußerst positiv dargestellt wird. Der junge Hacker ist intelligent und durch seine besonderen Fähigkeiten in der Lage, korrupten Großkonzernen und Regierungsinstitutionen die Stirn zu bieten.

Wenn es um Onlineaktivitäten geht, scheint eine Neuverteilung von Macht stattzufinden. In seiner unauthorisierten Autobiographie, die passenderweise Julian Assange: The unauthorised autobiography heißt, schreibt Julian Assange:

„By day you’d be walking down the street to the supermarket, meeting people you know, people who have no sense of you as anything other than a slacker teenager, and you’d know you had spent last night knee-deep in NASA. At some basic level, you could feel you were taking on the generals, taking on the powerbrokers, and in time some of us came to feel we were in touch with the central thrust of the politics of our countries.“ (S. 68/69)

Hier wird deutlich, wie unterschiedlich sich Macht on- and offline verhält. Auf der Straße nicht mehr als ein simpler Teenager wird Assange in seiner Darstellung online zum Akteur in den Machtspielen der Großen. Was diese Neuverteilung mitunter ermöglich ist die Tatsache, dass im virtuellen Raum des Cyberspace physische Faktoren unwichtig werden. Dieser Kontrast zwischen physischer Schwäche und Handlungsmacht online wird in vielen Hackerromanen deutlich. In brainjack von Brian Falkner wird Protagonist Sam Wilson verhaftet, weil er sich in das System eines Hardwarekonzerns gehackt und dort auf die Bestellliste für teures Computerequipment gesetzt hat. Eine Tat, die schwerwiegende Folgen hat. Auffällig ist die Beschreibung der Männer, die Sam nun verhaften:

„The man standing there wore tactical black SWAT-type coveralls and a Kevlar vest. A pistol in a black leather holster was strapped, not to his hip, but halfway down his thigh. […] The man was flanked by two others, in identical uniforms, but with automatic rifles slung across their chests.“ (S. 81)

Über die genaue Darstellung der physischen Präsenz der Männer in Kampfmontur mit ihren automatischen Schußwaffen wird die Machtlosigkeit von Sam unterstrichen. Offline haben Staat und Konzerne volle Kontrolle über ihn, können ihn unterwerfen, so sie es wollen. Eine ähnliche Szene gibt es auch in Andreas Schlüters Roman Die Spur des Hackers. Hier werden die jungen Protagonisten von Schlägern einer Softwarefirma verfolgt. Die Männer tragen Overalls, Headsets und schwere, schwarze Stiefel, während die noch fast kindlichen Hauptfiguren völlig wehrlos sind und nur gerade so vor den Verfolgern fliehen können. Auf die Spitze getrieben wird die Darstellung von physischer Unterwerfung und Machtlosigkeit des Protagonisten in Little Brother von Cory Doctorow. Nach einem Terroranschlag auf die Bay Bridge in San Francisco wird Protagonist Marcus von den Einheiten des Department of Homeland Security (von hier an DHS) verdächtigt an den Anschlägen beteiligt zu sein. Auf der Straße werden er und seine Freunde aufgegriffen und verhaftet:

„[…] someone put a coarse sack over my head and cinched it tight around my windpipe, so quick and so fiercely I barely had time to gasp before it was locked on me. I was pushed roughly but dispassionately onto my stomach […]. I cried out and my own voice was muffled by the hood.“(S. 40)

Im Laufe der Erzählung wird Marcus gefoltert und mit Essensentzug bestraft. Ihm wird Zugang zu einer Toilette verweigert, so dass er sich öfters vor anderen entleeren muss und am Ende des Romans wird er schließlich fast das Opfer von Waterboarding. Hackerromane zeigen Welten in denen jugendliche Protagonisten bedroht  werden von der physischen Macht, die ein Staat oder ein Großkonzern auf sie ausüben kann. Diese Macht verschwindet jedoch, sobald sich die Auseinandersetzung auf den nicht-physichen Raum des Internets verlagert.

Intrinsisch kritisch

Hacken ermöglicht es Kinder- und Jugendromanen ihre Protagonisten in Machtpositionen zu zeigen, die sie sonst nicht einnehmen könnten. Auf diesem Wege können diese korrupte Großkonzerne bedrohen, für Rede- und Informationsfreiheit kämpfen und Überwachungsnarrative kritisieren. Hackerromane, insbesondere die von Cory Doctorow, widmen sich damit Themen, die für unsere heutige Kultur von großer Bedeutung sind – wie etwa Wikileaks, SOPA (Stop Online Piracy Act), Occupy Wallstreet, Anonymous, NSA oder Edward Snowden – und positionieren Jugendliche im Zentrum der Debatten. Dabei ist der Blick, der auf jugendliche Hacker geworfen wird, durchaus oft als romantisiert und idealisiert zu bezeichnen. Kriminelle Energien werden darüber gerechtfertigt, dass ihre Opfer verkommene Konzerne oder Regierungen sind, denen die Hacker moralisch überlegen sind.

Die Basis für diesen neuen Zugang zu Handlungsmacht ist die Fähigkeit Technik zu verstehen und Computer programmieren zu können. Hier ist das Internet nicht im selben Maße eine Gefahr, wie für die Protagonisten von Problemliteratur. Hacker kontrollieren Technologie und werden nicht von ihr kontrolliert. In Die Spur des Hackers etwa finden Ben und seine Freunde einen Computer eines Hackers. Dieser sieht wirklich alt und schäbig aus. Im Gegensatz zu seinen Freunden, die sich fragen, warum ein Hacker so einen unprofessionellen PC besitzt, weiß Ben jedoch, dass dieser Computer nicht im Laden gekauft wurde. Der Rechner wurde aus Einzelteilen selbst zusammengebaut und ist damit, obschon hässlicher, allen Warenhaus-PCs überlegen. Marcus Laptop in Little Brother heißt Salmagundi „which means anything made out of spare parts” (85). Victoria die Protagonistin von Malorie Blackmans Jugendbuch Hacker besitzt einen Taschenrechner, den sie auf ihre besonderen Anforderungen hin umprogrammiert hat. So schafft sie den Mathetest in der Schule in unmöglichen 37 Minuten.

Dinge aus Einzelteilen zusammenbauen, Technologie auf die eigenen Bedürfnisse anpassen, Verwendung von Software, die nicht von großen Firmen, sondern unabhängigen Programmierern entwickelt wurde – all diese Merkmale sind wiederkehrende Motive in Hackerromanen. In ihnen bildet sich die grundlegende Beziehung Hacker / Staat, Hacker / Wirtschaft ab. Hacker kaufen nicht das fertige Pakt, begnügen sich nicht mit den Voreinstellungen und kontrollierten Inhalten. Hacken, das bedeutet auseinandernehmen und wieder neu zusammensetzen, auf neue und verbesserte Weise. So untergräbt diese Tätigkeit intrinsisch Macht, indem Inhalte hier stets hinterfragt und nach Effizienz und Logik neu geordnet werden.

Im zweiten Teil dieses Beitrags soll im Detail gezeigt werden, wie Aspekte von Widerstand und Neuordnung in Cory Doctorows Little Brother besprochen werden.

Literatur

Assange, Julian: Julian Assange. The Unauthorised Autobiography. Edinburgh: Canongate, 2011.

Blackman, Malorie: Hacker. London: Corgi Childrens, 2004.

Coleman, E. Gabriella: Coding Freedom. The Ethics and Aesthetics of Hacking. Princeton: Princeton University Press, 2013

Doctorow, Cory: Little Brother. 1. Edition. New York: Tor, 2010.

Schlüter, Andreas: Die Spur des Hackers. Ein Computerkrimi aus der Level-4-Serie. München: dtv, 2006.

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