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Kamala Khan, eine Superheldin für Alle?

Spiderman, Batman, X-Men, Superman, Avengers, Iron Man, Thor, Wolverine, Captain America… Superhelden brechen Rekordverkaufszahlen im Kino von heute. Aber ‚eigentlich‘ sind diese Helden alle auf dem Papier und nicht auf der Leinwand zu Hause. Comics sind schon eine ganze Weile im sogenannten Mainstream angekommen. Neben Donald Duck kann auch das neuste Batman Heft an der Supermarktkasse erworben werden und die heute wohl populärste Comedy Serie der USA, Big Bang Theory, verweist fast ununterbrochen auf Titel der beiden großen Comicbuchverlage, Marvel und DC.
Wenn man sich diese Helden genauer ansieht, stellt man schnell fest, dass die Repräsentationsprobleme, die bei Film, Fernsehen und Computerspielen in unregelmäßigen Abständen diskutiert werden, auch in der Welt der Superhelden ungelöst bleiben (und hier vielleicht sogar schlimmer sind). Die Helden, die sich über New York und Gotham schwingen sind weiß. Sind Männer. Sind Christen.
Natürlich gibt es Ausnahmen. Der neue Spiderman der Ultimate Reihe, Miles Morales, die aktuelle Inkarnation der Black Widow in den Iron Man und Avengers Filmen, aber auch ihre aktuelle eigene Comicserie, sowie mehrere Versionen des Green Lantern, brechen mit der Dominanz des weiß-christlich-männlichen Superhelden. Dennoch ist diese Dominanz nicht abzustreiten. Sie ist nicht nur statistisch einfach nachweisbar, sondern zeigt sich auch bei jeder dieser Änderungen in Form von Gegenwehr. Diese kommt aus Fankreisen, aber auch von Seiten der Autoren, Zeichner und Verlage. Die Ironie, dass es bei den Geschichten, die hauptsächlich durch diese Helden erzählt werden, häufig darum geht für die stark zu sein, die unterdrückt werden, liegt auf der Hand.

Neue Heldin mit langer Geschichte

In diesem Feld startete der Verlag Marvel im Februar 2014 die neue Ms. Marvel, nachdem die Figur Carol Danvers, die sich lange Ms. Marvel nannte, den Namen Captain Marvel und ihre eigenen Serie übernimmt (seit Juli 2012). Die neue Ms. Marvel heißt Kamala Khan, lebt in Jersey City und ist Tochter von pakistanischen Immigranten. Damit ist sie Marvels erste muslimische Superheldin, der eine eigene Serie gewidmet ist. Bereits Monate vor der ersten Ausgabe, gab es Diskussionen um Ms. Marvel. Als das erste Heft dann endlich erschien, wurde aber schnell klar, wie positiv Kamala Khan von Lesers und Leserinnen aufgenommen wurde. Die erste Comicserie mit einer muslimischen Titelheldin beginnt mit Schinken. Auf der Seite, steht die Titelheldin (noch ohne Kräfte) mit zwei Schulfreunden vor einer Auswahl an Sandwiches und versucht sich vorzustellen, wie dieses verbotene Fleisch wohl schmeckt. Die Szene zeigt bereits einen zentralen Konflikt der Figur. Sie lebt in einer Welt, in der sie sich immer als Außenseiterin fühlt und der beiläufige Ausschluss von alltäglichen Dingen ist es, der sie bedrückt, nicht offensive oder gar gewalttätige Diskriminierung. Kamala möchte einfach nur dazugehören und wenn Nakia, ihre türkische Freundin, diesen Wunsch kommentiert, verweist sie auch gleich auf den zweiten Aspekt, den die Figur Kamala ausmacht: „Even your sad nerd obsession with the Avengers is less irritating.“ (Ms. Marvel #1).

Für Fans

Kamala Khan ist ein Fan. Sie hat Poster von Superhelden in ihrem Zimmer hängen, ist viel in online Foren unterwegs und schreibt FanFiction. Und auch wenn Sie sagt, dass ihre Chancen schlecht stehen, träumt sie davon, selbst einer dieser Helden zu sein. Paradoxerweise möchte sie somit also zwei entgegensetzte Dinge gleichzeitig: ‚normal’ sein und außergewöhnlich. Mit der Unvereinbarkeit dieser beiden Sehnsüchte beginnt die Serie und die ersten beiden Hefte erzählen von der Party, für die sich die sechzehnjährige nach dem elterlichen Verbot aus ihrem Zimmer stiehlt, dem mysteriösen Nebel, der Kamala ihre Kräfte verleiht und ihren ersten Versuchen, diese Kräfte zu verwenden. Sie kann ihr Aussehen verändern, sowie die Größe ihrer Arme und Beine (und später ihres ganzen Körpers). Dabei ändert sich auch ihre Kleidung und ihr Aussehen. Unbewusst wählt sie verschiedene ehemalige Kostüme früherer Ms. Marvel Inkarnationen. Dabei ist sie sich zuerst ihrer eigenen Stärke nicht bewusst und zerstört Teile der Sporthalle ihrer Schule. Als Metapher für die sozialen und körperlichen Veränderungen, die Jugendliche navigieren müssen, funktioniert Ms. Marvel ähnlich wie viele andere Superheldengeschichten. Die Komplexität dieser Veränderungen auf den verflochtenen Ebenen von Kultur und Gender, fasst der Comic in dem wohl meistzitierten Satz der Serie bisher zusammen: „I’m from Jersey City, not Karachi!“ (Ms. Marvel #1). Dabei geht es ihr nicht darum sich gegen die Eltern zu stellen und sich von ihrer Religion oder Kultur abzuwenden, sondern zu markieren, dass ihre Wahrnehmung der Welt eine andere ist, als die ihrer Eltern. Und das macht die Serie (so wie viele andere Superheldengeschichten) so zugänglich: Auch wenn Kamalas Auseinandersetzung mit den Eltern eine primär kulturell argumentierte ist, bleibt der grundsätzliche Generationenkonflikt einer, den (nicht nur) Jugendliche aus verschiedensten Gründen nachvollziehen können.

Von Fans

Ms. Marvel wird von G. Willow Wilson geschrieben und von Adrian Alphona gezeichnet. Herausgeberin ist Sana Amanat, die auch für das Konzept der Figur selbst mitverantwortlich ist. Um die Figur anderen Comiclesern zu erklären wird Kamala gern mit Peter Parker verglichen. Der überdurchschnittlich intelligente Teenager, der nirgendwo richtig dazugehört und dessen Leben sich durch einen Zufall schlagartig verändert. Amanat selbst verweist in Interviews auch auf Spiderman und X-Men als Figuren, die aufgrund von Andersartigkeit ausgeschlossen werden und Inspiration für Kamala waren. Weiterhin beschreibt sie in ihrem TED Vortrag, „Myths, Misfits & Masks: Sana Amanat at TEDxTeen 2014“, wie Sie als junges muslimisches Mädchen Comicwelten als Zufluchtswelten gefunden hat. Als Fan von Comics fand sie etwas, wo sie sich zugehörig fühlte, während sie sich gleichzeitig neuer Ausgrenzung als Nerd aussetzte. So lädt nicht nur die Figur Kamala Khan zur Identifizierung ein, sondern auch das Team, das hinter der Serie steht. Oft sind die Leserbriefe, die am Ende jeder Ausgabe abgedruckt sind aussagekräftiger als der Comic selbst. Hier schreiben Eltern, dass sie etwas gefunden haben, was es ihnen erlaubt mit ihren Kindern über solch schwierige Themen wie Diskriminierung zu reden und junge Leser bedanken sich für eine Figur, in der sie sich wiedererkennen. Als Muslim in Amerika. Als Mädchen, das auch Superheldencomics liest. Als Leser, dem Vielfalt wichtig ist. Das Cover des ersten Heftes hat online zu einem Phänomen geführt, dass die Solidarität dieser Leser mit der neuen Ms. Marvel deutlich markiert. Unter dem Twitter Hashtag #iammsmarvel posten Fans aus der ganzen Welt Bilder mit der ersten Ausgabe, deren Cover sie selbst vervollständigen. Als Marketing Gag ist das mit Sicherheit ein Erfolg (und wie sehr dies geplant und/oder von Marvel manipuliert wurde, ist schwer zu sagen). Bei allem Zynismus zeigt diese Aktion jedoch, dass diese Art von Gemeinschaftssinn von Figuren wie Kamala Khan inspiriert wird. Die Comicwelt scheint mehr als bereit für diese Heldin zu sein. Mike Rugnetta, der  die Fanreaktionen zu Ms. Marvel positiv deutet, fragt in „How is Ms. Marvel Changing Media for the Better?“, ob Kamala Khan nicht ein Indikator für einen generellen Wandel in der Medienlandschaft sei. Er zeigt am Ende seines Videos eine Reihe von Bildern von jungen Mädchen, die nicht nur das Cover, vervollständigen, sondern direkt im Kostüm abgebildet sind. Zu dem Zeitpunkt, als sein Video bei YouTube erscheint, gibt es zwei Ausgaben des Comics. Die Geschwindigkeit, mit der Fans mit Imitation auf Ms. Marvel reagieren sollte ein weiterer Hinweis auf die Attraktivität dieser Figur sein.
Ein gelungenes Debut.

IamMsMarvel

 

Medien

Amanat, Sana (creator, editor), Wilson, Willow G. (writer) and Adrian Alphona (artist). Ms. Marvel (#1-#3). New York: Marvel Entertainment 2014. Print.
Amanat, Sana. „Myths, Misfits & Masks: Sana Amanat at TEDxTeen 2014” on YouTube.com. Web. ( 18/Mai/2014).
DeConnic, Kelly Sue (writer) and Dexter Soy (artist). Earths Mightiest Hero: Captain Marvel. In Persuit of Flight. New York: Marvel Entertainment 2014. Print.
PBS Idea Channel „How is Ms. Marvel Changing Media for the Better? | PBS Idea Channel” on YouTube.com. (23/Mai/2014)

Bildnachweis: TEDxTalks „Myths, Misfits & Masks: Sana Amanat at TEDxTeen 2014“ on YouTube.com, 14:16.

Mehr zu Ms. Marvel gibt es hier:
Noah Berlatskys Artikel über Selbstermächtigung und Assimilation in The Atlantic.
Und ein kurzer TAZ Artikel mit leider nicht überraschenden schrecklichen Kommentaren.
Emin Saners Portrait der Autorin Wilson und Muaaz Khans Aufruf an die Entertainment Branche, sich ein Beispiel an Ms. Marvel zu nehmen. Beide aus dem Guardian.
Noelene Clarks Reaktion of die Ankündigung von Ms Marvel im November 2013 auf HeroComplex.

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