K.I. Freundschaft vorprogrammiert.

Zum Beginn des neuen Jahrzehnts liefert Monica M. Vaughan mit ihrem Roman K.I. Freundschaft vorprogrammiert, 2019 erschienen bei dtv junior, eine aktuelle Auseinandersetzung mit dem Thema der künstlichen Intelligenz und deren Auswirkungen auf das alltägliche gesellschaftliche Leben.
In einem fiktionalen Amerika der nahen Zukunft sind Androiden, also menschlich wirkende Roboter, bereits Realität und Leben in Form von Prototypen heimlich unter Menschen. Diese wissen allerdings noch nichts von der Existenz der künstlichen Intelligenzen. Anders als in martialischen Dystopien wie zum Beispiel Terminator haben die K.I.s nicht das Ziel, die Menschheit zu vernichten, sondern lediglich, sie zu beeinflussen. Erbaut und in Umlauf gebracht wurden sie von einflussreichen Medienagenturen, die ihre Androiden dazu nutzen, Werbebotschaften zu transportieren und vorzuführen. Die Künstlichen Intelligenzen wissen dabei selbst nichts über ihren Zustand, sie halten sich für ganz normale Menschen.

Ideale Influencer

Die Idee hinter den Androiden wird uns an dem Jungen Eric (meist Slick genannt) und seinen Eltern vorgeführt. Die Familie zieht in einen typischen U.S.-amerikanischen Vorort und knüpft dort sehr schnell Kontakte. Slick findet in der Schule direkt viele Freunde und landet unmittelbar in den Kreisen der ‚coolen‘ Leute. Seine Aufgabe ist es, seinen Freunden angesagte Jugendmarken vorzuführen, wie zum Beispiel Slick-Sneaker (daher sein Spitzname) oder Mode von Oldean (S. 18f). Versorgt mit den Mustern wird er von einem gesichtslosen Onkel aus New York, der regelmäßig Geschenke schickt und dabei die Markenausrichtung vorgibt:

„Vier Paar Hosen, zehn T-Shirts, drei Jacken, drei Pullover, zwei Gürtel, eine Sonnenbrille, sechs Paar Socken – alles von Oldean. Ich trage eigentlich nur Graves, deshalb werde ich die Sachen vermutlich nicht anziehen. Aber es ist trotzdem sehr aufmerksam von Onkel Martin, mir das alles zu schicken.“

Vaughan 2019, S. 20

Parallel zu Slick werben auch seine Eltern in ihren sozialen Kreisen für Produkte wie etwa Aufbewahrungsdosen der Marke SuperFresh (S. 38). Die Androiden wissen dabei selbst nicht, dass sie wandelnde Werbeflächen sind, denn sie sind darauf programmiert, wirklich an die zu Produkte glauben. Dies geschieht durch regelmäßige Software-Updates, die die K.I.s bei einem wöchentlichen ‚Zahnarztbesuch‘ bekommen (S. 22).

Das von Vaughan erzählte Konzept wirkt wie eine satirische Zuspitzung realer Konzepte des sozialen Marketings. In sozialen Netzwerken ist die Arbeit mit Influencern bereits allgegenwärtig: Glaubhafte Persönlichkeiten sprechen ihre Zielgruppe direkter und effizienter an, als dies einer herkömmlichen Werbeanzeige jemals möglich wäre. In der Welt des Romans wirkt diese Idee weitergedacht, hier wissen die Influencer nicht einmal mehr, dass sie Werbetreibende sind, sie stehen ohne jeden Zweifel hinter ihrer Marke. Die Werbung wird zu einem definierenden Bestandteil der Persönlichkeit.

Quantifizierbare Freundschaft

Die sozialen Beziehungen der Androiden sind oberflächlich, denn perfekt können sie menschliches Verhalten noch nicht imitieren. Der Roman wird aus der wechselnden homodiegetischen Perspektive von Slick und Danny, einem menschlichen Jugendlichen, geschrieben. Oft werden Situationen nacheinander aus beiden Perspektiven betrachtet, was deutlich macht, wie ungewöhnlich Slicks Verhalten eigentlich ist. Er versteht keine Ironie, kann selbst nur simpelsten Humor reproduzieren (S. 35) und evaluiert stets das Level der Freundschaft zu anderen Personen: „Danny kommt am Montag zu mir, um zwei weitere Videos zu machen. Danny ist zu 100 Prozent bestätigt mein Freund. (S. 106)“

Zwischen dem bereits erwähnten Jungen Danny und dem Androiden Slick entwickelt sich im Laufe des Romans eine unwahrscheinliche Freundschaft. Danny ist ein typischer Einzelgänger und er gehört zu keiner angesagten Peergroup. Slicks Programmierung sieht ihn eigentlich nicht als Freund vor und zuerst interagiert er mit ihm nur aus Höflichkeit, als sich die beiden im Rahmen einer Benefizveranstaltung miteinander beschäftigen müssen. Die Antipathie beruht auf Gegenseitigkeit, auch Danny findet Slick merkwürdig und unsympathisch. Schließlich finden sie über ihre gemeinsame Liebe zum Online-Videospiel Land X zueinander, einem Spiel,welches Slick wohl ebenfalls bewerben soll.

Das Spiel ist ein funktionales Bindeglied, denn Danny ist in diesem bewanderter als Slick, was sein System als höhere Beliebtheit abspeichert und ihm erlaubt, mit Danny zu interagieren. Um seiner Programmierung zu entsprechen, versucht er nun, Danny auch insgesamt beliebt zu machen, unter anderem, indem er ihn zu einem Online-Star in Land X macht:

„Gamertropolis ist die größte Online-Spiele-Review-Seite. Sie hatten sein Video geteilt und nun hatte es schon 85 000 Klicks und 1172 Likes. Als ich auf seine VieVid-Seite ging, hatte Danny schon 290 Abonnenten für seinen Kanal. Und das mit nur einem Video!
Dann überprüfte ich noch Dannys Kudos-Seite. Er hatte nach wie vor erst einen Freund – mich. Ich hätte gedacht, dass er mittlerweile mehr Freunde haben würde. Aber 85 000 Klicks ist schon ziemlich cool. Und an Kudos konnten wir noch arbeiten.“

Vaughan 2019, S. 108.

Das Zitat verdeutlicht, wie sehr Slick Freundschaften nach quantitativen Faktoren bemisst. Der Status einer Freundschaft ist in Prozenten bewertet, unterlegt mit eindeutigen Bewertungskriterien, die diesen Maßstab verbessern oder verschlechtern können. Vaughans Roman stellt auf diese Weise bereits die Frage, wie Freundschaft zwischen Menschen und künstlichen Intelligenzen zu bewerten ist, während die Beziehung zwischen Danny und Slick noch am enstehen ist. Die Innensicht auf Slicks protokollarisches Empfinden erlaubt es den Leser*innen, das Verhältnis zwischen den beiden Figuren von Anfang an in Frage zu stellen.

Echte Emotionen?

Slicks Geheimnis bleibt Danny nicht für immer verborgen. Zu auffällig ist dessen Verhalten, zu merkwürdig benehmen sich seine Eltern. Mit Hilfe anderer Freunde erkennen sie, dass Slick ein Android ist. Für ihn selbst ist das schockierende Erkenntnis ist, der er sich so lange wie möglich zu verwehren versucht:

„Auf einmal wollte ich es nicht mehr wissen. Ich wollte nicht mehr hier sein. […] Danny und Vito riefen mir noch hinterher, doch ich rannte schon die Treppe hinunter, durch den Laden und aus der Tür. Ich marschierte die Straße entlang und entdeckte meinen Vater, der in seinem Auto auf mich wartete. Wir fuhren nach Hause.

Vaughan 2019, S. 222.

Die Entdeckung von Slicks wahrem Wesen bringt den Roman zu seinem philosophischen Kern: Was definiert eine Person und ab wann kann man wirklich von einer Freundschaft sprechen? Diese Fragen werden multiperspektivisch sowohl aus der menschlichen als auch aus der robotischen Sichtweise betrachtet. Nachdem es gelingt, Slicks eingebaute Schutzmechanismen zu umgehen und ihm zu beweisen, dass er ein Android ist, stellt er seine eigene Programmierung in Frage und schafft es, diese durch sein eigenes Selbstbewusstsein zu verändern. Sowohl Danny als auch Slick stellt sich nun die Frage, ob eine lernfähige künstliche Intelligenz einen dazu befähigt, mehr zu werden, als die eigene Programmierung ursprünglich vorgesehen hat. Das Slick potentiell in der Lage ist, mehr als nur ein hochentwickeltes Marken-Testimonial zu sein, wird im Text bereits an früherer Stelle angedeutet:

Ich drehte mich zu ihm um und sah, dass er lächelte. So glücklich hatte ich ihn noch nie gesehen. Und dann merkte ich, dass ich auch lächelte. Nicht, weil Danny da war oder weil man das so tut, um Freunde zu finden, oder weil Lächeln in dieser Situation die angemessene Reaktion war. Ich lächelte, weil ich glücklich war. Ein ganz anderes Gefühl von Glück, als ich es sonst kannte.

Vaughan 2019, S. 91.

Ethik im 21. Jahrhundert

K.I. ist ein Jugendroman, der sich sehr erfolgreich wichtigen Themen der Gegenwart und Zukunft annimmt. Die Erzählung erhöht dabei behutsam das Level der Komplexität: Sie startet mit futuristischen Konzepten des Social-Marketing und steigert sich zur Frage nach der Definition von Persönlichkeit von künstlichen Intelligenzen. Greifbar werden all diese Themen durch den roten Faden der Freundschaft zwischen Danny und Slick, die nach einem schweren Start als motivierendes Element der beiden Hauptfiguren genutzt wird. Beide sind bereit, um die Deutungshoheit über ihre Freundschaft zu kämpfen, gegen die Widerstände von Slicks eigener Programmierung und letztlich seine eigenen Erschaffer.

Monica Vaughan schafft es in ihrer Erzählung, gesellschaftliche Relevanz in einem Zukunftssetting aufzubauen, ohne dabei eindeutig in die Genres der Uto- oder Dystopie abzurutschen. Ihr gelingt dabei die Gratwanderung zwischen spannender Unterhaltung und einer zeitgenössischen Bedeutung für die Lebenswelt der intendierten Leser*innen.

Literatur

Vaughan, Monica M. (2019): K.I. Freundschaft vorprogrammiert. Aus dem Amerikanischen Englisch von Anja Hansen-Schmidt. München: dtv junior.

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