Kritische Gefolgschaft

Am 27. Januar 2015 fand im Arkadensaal des Goethehauses in Frankfurt am Main die Abschiedsvorlesung „Kritische Gefolgschaft – Michael Ende und die Romantik“ von Professor Hans-Heino Ewers statt. Den Abend eröffnete die Direktorin des Goethemuseums Frau Bohnenkamp-Renken mit ein paar einführenden Worten zu Ewers Forschungslaufbahn. Herzlich wies sie auf erste Begegnungen und vergangene Zusammenarbeit hin und unterstrich zudem die Bedeutung von Michael Ende für den gemeinsamen Erinnerungsraum Kindheit, der für sie ohne die Figuren aus Endes Texten kaum zu denken sei. „Ich habe von Stundenblumen geträumt.“ gab sie abschließend preis. Als zweites ergriff Studiendekan Manfred Sailer das Wort. Er hob die Bedeutung des Institutes für Jugendbuchforschung, dessen Leiter Professor Ewers die letzten 24 Jahre gewesen war, hervor und nannte das Institut einen „Garanten der Sichtbarkeit“ des Fachbereiches Neuere Philologien. Besonders die Bibliothek der Jugendbuchforschung wurde als Aushängeschild gelobt.

Jim Knopf und die neuere Endeforschung

Ewers Vortrag widmete sich zentral der Besprechung von vier der bekanntesten Romane Michael Endes: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, Lukas und die Wilde 13, Momo und Die Unendliche Geschichte. Dabei war die Romantik eher Zaungast, wurde nur ab und an heraufbeschworen um den jeweiligen Roman zu dieser zu positionieren. Der Fokus der Abschiedsvorlesung lag vielmehr auf dem Versuch neue Aspekte der aufgeführten Werken herauszuarbeiten.

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer und Jim Knopf und die Wilde 13 beschrieb Ewers direkt als nicht der Romantik verbunden, sondern wurzelnd in der Aufklärung. Die Grundstruktur der Handlung von Jim Knopf und Lukas und der Lokomotivführer orientiere sich klar an der des aufgeklärten Feenmärchens des 18. Jahrhunderts, sei, wie diese, in erster Linie eine Heiratsgeschichte. Was sich im Roman nicht wiederfindet sind modernitätskritische Stellen, vielmehr würden Maschinen, besonders die Dampflokomotive Emma, äußerst positiv dargestellt.

Die Endeforschung, erklärte Ewers weiter, hat lange verpasst die zwei Deutungsschichten der Romane zu erkennen. So habe die Literaturwissenschaft sich nur mit jener Ebene beschäftigt, die in erster Linie den kindlichen Lesern zugänglich sein dürfte. Erst die neuere Endeforschung habe es geschafft über die Leichtigkeit der Erzählung hinwegzusehen und sich einer Interpretation der „hintergründigen Themen“ anzunehmen. Besonders die Arbeit von Julia Voss, inzwischen stellvertretende Leiterin des Feuilletons der FAZ,  die Ende des letzten Jahrzehnts Anspielungen auf Darwins Evolutionstheorie und den Nationalsozialismus im Text herausgearbeitet hat, hob Ewers in dem Kontext hervor.[i] Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer mit seinen verschlüsselten „gewichtige(n) politische(n) Botschaften“ sei damit für ihn durchaus einer der großen deutschen Romane des 20. Jahrhunderts.

Momo – Neoromantisch

Für Momo (und Die Unendliche Geschichte) kündigte Ewers nun eine genauere Bestimmung der Struktur und des Gattungscharakters an. Auch Momo könne nicht unreflektiert als romantisch eingestuft werden. Vielmehr herrsche hier eine neoromantische Verzahnung von Realismus und Romantik auf der Figuren- sowie der Handlungsebene. Momo stelle dabei eine interessante Variante des Verhältnisses moderne und vormoderne / mythische Welt dar. Hier, so stellte Ewers fest, befinden sich Reales und Allegorisches auf einer Ebene. Den realistisch gezeichneten Figuren wie den Stadtbewohnern, Beppo Straßenkehrer oder Gigi Fremdenführer wird die „fleischgewordene Allegorie“ Momo, welche das Wertesystem des Romans darstellt, an die Seite gestellt. Auf der Handlungsebene beginnt der Roman als Gegenwartsroman der 70er Jahre und wechselt schließlich den Modus, wird zum Märchen. Es sei denkbar, so Ewers, dass Ende diesen Schritt gewählt hat, weil für ihn nur im Modus des Märchens ein Happy End denkbar war.

Die Unendliche Geschichte  – Radikal Missverstanden

Zu Beginn seiner Interpretation der Unendlichen Geschichte wies Ewers zunächst auf die immense Diskrepanz zwischen öffentlicher Lesart des Romas und konkretem Inhalt des Textes hin. Stark verkürzende Verfilmungen und andere gekürzte Medienbearbeitungen, die auf im Roman enthaltene Kommentare und Theorieeinschübe verzichten oder den Fokus auf die erste Romanhälfte legen, hätten das Werk an den Geschmack eines wachsenden, fantasybegeisterten Publikums angepasst. Damit sei Die Unendliche Geschichte das „radikalst‘ missverstandene Werk des 20. Jahrhunderts”. Wie schon die neuere Endeforschung angefangen hat ein neues Licht auf die Jim Knopf Romane zu werfen, so vollzöge jedoch auch die Besprechung dieses Roman einen Wandel . So erschien 2013 erstmals eine ungekürzte Fassung des Romans als Hörbuch. Ewers wies außerdem auf den Aufsatz von Martin Götze „Roman der Einbildungskraft. Zu Michael Endes Unendlicher Geschichte“ hin.

Im Folgenden arbeitete Ewers mehrere Unterschiede zwischen der Unendlichen Geschichte und einer Fantasy in der Tradition von Tolkien und Lewis heraus. Im Gegensatz zu den Welten von Narnia und Mittelerde, die wie menschliche Realwelten wirken, hat Phantásien keine Geographie und keine Geschichte. Das Land existiert ausschließlich als Imagination von Menschen, ist gebunden an einen menschlichen Schöpfer. Das Buch ist keine Schwelle in eine existierende andere / sekundäre Welt. Bastian bleibt stets auf dem Speicher der Schule. Vielmehr lässt er im Schlaf Phantásien entstehen. Seine besondere Eigenschaft ist seine Vorstellungskraft. Mit ihm wächst die Landkarte, das Land erschafft sich da, wo er sich etwas vorstellt. Damit verfahre Bastians Aufenthalt in Phantásien nach der Logik des Traumes.

Das Land Phantásien könne als Belebung vormoderner Überlieferungsbestände, als „Wiederbelebung eines kulturellen Erbes” bezeichnet werden. Das Nichts würde zur Bedrohung einer kollektiven Vorstellungswelt und damit einer Bedrohung des Humanen. Doch geht es hier nicht um ein Plädoyer für eine Rückkehr des Mythischen. Ewers schlug vor Die Unendliche Geschichte als Versuch Endes zu sehen, ein neues Mythenverständnis zu erschaffen. Dieses wirbt für die Erinnerung an das mythische, kulturelle Erbe, wie auch die Wichtigkeit der Erschaffung neuer Mythen. Von Bedeutung sei jedoch, dass dies nur in der Kunst und der Vorstellungswelt geschieht, eine „Restauration des Mythischen im Politischen und der Gesellschaft” sei unbedingt zu vermeiden. Hierzu zeigte Ewers auf, dass der zweite Teil Romans eine Distanzierung von der Romantik bedeutet. Bastian, der sich in diesem Teil der Geschichte nun als Schöpfer des Mythischen begriffen hat, will die kindliche Kaiserin stürzen und selbst zum Mythos werden. Die mythischen Wesen Phantásiens, so der Text, werden zudem in der ‚echten‘ Welt zu „Lügen und Falschheiten”. Damit erschafft Ende eine „politische Parabel auf die totalitären Gesellschaften des 20. Jahrhunderts”. Statt die Gesellschaft am mythischen auszurichten, eine Gefahr, die Ewers in den Ideologien der IS Terroristen verwirklicht sieht, ist es an Träumern wie Bastian das Wasser des Lebens, welches der geläuterte Bastian am Ende des Buches seinem Vater bringt, den Menschen zu bringen. Der Entzauberung der Welt müsse in der Vorstellungswelt entgegengetreten werden.

Professor Ewers lieferte mit seinem Vortrag einen spannenden Überblick über neuste Ansätze der Endeforschung. Seine Besprechung von Die Unendliche Geschichte schloss an seine theoretischen Überlegungen zur Gattung Fantasy und dem Verhältnis von vormoderner und moderner Welt in Fantasyromanen an. Genau hier hätte man sich ab und an jedoch noch einige Erklärungen gewünscht. So gab Ewers für Jim Knopf an, dass dieser Roman heute als Fantasy eingestuft werden würde. Für Momo nannte er die ‚Urban Fantasy‘ als Gattung und Die Unendliche Geschichte stufte er als „surrealistische Fantasy“ ein. Dabei blieb jedoch offen, was die Stadt, jenseits ihrer Eigenschaft als realistisches Setting, bei Momo so wichtig für die Gattungszuordnung macht. Ebenso wäre ein Hinweis wichtig gewesen, wie Die Unendliche Geschichte nun Fantasy sein kann, wenn doch Bastian hier klar als Träumer und nicht als Reisender zwischen den Welten interpretiert und Phantásien damit als Traum und nicht als Sekundärwelt verstanden wird. Dies sind Details die eine Veröffentlichung des Vortrags hoffentlich noch aufklären wird.


[i] In einem Artikel in der FAZ vom 16.12.2008 liefert Julia Voss selbst eine kurze Einführung in ihre Lesart.

Kommentare sind geschlossen.