Cybermobbing in der Schule

Cover Lars mein FreundIben Akerlie verhandelt in ihrem Jugendbuch Lars, mein Freund das Thema Cybermobbing im schulischen Kontext und wählt dafür einen ungewöhnlichen Einstieg in ihre Geschichte. Als Amanda nach den Ferien zurück in die Schule kommt, ändert sich ihr Leben schlagartig, als ihr und ihren Mitschülern in der Klasse die neuen Erstklässler als ‚Patenkinder‘ zugeteilt werden: Statt ein Patenkind aus der ersten Klasse zu bekommen, wird Lars, der mit Amanda in eine Klasse gehen soll, ihr Patenkind. Lars mit dem Down Syndrom, vor dem sich Amanda fürchtet: Wie wird Lars sein? Wird er sabbern, schreien, toben? Als sie Lars das erste Mal sieht, ist sie überrascht, dass er ja doch fast ‚normal‘ und nur ein kleines bisschen seltsam ist: Oft versinkt er in Gedanken, murmelt seltsame Sachen und steht auf dem Schulhof immer etwas abseits. Langsam freundet sie sich mit Lars an, begleitet ihn nach Hause und verbringt die Nachmittage mit ihm und dessen Vater Bent. Zunehmend genießt sie dort die Zeit und erfährt auch, was Lars immer in der Schule murmelt: Als großer Harry Potter-Fan denkt er sich Zaubersprüche aus und probiert, ob sie bei seinem Vater wirken. Amanda gefällt dieses Spiel, das sie nun immer mit Lars bei ihm zu Hause spielt.

Das harmonische Miteinander ändert sich, als sich Lars im Sportunterricht in eine Aufgabe hineinsteigert und offensichtlich von zwei Klassenkameradinnen gefilmt wird. Amanda kann Lars zwar stoppen, findet aber heraus, dass es einen Internet-Blog gibt, auf dem Lars verspottet und gemobbt wird. Anstatt sich Lehrern oder Eltern anzuvertrauen, zieht Amanda erst nur ihre Freundin Sari ins Vertrauen und versucht, die Mobberinnen im Alleingang zu stoppen, indem sie ihnen Fotos von Lars schickt und hofft, die Mobberinnen befriedigt zu haben. Dass das nicht geklappt hat, wird Amanda klar, als die Situation eskaliert: Die Fotos, die sie selbst den Mobberinnen geschickt hat, werden bei einem Schulvortrag gezeigt. Nun erst vertraut sich Amanda der Lehrerin an. Doch es ist zu spät: Lars will nicht mehr ihr Patenkind sein. Und Amanda, nun in allen Augen eine Mobberin, die sich auf Kosten von Lars profilieren wollte, gelingt es nur langsam, wieder in der Schule Fuß zu fassen. Ebenso langsam begreift sie, dass sie sich öffentlich entschuldigen muss.

Thema: Cybermobbing

Das Thema Cybermobing, das die Autorin in ihrem Buch aufgreift, ist kein neues in der Kinder- und Jugendliteratur und wurde auch bereits mehrfach wissenschaftlich aufgearbeitet (z.B. Lindauer 2014). Und doch ist es in Zeiten von Facebook, Twitter, WhatsApp und anderen Seiten des Social Networks wohl noch nie so aktuell gewesen. Das Social Network ist nicht immer ‚social‘, sondern kann mitunter missbraucht werden, um andere Menschen der Lächerlichkeit preiszugeben. Wie perfide Mobbing ablaufen kann, zeigt die Autorin grausam, aber realistisch: Der Internetblog der Mitschülerinnen Anna und Christina wird mittels Passwort geschützt und ist so nur für ausgewählte SchülerInnen einsehbar, zu denen weder Amanda noch ihre Freundin Sari gehören, wohl aber ihr bester Freund Kay.

Stereotype Charaktere und eine moralisierende Haltung der Erwachsenen

An die Differenziertheit der Geschichte anknüpfend werden auch die Charaktere unterschiedlich dargestellt. Jedoch zeigt sich bei der Betrachtung einzelner Figuren, dass mit Stereotypen gearbeitet wird. Die beiden Hauptmobberinnen Anna und Christina, die auch den Blog ins Leben gerufen haben, werden geschildert als Mädchen, die sich immer die sprichwörtlichen Extrawürste herausnehmen und Autoritäten nicht zu respektieren scheinen: Im Sportunterricht geben sie ihre Handys – im Gegensatz zu allen anderen – nicht ab und im Unterricht mit der Klassenlehrerin braucht es mehrmalige Aufforderungen, bis sie zum Unterrichtsbeginn ihre Plätze einnehmen. Amandas beste Freundin Sari ist die immer verständnisvolle, aber ‚öko-angehauchte‘ Freundin, die Amanda beistehen will, sich aber nicht richtig ausdrücken kann und missverstanden wird. Adam, in den Amanda verknallt ist, präsentiert sich erst als abweisendes Ekel, der Amanda mit Wasser aus einer Sprudelflasche bespritzt, sich dann aber doch ebenfalls in sie verliebt (wie dieser Wandel zustande kommt, wird leider im Buch nicht erklärt). Auch Amanda, die teilweise zu sehr in den Fokus rückt, selbst weist konzeptionell einige Schwachstellen auf, bleibt sie doch stringent ihren Gefühlen und damit zusammenhängenden Schuldgefühlen verhaftet, die sich immer wieder einstellen und übertragen werden auf verschiedene ‚Probleme‘. Das führt dazu, dass auf Handlungsebene die Reflektion über die dargebotene Problematik durch Amanda – die interessanterweise von der Lehrerin zu Beginn der Handlung noch als vernünftig gelobt wird, was sich nicht unbedingt mit dem Leseeindruck deckt – ausbleibt und später durch die Erwachsenen vollzogen wird. Das hat zur Folge, dass aus Sicht der Erwachsenen Mobbing verurteilt wird und auch andere ‚Probleme‘ didaktisiert/moralisch betrachtet werden. Deutlich zeigt sich das, als Amanda ihrer Mutter berichtet, dass ihr künftiges Patenkind Lars das Down-Syndrom hat. Diese Unwissenheit geht einher mit Vorurteilen, die sie gegenüber Lars hat und die – natürlich – im Laufe der Narration revidiert werden müssen und der Protagonistin die enorme Fallhöhe, die sie durchlebt, direkt einschreiben. Dementsprechend ist es Amandas Mutter mit der erwachsenen ‚vernünftigen‘ Sichtweise, die Amanda erklärt, was es mit dem Down-Syndrom auf sich hat und sichtlich enttäuscht ist, dass Amanda auf ihr Patenkind so ablehnend reagiert:

„Mama ist schwer beeindruckt. Ist ja spannend, denke ich, aber nicht im positiven Sinne. […] Ich denke eher, dass es anstrengend und stressig sein wird und Aufmerksamkeit auf sich zieht. ‚Ich finde es nur keine gute Idee, dass ich ein Patenkind haben soll, das so anders ist als die Patenkinder der anderen‘, gestehe ich. Ich sehe, dass Mama enttäuscht von mir ist, aber das ist das Letzte, worüber ich mir jetzt Sorgen mache. Sie weiß ja nicht, dass Lars nur eins meiner Probleme ist. ‚Ich verstehe, Amanda. Ich verstehe, dass es nicht einfach ist. Viele Eltern, die erfahren, dass sie ein Kind mit Behinderung bekommen sollen, machen einen Trauerprozess durch. Das sind ganz normale Gefühle. Ich finde trotzdem, dass du das Positive daran sehen solltest.‘ Ich begegne ihrem Blick mit ausdruckslosen Augen. Sie schaut missbilligend zurück. ‚Meistens werden diese Eltern am Ende zu stärkeren und klügeren Menschen. Und ich glaube, dass es auch dir so gehen wird, Amanda‘, meint Mama optimistisch. ‚Ich weiß nicht‘, sage ich schmollend. ‚Doch!‘, fährt sie fort. ‚Da bin ich mir fast zu hundert Prozent sicher. Du wirst eine Menge lernen über Integration und Ebenbürtigkeit und nicht zuletzt über Nächstenliebe! Das wird deinen Horizont erweitern, Amanda! Daran musst du denken!‘ Ich sehe, wie interessiert und wie froh sie für mich ist, aber ich kann ihren Eifer und ihre Freude leider nicht teilen.“ (S. 39/40)

Die didaktisch-moralischen Anklänge sind – sowohl in obigem Zitat als auch an anderen Stellen – zu deutlich erkennbar und manifestieren sich vor allem in den Gesprächen Amandas mit ihrer Mutter und anderen Erwachsenen, so dass die Reflexionen über Lars/das Down-Syndrom und auch das Mobbing an Erwachsene und nicht an kindliche Akteure geknüpft ist. Diese Tatsache korrespondiert mit dem Umstand, dass auch die Behandlung der ‚neuen Medien‘ einseitig erscheint, die hier als ‚Gefahr‘ und als anfällig für Missbrauch gesehen werden. Positive Aspekte neuer Medien wie beispielsweise eine mitunter weltweite Kontaktaufnahme zwecks Interessensaustausch werden nicht thematisiert. Was im Hinblick auf das Thema Down-Syndrom für die Narration mitunter plakativ wirkt, kann jedoch unter Umständen auf Seiten der Rezeption sinnvoll sein, vor allem wenn man berücksichtigt, dass das Buch auf von jüngeren Lesern gelesen wird, die noch nichts von dieser Krankheit gehört haben und denen Erklärungen weiterhelfen.

Thematisch hat Akerlie ein wichtiges Buch geschaffen, das ein – leider – anhaltend aktuelles Thema aufgreift, jedoch nicht aufzeigt, wie (Cyber)Mobbing vermieden werden kann, sondern einer mal mehr mal weniger starken moralischen Ebene verhaftet bleibt, die mehrheitlich von Erwachsenen transportiert wird.

Literatur

Akerlie, Iben: Lars, mein Freund. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. München: dtv 2018 (Reihe Hanser).

Lindauer, Tanja: „,Das Spiel ist aus. Die Maus ist tot. Die Katze hat gewonnen.‘ Mobbizid und (Cyber-)Mobbing in aktuellen Jugendmedien“, in: kjl&m 14.4, Thema: Rückschläge. Gewalt gegen sich selbst und andere in aktueller Kinder- und Jugendliteratur (2014), S. 49-56.

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